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Die zornigen Zwanziger

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 5. Januar 2020

Der Generationenkonflikt

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Eine Kolumne von

Die Konflikte, die wir erleben, drehen sich fast alle darum, ob Regeln und Gewohnheiten der Vergangenheit unverändert gelten sollen. Progressive haben dabei die mächtigste Kämpferin auf ihrer Seite: Zeit.

Menschen sind symbolgeil bis in ihre ältesten Kleinsthirnwindungen hinein, schon deshalb macht die neue Dekade einen Unterschied. Seit einiger Zeit kocht blubbernd der bestimmende Sound des neuen Jahrzehnts herauf: Die zornigen Zwanziger beginnen.

Diese Dekade wird, für diese Prognose braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten, von Konflikten geprägt werden. Auf den ersten Blick wirken viele darunter wie Varianten eines klassischen Generationenkonflikts. Kein Zufall, dass die ikonische Figur des alten, weißen Mannes vor einiger Zeit ins öffentliche Bewusstsein geriet. Im März 2019 schrieb Bernd Ulrich in der ZEIT: „1968 war ein Kindergeburtstag – verglichen mit dem beginnenden Generationenkonflikt.“

Das 20. Jahrhundert kollidiert mit dem 21. Jahrhundert

In den vergangenen Wochen gab es eine Menge Anzeichen dafür, dass das Alter eine wesentliche Rolle bei den Konflikten spielt, die sich bezeichnenderweise alle rund um Netz- und Medienereignisse drehten und in erster Linie in sozialen Medien ausgetragen wurden:

  • Das weltweite Strohfeuer der Wendung „Ok Boomer“.
  • Die Aufregung um einen vorweihnachtlichen Tweet von Fridays for Future über demnächst sterbende Großeltern.
  • Ein satirisches Liedchen einer WDR-Sendung, in dem eine fiktive Oma als „Umweltsau“ bezeichnet wurde.

Obwohl sich die jeweiligen Aufregungen unterschieden, schienen die Spannungen zwischen Alten und Jungen das wiederkehrende Muster zu sein. Ich glaube nicht, dass wir einen klassischen Generationenkonflikt vor uns haben, wie es ihn schon oft und eigentlich ständig gab – sondern einen Konflikt der Epochen. Holozän versus Anthropozän, um gleich dickstmöglich aufzutragen. Oder etwas kleiner, nachvollziehbarer: Das 20. Jahrhundert kollidiert mit dem 21. Jahrhundert.

Konflikte über die Gültigkeit von Regeln aus einer vergangenen Epoche

Historiker sprechen vom „langen 19. Jahrhundert„, weil es eigentlich erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete. Ich schlage vor, künftig vom „viel zu langen 20. Jahrhundert“ zu sprechen, das in seinem egozentrischen Furor nervig bis in die Zwanzigerjahre rein ragt.

Die Konflikte, die wir erleben, drehen sich fast alle darum, ob Regeln und Gewohnheiten des vergangenen Jahrhunderts weiterhin unverändert gelten sollen. Oder man nicht neu nachdenken sollte, was vielleicht einmal richtig war oder schien, aber jetzt falsch geworden ist.

Vordergründig ist es leicht, den Kampf zwischen Holozänikern und den Anthropozän-Leuten als Generationenkonflikt zu begreifen, und ganz falsch mag das nicht sein. Aber die Grenzen sind viel stärker verwischt. Es sind ja nicht nur die Alten, es sind ja auch und manchmal vor allen anderen die Mittelalten, die heute vielleicht zwischen 35 und 55 Jahre alt sind.

Es handelt sich um eine Alterskohorte, die bei ihrem persönlichen Fortkommen oft viel Zeit und Arbeit investiert hat in gesellschaftliche Strukturen, die sich gerade verwandeln, verschieben oder untergehen.

Die eher bürgerlich orientierten Leute, die Banklehren gemacht haben oder Journalistik studierten, die von Sportwägen träumten oder auf eine Kreuzfahrt sparten, die Karriere machten oder zumindest ihr Leben danach ausrichteten, weil die große Überbotschaft des Bürgertums im ausgehenden 20. Jahrhundert war: Du bist dein Job.

Woraus leicht eine sehr materiell fixierte Haltung entsteht, wenn man nicht aufpasst. Die Überbetonung des Dinglichen, in einer Zeit, in der das Nichtdingliche, das Virtuelle, das Digitale offensiv und rücksichtslos voranschreiten.

Kampf gegen die Insignien von Erfolg und bürgerlichem Glück

Plötzlich kommen von überall her Leute, die die Insignien von Erfolg und bürgerlichem Glück aus dem 20. Jahrhundert nicht nur ignorieren, sondern ablehnen oder sogar bekämpfen.

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Und es sind eben nicht nur die Jungen, sondern auch die Menschen, die schon in den vergangenen 20, 30, 40 Jahren weniger mit der Konsum- und Karrieregesellschaft anfangen konnten.

Denen es leicht fällt, den Sportwagentraum aufzugeben, weil sie ihn genau genommen noch nie träumten. Die zornigen Zwanzigerjahre werden geprägt sein von den Abwehrkämpfen derjenigen, die ihre Mühen noch in die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts investiert haben.

Die echten Konflikte erscheinen zu schmerzhaft, um sie ernsthaft zu diskutieren

Quelle       :          Spiegel-online        >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben          —            A student asks U.S. Secretary of State John Kerry a question during a Youth Leaders meeting in Bandar Seri Begawan, Brunei, before the U.S.-ASEAN Summit meeting begins on October 9, 2013. [State Department photo/ Public Domain]

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Unten          —        Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

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