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Die Spieler – im Internet

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 13. Januar 2019

Nach der Veröffentlichung privater Daten

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von Tanja Tricarico

Hackerangriff, Datenklau, Doxing? Gesteuert aus einem Kinderzimmer in Hessen landen die Daten von mehr als tausend Menschen im Internet.

Fleißig ist er, akribisch. Nacht für Nacht sitzt er vor dem Rechner im Haus seiner Eltern. Und sammelt. Telefonnummern, Adressen, Bankdaten, E-Mail-Konten. Manchmal auch das Ping-Pong-Spiel von Nachrichten, veröffentlicht über WhatsApp. Ein kompliziertes Verfahren braucht er nicht. Ganz im Gegenteil, die Datensammelei ist ein Kinderspiel – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Rede ist von Johannes S., dem mutmaßlichen Verantwortlichen für einen der größten Datenklau-Skandale der letzten Jahre. Monatelang recherchiert er, bunkert Tausende Datensätze von über tausend Politiker*innen, Künstler*innen, Journalist*innen. Zum Beispiel von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Grünen-Chef Robert Habeck, den Moderatoren Jan Böhmermann und Christian Ehring sowie von Rapper Materia und der Band K.I.Z.

Er sammelt Kontaktdaten wie Handynummern und Adressen, Chats mit Familienmitgliedern und Kreditkarteninformationen. Teilweise sind die Dokumente mehrere Jahre alt. Sie alle werden nach und nach veröffentlicht. Als Vorweihnachtsüberraschung in einem digitalen Adventskalender.

Es ist ein Spiel. Ein Spiel, das Durchhaltevermögen braucht. Der Gewinner wird mit „fame“ belohnt – wie es in der Szene heißt. Im aktuellen Datenklau-Skandal ist es ein 20-jähriger junger Mann aus Homburg in Hessen. Am vergangenen Sonntag war sich das Bundeskriminalamt absolut sicher, dass er am groß angelegten Datenklau, der nur wenige Tage zuvor ans Licht kam, maßgeblich beteiligt ist.

Selbstdarstellung und „Kinderkacke“

Zwar verschleierte der mutmaßliche Täter seine digitalen Spuren. Sein Fehler: Er schwieg nicht über seine Taten. Freimütig chattete er unter dem Namen God oder Orbit mit YouTubern und Bloggern. Er machte kein Geheimnis daraus, wie leicht es für ihn war, über Menschen, „über die er sich geärgert hat“, ein Datenprofil anzulegen und dieses dann im Netz für jeden und jede zugänglich preiszugeben.

Was bewegt einen 20-jährigen Heranwachsenden aus einer hessischen Kleinstadt zu solchen Straftaten, für die er mit mehreren Jahren Haft bestraft werden kann? „Ein Hacker ist er nicht“, sagt padeluun. Und der muss es wissen, schließlich ist er selber einer und setzt sich seit Jahren für den Schutz persönlicher Daten im Netz ein.

„Und wenn er doch Seiten oder Profile gehackt hat, ist er allenfalls ein Cracker. Einer, der Schaden verursacht hat.“ Das Verhalten des jungen Mannes hält padeluun für typisch männlich, für eine reine Selbstdarstellung und „Kinderkacke“. „Alles überall hinzukopieren ist kein guter Umgang mit Netzen und Daten.“

Der Netzaktivist unterscheidet zwischen mindestens zwei Szenen im digitalen Raum. Da gibt es diejenigen, die auf der „guten Seite“ stehen, Sicherheitslücken finden und schließen wollen. Und dann diejenigen, die Zerstreuung und Unterhaltung im Netz suchen, stundenlang YouTube-Videos schauen und machen, sich berieseln lassen und selbst für Berieselung sorgen. Zur letzteren Gruppe zählt padeluun den 20-Jährigen Hessen. Daten zu finden sei eine Frage guter Recherchearbeit, Zeit, guter Software und Glück.

„Wir sind gläsern im Netz“

Auch padeluun ist vom aktuellen Datenklau betroffen. Auf einer Liste, die über Indymedia veröffentlicht wurde, tauchen sowohl sein Name als auch die Namen von Bekannten auf – obschon falsch geschrieben –, inklusive kryptischer Adressinformationen. Rund 200 Namen erscheinen insgesamt auf dem Datensatz. „Zwar kann ich diese Liste nicht wirklich ernst nehmen, aber das Gefühl, dass wir darauf stehen, ist nicht gut“, sagt padeluun.

 Dieses Gefühl beschleicht alle, deren persönliche Informationen plötzlich auch dort erscheinen, wo sie eigentlich gar nicht hin sollen. „Wir sind gläsern im Netz. Jeder muss aufpassen, dass alles, was man tut, auch im digitalen Raum auftauchen kann und bleiben wird“, sagt Catarina Katzer. Die Sozialpsychologin spricht gar von einer verschwindenden Grenze zwischen Realität und Online-Welt. Das Gefühl, immer und überall Ziel einer Überwachung, Ausspähung und Cyber-Attacke sein zu können, verstärkt sich. Nicht nur über das Netz wird angegriffen, sondern schließlich auch im echten Leben.
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Grafikquellen     :

Oben      —         Unterzeichnung des Koalitionsvertrages der 19. Wahlperiode des Bundestages: Lars Klingbeil; Andrea Nahles; Olaf Scholz; Angela Merkel; Horst Seehofer; Alexander Dobrindt; Volker Kauder; Annegret Kramp-Karrenbauer; Andreas Scheuer

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