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RENTENANGST

Ein Brief aus Jerusalem

Erstellt von Diogenes am Mittwoch 27. Juli 2011

„Tu deinen Mund auf für die Stummen
und für die Sache aller, die verlassen sind“

Heute ein Brief von Reuven Moskovitz aus Jerusalem.

Liebe Freundinnen und Freunde,

Ich schreibe Euch diese Zeilen in einer niedergeschlagenen Stimmung, auch wenn ich persönlich genügend Gründe habe, einen Gesang über alle Gesänge hören zu lassen.

Knapp zwei Monate bereise ich kreuz und quer Deutschland und versuche meine Botschaft zu bringen vor wachsenden Zahlen von Teilnehmern an den Ver­anstal­tungen.

In einem Ort in Bremen wurde versucht, mir die Tür zu schließen und doch: Durch eine energische Intervention von Frau Schinagl und dem Verein „Die Schwelle“ ist es gelungen eine gute Beteiligung zu erlangen. In einem Gespräch mit Herrn Klattc (Leiter Forum Kirche) hat sich herausgestellt, dass er die Entscheidung des Raum­-Verweigerns bedauert.

Die Friedensaussichten zwischen Israel und Palästina sind nicht gut, besser gesagt hoffnungslos. Die israelische Regierung, geführt von Nethanjau – ein Mann der die Politik in Demagogie umwandelt – kann sich große Errungenschaften rühmen, indem wieder der sogenannte Friedensprozess in eine Sackgasse getrieben wurde. Gemäß meiner Bereitschaft, mir kein Blatt vor dem Mund zu nehmen, kann ich mit aller Ver­ant­wortung behaupten, dass Israel keine Friedenspolitik hat und versucht, einen Teil der Welt an die Nase herumzuführen. Dieses und vieles mehr behaupte ich schon seit vielen Jahren und wurde leider stets bestätigt.

Zusätzlich kommt die absurde Debatte bei den Linken über angeblichen Antisemitismus.
Ich weigere mich zu akzeptieren, dass Antizionismus mit Antisemitismus gleich­gestellt wird. Wenn das der Fall unter den Linken ist, weiß ich schon nicht mehr, was rechts oder links ist. Über so einen Streit in der Linken Partei können sich nur menschenfeindliche (antisemitische) Gruppierungen freuen.

Das bedeutet, dass es in Deutschland keine ernst zu nehmende Opposition zu der Politik Israels gibt, letztere getrieben von einer unerbittlichen rechtsradikalen Koalition von Nationalisten, Klerikalen, Rassisten und McCarthisten. Ein Hagel von anti-demokratischen Gesetzvorschlägen und Angriff auf das oberste Gericht kennzeichnen viele Debatten in der Knesset. Hinzu kommt der Angriff auf die nicht-jüdischen Bürgern Israels – die Palästinenser – sei es durch Vertreibungen und Häuserzerstörungen, sei es durch Verleumdungen wegen Unloyalität dem Staat Israel gegenüber.

Das Neue was mich noch mehr besorgt sind die Entwicklungen innerhalb der nicht sehr zahlreichen Gemeinden von Friedensstiftern in Deutschland. Für mich, mindestens in den Kreisen die mir Nahe stehen, war es klar, dass die fast einzige Chance für Frieden energische Maßnahmen sind um die zwei-Staaten-Lösung zu verwirklichen. Mir scheint, dass eine bestimmte Erosion entstanden ist durch die ein-Staat –Lösung. Es mag schon sein, dass in einem ziemlich langen Prozess von zwei kollaborierenden Staaten, es zu einer Föderation oder zu einer ein-Staat-Lösung kommen könnte, nicht aber, in der gegenwärtigen Situation.

Die ein-Staat-Lösung, bestimmt von einer nicht-jüdischen Mehrheit, kann nur den gegenwärtigen Zustand umdrehen. Ich sehe es nicht ein, dass, wenn ich den jüdischen Nationalismus widerstehe, ich mich solidarisiere mit einen wachsenden palästinensischen Nationalismus der geprägt ist von einem berechtigten Frust – Ergebnis von Jahrzehnten von Vertreibung, Enteignung, Schikanen und Dämonisierung. Es braucht eine lange Evolution von ‚neben einander friedliches Leben‘ um zu ein ‚für einander Ergebnis‘ zu kommen. Das Bestehen auf die ein-Staat-Lösung kann nur den Aufschrei vieler Staaten für die Anerkennung eines selbständigen palästinensischen Staates schwächen. Ich halte es für wichtig, zwei Themen zu betonen:

1. Der Staat Israel ist errichtet worden nach einer Entscheidung der Vereinten Nationen und damit die einzige internationale Legitimität

2. Es muss die Plauderei um Verhandlungen, Gespräche, unanständige Manipulationen aufhören, um immer wieder die Anerkennung Palästinas zu verwirklichen. Die palästinensische Westbank muss sofort von der israelischen Besatzung befreit werden. Die Vergangenheit zeigt, dass mit dieser Freiheit alle israelischen Regierungen unverantwortlich gehandelt haben und damit inkompetent waren und sind eine konstruktive Lösung zu finden.

Die Parameter des Friedens zwischen Israel und Palästina liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch und im September ist die höchste Zeit zu handeln und nicht hinterlistig neue Spins (Verdrehungen) zu erfinden.

Ich bin besorgt über antizionistische Erscheinungen und Losungen bei verschie­denen Demonstrationen in Deutschland. Dort kann man lesen, dass der Zionismus pauschal rassistisch, Feind der Palästinenser und deren Freiheit ist. Martin Buber war sicherlich kein Rassist! In der Tat setzen sich viele Zionisten ein für die Rechte der Palästinenser ein: Viele Palästinenser sind nicht vertrieben und viele palästinensische Dörfer sind nicht zerstört worden durch die Intervention von zionistischen Nachbarn. Die israelische Friedensbewegung, Peace Now, ist meistens zionistisch. Dennoch hat diese Bewegung in der vergangenen Woche in Israel öffentlich zu einem Boykott aufgerufen gegen Produkte aus den Siedlungen in der Westbank. Dieses Beispiel ist nur eins von vielen Beispielen, was zionistische Friedensstifter gegen Besatzung, Vertreibung und Häuserzerstörung tun. Man kann und darf selbstverständlich Antizionist sein, nicht aber behaupten, dass alle Zionisten die verbrecherische Politik zionistischer Regierungen bejahen.

Wiederholt wage ich es zu behaupten, dass der gefährlichste und virulente Antisemitismus der semitische Antisemitismus ist. Das sind semitische nicht-Juden (Araber) und jüdische Semiten die gegenseitig einen schrecklichen Hass verbreiten, der an die schlimmsten Diffamierungen gegen Juden in Europa erinnert.

Wiederholt hat sich gezeigt, dass der Frieden im Nahen Osten nicht von den USA kommen kann. Es ist eine einmalige Gunst der Stunde, dass die Bundesrepublik Deutschland die Verantwortung für die von der NS begangenen Untaten übernimmt, sich profiliert als friedensschaffender Staat, der kompetent diese zwei verletzen Völker versöhnt.

Herzlichst,

Reuven Moskovitz

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Grafikquelle   :   Landeszentrale für Politische Bildung des SaarlandesLandeszentrale für Politische Bildung des Saarlandes

Alex Deutsch, die eintätowierte KZ-Nummer auf seinem linken Unterarm vorzeigend

Alex Deutsch, seine eintätowierte KZ-Nummer auf dem Arm vorzeigend (Ort: Gedenkstätte „Gestapo-Lager Neue Bremm“, Saarbrücken)

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