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Do you speak Macron?

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 29. Januar 2019

Sprache der französischen Macht

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von Romy Straßenburg

Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich haben ihre Ursache auch im Sprachgebrauch des Präsidenten. Er belehrt, ermahnt, spottet und frotzelt.

Stellen wir uns vor, Angela Merkel würde uns als störrische Landsleute bezeichnen, unfähig zum Wandel. Sie würde behaupten, einige von uns seien Faulenzer, viele Frauen ­Analphabeten. Sie würde Menschen, denen sie in einer Bahnhofshalle begegnet, einteilen in jene, die ihr Leben meistern, und jene, die schlichtweg nichts sind. Schließlich würde sie damit prahlen, selbst schon beim Überqueren der Straße einen Job finden zu können, uns aber dazu auffordern, es doch mal mit Arbeiten zu probieren, wenn wir uns einen Anzug kaufen wollen.

Ja, was wäre dann? Empörung? Revolte? Wut? Auf jeden Fall kämen derlei Äußerungen dem Bild von Frau Merkel sicher nicht zugute. Dieu merci, sie stammen nicht aus ihrem Mund. Nein, es handelt sich um ein Best-of an markigen Kommentaren des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, mit dem Merkel erst in dieser Woche einen neuen Freundschaftspakt geschlossen hat. Doch während Macron in Aachen feierlich den Geist der deutsch-französischen Aussöhnung beschwor und mit staatstragender Miene von Europa schwärmte, zogen draußen Menschen in gelben Warnwesten durch die Straßen, wie in Frankreich schon seit drei Monaten, immer wieder samstags. Angeheizt auch durch Macrons Punchlines, diese bissigen Sätze, mit denen er in Frankreich um sich wirft und die man als Zuhörer seiner Reden auf internationalem Parkett nicht vermuten würde.

Die kleinen Macron-Sätze wirken wie Speerspitzen und lassen sich hervorragend in sozialen Netzwerken teilen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass er mit neuen verbalen Entgleisungen die Aufmerksamkeit auf sich zieht, als sei es fast egal, wie man über ihn spricht, solange man über ihn spricht. Dabei müssten seine Berater allmählich beten, er möge sich auf die Zunge beißen. Wie soll es ihnen gelingen, das Bild des arroganten, elitären, realitätsfremden Präsidenten aufzumöbeln, wenn dieser dauernd belehrt, ermahnt, spottet und von oben herab frotzelt?

In Wahlkampfzeiten war das durchaus von Nutzen: permanent Präsenz zeigen, um den Informationsfluss, in dem eine Neuigkeit die nächste jagt, ständig mit Futter zu versorgen. Da konnte ein schlecht platzierter Witz des Kandidaten auch wieder verdrängt werden durch die nächste knackige Bemerkung. Doch Macron scheint vergessen zu haben, wie beständig Worte eines Präsidenten sein können. Zumindest, wenn sie in der Bevölkerung als verachtend wahrgenommen werden. Die Gelbwesten posten und teilen was das Zeug hält, und so laufen Macrons Verbalfehltritte in Dauerschleife: Menschen, die nichts sind … die nichts sind … nichts sind … nichts.

Wenn man die aktuellen Proteste verstehen will, kommt man nicht am präsidentiellen Hochmut vorbei, der sich zuallererst in seiner Sprache äußert. Erinnert uns das an etwas? Natürlich.

Als Donald Trump auf die politische Bühne trat, dauerte es nicht lange, bis man seine Rhetorik mit Orwells Vision vom „Neusprech“ verglich, die der Autor in seinem legendärem Werk „1984“ verwendet. Die Umdeutung von Worten ist kein neues Phänomen. Doch im französischen Kontext, wo Rhetorik Teil der Ausbildung an den Eliteschulen ist und die Académie française seit dem 17. Jahrhundert über die Sprache wacht, hört man noch genauer hin als andernorts.

Die Politik Macrons hat, einmal von den Wort­hülsen befreit, mit Überzeugungen nur noch wenig zu tun. Selbst Anhänger seiner Bewegung „En Marche“, die man nach großen „Meetings“ befragte, gaben zu Protokoll, sie hätten außer der Parole „weder rechts noch links“ inhaltlich nicht viel mitgenommen. Macron spielt dabei mit einer weit verbreiteten Wahrnehmung: Seit 40 Jahren wechseln sich in Frankreich Sozialisten und Konservative ab. Schlussfolgerung: Ist das Entweder-oder nicht genaugenommen immer nur das gleiche? Ein Nullsummenspiel. Macron hat seine Politik zur einzig möglichen erhoben und sie gar mit Vernunft gleichgesetzt. Der Macronismus als einzig wirksames Heilversprechen für die kranke Marianne.

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Das Rezept, das Macron vorschlägt, zeigt eine weitere Marotte des Präsidenten: Seine Liebe zur Unternehmersprache. In ihrem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ haben die Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello schon 1999 den Diskurs des Neo-Managements untersucht und aufgezeigt, wie die sich ausbreitende Management-Sprache den Kapitalismus befähigt, ihm entgegengebrachte Kritik aufzugreifen und zum eigenen Vorteil zu transformieren. So ist das in den 60er-Jahren verwandte Wort „Hierarchie“ nahezu verschwunden, stattdessen hat „Projekt“ die Spitze übernommen. Macron redet ständig von Projekten, denn Projekte vermitteln den Eindruck, man befinde sich permanent in einem produktiven Prozess, mit dem politischen Anspruch zu produzieren, zu entwickeln, zu wachsen.

Quelle      :           TAZ           >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben       —         <a href=“https://en.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Macron“ rel=“nofollow“>Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron</a>, aka Emmanuel Macron, is the President of France. This caricature of Emmanuel Macron was adapted from a Creative Commons licensed photo from EU2017EE Estonian Presidency’s Flickr photostream: <a href=“https://www.flickr.com/photos/eu2017ee/36669381364/„>face</a> and <a href=“https://www.flickr.com/photos/eu2017ee/23522649118/„>body</a>.

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