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Die Überlebensform des Geistes

Erstellt von Gerd Heming am Mittwoch 16. Januar 2013

Die Überlebensform des Geistes 

Edelmut ist die Geisteshaltung, die allein der Menschlichkeit im Menschen das Überleben sichert. Edelmut hat mit Adel nichts gemein. Vielmehr zerstört der Adel die edle geistige Haltung und in den Kreisen der sogenannten Hochgebildeten ist der Edelmut weitgehend unbekannt. Darum beherrschen Gier, Neid und Gewinnsucht das Leben der Menschen. Und darum ist es in diesen Zeiten der sozialen Kälte eine unabwendbare Aufgabe gerade der Alten, dem Edelmut wieder zum Durchbruch zu helfen.

Der so oft beschworene Jugendlichkeitswahn oder Anti-aging-Programme sind betenfalls Strategien der Entmenschlichung. Sie sind Irrwege, geistige Verirrungen – eben wahnhaft. Wer sich ihnen verschreibt, wer sich ihnen ausliefert, wer ihnen wie in  einem religiösen Fieber verfällt, gibt seiner Vernunft den finalen Schuss. Er tötet das, was den Menschen zum Menschen macht.

Warum nur sind ausgerechnet Geist und Macht ein deutsches Problem? Woher kommt diese untertänige Begeisterung vor der angeblichen Macht? Warum kämpfen Menschen schier bis zum letzten Atemzug für ihre Verknechtung, als ginge es um ihr Seelenheil?

Ist es  die  Macht des Wortes, die Menschen tötet? Ist es die Dumpfheit des herrschenden politischen und kapitalistischen Systems? Ist es die intigrante Raffinesse dieses Systems!   Es ist nicht leicht, Menschen zu ihrem Glück zu überreden, aber es ist relativ leicht, sie zu ihrem Unglück zu überreden. Die eigene Dämlichkeit wird zum Kult erhoben.

Die Alten bleiben stumm. „Uneinsichtig, erinnerungslos und ohne Einkehr verläuft und endet das Leben der Meisten“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling, „sie lassen das Alter verstreichen wie das ganze bisherige Leben selbst. Ein Leben ohne Einsicht, Erinnerung und Einkehr ist nicht ‚lebensunwert’, aber belanglos. Die Humanität gebietet, noch das Belanglose zu schützen. Aber besondere Achtung darüber hinaus kann solchem weithin ‚bewusstlosen“ Lebensvollzug nicht zugebilligt werden“. Die aber, so der Philosoph, also jene, die ohne Einsicht, ohne Erinnerung, ohne Einkehr seien, würden den Weltenlauf bestimmen. „Sie missbrauchen noch das *Weltgericht’. Sie ergeben sich dem Trost oder der Trostlosigkeit des Alters. Das Ende der Torheit setzt dagegen voraus, von sich aus aus der Zeitgenossenschaft herauszufallen. Spätestens für das Alter gibt es nur eine‚ Überlebensform’ des Geistes: Unzeitgemäß zu sein“.

Die Alten bleiben immer noch stumm. Wie aber soll ein stummes Alter Achtung gebieten? Das ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass die Deutschen ein Volk des Alters sind.

Warum lassen dann aber die Deutschen es zu, dass das Alter und der demografische Wandel mit negativen Zuschreibungen besetzt sind?  Wo bleiben jene Fragen, die das Alter um seiner selbst und um seiner Achtung willen stellen sollte?“ Ist den Alten nicht klar, dass Fragen, die nicht gestellt werden, logischerweise ohne Antwort bleiben?

Ist es denn wirklich der Jugendlichkeitswahn und die wahnhafte Hoffnung auf Anti-aging-Programmen, die den Alten die Lippen verschließen?

Solange die Alten an den Illusionen und Erwartungen der Jugend festhalten und das, was sie wollen nur in diesem Kontext sehen, verstricken sie sich in ein immer verzweifelteres Spiel, das sie nur verlieren können. Das Streben nach Jugendlichkeit macht blind für die Möglichkeiten des Alters. Die Verdrängung des Alters blockiert jede Weiterentwicklung und verhindert, dass sich Lebensmöglichkeiten eröffnen, die den Alten, wenn sie realistisch Stellung bezögen, zur Verfügung stünden. Solange sie in der Jugendfalle stecken, können sie die Potenziale des Alters gar nicht wahrnehmen. Die eigene Haltung verhindert die Entwicklung von fruchtbaren Lösungen.

Es ist längst wissenschaftlich belegt,  dass die Entwicklung der Intelligenz, die Fortbildung des individuellen Selbst, die Entfaltung von Kompetenzen und Generativität bis ins hohe Alter, bis ins hundertste Lebensjahr und darüber hinaus möglich ist. Sicher ist aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, die letzten Lebensjahre in einer Alten- oder Pflegeeinrichtung zu verbringen, mit zunehmendem Alter bis auf nahezu hundert Prozent in die Höhe schnellt.

Aber das ist in Deutschland kein Thema – und die Altern schweigen. Sie lassen es zu, dass ihre Kompetenzen und Potentiale ungenutzt bleiben. Sie lassen es zu, dass so ein gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, der unermesslich und unersetzlich ist.

So bleibt die Macht in den Händen der Uneinsichtigen und Unbelehrbaren, in den Händen der Stillosen und Toren. Zu erinnern bleibt der über Jahrtausende anhaltenden Stillstand der Geschichte aus dem anhaltenden Willen zur Macht. „Der tragische Stil der Geschichte“, so Hans Ebeling, „ist nicht allein dadurch bestimmt, dass Verwirrungen selbstinszeniert werden. Tragisch ist, dass eigentlich nichts geschieht als die Aufsteigerung und Abgleichung blanker Selbsterhaltungsquanten. Handelte es sich nicht um die Geschichte von Menschen, wäre es möglich , das Komödiantentum in der Tragödie mehr zu schätzen“.

Unverzeihlich ist das Schweigen der Alten besonders dort, wo es um die Lebensqualität ihrer Alten, der über 80jährigen, geht. Unverzeihlich ist es und verachtungswürdig, dass die Alten nicht geschlossen gegen das heutige Anstalts- und Heimsystem aufstehen und kämpfen.

Das heutige Anstalts- und Heimsystem entstand als Problemlösung des 19. Jahrhunderts für den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren – unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung und Marktwirtschaft war es segensreich und oft lebensrettend. Viele Gründe zwingen jedoch im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten, Pflegebedürftigen, geistig Behinderten, psychisch Kranken und der (behinderten) Kinder und Jugendlichen angemessen sein kann – und  überhaupt muss. In all diesen Bereichen der Hilfebedürftigkeit sind längst ambulante kommunale Alternativen, die eine Integration der Betroffenen ermöglichen, bekannt. Sie werden bisher aber nur unzureichend angeboten. Insofern sind wir in den Umbau des Heimsystems bereits eingestiegen, es ist aber an der Zeit, ihn systematisch zu erfassen und behutsam zu steuern, damit nicht gerade die Verletzlichsten in der Gesellschaft seine Opfer werden. Der Umbau ist insbesondere gesetzgeberisch sowie sozialpolitisch zu begleiten, wie dies z.B. in einigen skandinavischen Staaten bereits geschieht.

Die Solidarität mit den Hilfebedürftigen wird in Zukunft stärker als bisher zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, da dem – vor allem demographisch bedingten – Anstieg der Zahl der Hilfebedürftigen eine Abnahme der verfügbaren Geldmittel und eine Abnahme der Tragfähigkeit familiärer Netzwerke gegenüberstehen. Hinzu kommt, dass immer weniger alte wie behinderte Hilfebedürftige bereit sind, in ein Heim zu gehen, weil sie dies für unvereinbar mit ihren Persönlichkeitsrechten halten. Dies wirft auch verfassungsrechtliche Fragen auf („besonderes Gewaltverhältnis“): vor allem die Frage nach der Verantwortbarkeit des Lebens in Heimen für heutige Menschen. Schließlich können wir auch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Heimen zunehmend schwer fällt, auch nur die Mindeststandards der Versorgung einzuhalten oder entlassbare Heimbewohner auch tatsächlich zu entlassen.

Die Institution „Heim“ ist als Versorgungstyp eine Innovation vor allem des 19. Jahrhunderts, als die Bürger unter den Gegebenheiten der beginnenden Moderne ihre „Sorge für Andere“ zunehmend auf die abstrakteren Geldleistungen umstellten. Das „Heim“ kann jedoch den Ansprüchen der Individualisierung und der expandierenden Persönlichkeitsrechte der post- oder spätmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Daraus ergibt sich eine Doppelaufgabe: Zum einen müssen schon jetzt real existierende Missstände pragmatisch angegangen werden. Ebenso gilt es, ambulante kommunale Hilfestrukturen weiterzuentwickeln und auf eine breite Basis zu stellen, um den notwendigen Halt in die Lebenswelt der Menschen zu holen. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Sorgebedarf ist auf eine neue, zeitgemäße Basis zu stellen.

Haben wir also aus all diesen Gründen das Hilfesystem für den Ausgleich zwischen Schwächeren und Stärkeren im Sinne der „community care“ dahin zu entwickeln, dass Heime so weit wie möglich reduziert und dafür besser ausgestattet werden und an deren Stelle zunehmend ein ambulantes kommunales Hilfesystem tritt? Oder gibt es bessere Wege? Und haben wir die eher zunehmende Bereitschaft der Bürger zu (selbstbestimmtem) freiwilligem sozialen Engagement als Signal zu verstehen, nicht mit noch mehr Geldmitteln, wohl aber – wie vor dem 19. Jahrhundert – mit mehr Sachmitteln solidarisch für Andere einzustehen, um ihren Anspruch auf soziale Teilhabe zu erfüllen und dies für den richtigen Weg zur Weiterentwicklung einer Bürger- oder Zivilgesellschaft zu halten?

Die Überlebensform des Geistes gebietet, Unzeitgemäß zu sein.

(BdPV e.V.) Bund der Pflegeversicherten e.V.

Gerd Heming (Vors.)

Münster, Januar 2013

E-Mail: Gerd.Heming@t-online.de

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Fotoquelle: Wikipedia
Source     It’s all about love
Author     Candida Performa

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4 Kommentare zu “Die Überlebensform des Geistes”

  1. RosaLux sagt:

    Ein merkwürdiger Bogenschlag vom sog. „Edelmut“ zur schließlichen Heimunterbringung. Dazwischen werden mehrere Themen angerissen wie „anti-aging“ (igittigitt) oder das Schweigen der „Alten“ etc. etc.
    Das Hauptanliegen scheint die würdevolle Versorgung der Alten im Pflegezustand zu sein, aber auch die Phase vorher. Lösungsmöglichkeiten werden kaum angerissen. Die gesellschaftliche Problematik, verlängertes Leben, zugleich – ganz natürlich – mehr und längere Krankheitsdauer bis zum Tod bei zunehmend mehr Menschen, die Entwicklung zur Kleinstfamilie bis zum Singlehaushalt, die Unpersönlichkeit und oft Überforderung der Pflegeheime (des Pflegepersonals), die Schwindsucht der verfügbaren Pflegemittel, die zu – zugegeben unerträglichen – Sparmaßnahmen aller Art führt, andere Wohnformen der Alten-WG z.B., öffentliche Begegnungsstätten inkl. Bank auf dem Marktplatz, Aufgabenzuordnung und -Übernahme an die/von den „Alten“, aber auch die Schaffung von Seniorenbeiräten. Erc. etc.
    Das Konglomerat der Probleme ist nicht nur ein „geistiges“ Problem, wie der Titel „Überlebensform des Geistes“ Glauben macht.
    Verdienstvoll ist sicherlich der nachdrückliche Hinweis auf die zunehmenden Probleme der Alten, unvollkommen aber ist die klare Zielrichtung. Schade drum.

  2. emschergenosse sagt:

    offtopic
    #1
    DU schwingst dich hier langsam zum „Reich-Ranicki“ – negativ gefühlt – dieses Blogs auf. Hast du nichts anderes zu tun? Abgesehen von deinen oft nicht schlechten Sachbeiträgen machst du hier mit deinen törichten pseudokritischen Betrachtungen Dinge, die da eigentlich nicht hingehören.

    Es wundert mich, dass die Redaktion derartige Kommentare freischaltet, die kein sachlicher Beitrag zum Vortrag des Artikels sind, sondern in meinen Augen einfach mal wieder etwas , dass was gesagt ist. Kannst du eigentlich nicht einfach mal zuhören, anstelle zu allem deinen (den) sprichwörtlichen Senf dazuzugeben???

    Wenn du die Behauptung aufstellst, dass das Konglomerat der Probleme nicht nur ein “geistiges” Problem ist, wie der Titel “Überlebensform des Geistes” Glauben macht, machst du mit dieser Behauptung genau das, was du vorher unnötigerweise kritisierst.
    Zum einen musst nicht sagen: …wie der Titel “Überlebensform des Geistes” Glauben macht – sondern aus deiner Sicht: …glauben zu machen versucht [wobei „glauben“ klein geschrieben wird].
    Zum anderen hättest du eigentlich das andere ausser dem geistigen Problem mindestens erwähnen sollen!
    „Sage nichts, nur dass etwas gesagt ist!“ war das geflügelte Wort eines nicht so unbekannten Therapeuten. Wenn du willst, fang es auf.

  3. RosaLux sagt:

    Danke für die aus deiner Sicht verdiente „Haue“. Werde darüber nachdenken. – Jetzt bin ich mal gespannt, was du zum text zu sagen hast.

  4. emschergenosse sagt:

    Nichts! …weil dieser spezielle Text von Gerd Heming mich heute nicht sonderlich interessiert. So einfach ist das! Bei anderen Texten von ihm ist das anders: Die nehme ich auf, weil sie mich interessieren, wobei daraus niemals eine zwingende Notwendigkeit resultiert, einen Kommentar zu verfassen. Seine Information oder Ausführungen reichen mir.
    Und so wie ich weiss, schreibt er schon lange auf DL.

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