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„Hasskrieger“ im Internet

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 19. Februar 2020

Gewaltfantasien und rechtsextreme Abgründe in Online-Netzwerken

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Quelle      :    Netzpolitik ORG.

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Die Journalistin Karolin Schwarz hat sich intensiv mit rechtsextremen Netzwerken beschäftigt und war dort auch undercover unterwegs. Darüber hat sie das Buch „Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus“ geschrieben. Im Interview erzählt sie, auf welche Strukturen sie bei ihren Recherchen gestoßen ist.

„Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus“ von Karolin Schwarz erscheint an diesem Montag. Wir haben vorab bereits ein Kapitel daraus veröffentlicht. Darin erklärt sie, was rechter Hass mit der Gaming-Kultur zu tun hat.

netzpolitik.org: Welche Plattformen nutzen Rechtsextreme um sich online zu vernetzen?

Karolin Schwarz: Es gibt unterschiedliche Funktionen, die durch unterschiedliche Plattformen erfüllt werden. Für die interne Vernetzung gibt es Chat-Plattformen wie Discord. Es werden aber auch große Telegram-Gruppen und -Kanäle, andere Messenger, geschlossene Facebook-Gruppen und ähnliches verwendet, etwa für die Rekrutierung oder „Öffentlichkeitsarbeit“ – wenn man das so salopp formulieren will. Im Prinzip wird jede Plattform genutzt. In Deutschland ist Facebook für ältere Rechtsradikale ein sehr wichtiges Tool. Für Jüngere ist kann das dann wiederum aber auch Instagram, Steam oder Discord sein.

netzpolitik.org: Warst Du im Rahmen Deiner Recherche auch in geschlossenen Gruppen unterwegs?

Schwarz: Ich war nie in geschlossenen Gruppen, bei denen ich mich quasi bewerben müsste, indem ich selbst irgendwelche rechtsradikalen Dinge von mir gebe. Das habe ich stets gelassen. Es gibt aber relativ viele offene Kanäle und Gruppen, in die man recht einfach reinkommt. Dort fühlen sich die Leute aber trotzdem, als wären sie unter sich.

Besonders intensiv habe ich mir Telegram angeschaut. Die meisten Kanäle dort werden auf anderen Plattformen beworben und man kommt dann von einem Kanal in den nächsten, denn alle vernetzten sich mehr oder weniger untereinander. Man kommt zum Beispiel relativ schnell über den YouTube-Channel von Martin Sellner rein (Anm.: Chef der Identitäten Bewegung Österreich, eine rechtsextreme Gruppe) und ist dann in seinem Telegram-Kanal, wo er nur schreibt und andere nicht schreiben. Er verbreitet dort aber auch Sachen von anderen rechtsradikalen Akteuren.

Einerseits gibt es Kanäle, das heißt, da folgen Leute nur einzelnen Akteuren wie auf Twitter. Das ist also einseitige Kommunikation. Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch relativ viele große Gruppen für alle möglichen Zwecke: Also von Verschwörungsideologen über Reichsbürger bis hin zu rechtsradikalen und auch terroristischen und terroraffinen Gruppierungen, die da unterwegs sind. In der Regel ist es so, dass sie in diesen Gruppen sehr radikal im Auftreten sind. Gewaltfantasien gehören quasi mit dazu: Witze, Angriffe, Koordinierungen von Angriffen auf Einzelpersonen oder Organisationen… Also alles, was man sich vorstellen kann.

netzpolitik.org: In den letzten Jahren wurden einige prominente Rechtsextreme bei YouTube, Facebook und Twitter gesperrt. Ist da schon eine Trendwende bemerkbar?

Schwarz: Die Sperrung des Verschwörungsideologen Alex Jones ist schon bemerkenswert, denn bei ihm ist dieses Deplatforming auch in gewisser Weise erfolgreich gewesen und hat so weit ich weiß zu einem Einbruch bei den Einnahmen geführt. Bei Milo Yiannopoulos, der früher bei Breitbart war, ist es ähnlich. Trotzdem wirken diese Maßnahmen auf mich eher punktuell.

Es kommt immer wieder vor, dass YouTube Leute sperrt und dann innerhalb von 24 Stunden wieder entsperrt. Das ist beispielsweise 2019 bei Martin Sellner und anderen Akteuren passiert. Die freuen sich dann natürlich, wenn sie wieder entsperrt werden und gewinnen dann im schlimmsten Fall dadurch sogar noch mehr Follower hinzu. Bei Facebook ist es jetzt so, dass der Konzern zwar große Kooperationen in Sachen Desinformationen und Falschmeldungen mit verschiedenen Faktencheckern eingeht, im nächsten Moment heißt es aber: Politiker dürfen in unseren Anzeigen lügen. Hier gibt es verschiedene Entscheidungen, bei denen ich mir schon immer wieder denke: Die sind eigentlich noch nicht besonders weit in der Diskussion.

netzpolitik.org: Gibt es Schnittmengen zwischen radikalen Online-Netzwerken und der „klassischen“ rechtsextremen Szene?

Schwarz: Es gibt Berührungspunkte und Verbindungen, die man auch teilweise nachweisen kann. Aber es gibt eben auch lose Gruppierungen oder lose organisierte Plattformen, auf denen dann eher jüngere Leute unterwegs sind. Die haben dann auch eine ganz andere Jugendkultur – wenn man es so nennen will. Teilweise machen die sich auch über alte Rechtsradikale lustig, das gehört da auch schon dazu. Dann gibt es aber auch wieder Berührungspunkte, wie die Demonstrationen in Chemnitz im letzten Jahr, wo man wieder zusammenkommt. Ideologisch gibt es immer wieder Überschneidungen. Grundsätzlich sind auch die „klassischen“ Rechtsextremen und Neonazis schon seit dem Ende der 1990er Jahre im Netz unterwegs. Inzwischen hat sich das Angebot massiv ausdifferenziert, sodass ganz verschiedene Milieus angesprochen werden.

netzpolitik.org: Du hast in Deinem Podcast „Filterbabbel“ vor einiger Zeit erzählt, dass Du kurz nach dem Attentat in Halle auf das Video des Täters gestoßen bist. Wie war das?

Schwarz: Ich habe das Video über Kohlchan gefunden, das ist ein deutscher Ableger der Imageboards 8chan und 4chan. Da gab es direkt im Anschluss an die Tat schon die ersten Diskussionen und der Link zum Video wurde gepostet. Ich habe das Video gegen 17 Uhr noch bei Twitch aufrufen können, also lange nach der Tatzeit um 12.30 Uhr. Damals war richtig viel los auf Kohlchan: Es gab krasse Gewaltverherrlichungen. Es gab Leute, die sich lustig gemacht haben über den Täter, weil sie meinten, er hätte nicht genügend Menschen umgebracht. Es gab Leute, die gesagt haben, man müsste jetzt auch mal Medien angreifen oder andere Organisationen, andere Religionsgemeinschaften und so weiter. Also sehr viel Gewaltverherrlichung.

netzpolitik.org: Würdest Du sagen es handelt sich beim Attentäter von Halle um einen Einzeltäter?

Schwarz: Wir wissen noch ganz viele Dinge aus diesem Kontext zu Halle nicht. Und dann ist es in dem Fall auch ganz klar, dass es eine ideologische Gemeinschaft mit Attentaten und terroristischen Akten aus dem ganzen Jahr gab, von Christchurch über El Paso bis hin zu anderen Sachen. Auch in Halle gab es wieder ein Pamphlet und es gab einen Livestream, angelehnt an das was Brenton Tarrant Anfang des Jahres in Neuseeland gemacht hat. Es ist klar, dass Stephan B. sich da inspiriert gefühlt hat. Das reicht ja auch bis zu Anders Breivik und seinen Taten von 2011 in Norwegen zurück.

netzpolitik.org: Ein Dokument, dass in rechtsextremen Kreisen häufig als „Inspirationsquelle“ genannt wird sind die sogenannten „Turner-Tagebücher“. Spielen solche Texte heute noch eine Rolle?

Schwarz: Das ist alles die gleiche glorifizierende, antisemitische Geschichte, die da weitergetragen wird. Es gibt noch eine ganze Reihe von anderen Sachen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden etwa immer wieder in Telegram-Channels verteilt. Aber das ist eher etwas, das hat man auf dem Rechner auf dem Desktop legen und bezieht sich vielleicht mal darauf, aber die wenigsten sind da total fest drin und zitieren das die ganze Zeit. Es gibt eher andere Sachen, auf die man sich bezieht…

netzpolitik.org: Was wäre das zum Beispiel?

Schwarz: Hier kommt es drauf an, von wem wir reden. Reden wir von einer klassischen neonazistischen Gruppierung oder eben von einem jungen Terroristen? Für jüngere Leuten bis Anfang 30, würde ich sagen, sind Memes teilweise viel wichtiger. Die beziehen sich eher auf diese ganzen In-Jokes, die sie sich die ganze Zeit um die Ohren hauen. Das gibt denen das stärkere Gruppengefühl.

netzpolitik.org: Nach dem Attentat von Halle gab es eine große Diskussion darum, ob die Gamer-Szene stärker in den Fokus gerückt werden sollte. Ist an der Forderung was dran?

Schwarz: Klar ist, dass es innerhalb der Gaming-Szene eindeutig toxische Gruppierungen gibt. Und dass es auch eine Möglichkeit geben sollte, sich mit diesen näher auseinanderzusetzen. Es gibt immer starke Abwehrreaktionen aus der Gaming-Szene. Man will sich nicht kriminalisiert sehen und man will damit nichts zu tun haben – und ganz viele haben damit auch nichts zu tun. Ich meine, ein riesengroßer Teil der Bevölkerung spielt inzwischen auf unterschiedlichen Plattformen. Aber was man auch sagen kann, ist, dass viele sich nicht damit beschäftigen oder nicht eingreifen, wenn etwas passiert. Heftige rassistische Bemerkungen und Ausfälle sind in Online-Games und Voice-Chats relativ alltäglich. Ich denke schon, dass man als Mitspieler da eine gewisse Verantwortung hat.

netzpolitik.org: Welche Rolle spielt der Antifeminismus bei der Radikalisierung?

Schwarz: Das ist ganz klar ein Weg in den Rechtsradikalismus und eine Überschneidung, die es bei vielen rechtsradikalen Bewegungen klar gibt. Antifeminismus ist ein Türöffner, weil er auch in der Mitte der Gesellschaft relativ anschlussfähig ist. Wir sehen ja immer wieder antifeministische Rants auf den Titelseiten dieser Republik. Viele gerade sehr junge Männer fühlen sich sehr wohl in dieser Rolle und erklären dann zum Beispiel ihre Misserfolge bei Frauen durch den Feminismus. Auch in Halle hat sich der Täter während des Livestreams antifeministisch geäußert.

netzpolitik.org: Die AfD reagiert bei Attentaten, zum Beispiel des IS, meist innerhalb von wenigen Minuten. Wie sieht das bei Attentaten von Rechtsextremen aus?

Schwarz: Häufig wird sofort auf Gewaltakte reagiert, auch wenn der Hintergrund noch gar nicht klar ist. Beispielsweise wird etwas sofort als islamistischer Anschlag eingeordnet, ohne irgendetwas zu wissen. Und wenn dann später doch herauskommt, dass es ein rechtsradikaler Anschlag war, oder gar ein rechtsterroristischer Akt, dann gibt es ganz verschiedene Wege darauf zu reagieren. Das eine wäre die Distanzierung, die man auch immer wieder sieht – mal mehr, mal weniger ernst gemeint.

Wir wissen zudem, dass nicht jeder im rechtsradikalen Spektrum selbst Gewalt verherrlicht oder Gewalt ausüben will. Darüber hinaus gibt es auch immer wieder Umdeutungsversuche. Das heißt, man versucht zu erklären, dass es ja gar kein rechtsradikaler, rechtsterroristischer Akt gewesen sei. Stephan Brandner, gerade erst abgewählt als Vorsitzender des Rechtsausschusses im Bundestag, hat zum Beispiel einen Tweet verbreitet, in dem es hieß, in Halle seien ja zwei Bio-Deutsche umgekommen. Warum lungert man da jetzt vor Synagogen rum?

Da wird also immer wieder versucht, andere Erklärungsansätze zu finden, um nicht in irgendeiner Form damit in Verbindung gebracht zu werden. Und dann gibt es natürlich im rechtsradikalen und rechtsterroristischen Spektrum auch noch eine komplette Verherrlichung der Taten. Wobei man auch sagen muss, dass zum Beispiel Jens Maier von der AfD, ehemaliger Richter aus Dresden, bei einer Veranstaltung des „Compact“-Magazins vor einigen Jahren laut Pressequellen einmal gesagt haben soll, dass er ein gewisses Verständnis für die Taten von Breivik habe, weil dieser sich ja quasi in einer Verteidigungshaltung befunden habe.

netzpolitik.org: Was für Strategien braucht es aus Deiner Sicht im Kampf gegen Rechtsextremismus online?

Schwarz: Alle müssen etwas tun. Politisch ist da noch einiges rauszuholen. Wir sehen gerade erst, dass das Programm „Demokratie leben“ 2020 nicht mehr Geld bekommen wird. Wir sehen, dass es ohne Ende an Kompetenzen in Justiz und Polizei fehlt. Die wissen teilweise nicht, wie man mit dem Internet und diesen spezifischen Gruppen umgehen soll. Es fehlt an Aufklärung über rechtsradikale Netzwerke in den Sicherheitsbehörden. Es fehlt an guten und vor allem ausreichend Initiativen und Kapazitäten in der Bildung und genug Zeit für Demokratieförderung. Lehrer sind da immer wieder sehr überfordert. Medien könnten da auch mehr Beiträge leisten. Derzeit läuft noch relativ viel falsch, zum Beispiel in Bezug auf den Umgang mit der AfD aber auch Rechtsradikalen insgesamt.

Schwarz: Die Zivilgesellschaft betrifft das natürlich auch. Ich gebe häufig Workshops zum Umgang mit Hass im Netz. Dort frage ich dann immer, wer von den Teilnehmenden schon einmal einen schlimmen Hasskommentar im Netz gesehen und sich davon gestört oder angegriffen gefühlt hat. Da gehen eigentlich immer alle Hände hoch. Und dann frage ich im nächsten Moment, ob jemand in irgendeiner Form reagiert hat, also gemeldet hat oder widersprochen hat – und dann melden sich nur noch ganz wenige Leute. Ich glaube, das ist so eine Art digitale Bystander-Effekt. Leute verlassen sich quasi darauf, dass jemand anderes eingreift. Das kennen wir aus der Forschung: Je mehr Menschen Zeuge eines Unfall werden oder von einer Straftat, desto weniger wahrscheinlicher ist es, dass Einzelpersonen eingreifen. Und so ist es auch ganz oft im Netz.


Dieses Interview entstammt dem Podcast „Denkangebot“ von Katharina Nocun. Mehr zum Thema erfahrt ihr in der aktuellen Folge.

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Grafikquellen       :

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