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Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 13. Oktober 2021

Beppis Erzählungen, Folge 42. Heute: Der Wahlverdruss

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Ein Schlagloch von Georg Seeßlen

Bei einer Wahl ist es so, dass vorher alles total langweilig ist und hinterher auch wieder. Aber zwischendrin!

Ich weiß ja nicht, kennen S’ des: dass man einen blöden Traum hat und erinnert sich dann eher an so Kleinigkeiten. Also, neili hat ma so was dramd (es hat mir neulich geträumt, für den Fall, dass Sie nur ein preußisches Deutsch verstehen), da war jemand g’storben und ich hab irgendwas Falsches angehabt oder so, jedenfalls haben s’ alle mit Fingern gezeigt und g’lacht ham s’. Aber statt dass ich jetzt weiß, wieso, erinner ich mich bloß an das Knacks, da wo ich in die Schokoladenseiten von einem Domino-Eis gebissen hab. Klar, auf einer Beerdigung isst man kein Domino-Eis, aber im Traum war mir das halt wurscht. Und genau so ist es auch mit einer Wahl. Also nicht ganz genau so, aber irgendwie schon.

Wie neulich Wahl war, hat es bei uns nur einen Kaiserschmarren am Abend gegeben, weil die Mama hat gesagt, sie macht doch keine Schnitzel und Kartoffelsalat und alles, wenn sowieso alle in den Fernseh hineinstieren. Das war so wie Fußball oder Olympia oder „Wetten dass“. Bloß, dass hinterher nicht einer gewonnen hat, sondern es ist erst richtig losgegangen und es geht immer noch weiter, weil man jetzt eine Sondierung braucht oder eine Koalition oder was.

Wie die Wahl vorbei war, hat die Mama g’sagt, dass sie vielleicht überhaupt nicht mehr zur Wahl gehen täte, wenn immer so ein Scheißdreck dabei herauskommen täte. Wo sie sonst immer sagt, Scheißdreck sagt man nicht. Und der Opa, der hat g’lacht und g’sagt: Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten. Der Opa ist ein „Alt-68er“, der darf so was sag’n. Aber auch die Vreni, meine ältere Schwester, hat g’sagt, sie dada si a so schama (es täte sie so schämen, für die Preuß’n), weil die Leut in ihrem Alter bloß „geldgeile Schnösel oder Ökospießer“ haben hätten wollen. Wia da Bappa sie g’fragt hat, was sie gewählt hätt, da hat die Vreni g’meint, das ist ein Wahlgeheimnis. Weil sie darf jetzt wählen, und jetzt ist sie erwachsen und da hat sie ein Wahlgeheimnis.

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Ein Wahlgeheimnis ist wahrscheinlich so was wie ein Beichtgeheimnis. Die Mama schreibt mir immer auf, was ich beichten soll, weil sie kennt den Pfarrer, und sie weiß, was ihm eine rechte Freud macht. Mir sind ja eigentlich nicht religiös. Aber mei, es is’ halt wegen der Oma (also der anderen, nicht dass Sie die jetzt mit den Alt-68ern verwechseln) und wegen den Leut’. Wahrscheinlich ist es also mit der Wahl auch so, dass man es halt macht, und deswegen muss man noch lange nicht an alles glauben.

Bei einer Wahl ist es so, dass vorher alles total langweilig ist und hinterher auch wieder. Aber zwischendrin regen sich alle furchtbar auf. Dann wird gezählt, und man sieht „Wählerwanderungen“, und da wollen ein paar nach Jamaika, was schon komisch ist, weil Jamaika liegt ja im Meer und man macht da den ganzen Tag Musik. Die wer’n sich schön bedanken in Jamaika, wenn da aus Deutschland so Wählerinnen und Wähler dahergewandert kommen und sagen, jetzt brauch’ ma Sondierung und Koalition und alles.

Jetzt stell’n Sie sich des amal vor, dass lauter Jamaikanerinnen und Jamaikaner zu uns kämen, weil sie eine Deutschlandkoalition haben wollen, und Sondierungen, dann heißt es wieder die Ausländer. Die nehmen uns die Arbeitsplätze und das Geld weg, dass wir nicht mal mehr eigene Regierung und Minister haben. Wie ich das der Vreni g’sagt hab, hat sie g’lacht und g’sagt, dass sie den Bob Marley schon gern als Kanzler gehabt hätt, bloß dass der leider schon tot ist. Und der Bappa hat g’meint, dass es schon so was gibt wie eine Deutschlandkoalition, aber das wär überhaupt nicht zum Lachen, weil das auch keine Demokratie ist, wenn alle alten Deppen beieinander sind. Dep­p*IN­NEN hat die Vreni g’sagt. Es gibt auch alte Deppinnen. Ich persönlich hätt auch lieber Bob Marley g’habt, den hör ich gern, aber mei, wenn er halt tot ist. Kann ma nix machen.

Quelle         :         TAZ-online           >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben          —     Author Georg Seeßlen at „Kölner Kongress 2017“ at 2017-03-11 in Cologne

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