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Gekaufte Mutterschaft

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 24. Oktober 2018

Das globale Geschäft mit dem Kinderwunsch

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Ja warum Kinder? Wo der Staat weder heute noch in der Zukunft weiß, wie er die Heute gezeugten Kinder, im Rentenalter anständig ernähren und Unterbringen will ? Sie vielleicht nur als Kanonenfutter benötigt, um sich der Wirtschaft willig zu zeigen ? Ähnlich dem heutigen Organhandel? – DL – Red. – IE –

von Christa Wichterich

Sie wird als „Publikums-Event für alternative Familienplanung“ und „das Elternwerden“ angepriesen: Mitte Oktober fand in Köln zum dritten Mal in Deutschland eine Kinderwunsch-Messe der Fortpflanzungsindustrie statt. Dort stellen reproduktionsmedizinische Anbieter aus dem In- und Ausland alles aus, was technisch möglich ist, um Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Eine Heerschar von Klapperstörchen und Luftballons in Spermienform verniedlicht allerdings, worum es den Unternehmen dabei geht: ums Geschäft. Und dieses Geschäft mit Wunschkindern floriert, transnational.

Auf der Nachfrageseite ist die treibende Kraft der Wunsch, ja das Begehren von hetero- und homosexuellen Menschen, von Paaren und Singles nach einem Kind, genauer: nach einem biologisch „eigenen“ und zugleich gesunden Kind. Die Angebotsseite – bei den Messen repräsentiert durch „weltweit führende Experten“ – bemüht sich, dieses Begehren durch Behandlungsmethoden und Reproduktionstechnologien zu lenken und den Handel mit Körpermaterialien – Samen- und Eizellen –, entsprechendem Wissen und Dienstleistungen weiter anzukurbeln. Dabei verbinden lokale und transnationale Vermittlungsagenturen die Wunscheltern mit Samen- und Eizellbanken, mit Logistikunternehmen und ihren Kühlketten, mit professionellem Personal und einem Pool von Leihmüttern in Kliniken im Ausland, mit Rechtsanwaltspraxen, die zur staatsbürgerlichen Legalisierung des Neugeborenen beraten, mit der Pharmaindustrie und Touristikunternehmen – kurzum: mit einem ganzen reproduktionsindustriellen Komplex.[1]

Diese Fortpflanzungsmärkte sind Teil einer wachsenden, höchst profitablen, transnationalen „Bioökonomie“,[2] die sich im Spannungsfeld von ethischen Diskursen, staatlichen Verboten, individuellen Kinderwünschen und Geschäftsinteressen immer wieder neue Standorte sucht. Denn während in Deutschland Leihmutterschaft und „Eizellspende“ durch das Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten sind – nicht aber die Werbung dafür –, ist die Eizellabgabe in Tschechien, Spanien, Polen und neuerdings auch in Österreich erlaubt. Die bei Kinderwunsch-Messen beworbenen Kliniken aus diesen Ländern arbeiten wiederum eng mit Reproduktionszentren in der Ukraine zusammen, wo auch die Leihmutterschaft legal ist. Seit Kurzem hat sich die Ukraine deshalb zum transnationalen Zentrum für Leihmutterschaft entwickelt. Die ukrainischen Paketangebote enthalten vieles, was anderswo verboten ist: keine Altersbegrenzung für die Wunscheltern und eine Geburtsurkunde in deren Namen. Vor diesem Hintergrund ist ein regelrechter „Fruchtbarkeitstourismus“ entstanden. Deutsche Auftragseltern stellen dabei nach Italienerinnen und Italienern die zweitgrößte Gruppe von „Fruchtbarkeitstouristen“ innerhalb der EU, denn die deutsche Gesetzgebung ist vergleichsweise streng, Reproduktionsmediziner diskreditieren sie mitunter gar als „steinzeitlich“.

Zwischen Emanzipation und Ethik: Das gefühlte Recht auf ein Kind

Doch soll alles erlaubt sein, was technisch möglich ist? Seit der Geburt des ersten außerhalb des Mutterleibes gezeugten Babys 1978 wird die „technische Machbarkeit“ von menschlichem Leben in Öffentlichkeit und Ethikkommissionen, unter Feministinnen und Queer-Menschen kontrovers diskutiert. Denn während sich die Palette von Technologien und Therapien ständig erweitert, bleiben die alten Fragen aktuell: Rechtfertigen Werte wie Selbstbestimmung und Wahlfreiheit die teils drastischen Eingriffe in die Natur? Handelt es sich bei den reproduktionstechnischen Möglichkeiten um eine Befreiung von der Natur oder um die Unterwerfung der Menschen unter medizinische Kontrolle und Geschäftsinteressen?

So wenden sich einerseits Feministinnen gegen die wachsende Kontrolle der menschlichen Reproduktion durch Medizinbusiness und Pharmakonzerne, wie etwa das Netzwerk FINRRAGE, Kampagnen wie „No2Eggsploitation“ und „Hands Off Our Ovaries“ oder der aktuelle Aufruf „Stop Surrogacy Now“.[3] Andererseits sehen immer neue soziale Gruppen in der Reproduktionsmedizin Chancen der Befreiung von natürlichen Zwängen und sozialen Normen: Frauen (und Männer) wollen Unfruchtbarkeit überwinden, gleichgeschlechtliche Paare und Singles eine „vollwertige“ Familie gründen und Transgender-Personen sich aus binären Geschlechternormen befreien.

Die technischen Möglichkeiten und ihre kommerziellen Anbieter versprechen, dass solche Sehnsüchte eingelöst werden können, und führen damit letztlich zu einem „gefühlten“ Recht auf ein Kind. Gleichzeitig erzeugen die Reproduktionstechnologien die Hoffnung auf eine ständige Optimierung der Verfahren und auf ein perfektes Kind, etwa durch Präimplantationsdiagnostik oder das „Social Freezing“, das Einfrieren qualitativ hochwertiger Eizellen junger berufstätiger Frauen für den späteren Gebrauch. Beim nachvollziehbaren Bestreben, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, gerät allerdings eines schnell aus dem Blick: nämlich, dass dieser im Fall von Eizellspende und Leihmutterschaft auf Kosten anderer geschieht. Denn in den transnationalen Reproduktionsmärkten spiegeln sich vielfältige globale Machtverhältnisse und Hierarchien wider: Kaufkräftige Wunscheltern stehen Frauen gegenüber, die oftmals keine andere profitable Einkommensquelle haben, als ihre Eizellen zu verkaufen oder ihren Körper vorübergehend anderen zur Austragung ihres Kind zur Verfügung zu stellen – dabei müssen sich beide Seiten nicht zwangsläufig begegnen. Ein kinderloses Paar kann sich die notwendigen Bioressourcen sogar in verschiedenen Ländern kaufen: Eizellen passend zur eigenen Augen- und Haarfarbe etwa in den USA und eine preisgünstige Leihmutter in einem Land des globalen Südens. Dabei entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit in einem asymmetrischen Machtverhältnis. Die schwächsten Glieder in dieser Kette sind zum einen die Eizellgeberinnen, deren nach IQ, Herkunft und Hautfarbe differenzierte Entlohnung hierarchisierende und rassistische Selektions- und Herrschaftsmechanismen reproduziert, zum anderen die Leihmütter – deren Arbeitsbedingungen die Reproduktionsunternehmen bestimmen und damit erhebliche Gewinne erzielen. Das führt zu höchst ungleichen Reproduktionsbedingungen zwischen sozialen Klassen, aber auch zwischen dem Norden und dem Süden. Die transnationalen Reproduktionsmärkte lassen sich deshalb als Teil der „imperialen Lebensweise“ der globalen Konsumklassen auf Kosten „anderer“ verstehen.[4]

Die Kommerzialisierung biologischer Reproduktion hat zur Voraussetzung, dass Biosubstanzen, Körpermaterialien und körperliche Prozesse aufgespalten und isoliert werden. Nur so können sie warenförmig gehandelt und vermarktet werden, wie beispielsweise die Befruchtung von Eizellen unter Laborbedingungen außerhalb des Körpers.[5] Dadurch entstehen neue Wertschöpfungsketten sowie neue Arbeitsverhältnisse, die den Marktprinzipien von Effizienz, Konkurrenz und Profit unterliegen.

Kliniken konkurrieren bei der Erfolgsquote von In-Vitro-Fertilisation (IVF)[6] und der nachfolgenden Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter, die im weltweiten Durchschnitt lediglich bei 30 Prozent liegt. Ukrainische Online-Plattformen werben etwa mit differenzierten Paketangeboten und Festpreisen: Die Kunden können sich entscheiden zwischen dem Programm „Garantie“ mit „unbegrenzten IVF-Versuchen“ mit eigenen Eizellen, dem Programm „Erfolg“ mit Fremdzellen und einem IVF-Versuch oder dem Programm „Sieg“ mit eigenen Zellen und einem Versuch. Alle zusätzlichen Leistungen – etwa weitere Versuche oder im Falle des mehrmaligen Misserfolgs gar der Rückgriff auf eine Leihmutter – kosten extra. Um die Einnistungschancen des Embryos zu erhöhen, werden den Leihmüttern allerdings nicht nur große Mengen von Hormonen verabreicht, sondern beispielsweise in Indien auch drei bis fünf Embryos, manchmal versuchsweise sogar in zwei Leihmütter, gleichzeitig implantiert. Kommt es bei beiden Frauen zur Schwangerschaft oder zu Mehrlingsschwangerschaften, wird die Anzahl der Embryos je nach Wunsch der Bestelleltern „reduziert“, oft ohne die Schwangeren angemessen zu informieren. Überdies versuchen die Reproduktionsmediziner die „Qualität des Produkts“ durch häufige Ultraschalluntersuchungen und Pränataldiagnostik zu sichern. Genetisch „anormale“ und behinderte Föten werden abgetrieben.[7] Denn immer wieder sind Fälle bekannt geworden, in denen die Bestelleltern sich weigerten, ein Baby abzunehmen, das nicht das gewünschte Geschlecht hatte oder am Down-Syndrom litt.

Um das Vordringen von Geschäftemacherei in die private und intime Sphäre der Reproduktion zu rechtfertigen, entstand ein moralisierender Begleitdiskurs, der Werte wie Altruismus und Solidarität unter Frauen sowie eine Ökonomie des Schenkens propagiert. So wird die Eizellabgabe auch deshalb als „Spende“ deklariert, weil der Handel mit Eizellen wie auch mit anderen Körperorganen international nicht zulässig ist. Doch der Warencharakter zeigt sich in der Bezahlung der Frauen, die sich der gesundheitlich strapaziösen und mitunter auch riskanten Prozedur der Eizellgewinnung unterziehen. Oder darin, wenn Wunscheltern ein Preisnachlass für eine Leihmutterschaft angeboten wird, wenn sie überschüssige unbefruchtete und befruchtete Eizellen „spenden“. Auch die Bezahlung der Leihmutter wird nicht als Lohn, sondern als Kompensation bezeichnet, was letztlich vernebelt, dass es sich bei ihrer Tätigkeit um Lohnarbeit handelt.

Leihmutterschaft als neue reproduktive Arbeit

Quelle      :         Blätter           >>>>>          weiterlesen

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Grafikquelle      :      CC0 Creative Commons

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