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Eine schwierige Wahl

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 19. April 2016

US-Vorwahlen im Bundesstaat New York

File:School Begins (Puck Magazine 1-25-1899, cropped).jpg

con Bettina Gaus

Trump-Anhänger, die mit College-Abschlüssen prahlen und Sanders-Fans, die nicht für ihn stimmen: Der Bundesstaat New York zeigt sich gespalten.

Der Schmied sieht ziemlich unglücklich aus. Dabei hatte er sich gefreut, als seine Frau ihm sagte, dass auf dem Geburtstagsfest ihrer Chefin in einem kleinen Restaurant in Buffalo auch eine Deutsche anwesend sein würde. Er liebt das Land, seit er vor einigen Jahren dort Verwandte besucht hat. Aber nun ist diese Deutsche eine Reporterin, und die Gastgeberin hat ihn als Anhänger von Donald Trump vorgestellt. „Sie denken jetzt sicher, ich bin ein Rassist. Ich bin aber kein Rassist.“ Die Reporterin gibt nicht zu erkennen, ob sie überhaupt etwas denkt. Aber das beruhigt ihn nicht.

„Wahrscheinlich halten Sie mich für einen völlig ungebildeten Hinterwäldler“, fährt er fort. „Aber ich habe neben meiner handwerklichen Ausbildung auch einen College-Abschluss.“ Das ist schön. Was der Schmied allerdings nicht zu haben scheint, ist ein Name – oder zumindest will er ihn nicht nennen. Er möchte nämlich nicht, dass in einer Zeitung steht, er sei Trump-Anhänger. Nicht einmal in einer deutschen Zeitung.

Da ist er nicht der Einzige. Zwei Tage später sagt ein 50-jähriger Geschäftsmann genau dasselbe. Und der hat sogar von sich aus das Gespräch gesucht, um angebliche Vorurteile gegen Donald Trump aus dem Weg zu räumen. Er fürchte Schwierigkeiten, wenn er sich öffentlich für den republikanischen Präsidentschaftsbewerber ausspreche. „Wer garantiert mir denn, dass dann nicht plötzlich – ‚rein zufällig‘ – die Betriebsprüfer bei mir vor der Tür stehen? Natürlich klingt das weit hergeholt. Aber man weiß doch nie.“

Man kann es bezeichnend finden, dass ausgerechnet Anhänger des am meisten umstrittenen Kandidaten der Vorwahlen für die US-Präsidentschaft derartige Ängste quälen. Niemand sonst stößt selbst so laute Drohungen gegen so viele verschiedene Gruppen aus wie Donald Trump und seine Mitstreiter: gegen Flüchtlinge, gegen Immigranten ohne gültige Einreisepapiere, gegen andere Politiker, gegen das sogenannte Establishment, gegen Latinos, gegen Journalisten, gegen Mitglieder der Republikanischen Partei, die ihn nicht unterstützen.

Nicht nur Klischees

Sein Berater Roger Stone rief kürzlich in einem Hörfunkgespräch öffentlich zur Einschüchterung von Delegierten auf, die während des Nominierungsparteitags im Juli die Seiten wechseln und statt Trump einen anderen Kandidaten wählen: „Wir werden protestieren, Demonstrationen abhalten. Wir werden die Hotels und die Zimmernummern von Delegierten bekannt geben, die sich an diesem Diebstahl beteiligen.“

Wenn Anhänger von Donald Trump unter sich zu sein glauben, dann scheinen sie sich stark zu fühlen. Tausende sind zu einer Kundgebung des Kandidaten in einem Hangar am Stadtrand von Rochester im Westen des Bundesstaats New York gekommen. Man soll niemanden nach seinem Äußeren beurteilen. Selbstverständlich kann ein stiernackiger Mann ein feinsinniger Intellektueller sein. Aber wenn 30 stiernackige Männer mit Lederjacken beisammenstehen, dann will der Eindruck nicht weichen, dass alle Klischees über die Leute, die Trump wählen, keine Klischees sind. Sondern die Beschreibung von Tatsachen.

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns: Ein Mann, der die Veranstaltung vor deren Ende verlassen will und sich deshalb durch die dicht gedrängten Reihen zwängt, wird angepöbelt und von einem anderen Mann körperlich bedroht: „Warum haust du jetzt ab?“ Das Käppchen auf dessen Kopf, auf dem für Trump geworben wird, wirkt in diesem Augenblick nicht albern. Sondern furchteinflößend.

Die Ikonografie des Auftritts ist messianisch. Bei Kundgebungen der demokratischen Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Bernie Sanders sehen Polizisten wenig bedrohlich aus, und sie bemühen sich erkennbar um Freundlichkeit. Im Vorfeld der Veranstaltung von Donald Trump bewachen berittene Polizei und in martialisches Schwarz gekleidete Sheriffs die Szene draußen. Drinnen wartet das Publikum stundenlang darauf, dass der Kandidat im Flugzeug aus dem Himmel einschwebt.

Dann endlich ist er da. Und spricht auf einer Bühne, auf der im Hintergrund nur eine riesige US-Flagge vor einem schwarzen Vorhang hängt. Keine Plakate, keine Werbung für Trump. Deutlicher kann man die Botschaft der Wahlkampagne nicht transportieren: „Make America Great Again – mach Amerika wieder groß.“ Ausschließlich um die Vereinigten Staaten geht es, Trump will nur deren und des Volkes bescheidener Diener sein.

Die Republikaner suchen ein Kaninchen

Inhaltlich liefert der Kandidat wenig Überraschendes. Für Jobs möchte er sorgen und für wirtschaftlichen Aufschwung, die Mittelschicht soll entlastet werden. Er spricht sich gegen internationale Handelsabkommen wie TTIP aus und gegen die von Präsident Barack Obama durchgesetzte Reform des Gesundheitswesens. Das Gefangenenlager Guantánamo soll bestehen bleiben. Am Recht auf Waffenbesitz will er nicht rütteln. Gewürzt wird die Rede mit scharfen Angriffen, vor allem auf die Führung seiner eigenen Partei.

Zwischen ihr und Donald Trump herrscht inzwischen ein offener Kampf. „Schmutzige Tricks“ wirft der Bewerber den Repräsentanten seiner eigenen Partei vor, und dass sie ihn um den Sieg betrügen wollen. Führende Republikaner lassen derweil keinen Zweifel mehr daran, dass ihnen jeder andere Kandidat lieber wäre als der grobschlächtige, unberechenbare Milliardär, den sie allzu lange unterschätzt haben. Aber woher nehmen?

Außer Trump sind nur noch zwei andere republikanische Kandidaten bei den Vorwahlen im Rennen. John Kasich, Gouverneur des Bundesstaats Ohio, gilt als gemäßigter Pragmatiker. Ist aber weit abgeschlagen. Und ob die Partei mit dem texanischen Senator Ted Cruz, einem Mitglied der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung, besser führe als mit Trump, ist zweifelhaft.

Alle Hoffnungen der republikanischen Funktionäre beruhen ohnehin darauf, dass Donald Trump es nicht schafft, bis zum Nominierungsparteitag die 1.237 Delegiertenstimmen zu erringen, die für die absolute Mehrheit erforderlich sind. Nur wenn er diese Mehrheit nicht erhält, kommt es nämlich zu Verhandlungen zwischen den Delegierten – und weiteren Wahlgängen mit offenem Ausgang. Die Hoffnungen der Funktionäre sind allerdings nicht unberechtigt. Denn obwohl Trump höchstwahrscheinlich die Vorwahlen im Bundesstaat New York am nächsten Dienstag haushoch gewinnen wird, spricht vieles dafür, dass er insgesamt sein Ziel knapp verfehlt. Und dann?

Tagelang wurden schlaue Überlegungen erörtert, auf dem Parteitag ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern – also einen Kandidaten, der gar nicht bei den Vorwahlen angetreten ist – und gegen Donald Trump in die Stichwahl zu schicken. Die Parteistatuten würden das erlauben. Aber das attraktivste Kaninchen, der Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan, hat gerade abgewinkt. Ohne eine Hintertür offen zu lassen. Jetzt ist guter Rat teuer.

Nach heutigem Stand führt wohl kaum etwas daran vorbei, Trump zu nominieren. Zumal dessen Anhänger und – weniger – Anhängerinnen irgendwelche Zauberkunststücke nicht goutieren würden. Sondern möglicherweise bei den Präsidentschaftswahlen im November einfach zu Hause blieben. Was ein Geschenk für die Demokraten wäre.

„Das muss ein Ende haben“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle – Wikipedia : Louis Dalrymple (1866-1905), artist Puck magazine, publisher Keppler & Schwarzmann, original copyright holder / Gemeinfrei

Caricature showing Uncle Sam lecturing four children labelled Philippines (who appears similar to Philippine leader Emilio Aguinaldo), Hawaii, Porto[sic] Rico and Cuba in front of children holding books labelled with various U.S. states. In the background are an American Indian holding a book upside down, a Chinese boy at the door and a black boy cleaning a window. Originally published on p. 8-9 of the January 25, 1899, issue of Puck magazine. Caption: School Begins. Uncle Sam (to his new class in Civilization). Now, children, you’ve got to learn these lessons whether you want to or not! But just take a look at the class ahead of you, and remember that, in a little while, you will feel as glad to be here as they are! Blackboard: The consent of the governed is a good thing in theory, but very rare in fact. — England has governed her colonies whether they consented or not. By not waiting for their consent she has greatly advanced the world’s civilization. — The U.S. must govern its new territories with or without their consent until they can govern themselves. Poster: The Confederated States refused their consent to be governed; But the Union was preserved without their consent. Book: U.S. — First Lessons in Self Government Note (on table): The new class — Philippines Cuba Hawaii Porto Rico Small caption (left): Copyright, 1899, by Keppler & Schwarzmann. Small caption (right): J. Ottmann Lith. Co. Puck Bldg. N.Y.

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