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„Juden werden benutzt,

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 13. Juli 2019

um gegen Muslime Stimmung zu machen“

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Ein Interview von Ursula Rüssmann

Rachel de Boor und Hani Mosheni über neue Allianzen zwischen ihren Gemeinschaften – und warum die Mehrheitsgesellschaft sich fromme Juden, aber liberale Muslime wünscht.

Sie lebt in Berlin, er in München. Sie ist Jüdin, er Muslim. Dass sie sich überhaupt kennen, verdanken Rachel de Boor und Hani Mosheni den beiden Studienwerken, deren Stipendiaten sie sind bzw. waren. Im gemeinsamen Interview mit der FR geht es vor allem um eines: Juden und Muslime hierzulande sitzen im gleichen Boot.

Frau De Boor, Herr Mohseni, was ändert sich für eine junge Jüdin und einen jungen Muslim in Deutschland, wenn sie, wie Sie beide, in den Dialog mit der anderen Community eintauchen?
Mohseni: Schon einiges. Vor allem ist mir bewusst geworden, dass Juden und Muslime hier als Minderheiten in einer ähnlichen gesellschaftlichen Lage sind. Ich persönlich hatte vorher überhaupt keinen Kontakt zu Jüdinnen und Juden. Ich hatte auch gar nicht auf dem Schirm, dass es überhaupt säkulare Juden gibt.
De Boor: Bei mir hat sich der Blick geschärft. Ich lebe ja in Berlin-Neukölln, da höre ich täglich Arabisch und habe zum Beispiel den Ramadan schon immer mitbekommen. Aber viele Fragen zu stellen habe ich mich doch nicht getraut. Durch das Dialogprojekt zwischen den Studienwerken wurde das Fragen einfacher. Und man kann da auch einfacher ein ehrliches Feedback geben – etwa: „Die Frage geht so nicht, das ist rassistisch. Warum denkst du, ich bin so, nur weil ich Jüdin bin.“ Wobei ich sagen muss: Von Muslimen habe ich wenig taktlose Fragen gehört, eher von anderen. Der Austausch im Programm „Dialogperspektiven“ ist im Übrigen gesellschaftspolitisch und nicht nur theologisch. Das ist sehr wichtig, denn wenn es um Themen geht wie die Beschneidungsdebatte, aber auch die prekäre Lage auf dem Wohnungsmarkt, da haben Juden und Muslime häufig die gleichen Probleme.

Ihr letztes Seminar hat Sie nach Israel geführt. Wo erleben Sie die Konfliktlinien zwischen Ihren Communities, wenn es um den Nahostkonflikt geht?
Mohseni: Es war nicht so, dass Juden und Muslime sich da am heftigsten gestritten haben. Vielmehr gab es unter den jüdischen Teilnehmern starke Konflikte. Einige Jüdinnen und Juden haben sich sehr mit dem Staat Israel identifiziert und fühlten sich sehr verletzt, wenn von Menschenrechtsverletzungen die Rede war und die Politik Israels scharf kritisiert wurde. Andere waren die lautesten Kritiker israelischer Politik.

Herr Mohseni, wo stehen Sie selbst? Sie sind hier geboren, Ihre Eltern stammen aus Afghanistan. So gesehen haben Sie gar nichts damit zu tun.
Mohseni: Ja, so ist es. Ich weiß von muslimischen Freunden, dass sie sich sehr mit dem Konflikt identifizieren, weil sie das als religiösen Konflikt interpretieren. Ich persönlich tue das gar nicht. Für mich ist es eine politische und ökonomische Auseinandersetzung. Es ist wie jeder andere Konflikt auf der Welt. Ich sehe mich da eher als Beobachter, der verstehen will.
De Boor: Für mich ist es total wohltuend zu hören, wenn jemand sagt, für mich ist es ein Konflikt wie jeder andere. Es gibt ja sehr viele Leute, die persönlich gar nichts damit zu tun haben, aber sehr genau wissen, wer der Gute und der Schlechte ist …

Finden Sie es normal, dass Sie als in Ostdeutschland geborene Protestantin, die zum Judentum konvertiert ist, anders angesprochen werden auf Israel als jemand, der keine Bezüge zum Judentum hat?
De Boor: Ich denke, es ist natürlich, dass anders über den Konflikt gesprochen wird, wenn eine Jüdin oder ein Jude dabei ist. Denn wir haben eine besondere Verbindung dazu. Ich persönlich habe viele Freundinnen in Israel, ich habe dort studiert und ich fahre immer zum Urlaub nach Israel. Aber hier in Deutschland gehe ich diesen Diskussionen eher aus dem Weg, denn egal ob ein Nichtjude pro oder kontra Israel ist – meistens ist es irgendwie belehrend und weniger fragend. Und es ist auch schwer rüberzubringen, dass die israelische Gesellschaft ja ganz pluralistisch ist, dass es Linke gibt, Rechte, orthodoxe Rechte und orthodoxe Linke, ganz konservative Säkulare

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Der Nahostkonflikt ist hier auch in anderer Hinsicht ein Thema, er gilt als Ursache für den sogenannten muslimischen Antisemitismus.
De Boor: Ja, aber oft mit der Botschaft: Wir müssen „die Juden“ vor „den Muslimen“ schützen. Die AfD macht das ja ganz prominent. Das ist extrem gefährlich, Israel, Judentum und einen sogenannten muslimischen Antisemitismus dermaßen in Verbindung zu bringen. Ich möchte jedenfalls durch diese Deutschen nicht vor „den Muslimen“ geschützt werden.

Beim Blick auf die Muslime in Deutschland geht es immer wieder ums Kopftuch. Wir haben hier teilweise Kopftuchverbote im Richter- und Lehramt. Geht das auch Juden etwas an?
Mohseni: Was mich persönlich erst mal aufregt, sind die doppelten Standards, die da angelegt werden. Einerseits wird argumentiert, dass Religion Privatsache sei und im öffentlichen Raum wenig verloren habe, andererseits wird das dann nur auf die Muslime angewandt.
De Boor: Ich habe sofort Lust, jüdische Männer zu überreden, etwa als Richter auch die Kippa zu tragen, eben um deutlich zu machen: So ein Verbot trifft uns Juden genauso. Deshalb sind Programme wie die „Dialogperspektiven“ so wichtig, damit man dahin kommt, mehr an einem Strang zu ziehen und zu vermitteln: Es betrifft uns alle, wenn es eine Gruppe betrifft.

Sie haben schon das Stichwort Beschneidungsdebatte genannt. Es gibt ja hierzulande teils starke Vorbehalte gegenüber der jüdischen und muslimischen Praxis der Beschneidung kleiner Jungen, bis hin zum Vorwurf der Körperverletzung. Gilt das „Wir sitzen im gleichen Boot“ da auch?
De Boor: Ich erinnere mich an ein Kolleg zu Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus unserer beiden Werke. Da sagte eine Muslimin, in dem Moment, als die jüdische Community beim Beschneidungsthema eingestiegen ist, habe sie gedacht: Endlich, jetzt wird das Thema Gewicht bekommen, denn jetzt haben wir die jüdische Community mit uns und die hört man ja in Deutschland. Worauf ein Jude genau das Gegenteil sagte: Wir jüdische Menschen sind so wenige, wir werden erst gehört, wenn ihr Muslime dabei seid, weil ihr viel mehr seid. Was die Debatte an sich angeht: Ich fand es sehr auffällig, dass die Kritik an der Beschneidung bei Juden und Muslimen seinerzeit ziemlich direkt nach der Enthüllung der vielen Missbrauchsfälle in Kirchen und Schulen laut wurde. Als ob es plötzlich darum gehen sollte, dass auch Juden und Muslime ihre Kinder schädigen … Es war so heftig, dass man als jüdischer Mensch damals dachte: Wenn das hier verboten wird, dann haben wir hier keine Zukunft mehr.

Die Beschneidung ist so wichtig, dass sich bei einem Verbot die Existenzfrage für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland stellt?
De Boor: Ja, so sehe ich das. Und es ist ja auch so: Wenn jüdischen Eltern die Beschneidung verboten wird, dann verlieren sie auch die Freiheit, sich selbst dagegen zu entscheiden. Ich kenne einige jüdische Eltern, die sehr lange überlegt haben, ob sie es bei ihrem Kind tun. Solche individuellen Entscheidungen wären bei einem Verbot nicht möglich.

Quelle       :        FR           >>>>>           weiterlesen

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Grafikquelle           :

English: Findhorn Community Ecovillage

Source Own work
Author Findhorn Foundation

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