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Katarina Witt – Interview

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 3. November 2019

„Man schweigt den Schmerz weg“

File:Bundesarchiv Bild 183-1988-0911-030, Katarina Witt, Jutta Müller.jpg

Von Anja Maier und Katrin Gottschalk

Die Eiskunstläuferin Katarina Witt war ein Weltstar, der in der DDR lebte – nicht alle haben sie dafür geliebt. Doch auch ihr und ihrer Familie kam 1989 das eigene Land abhanden. Ein Gespräch über hartes Training, Helden des Ostens und Männer am Herd.

taz am wochenende: Frau Witt, wir haben hier Fotos aus Ihrer Zeit in Karl-Marx-Stadt.

Katarina Witt: Ach, guck mal an. Die Frau Müller und ich in der Trainingshalle in Chemnitz! Oh Gott, wie toll, da müsste ich ungefähr dreizehn gewesen sein.

Wen sehen Sie auf diesen Bildern, wer waren Sie damals?

Das ist ein anderes Mädchen als das, an das ich mich erinnere. Kurze Haare, sehr burschikos, eher wie ein Junge. Und ich gucke da ziemlich ernst, Frau Müller sagt mir offenbar gerade, wo’s langgeht. Ich höre zu und hab ein bisschen Schiss.

Sie war ab 1977 Ihre Trainerin, hatte eine fast soldatische Ausstrahlung. Wie streng war diese Frau Müller tatsächlich?

Frau Müller war noch strenger, als man sich das ausmalen möchte. (lacht) Sie wollte das Beste von uns, das ist nun mal der Trainerjob. Da musste sie auch manchmal extrem sein, ohne dass man das gleich persönlich nimmt und sofort der Rechtsanwalt angerufen wird, wie das heute läuft. Der Sport war schließlich auch für mich eine ernste Sache. Wenn es nicht lief, hat man sich das sehr zu Herzen genommen. Ein Sportler muss im Grunde jeden Tag über seine Schmerzgrenze hinausgehen können, auch langweilige Sachen geduldig wiederholen.

Jutta Müller ist eine starke Frauenfigur in Ihrem Leben.

Absolut. Sie hat mich geprägt, ich habe lange mehr Zeit mit ihr als mit meiner Mutti verbracht. Wenn wir ins Ausland gereist sind, da hat sie mir auch mal ’ne Stulle geschmiert oder ein Würstchen unterm Wasserhahn warm gemacht. Wir haben ins Ausland Schwarzbrot und Salami mitgenommen, weil wir kaum Westgeld hatten, um uns was zu kaufen.

Gibt es heute junge Frauen, die Sie fördern und fordern?

Na ja, ich fordere vor allem meine Umwelt heraus. (lacht) Aber klar, ich treffe oft Frauen, denen ich ein Vorbild war, für die ich ein anderes Bild von der DDR rübergebracht habe: nicht immer so trist, wie man uns darstellen wollte. Einige erzählen mir auch, sie seien nach mir benannt worden.

Sind Sie eine Heldin?

Überhaupt nicht. Helden sind andere. Ich war eine Leistungssportlerin und habe da meine Frau gestanden, auch unter immensem Druck. Wir haben Leistungen geliefert, aber wir waren keine Helden, haben uns nicht aufgebäumt gegen etwas. Helden sind für mich die Leute, die 1989 auf die Straße gegangen sind. Die haben Mut gezeigt, Rückgrat. Ich hatte im Sport dagegen das, was ich machen wollte.

Wie kommt es eigentlich, dass es heute in der gesamtdeutschen Erzählung so wenige Heldinnen und Helden aus dem Osten gibt?

Ich bemerke, dass es da noch immer eine Trennung gibt. Als ich zum Beispiel nach dem Tod von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All aus der DDR, ein älteres Foto von uns beiden auf Instagram geteilt habe, kamen aus dem Osten diese Reaktionen: einer von uns, einer unserer Helden, einer von unserer Seite. Diese Reaktionen bekomme ich zu meiner Person auch. Auch mein Leben hat vor 89 stattgefunden und nach 89. Klar haben wir Nena und Modern Talking gehört – aber „bei uns“ sage ich, wenn es mit meinem ehemaligen Land zu tun hat. Auch wenn ich dies nicht wieder zurückhaben will. Jetzt gibt es andere Helden, für viele wird das gerade Greta Thunberg.

Als Sigmund Jähn verstorben war, entwickelte sich eine Debatte, ob jemand, der Generalmajor der DDR gewesen ist, zum Helden taugt. Wie sehen Sie das?

Ich finde es richtig, dass diese Diskussionen geführt werden. Aber das ist ja so, als würde man den Sportlern aus der DDR sagen: Ihr könnt keine Helden gewesen sein, denn ihr habt ja ’ne Diktatur repräsentiert. Sigmund Jähn und auch ich sind in der DDR aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jähn wurde es dort ermöglicht, als erster Deutscher ins All zu fliegen. Was will man ihm da vorwerfen?

Was wird Ihnen denn 2019 noch vorgeworfen? Sie galten lange als SED-Profiteurin.

Eigentlich nüscht. (lacht) Klar, es gab’ne Zeit, wo ich sehr polarisiert habe. Letztendlich sagen eigentlich alle, ob Ost oder West, dass ich auf eine gute Weise meine Meinung, meine Haltung beibehalten habe. Ich habe meinem Land und dem Sportsystem alles zu verdanken, meiner Trainerin, meinen Eltern. Trotzdem bin ich nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt gegangen, ich habe gesehen, dass der Sport der Bereich war, in dem Menschen wie ich ihre Träume verwirklichen konnten. In anderen Bereichen ging das nicht, und das war natürlich schlimm für die Betroffenen. Anderen wieder wurde vorgeschrieben, was sie lernen, studieren sollen.

Bundesarchiv Bild 183-1984-0831-421, Berlin, Sportlerball im Palast der Republik.jpg

Die Älteren erinnern sich an Sie als die Gold-Kati aus dem Osten, Jüngere haben Sie eher als Fernsehpromi auf dem Schirm. Als wer möchten Sie denn erinnert werden?

Ich will nicht als Fernsehpromi gesehen werden. Was ist das denn? Nüscht. Ich finde überhaupt dieses Promisein sehr fragwürdig. Ich komme vom Sport, und da habe ich eine Lebensleistung abgeliefert und dort fast ein Jahrzehnt die Weltspitze mitbestimmt. Das ist es, woran man sich erinnern soll.

Sie sind bekannt dafür, Ihr Privatleben sehr gut zu schützen. Kürzlich aber haben Sie doch eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Für das Por­trätbuch „Ostfrauen verändern die Republik“ haben Sie geschildert, wie es Ihren Eltern nach der Wende gegangen ist.

Hören Sie auf, da fange ich gleich wieder an zu heulen.

Ihr Vater ist damals arbeitslos geworden, und Sie haben Ihre Eltern noch jahrelang unterstützt. Eine sehr ostdeutsche Erfahrung. Wie geht man als Kind damit um?

Ich war damals 23 Jahre alt. Meine Eltern, die heute über achtzig sind, waren damals also genauso alt wie ich heute. Die haben immer versucht, Probleme von uns Kindern fernzuhalten. Dieser Umbruch Anfang der Neunziger, der Schmerz, der damit einherging, die Verletzungen, das bricht ja jetzt erst auf. Unsere Eltern fangen jetzt erst an, offen zu reden, und das ist für uns, ihre Kinder, neu.

Wie war das damals in der Familie Witt?

Als die Mauer fiel, hatten meine Eltern schon ein langes Arbeitsleben hinter sich, die Kriegskindergeneration ist ja viel früher ins Berufsleben gestartet. Sie hatten erwachsene Kinder und die berechtigte Erwartung, jetzt ein Stück persönliche Freiheit gewinnen, die Früchte ihrer Arbeit ernten zu können. Also Anerkennung für ihre Arbeit, mehr persönliche Freiheiten, Erfahrungen weitergeben. Tatsächlich aber wurde ihnen gesagt: Wir haben eigentlich gar keinen Platz mehr für euch. Es ging da nicht nur um das Finanzielle, sondern auch um den verletzten Stolz, um diese Botschaft: Du bist überflüssig. Da wurde ihnen gesagt: Seid doch froh, ihr habt jetzt Freiheit, Demokratie. Aber was fängst du damit denn an, wenn gerade das gesamte Kartenhaus deines Lebens zusammenbricht und dich niemand an die Hand nimmt?

Was hätte denn damals geschehen müssen?

Es kam niemand und hat die Ostdeutschen an die Hand genommen. Unsere Kompetenzen waren nicht mehr gefragt. Die wenigsten waren ja Unternehmer, wir waren eher Macher, so haben wir das gelernt. Wir kamen aus einem Land, in dem – entschuldigen Sie den Ausdruck – aus Mist Bonbons gemacht wurde. Dinge wurden gelöst.

Aber 1990 kam dieses Prinzip an sein Ende.

Ja, so war das. Diese Generation musste nach dem Mauerfall um alles, alles kämpfen: ihre Rente, die Anerkennung der Abschlüsse und Studienzeiten, Frauenrechte, ihre Häuser und Wohnungen. Das ist das Problem heute: Diese Menschen fühlen sich zweitklassig behandelt. Sogar bei meiner Frau Müller habe ich das damals erlebt.

Was ist passiert?

Gala-Nacht des Sports 2013 Wien red carpet Hermann Kröll Theresa Breuer Katarina Witt.jpg

Man hat diese Weltklassetrainerin wirklich kaltgestellt. Die Rivalitäten zwischen dem ostdeutschen und dem westdeutschen Eislaufverband brachen voll auf. Wir waren nun mal die Erfolgreicheren in den zurückliegenden Jahren, wir hatten die Weltmeister, die Olympiasieger. Da hatte man schon dieses Gefühl: Ihr habt verloren, und wir sagen euch jetzt, wo’s langgeht. Selbst hier also, in diesem überschaubaren Bereich, hat man es nicht geschafft, die besten Erfahrungen aus beiden Systemen zusammenzuführen. Es gab eine große Arroganz, so eine herablassende Siegermentalität.

Haben Sie persönlich das auch zu spüren bekommen?

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Grafikquellen       :

Oben        —        Katarina Witt, Jutta Müller ADN-ZB Thieme 11.9.1988 Karl-Marx-Stadt: Eiskunstlauf.- Die zweimalige Olympiasiegerin Katarina Witt wurde bei einem Schaulaufen in ihrer Heimatstadt Karl-Marx-Stadt vom Leistungssport verabschiedet. In der mit nahezu 5.000 Eissportfreunden ausverkauften Sporthalle „VIII. Parlament“ wurde die 22jährige Schauspiel-Studentin noch einmal begeistert gefeiert. Bewegende Augenblicke zum Abschluß einer glanzvollen Sportlerlaufbahn zwischen Trainerin Jutta Müller und Katarina Witt.

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Attribution: Bundesarchiv, Bild 183-1988-0911-030 / CC-BY-SA 3.0

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2. ) von Oben        —              Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat. Diese kann allerdings fehlerhaft, tendenziös, überholt oder politisch extrem sein. Berlin, Sportlerball im Palast der Republik ADN-ZB/Franke/31.8.84 Berlin: Sportlerball Beim Eintreffen zum Sportlerball im Palast der Republik: Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR; Dr. h.c. Margot Honecker, Minister für Volksbildung der DDR (2.v.l.); Willi Stoph, Mitglied des Poltibüros des ZK der SED und Vorsitzender des Ministerrates der DDR. L.: Bahn-Radsprinter Lutz Heßlich; 2.v.r.: Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt. [Berlin.- Politiker und Sportler (u.a. Kati Witt) auf dem Weg zum Sportlerball im Palast der Republik, im Hintergrund Gebäude des Außenministeriums] Abgebildete Personen: Honecker, Erich: Staatsratsvorsitzender, Generalsekretär des ZK der SED, DDR (GND 118553399) Honecker, Margot: Ministerin für Volksbildung, SED, DDR (GND 122782933) Heßlich, Lutz: Radrennsportler, DDR Witt, Katarina: Eiskunstläuferin, SC Karl-Marx-Stadt, Olympiade 1984 und 1988, DDR (GND 11884508X) Stoph, Willi: Ministerpräsident, Staatsratsvorsitzender, Armeegeneral, SED, DDR

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