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Die Stunde Null und die Currywurst

Erstellt von Uli Gellermann am Freitag 3. April 2015

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Timm!

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/Currywurst-1.jpg

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 01. April 2015
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Buchtitel: Montaignes Turm
Buchautor: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

„Sie wollen uns die Currywurst wegnehmen“, titelte die „Hamburger Morgenpost“ damals, in Erwiderung einer als räuberisch empfundenen Attacke der Berliner BZ, als Uwe Timm mit seiner 1993 erschienenen Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ versehentlich eine Fehde zwischen den beiden Städten auslöste, die für sich in Anspruch nehmen eben diese Wurst mit Soße erfunden zu haben. Nachzulesen ist diese seltene Folge eines Romans in einer neuen Arbeit des Autors: „Montaignes Turm“, einer Sammlung von Essays, die in diesen Tagen pünktlich zum 75. Geburtstag des Schriftstellers ihre Leser erreicht. Timms Currywurst ist die Randerscheinung eines poetischen Textes, der von Lena Brückner in Hamburg erzählt, die ihrem jungen Geliebten, der aus dem letzten großen deutschen Krieg desertiert war, eine Fortsetzung des Krieges über das Ende hinaus inszenierte, um ihn an sich zu binden. Die ungewöhnliche Umkehrung des antiken Lysistrata-Motives – die sexuelle Verweigerung der Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzielen wird im vermeintlichen Currywurst-Roman zum nur scheinbaren Kriegsgefängnis der Liebe wegen – findet ihr Ende, als Lena Brückner die ersten Fotos ermordeter Juden in den Nach-Nazi-Zeitungen sieht: Die frühen Tage der Befreiung sollten kleine und große Lügen beenden und zugleich die neue Lüge anspinnen, jene von der Stunde Null.

Ob Uwe Timm sich 1974, als er seinen ersten Roman veröffentlichte, vorgestellt hat, dass er später einer der Großen deutscher Literatur werden würde? „Heißer Sommer“ hieß sein Erstling und ist einer der wenigen literarischen Zeugnisse der 68er Bewegung, jenem Frühling westdeutschen Aufbegehrens dessen Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Deutschland bis heute Spuren hinterlassen hat. Dass Uwe Timm ins Englische, ins Französische, ins Russische und was der europäischen Sprachen mehr sind, übersetzt werden würde, wird ihm damals kaum geträumt haben. Denn Timms Träume, soweit sie in seinen Büchern öffentlich wurden, waren selbst in Momenten größter Privatheit zumeist für die Vielen geträumt, waren den Verhältnissen gewidmet, in ihnen zugleich den Einzelnen, deren Besonderheiten er liebevoll, sprachmächtig und geschichtsbewusst aus der Gesellschaft entwickelte, auch um sie zu bessern.

Eine Stunde Null wollte der Schriftsteller Timm dem deutschen Imperialismus keinesfalls für das Jahr 1945, das Kriegsende spendieren: Mit dem 1978 erschienenen Roman „Morenga“ über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwest-Afrika grub der Autor an jenen frühen Wurzeln von Rassismus und Militarismus, aus denen zwei deutsche Weltkriege wuchsen und auch die industrielle Vernichtung der europäischen Juden. In einem weiteren Buch hat Uwe Timm sich der langen deutschen Blutspur erinnert: In der autobiographischen Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ ist über seinen Bruder Karl-Heinz zu lesen, der sich freiwillig zur SS gemeldet hatte, und auch vom Vater, Hans Timm, der  Mitglied eines Freikorps im Baltikum gewesen war und gegen die „Bolschewisten“ gekämpft hatte. Und dann kam in dieser Erzählung auf den leisen Sohlen des Verschweigens die Stunde Null daher: „. . . eines Tages, redeten die Erwachsenen auf mich ein, verboten mir, was ich doch eben erst gelernt hatte: die Hacken zusammenzuschlagen. Und Heil Hitler zu sagen. Hörst du. Auf keinen Fall! Das wurde dem Kind leise und beschwörend gesagt. Es war der 23. April 1945, und die amerikanischen Soldaten waren in die Stadt eingerückt.

Mit einer „Reise an das Ende der Welt“ endet der jüngste Essay-Band von Uwe Timm. Bis zu diesem Ende ist immer wieder Timms sorgsame Sprache zu erfahren, seine sichere Ruhe in der Beschreibung von Wirklichem und Gedachtem: Vom „Zwischenreich der Märchen“ über die deutsche Sprache und deren Dialekte, mit einem langen, wunderbaren Kleis-Zitat, das dem Konjunktiv der deutschen Literatur seinen bewegenden Platz einräumt, bis zum erneut gelesenen „Zauberberg“ von Thomas Mann, in dem das im Buch entdeckte Begehren auf Timms bisher letzten Roman „Vogelweide“ weist. – Doch ist die Reise des Autors im Oktober des letzten Jahres in das Flüchtlingslager Dafur im Tschad, an das „Ende der Welt“, das aktuellste Zeugnis für die Einsichten des Schriftstellers Uwe Timm. Das „Ende der Welt“ ist nicht primär geografisch zu begreifen. Timm sieht den zweiten Sieg des globalen Kapitalismus über seine ehemaligen Kolonien, wenn er notiert, dass die EU hochsubventionierte Lebensmittel in die afrikanischen Regionen exportiert, „wo sie fast um die Hälfte billiger sind als die dort erwirtschafteten. Das ruiniert die Bauern. Woraufhin sich abermals verarmte Menschen in den Strom derer, die nach Europa drängen, einreihen.“ Es ist nicht auszuschließen, das an diesem Hungerstrom das Ende der uns bekannten Welt liegt.

Einmal, am Rande des Lagers, entdeckt der Autor eine starke Frau, die nach der Flucht aus dem Sudan auf eigenen Beinen steht, eine Art Imbiss eröffnet hat und ohne Wehleidigkeit überlebt. Auch nach Krieg und Flucht, erzählt Timm, ist ein neuer Anfang möglich. Er ist sich sicher, dass er einer sudanesischen Frau Brückner, der Entdeckerin der Currywurst, begegnet ist. Der von Timm erfundenen Erfinderin ist in Hamburg eine Gedenktafel gewidmet. So stark und manchmal auch seltsam kann Literatur wirken. – Üblich ist es, dass sich der Gefeierte zu seinen Geburtstag etwas wünschen kann. Vom Üblichen abweichend wenden wir die Verhältnisse und wünschen wir uns von Uwe Timm mehr und neue Bücher, die den Zuständen zu anderen Umstände verhelfen könnten: Neues will geboren sein.


Grafikquelle :    Currywurst in Pappschale mit „Pommesgabel

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