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Die Fragilität des Virus

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 7. Mai 2020

Kontertext:  Wenn Vögel vom Himmel fallen

Quelle        :     INFOsperber    CH.

Silvia Henke / 06. Mai 2020

Die Fragilität, die das Virus für Gesundheit und Wohlstand mit sich bringt, betrifft vieles, insbesondere auch die feste Meinung.

Man sah in den Berichterstattungen der acht Corona-Wochen, dass es für die Politik immer wieder trügerisch war, sich von einzelnen Eckpunkten der Krise leiten zu lassen. Der Hilfeschrei eines Arztes aus Bologna etwa, aus einem Spital, in welchem schon vor Corona zu schnell gestorben wurde, hat bei uns Anfang März unglaublich viel Angst ausgelöst – soviel, dass man (auch ich) den Shutdown als völlig konsequent empfand, als stünde gerade unser aller Leben auf dem Spiel. Die entsetzten Augen des Arztes sind mir geblieben, das Video schaffte Sensation und kam mir wieder und wieder in den Sinn. Jedoch musste ich es viele Male in neue Beziehungen zu anderen «Sensationen» setzen: zu Hungeraufständen in Folge des Lockdowns im Libanon oder zu den explosiven Verhältnissen der Pariser Banlieus.

Aber auch Faktenwissen musste immer wieder revidiert oder anders interpretiert werden. Zum Beispiel, was sich gerade im Widerstreit zwischen den Berichten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), beide infektologisch abgestützt, entzündet: Der Bericht der WHO besagt, Kinder seien Träger des Virus, der Bericht des BAG dagegen, Kinder seien kaum ansteckend oder ansteckbar. Zwei unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen mit sehr weitreichenden Folgen für Millionen von Familien. Das ist nur eine von vielen Unsicherheiten, die die Krise begleitet. Aber wie weiss man, was richtig ist und wer darf das Wissensmonopol haben?

Welches Wissen?

Meinungs- und Perspektivenwechsel kann man kaum jemandem vorwerfen; sie liegen in der Sache. Denn so viel Wissen sich aktuell versammelt, so viel Unsicherheit verbreitet sich gleichzeitig in den jeweiligen Lücken dieses Wissens. Logisches Wissen ist per se lückenhaft, damit hat sich die Erkenntnistheorie und die Philosophie schon immer beschäftigt. Sei es das medizinische, das virologische, das ökonomische oder soziologische Wissen: Mit jeder Prognose und jeder Statistik entstehen neue Wissenslücken zwischen den Gewissheiten und Fakten. Noch nie haben Politik und Gesellschaft so sehr auf die Wissenschaften gehört – und dennoch sind sie nicht in den Besitz der «Wahrheit» gelangt, noch haben sie letzte Handlungssicherheit erreicht.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Die Fragilität, die das Virus in Bezug auf unsere Gesundheit und unseren Wohlstand herbeiführt, scheint alle und alles zu betreffen, vor allem auch fixe Meinungen. Nur Anhänger von Verschwörungstheorien sind auf der sicheren Seite, weil sie mit ihren fiktiven Beweisführungsketten die Lücken des Wissens schliessen können. Indem sie zum Beispiel im Rückschluss von den Profiteuren der Krise auf vermeintliche Ursachen verweisen, kommen sie auf die «Logik» und auf mögliche Akteure hinter der Verbreitung des Virus: Microsoft, Amazon, und die Pharmaindustrie. Sozialdarwinistische Ansätze sind knapper formuliert, aber profitieren von gleichen Irrlichtern der Logik: Es gibt zu viele an Mehrfacherkrankungen leidende alte, übergewichtige Männer, das Gesundheits- und Alterspflegesystem ist überlastet durch die ständige Verschiebung der Lebensdauer gegen 90. Folglich schaffe das Virus hier natürlichen Ausgleich.

Auch pointierte Kritik, die sonst ein Mittel ist, um untergründige Prozesse zu enttarnen und ein anderes Wissen zu lancieren, erwies sich schnell als zu kurzatmig. Wie etwa bei Lukas Bärfuss, der im Magazin «Der Spiegel» die flammende Frage an den Bundesrat sandte, warum dieser nicht besser vorbereitet sei und entschlossener handle: «Was mag die Ursache sein für diese fatalistische Blindheit, die suizidale Sorglosigkeit?» .

Bärfuss wurde gerügt und er durfte sich kurz darauf im «Fokus» bei SRF 3 in einzelnen Punkten revidieren. Ein Punkt, genauer eine Vokabel, behielt er jedoch bei: Seine Klage über einen «Fatalismus» im Umgang mit der Pandemie.

Das ist interessant. Genau die im Kampf gegen Fatalismus schlummernde Aufforderung zu rationaler Analyse, zu «besserem» Wissen und «richtigem» Handeln ist nämlich das Problem. Denn welches Wissen sollte die Grundlage dafür sein?

Religiöses Wissen?

Es gab zwar Aufrufe zu kollektivem Meditieren gegen die Pandemie, aber – und das erstaunt in diesen Zeiten aufblühenden wissenschaftlichen Wissens wenig – die Stimme der Religion war bisher kaum gefragt und wurde in den öffentlichen Diskursen ausgeklammert. Ganz anders als in Camus’ «La Peste», wo es der Jesuitenpater Paneloux ist, der die Epidemie als erster erkennt und sie in seiner Predigt benutzt: Sinn der Pest sei es, den (Un)gläubigen die Augen zu öffnen und sie zum Nachdenken über ihr Leben zu zwingen. Eigentlich eine sinnvolle Botschaft. Bei uns blieb die Stimme der Religion still, still blieb es auch bezüglich einer möglichen Öffnung der Kirchen oder Moscheen. In den ersten Plänen des Bundesrates wurden sie schlicht vergessen, wie die Bischofskonferenz Mitte April zurecht beklagte. In diesem Zusammenhang fiel mir der Facebook-Eintrag eines Freundes aus Kolumbien ein. Der Blogger und Schriftsteller Nikolaus Wyss schrieb am 30. März in einem meines Erachtens interessanten Post:

«Tatsache ist wohl einzig, dass wir uns vom courant normal weit entfernen und dass wir viele Opfer beklagen werden und einige Gewinner ausmachen können. Das ist halt so. Und wir wissen momentan noch nicht so genau, ob wir uns zum Schluss zu den einen oder zu den anderen zählen dürfen. Warten wir es doch um Gottes Willen einmal ab und denken nicht zu viel dabei. Besser ist zu handeln, sei es im Befolgen der Quarantäne oder im selbstlosen Einsatz dort, wo Hilfe nötig ist und geleistet werden kann.»

St Corona am Wechsel Kirche Bildnis.JPG

Der Post kam gut an, aber der Hinweis auf «Gottes Willen» wurde in Kommentaren problematisiert. Nicht nur bei Facebook, auch in unserem «Wissensmanagement» generell ist «Gottes Willen» nicht gefragt. Wir suchen dieses höhere Ganze, Unbekannte, Schicksalshafte und Ungewisse, auf das diese Formel verweist, ganz offensichtlich nicht. Wir hängen an den Kurven und Statistiken, wir folgen mit Vorliebe den Experten. Auch die «Republik» unterlegte ihrem zuverlässigen Covid Journal einen gepflegt sachlichen und rationalen Diskurs. Aber, grosses Aber: Genügt uns der Rationalismus, um Dinge zu erklären, die sich letztlich den gängigen Erklärungsmustern entziehen? Benötigen wir nicht auch metaphysische, umfassendere Muster, um uns in der Welt so heimisch zu fühlen, dass wir uns für sie einsetzen? Hat nicht die Klimaforschung genau dasselbe Problem, dass nackte Studien, eindeutige Zahlen, hervorragende Infografiken und erschütternde Fakten die Menschen letztlich zu wenig aufrütteln und bewegen?

Ein anderes Wissen

Während ich diese Sätze notiere, passieren drei Dinge synchron: Ich habe den Roman «La Peste» von Camus beendet, die Ratten sind in die von der Pest erlöste Stadt zurückgekehrt. Ich höre «Birds Requiem» von Youssef d’Hafer und erhalte beim Nachschlagen einer Information über eine App die Meldung, dass in Basel und Umgebung vermehrt tote Vögel vom Himmel fallen. Ausgebrochen und nachgewiesen ist in Basel auch die Taubenpest. Sie ist mitleidlos und tödlich. Die Blaumeisen hingegen sterben an Lungenentzündung.

Solche Bilder, Zwischenfälle und Koinzidenzien erfuhren in den letzten Wochen viele von uns. Viele haben Dinge in der Natur erlebt und beobachtet – mit einer Wachheit wie zum ersten Mal. In den Erzählungen tauchen sie auf als Einbrüche eines anderen Wissens, das ich hier einmal als ästhetisches bezeichnen würde. Sie lassen Raum für Intuitionen und Imaginationen. Zwei schöne Beispiele dafür: die Corona-Glossen der Schriftsteller und Kolumnist*innen Michelle Steinbeck und Martin R. Dean. Während Dean auf das Unheimliche unserer Hygienebemühungen hinweist und sie in den Kontext eines grundsätzlich gestörten Verhältnisses zur Natur stellt, beobachtet Steinbeck die übermässige Blütenpracht im April, die uns allen die Zeit der Quarantäne so versüsst hat, als Angstblühen der Natur mitten im Klimawandel – während ein Kind im Hof müde jammernd «aua, aua aua» schreit. (Michelle Steinbeck, «Stressblühen» in der Kolumne «Erwachet!», WoZ vom 30. 4. 2020.)

Wenn die Klimabewegung jetzt wiedererwacht, und das wird sie im Mai, dann kann sie sich auf ein ästhetisches Wissen beziehen, das die Menschen in der Coronazeit in Bezug auf Gesundheit und Umwelt gewonnen haben. Ästhetisches Wissen ist sinnlich, instinktiv und intelligent. Es lässt sich nie ganz einordnen oder funktionalisieren, es geht über Meinungen und Fakten hinaus in eine ahnungsvollere Erkenntnisdimension. Wenn wir jetzt vermehrt den Aufruf hören, dass wir nicht zurückkehren sollten in eine Normalität, die es durch den Klimawandel schon lange nicht mehr gibt, dann ist das ernst zu nehmen. Wie die Philosophin Eva Illouz in einem schönen Text zur Pandemie im März in der Süddeutschen Zeitung schreibt: «Die Unternehmerschaft auf der ganzen Welt wird vielleicht endlich begreifen, dass es erst einmal eine Welt geben muss, bevor man sie ausbeuten kann.»

Natürlich begreift das die Unternehmerschaft selber nicht. Nur die einzelnen Menschen können entscheiden, ihren Konsum zu senken und sich anders zu orientieren.

Soll die SWISS wirklich so bald als möglich wieder starten, wenn tote Vögel vom Himmel fallen?

Das Wissen um die Welt, um die Erde, die Natur, die Nahrungsmittel, die falschen Produktionswege und die Gesundheit hat sich vertieft. Es ist ein ästhetisches Wissen, das lebenswichtig ist und das die Klimabewegung stärken wird, weil wir wissen, dass wir nicht wissen, wie es sonst weiter geht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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Grafikquellen          :

Oben        —         Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

2.) von Oben       —     Flyer

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Unten     —           Image of Saint Corona on the altar of St. Corona am Wechsel parish church, Lower Austria

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