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Eine Identitätsdebatte ?

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 16. Oktober 2021

Oder: Das Comeback des Privilegs

Von Markus Rieger-Ladich

Das Privileg ist zurück. Lange galt der Begriff als etwas verstaubt, wirkte aus der Zeit gefallen. Doch nun ist er wieder in aller Munde und munitioniert aktuelle Debatten: Schon als sich abzeichnete, dass es bei der Herstellung der Impfstoffe gegen Covid-19 zu Verzögerungen kommen würde, setzte umgehend eine Diskussion darüber ein, welche Bevölkerungsgruppen bevorzugt geimpft werden sollen. Dabei wurde nicht allein die Frage aufgeworfen, wie sich eine solche „Priorisierung“ ethisch legitimieren lasse, sondern es stand prompt der Verdacht im Raum, dass Angehörige der „besseren Kreise“ von ihren Kontakten profitieren und eine bevorzugte Behandlung erfahren könnten. Und umso stockender die Impfkampagne derzeit fortschreitet, desto lauter werden die Forderungen, immunisierte Bürger*innen von den bisher geltenden Einschränkungen zu befreien – worin manche wiederum ein ungerechtfertigtes „Impfprivileg“ sehen wollen. Welch ironische Wendung: Denn was hier als Privileg kritisiert wird, sind schließlich die Grundrechte, die jederfrau und -mann zustehen, ohne dass es dafür eines besonderen staatlichen Gnadenaktes bedürfte.

Das Comeback des Privilegs hatte sich freilich schon zuvor abgezeichnet. Zunächst ein terminus technicus der Rechtswissenschaft, wurde dieser in den 1960er Jahren in der Bildungssoziologie aufgegriffen, erweiterte seinen Bedeutungsumfang und trat vor etwa dreißig Jahren eine Reise an, die ihn in neue diskursive Kontexte führte. Seither spielt das Privileg vor allem in identitätspolitischen Debatten eine zentrale Rolle – und droht dabei paradoxerweise gerade durch eine verstärkte moralische Aufladung seine kritische Schärfe zu verlieren.

Klassenkampf im Klassenzimmer

Etymologisch verweist Privileg auf einen herausgehobenen Status, auf eine charakteristische Bevorzugung. Zusammengesetzt aus lateinisch privus(einzeln, eigen, besonders) und lex (Gesetz), wurden damit im Mittelalter Personen und soziale Gruppen gekennzeichnet, die im weltlichen oder kirchlichen Bereich ein Vorrecht genossen. Während andere Abgaben entrichten mussten und einer Steuer unterworfen waren, blieben sie davon freigestellt. Privilegiert zu sein, bedeutet daher zunächst, das Anrecht auf eine Sonderbehandlung zu besitzen und anderen Personen gegenüber beträchtliche Vorteile zu genießen. Erst in der Aufklärung geriet diese weit verbreitete Praxis der Begünstigung in die Kritik: Die Beseitigung aller Privilegien durch die Französische Nationalversammlung vom 4. August 1789 bezog sich zwar zunächst nur auf das revolutionäre Frankreich, besaß aber gleichwohl „eine gesamteuropäische Signalwirkung“.[1] Nichtsdestotrotz kennen auch zeitgenössische Rechtssysteme das Instrument des Privilegs. So wird etwa in den USA bis heute mit der Green Card ganz gezielt die Einwanderung gesteuert.

Damit leuchtet unmittelbar ein, weshalb der Terminus für jene Soziolog*innen attraktiv ist, die sich um eine herrschaftskritische Analyse pädagogischer Einrichtungen bemühen. Als Angehörige einer privilegierten sozialen Klasse gelten ihnen jene, die nicht nur über hohes ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital verfügen, sondern die darüber hinaus auch den Anspruch verkörpern, dass ihnen dieses rechtmäßig zusteht. Obwohl moderne Gesellschaften überwiegend wettbewerbsförmig organisiert sind und weitgehend Übereinkunft darüber herrscht, dass herausgehobene Positionen an den Nachweis besonderer Leistungen geknüpft werden sollen, vertreten manche gleichwohl die Auffassung, dass ihnen eine Sonderbehandlung zusteht – dass sie sich der Konkurrenz also nicht in derselben Weise stellen müssen.[2]

Die Angehörigen der „privilegierten Kreise“ haben daher keinerlei Interesse an einem Bildungssystem, das individuell zurechenbare Leistungen ins Zentrum rückt und den Wettbewerb um Zeugnisse und Berechtigungen verschärft. Lange Zeit schickte man die eigenen Sprösslinge aufs Gymnasium und konnte darauf vertrauen, dass die Lehrer*innen die habituelle Passung honorierten und bei der Beurteilung von deren Leistungsfähigkeit hinreichend großzügig waren. Man blieb unter sich. Überdies konnte man von dem pädagogischen Personal erwarten, dass es – falls dies doch einmal nötig sein sollte – geeignete Maßnahmen ergreifen würde, um die Bemühungen derer zu unterbinden, die ihren Kindern nun ebenfalls den Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung ermöglichen wollten. Es ist diese Vorstellung einer besonderen Privilegierung, die in einer bemerkenswerten Einlassung Helmut Schelskys zum Ausdruck kommt. Der bestens vernetzte Soziologe, der sich auch in der Hochschulpolitik engagierte, sprach Mitte der 1950er Jahre mit Blick auf die aufstrebende Mittelschicht von „unberechtigte[n] Sozialansprüche[n]“. Es gelte, deren Aufstiegsambitionen durch eine „Dauererfahrung des Scheiterns“ zu begegnen.[3]

Solche Formen der Instrumentalisierung des Bildungswesens waren es, die Pierre Bourdieu und seine Mitarbeiter*innen in den 1960er Jahren zu erforschen begannen. Sie deckten das Zusammenspiel von sozialer Herkunft, kultureller Praxis und schulischer Ordnung, von privilegierter Stellung, Unterrichtsstil und Bewertungspraxis auf. In theoretischen Beiträgen wie auch in empirischen Forschungen wiesen sie nach, dass Privilegien dann besonders wirksam der Kritik entzogen werden, wenn sie im Kleid individueller Begabungen und persönlicher Fähigkeiten auftreten, wenn sie also den Blick auf die unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen verstellen.[4] In der Folge werden nicht allein die Gewinner*innen des ungleichen Wettkampfs mit der Aura der Bestenauslese versehen, sondern die Verlierer*innen überdies dazu genötigt, als Ursache der Niederlage die vermeintliche eigene Unzulänglichkeit anzunehmen. Insbesondere in Frankreich, wo die Einrichtungen des Bildungswesens lange als Garanten der Ziele der Revolution galten und die Förderung des Einzelnen in strenger Absehung von seiner sozialen Herkunft betrieben werden sollte, sorgte der Nachweis, dass der Klassenkampf längst auch im Klassenzimmer ausgetragen wird, für große Empörung. Diese Befunde gelten grosso modo auch für den deutschsprachigen Raum.[5]

Es ist nun kein Zufall, dass es Vertreter*innen der Queer Studies sowie der Gay and Lesbian Studies waren, die sich mit besonderem Nachdruck dafür aussprachen, den Begriff des Privilegs auch bei der Analyse anderer Herrschaftsverhältnisse zu erproben. Didier Eribon etwa – in der französischen Provinz in einem proletarischen, homophoben Milieu aufgewachsen – forderte in seinen „Betrachtungen zur Schwulenfrage“,[6] nicht allein das „Klassenprivileg“ in seiner Funktionsweise zu analysieren, sondern auch die Aufrechterhaltung anderer Privilegien zum Gegenstand zu machen. Etwa jenes, in einer von Heterosexualität geprägten Gesellschaft der Norm zu entsprechen und in der Öffentlichkeit die Person, die man begehrt, küssen zu können, sie heiraten oder im Krankheitsfall in der Klinik besuchen zu dürfen. Stets werden hier Berechtigungen an die Zugehörigkeit zu einer dominanten sozialen Gruppe geknüpft, an die Bestätigung der etablierten Norm und der herrschenden Kräfteverhältnisse.

Verschränkte Diskriminierungen und besondere Begünstigungen

Diese Ausweitung des Begriffsgebrauchs hatte einen Vorlauf: Er resultierte aus Diskussionen, die schon einige Jahre zuvor innerhalb feministischer Gruppen geführt worden waren. Als besonders folgenreich erwies sich eine Intervention afroamerikanischer Aktivistinnen aus Boston. Das Combahee River Collective warf in einem Positionspapier von 1977 weißen Mittelklasse-Frauen vor, einen „Feminismus der Privilegierten“[7] zu vertreten und wandte sich gegen rassistisch, sexistisch oder homophob motivierte Formen der Unterdrückung. Um deren Verschränkungen untersuchen zu können, sei es jedoch zwingend notwendig, die Fixierung auf Probleme der weißen Mittelschicht zu überwinden. Erst wenn das Zusammenspiel unterschiedlicher Ideologien der Ungleichheit – etwa von Sexismus und Rassismus – analysiert würde, könne ein Instrumentarium entwickelt werden, mit dem sich die herrschenden Verhältnisse in ihrer Komplexität eingefangen und analytisch durchdringen ließen. Solange jedoch Weißsein als unhinterfragte Norm betrachtet werde, als vermeintlich neutraler Ausgangspunkt der politischen Analyse, erscheine Rassismus als das zu vernachlässigende, weniger drängende Problem einer Randgruppe.

Stellen die darauf folgenden Forschungen zur Intersektionalität folglich Diskriminierungserfahrungen in den Vordergrund, lenken Studien, die Privileg und Privilegierung thematisieren, das Augenmerk auch auf gegensätzliche Erfahrungen. Sie untersuchten, was die individuelle Entfaltung von Angehörigen sozialer Gruppen begünstigt und befördert. Wegweisend war dabei ein Arbeitspapier, in dem die Feministin Peggy McIntosh das Loblied auf die Meritokratie als verlogene Selbstbeschreibung entlarvte.[8] Die Annahme, dass in den liberalen Gesellschaften des Globalen Nordens Talent und Eifer, Fleiß und Engagement zuverlässig und angemessen belohnt werden, erweise sich als Chimäre. In der Tat wird der faire Wettbewerb, in dem sich die klügsten Köpfe durchsetzen, zwar allenthalben beschworen, prägt aber weder pädagogische Einrichtungen noch jene des wissenschaftlichen Feldes.[9]

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In ihrem Beitrag wählte McIntosh eine anschauliche Metapher, um die Funktionsweise von Privilegien zu erklären:[10] Sie gleichen einem Rucksack, der eine Vielzahl wichtiger Dinge enthält – Pässe und Visa, Versicherungspolicen und Blankoschecks, aber auch Werkzeuge, Stadtpläne und Kleidungsstücke. Gleichwohl ist der Rucksack federleicht und überdies unseren Blicken entzogen, weil wir ihn üblicherweise auf dem Rücken tragen. Eine privilegierte Person, die sich etwas zum Ziel gesetzt hat – eine Ausbildung, ein Studium oder den Eigentumserwerb samt vorheriger Kreditaufnahme – und entsprechende Vorkehrungen trifft, berücksichtigt daher in aller Regel nicht, dass sie dabei anderen Personen gegenüber im Vorteil ist. Selbst wenn sie lediglich ihren Interessen nachgeht, also das verfolgt, was sie als ihre „persönliche Vorlieben“ betrachtet, wenn sie sich jenseits von Wettbewerbsstrukturen oder Konkurrenzbeziehungen wähnt, profitiert sie doch von den Dingen, die sie in ihrem Rucksack mit sich führt. Und sie ist mindestens irritiert, wenn nicht gar verärgert oder aufgebracht, wenn sie auf diesen vorteilhaften Umstand angesprochen wird. Am Beispiel von Männlichkeit, die nun ebenfalls als Privileg in den Blick gerät, erläutert McIntosh dieses Phänomen: Selbst reflektierte, kluge und sensible Männer werden, so ihre Beobachtung, bisweilen ungehalten, wenn sie mit der Tatsache konfrontiert werden, dass auch sie – ob willentlich oder nicht, ob wissentlich oder nicht – von der „patriarchalen Dividende“[11] profitieren, also in einer patriarchalen Gesellschaft systematisch bevorzugt werden.

Quelle         :     Blätter-online           >>>>>        weiterlesen

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Grafikquelle      :

Oben      —      Photos taken during the 2020 coronavirus pandemic in Baliuag, Bulacan Timeline of the 2020 coronavirus pandemic in the Philippines 2020 coronavirus pandemic in the Philippines Bayanihan to Heal as One Act (RA 11469) Bayanihan Act of 2020. Signed on March 24, 2020 7,958 Covid-19 cases in Philippines April 28; 12,933 as of May 19, 2020; 14,669 Covid-19 cases in Philippines May 26; 886 deaths; Covid-19 cases in Philippines June 2 – 18,997 and 966 deathsJune 23 1,150 single-day rise in COVID-19 cases; total now 31,825; June 25- 32, 295, 1,104 deaths; June 26- 33, 069, 1,112 deaths; June 27 Confirmed 34,073 Recovered 9,182 Deaths 1,124; June 28 35,455 Deaths 1,244 June 29 Confirmed 36,438 and 1,255 deaths June 30 – 37,514 COVID cases Category:Sitios and puroks of the Philippines Subdivisions of the Philippines Barangay Poblacion 14°57’17″N 120°54’2″E, Bagong Nayon and Pagala, Baliuag, BulacanBulacan province (Note: Judge Florentino Floro, the owner, to repeat, Donor FlorentinoFloro of all these photos hereby donate gratuitously, freely and unconditionally Judge Floro all these photos to and for Wikimedia Commons, exclusively, for public use of the public domain, and again without any condition whatsoever).

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