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RENTENANGST

Konservative Esoterik

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 24. September 2020

Wenn das Bauchgefühl über die Vernunft siegt

Bildergebnis für Wikimedia Commons Bilder Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Konservativ zu sein heißt auch, den Status quo zu lieben. Stellt sich jedoch heraus, dass einige der gepflegten Grundannahmen falsch waren, gibt es nur noch einen Ausweg.

Konservative Esoterik, die das längst nicht mehr Tragbare mithilfe von Täuschungen, Torheiten und Taschenspielertricks bewahren möchte, ist auf dem Vormarsch. So laufen derzeit gerade die Selbstdemontage-Tage konservativer Herren: Merz‘ Homosexualitätsausfall, Seehofers Rassismusstudientrotz, noch mal Merz mit „Wir gewöhnen uns ab, zu arbeiten“, und als irgendwie liberal-reaktionärer Bonusansatz Christian Lindners sexistische Zote samt der Erklärung, es sei nicht so gemeint gewesen.

Leider ist in diesem Hagel der Wurstkopfigkeit ein Kleinod konservativer Medienarbeit zu wenig beachtet worden. Herbert Reul, der CDU-Innenminister von Nordrhein-Westfalen, wurde im „heute journal“ von Marietta Slomka interviewt. Es ging um die Frage, weshalb sich Horst Seehofer so hartnäckig gegen eine wissenschaftliche Studie zu Rassismus bei der Polizei wehrt. Reul antwortete: „Ich bin mir auch nicht sicher, ob das was bringt, wenn Wissenschaftler jetzt einfach mal eine Untersuchung machen, sondern ich sage, wir brauchen Fakten.“ Eine gruselige, wissenschaftsfeindliche, sogar antiintellektuelle Haltung blitzt auf.

Aber es ist eben kein Zufall, dass Reul hier Wissenschaft und Fakten gegeneinanderstellt. Seine antiaufklärerische Formulierung ist gewissermaßen die Essenz der konservativen Esoterik, die den heimlichen Wahlspruch hat: „Die Welt ist mein Bauchgefühl.“ Im Herbst 2020 lässt sich gut erklären, weshalb konservative Esoterik im Moment die Schlagzeilen bestimmt.

Sozial-mediale Kontrolle

Das liegt erstens an der Unerträglichkeit, dass hier Männer einer längst verblichenen Selbstverständlichkeit anhängen, der Bühnenzote, der Herstellung infamer Zusammenhänge, der offenen Faktenleugnung, dem „das existiert nicht, weil es verboten ist“.

Es ist ein großes Glück, dass dieser Eso-Konservatismus im sozial-medialen 21. Jahrhundert offenen und harschen Widerspruch erdulden muss. Nicht, dass die Vortragenden daraus unbedingt etwas lernen würden. Man erkennt das an der schrillen Abwehr von Merz und Lindner: stimmt alles gar nicht, böse Unterstellung, war nicht so gemeint.

Für das Publikum ergibt sich ein wichtiger Effekt: Die Chance sinkt, dass beim nächsten Mal eine politisch ernst zu nehmende Person immer noch glaubt, Homosexualität und Pädophilie in einem Satz unterbringen zu müssen.

Selbstzufriedenheit ist eine Stärke der Konservativen

Wichtiger ist der zweite Grund für das Aufflammen konservativer Esoterik. Unabhängig vom gegenwärtigen, merkelbasierten Umfragehoch geht es dem deutschen Partei-Konservatismus nicht besonders gut. Die Frage, was eigentlich nach Angela Merkel kommt, wird selbst für Unionsfans jeden Tag schwieriger zu beantworten. Laschet hat mit seiner erratischen Corona-Performance – Stichwort „Land der Küchenbauer“ – viel Führungssouveränität eingebüßt. Merz spricht und handelt noch immer, als fände die Wahl zum CDU-Vorsitzenden im Dezember 1960 statt. Und Röttgen bleibt trotz der Schwäche der anderen beiden immer noch Röttgen.

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Auf den ersten Blick könnte man glauben, die konservative Schwäche hinge mit der AfD zusammen. Schließlich ist mit ihr eine rechte Partei entstanden und damit eine Option für sich konservativ gebende Rechte, die sich früher zähneknirschend in Union oder FDP eingefügt hätten. Aber entscheidender für die größer werdende Schwäche des deutschen Partei-Konservatismus sind die zwei Lager, die sich zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen:

Die Modernisierungswilligen und die Selbstzufriedenen.

Man darf das nicht als abwertend missverstehen, Selbstzufriedenheit ist eine, wenn nicht die Stärke des Konservatismus. Wer die Union wählt, wählt die Gewissheit, sich nicht verändern zu müssen; das ist für viele Menschen viel wert. Es handelt sich um ein Angebot, das zwischen „Mia san mia“ und Lobpreisung des Status quo pendelt und deshalb Ruhe, Ordnung und Bürgerlichkeit verspricht – und dieses Versprechen zum Ärger der Linken und Progressiven überraschend oft hält.

Quelle        :     Spiegel-online         >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben        —       Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer CC-BY-NC-ND 2.0/lars 2007

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Unten        —     Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

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