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Die Spur des Fremden

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 19. Februar 2019

Orson Welles: Die Spur des Fremden

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Quelle      :     untergrund-blättle- ch.

von Ulrich Behrens

Orson Welles, der mit «Citizen Kane» fünf Jahre zuvor einen der besten Filme aller Zeiten inszeniert hatte, drehte diesen „sanften” film noir «Die Spur des Fremden» um die Verfolgung eines NS-Verbrechers ein Jahr nach Kriegsende vor aktuellem Hintergrund.

In Nürnberg war der Internationale Militärgerichtshof dabei, die noch lebenden Hauptschuldigen der NS-Verbrechen anzuklagen und zu verurteilen. Etliche weniger bekannte NS-Verbrecher hatten sich dem Zugriff der Alliierten durch Flucht ins Ausland, vor allem nach Südamerika, entzogen, wo sie unter falscher Identität hofften, ein neues Leben zu beginnen und ihrer Verurteilung zu entgehen.

Andere Spezialisten des NS-Regimes wie der Raketenforscher Wernher von Braun, der 1943 die „Vergeltungswaffe 2“, kurz V2, entwickelt hatte (mit 12.000 dieser Raketen wurden 1944 die Niederlande, Belgien und London beschossen), hatten sich den Amerikanern gestellt und wurden später zu den Protagonisten der US-Raumfahrt.

Erst 2004 wurde durch die „Nazi War Crimes and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group“ in den USA das Ausmaß der Aufnahme von Nationalsozialisten in die CIA und andere Regierungsbehörden nach 1945 im Zusammenhang mit dem beginnenden „Kalten Krieg“ bekannt (man hoffte in der CIA auf Kenntnisse der Nazis über die Sowjetunion usw.). Auch fünf Mitarbeiter des später in Israel zum Tode verurteilten NS-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann hatten für die CIA gearbeitet (1).

Von alldem war 1946 so gut wie nichts bekannt. Und so ist „The Stranger“ einer jener Filme, deren Macher es für selbstverständlich hielten, vor den Gefahren untergetauchter Nazis und Kriegsverbrecher zu warnen und die Notwendigkeit der gesamten Gesellschaft aufzuzeigen, solche NS-Verbrecher dingfest zu machen und vor Gericht zu stellen.

Inhalt

Es ist Frieden. Erst recht in der kleinen amerikanischen Stadt Harper im mittleren Westen, die wie das Land insgesamt von den Gräueln des zweiten Weltkrieges verschont worden war. Europa ist weit entfernt, und in Harper scheint alles zum Besten zu stehen. Die Tochter des örtlichen Richters Longstreet (Philip Merivale), Mary (Loretta Young), will den Lehrer Prof. Charles Rankin (Orson Welles), einen im Ort beliebten Mann, heiraten, dessen Hobby alte Uhren sind (Rankin will für die Gemeinde auch die Kirchturmsuhr wieder in Gang setzen).

Die neuesten Neuigkeiten erfahren die Einwohner im Laden des zumeist gut gelaunten Mr. Potter (Billy House) beim Dame-Spiel – bis, ja bis eines Tages ein Unbekannter in Harper eintrifft, der seinen Koffer bei Mr. Potter zur Aufbewahrung gibt, im Telefonbuch eine Nummer sucht und wieder verschwindet. Auch das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn dieser Unbekannte nicht plötzlich verschwunden wäre, nachdem er kurz zuvor bei Mary nach deren Verlobten gefragt hatte.

Der Unbekannte, ein gewisser Konrad Meinike (Konstantin Shayne), passt Prof. Rankin ab. Die beiden kennen sich. Kurze Zeit später ist Meinike tot und im Park des Ortes vergraben.

Noch ein merkwürdiger, aber sehr freundlicher Herr taucht in der Kleinstadt auf – ein gewisser Wilson (Edward G. Robinson), ein Mann, der es offenbar gelernt hat, Leute auszufragen, ohne dass die es merken. Kurz zuvor war Wilson in einer Sporthalle niedergeschlagen worden – von wem, weiß er nicht. Wilson befragt alle, auch Marys Bruder Noah (Richard Long), der seinen Schwager in spe nicht besonders mag, und den Richter. Wilson gibt sich als Antiquitätenhändler aus.

Als er von Richter Longstreet zum Essen eingeladen wird, philosophiert Rankin über die Mentalität der Deutschen. Er glaube nicht daran, dass man dieses Volk demokratisieren könne; eher solle man es vernichten. Alle sind für einen Moment entsetzt über diesen Satz. Dann entgegnet Noah ihm, schließlich hätten die Deutschen nicht nur Verbrecher hervorgebracht, sondern z.B. auch Karl Marx.

Man verabschiedet sich. Doch dann fällt Wilson eine Bemerkungen Rankins ein, mit der er Noah geantwortet hatte: Marx sei kein Deutscher, sondern ein Jude gewesen …

Inszenierung

Schon bald ist klar, dass Wilson im Auftrag einer alliierten Kommission einen NS-Verbrecher namens Franz Kindler sucht. Und ebenso bald ist klar, dass es sich bei Prof. Rankin um die gesuchte Person handelt. Die Kommission hatte auf Anraten Wilsons Kindlers Ex-Mitarbeiter in einem KZ, Meinike, laufen lassen, damit dieser Wilson zu Kindler führt.

Der Film selbst gewinnt seine Spannung also nicht aus der Frage nach dem großen Unbekannten, sondern daraus, dass allmählich immer mehr Personen deutlich wird, wer Rankin wirklich ist – bis hin zu seiner Frau Mary, die er an dem Tag heiratete, an dem er Meinike ermordet und vergraben hat. Zum anderen zeigt Welles, der die Hauptrolle des Bösewichts in überragender Weise selbst spielt, wie Rankin immer wieder auf’s Neue versuchen muss, seine Identität zu verbergen – insbesondere durch mehr oder weniger intelligente Lügengeschichten gegenüber Mary.

Dieser kommt an einem bestimmten Punkt der Geschehnisse eine Schlüsselrolle zu, die sie in einen starken, kaum auszuhaltenden emotionalen Konflikt bringt: Sie ist die einzige, die bezeugen kann, dass Meinike nach Rankin gefragt hat. Von ihr hängt ab, ob Wilson Kindler überführen kann. Zugleich aber bedeutet dies, dass für Mary die Hoffnung auf ein glückliches Leben mit Rankin zusammenbricht. Sie versucht sich, durch Ableugnen der Tatsachen vor der bitteren Wahrheit zu schützen. Sie will in Rankin nicht den sehen, der er ist.

Der Titel des Films „The Stranger“ ist mehrdeutig: Zwei Fremde kommen in die Stadt, Meinike und Wilson, aber in der Stadt befindet sich auch ein Fremder, Rankin, über dessen wahre Identität nur niemand Bescheid wusste.

„The Stranger“ gehört zu jenen Filmen, in denen der Bösewicht (von Anbeginn an bekannt) immer weiter in die Enge getrieben wird. Welles spickt die Geschichte mit einigen durchaus unheimlichen und spannenden film-noir-Szenen – auch die Schlussszene gehört hierhin -, aber insgesamt fällt „The Stranger“ hinter viele andere Filme des Meisterregisseurs eben doch zurück, vor allem weil die politische Brisanz des Themas selbst im Film nur am Rande zum Ausdruck kommt.

„The Stranger“ bleibt vor allem Krimi. Auch die Zuspitzung auf den emotionalen Konflikt Marys bleibt dramaturgisch etwas mager, weniger wegen ihrer Rolle als einzige Zeugin (von Kindler existiert kein Foto, weil er alle Dokumente vor seiner Flucht verbrannt hatte), sondern wegen der wenig überzeugenden, mir zu theatralischen Performance von Loretta Young.

So bleibt ein Film, den man einmal gesehen haben sollte.

Ulrich Behrens

Die Spur des Fremden

USA – 91 min.

Regie: Orson Welles
Drehbuch: Victor Trivas, John Huston
Darsteller: Edward G. Robinson, Loretta Young, Orson Welles
Produktion: Sam Spiegel
Musik: Bronislau Kaper
Kamera: Russell Metty
Schnitt: Ernest J. Nims

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Grafikquelle      :      1980 print advert featuring Orson Welles, for Paul Masson wines.

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