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Faustrecht mit Heilsversprechen

Erstellt von Uli Gellermann am Dienstag 13. August 2013

Eine analytische Wanderung durch die EURO-Landschaft

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 12. August 2013

Einer der klügsten Sätze im Buch von Egon W. Kreutzer „Das Euro-Schlachtfest“ findet sich auf der Rückseite: „Nicht der Kapitalismus ist attraktiv“, schreibt der Autor, „das sind nur die Versprechungen, die er macht. Insofern ist der Kapitalismus . . . nur ein Faustrecht mit Heilsversprechen.“ Tatsächlich funktioniert immer noch die Mär, nach der jeder seines Glückes Schmied sei, obwohl die meisten Menschen im Kapitalismus nur als Amboss fungieren, auf dem eine Minderheit ihren Reichtum, ihr Glück schmiedet. Auch deshalb fragt Kreutzer zu Beginn seines Buches danach, wem die aktuelle Krise nutzt und gibt mit ein paar Fakten eindeutige Antworten: Während die Zahl der Millionäre mitten in der apostrophierten Krise munter gewachsen ist, müssen rund sieben Millionen Menschen Hartz IV beziehen, während eine Minderheit aufsteigt, steigt eine Mehrheit ab. Und der Prozess ist keineswegs beendet.

Als politischen Hauptansatz für die Finanzkrise begreift Kreutzer die Hegemonialbestrebungen der USA, die nach wie vor Schulden ohne Ende machen, deren Gläubiger aber entweder aus Angst vor deren Militärmacht keine Rückforderung wagen oder aber besorgt sind, sie könnten in einer möglichen, wirtschaftlichen Abwärtsbewegung der USA selbst abgewickelt werden. In einer Revue der finanziellen Machtfragen erinnert Kreutzer daran, dass der Dollar als Weltreservewährung fungiert, nicht zuletzt weil der Dollar die Basis für alle Ölgeschäfte ist und er macht nachdrücklich darauf aufmerksam, dass der Euro und mit ihm die EU eine unangenehme Konkurrenz für die USA sein könnten. Wenn der Autor den wirtschaftlichen Ist-Stand europäischer Länder schildert, gelingt ihm vor allem am Beispiel Griechenlands das Fatale an den diversen Rettungsversuchen herauszuarbeiten: „Griechenland hat heute, nach vielen Rettungsmilliarden . . . immer noch genauso hohe Schulden wie zu Beginn der Griechenlandkrise.“

So wie Kreutzer exemplarisch mit Griechenland verfährt, so entblättert er auch die Rolle der Europäischen Zentralbank – die nicht selbst die Schuldscheine der jeweiligen Staaten aufkauft – als Placebo. Nur scheinbar reguliert sie den Finanzmarkt, in Wahrheit nimmt sie den Umweg über die Finanzmärkte und schaufelt denen nicht nur Zinsen ohne Ende zu sondern legt mit dieser Politik den Grundstein für die nächste Krise. Denn Krisen sind für die beteiligten Banken, wie der Autor an anderer Stelle festhält, profitabel. Aber genau in diesem Kapitel zitiert Kreutzer zustimmend den Wirtschaftstheoretiker Alexander Czerny und dessen Prognose für den Fall des Dollarkollapses: „Deutsche Großkonzerne beherrsch(t)en seit langem den Weltmarkt“ und würden deshalb, wenn man zur D-Mark zurückkehre, zur Supermacht aufsteigen. Woher Czerny diese Perspektive der deutschen Konzerne nimmt, die sowohl in der entscheidenden Computerindustrie wie in der produktreifen Biotechnologie vergleichsweise kläglich versagen, ist nicht auszumachen. Und da die Prämisse falsch ist, ist es die Conclusio natürlich auch.

Solche Kombinationen von klug und fundiert neben Fragwürdigem kann man in Kreutzers Buch immer wieder finden. Da schreibt er auf der einen Seite völlig korrekt, dass es vernünftig wäre wenn der Staat die Schuldenlast übernähme, um auf der nächsten Seite zu behaupten, dass es den Gläubigern „einfach keinen Spaß mehr mache“ Geld zu verleihen. So als ob es nicht das gegenseitige Misstrauen der Banken in der Krise gewesen wäre, die zur sogenannten „Kreditklemme“ geführt hatte. Das ändert nichts an einer Fülle sachdienlicher, wirtschaftstheoretischer Fakten und Überlegungen: Von einer langen Liste von Pleiteländern über die Entlarvung des Begriffs der „Systemrelevanz“ bis zum Nachweis, dass Schuldenbremsen die Realwirtschaft ruinieren. Bilanzierend darf man sagen: Der Autor weiß zu viel. Und weil er wahrscheinlich sein eigener Lektor ist, stehen viele Kenntnisse unvermittelt und nur begrenzt sortiert nebeneinander. Aber, wer sich in Kreutzers Buch vertieft, der wird für sich einen Gewinn daraus beziehen. Mein Haupttreffer war die scharfe Auseinandersetzung des Autors mit der Behauptung, die Linkspartei sei verfassungsfeindlich, die im soliden Nachweis endet, dass der Kapitalismus verfassungsfeindlich ist. Ein Schlusspunkt, der an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt.

Buchtitel: Das Euro-Schlachtfest
Autor: Egon W. Kreutzer
Verlag: EWK
ISBN: 978-3-938175-83-5

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Grafikquelle   :    Die beiden Leichtgewicht-Boxer Ricardo „Pelón“ Dominguez (links) und Rafael Ortiz während eines Kampfes am 9. August 2005

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