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Der Wischmob

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 3. Februar 2020

Der mobbende Mistkerl

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Von     Adam Ganz

Wie geht es weiter in Großbritannien nach dem Brexit? Unser Autor zeichnet das Stimmungsbild einer entzweiten Nation und ihrer politischen Elite.

Der wenig vertrauenswürdige Upperclass-Schurke gehört seit Shake­speares Zeiten zum Typen-Repertoire britischer Literatur. Auch Großbritanniens amtierender Premierminister Boris Johnson spielt diese Rolle in der Öffentlichkeit perfekt. Der große Blonde mit dem wirren Haar könnte glatt als aktuelle Version von Harry Flashman durchgehen, so heißt der mobbende Schüler-Tyrann in dem viktorianischen Jugendbuchklassiker „Tom Browns Schuljahre“.

Flashman hat auch den schottischen Schriftsteller George Macdonald Fraser zur historischen Romanserie „The Flashman Papers“ inspiriert. Bei Fraser durchlebt dieser Flashman haarsträubende Abenteuer in Indien und in Afghanistan, als sie zum britischen Empire gehörten. Fraser war überzeugt, dass das Empire Typen wie Flashman brauchte, obwohl sie sich als Beamte des Empire in den Kolonien zweifelhafter Methoden bedienten. Fraser charakterisierte Flashman als „Zinker, Lügner, Betrüger, Dieb und, oh ja, Speichellecker“. Johnson, wie er auf der politischen Bühne leibt und lebt.

In England ist es verpönt, mit eigenen Erfolgen zu prahlen, außer man tut es ironisch. Wer also bei der Nabelschau betont, „Verzeihen Sie meine schamlose Selbstdarstellung“, dem lassen die Briten alles durchgehen. Er muss dabei nur Sinn für Humor an den Tag legen. Johnson ist der schamloseste aller schamlosen Selbstdarsteller. Dabei begann seine Tätigkeit als EU-Korrespondent in Brüssel ja erst, als er von der Redaktion der Times in London wegen erfundener Zitate gefeuert worden war.

Lügengeschichten über „lustige Ausländer“

Für andere Journalisten wäre damit die Karriere beendet. Eliteschulabsolvent Johnson machte sich in Großbritannien einen Namen mit Lügengeschichten über „lustige Ausländer“ und Spott über unsinnige EU-Beschränkungen gegen britische Kartoffelchips-Würzmischungen. Sobald die EU sich gegenüber Großbritannien über Johnson beschwerte, bewies das für ihn nur: Brüssel versteht einfach keinen Spaß.

Anders als die literarische Figur Flashman wirkt Johnson körperlich ungeschlacht, er gleicht darin wiederum Billy Bunter, einer weiteren britischen Jugendbuchschöpfung. Beide gehen skrupellos vor, um an das Gewünschte zu kommen, und entschuldigen ihr erratisches Verhalten mit jeder noch so billigen Ausrede. „Boris bleibt Boris“, kommentierte Theresa May, gerade als ihr der parteiinterne Widersacher während eines Staatsbesuchs in Asien in den Rücken gefallen war.

Es war George Orwell, der Billy Bunters Welt einst mit dem Satz „Nichts ändert sich jemals und Ausländer sind lustig“ zusammenfasste. In groben Zügen ist das auch Boris Johnsons Credo. Er möchte, dass in England alles bleibt, wie es ist, und erinnert an die Fünfziger, damals, als sich England schon einmal von Europa abgewandt hatte. Auch da saßen übrigens Absolventen der Eliteschule Eton an den Schalthebeln der Macht. Erst der konservative Premier Ted Heath, Sohn eines Schreiners, rückte während seiner Amtszeit (1970–74) Großbritannien wieder näher an Europa und dezimalisierte die britische Währung.

Einfluss auf Johnsons Schreibstil

Billy-Bunter-Geschichten haben übrigens zentralen Einfluss auf Johnsons Schreibstil, hat der Journalist Ian Jack herausgefunden. Orwell hatte sie als „besonders künstliche und repetitive Literaturform“ bezeichnet, „die sich grundlegend von allen britischen Genres unterscheidet“.

Genau wie der gefährliche Klassenclown Flashman vermeidet Johnson jede Form von Verlässlichkeit. Er gab sich in den Wochen vor der Unterhauswahl am 12. Dezember kaum mit den Niederungen des Wahlkampfs ab, weil er wusste, dass die Presse für ihn schreibt und dass sich die in die sozialen Medien investierten Millionenbeträge in Wählergunst ummünzen würden.

Die viel gerühmte britische Fairness, angesichts von Johnsons schamloser Selbstdarstellung steht sie auf verlorenem Posten. Meine Freunde in Deutschland waren sprachlos, als sie von der unkritischen Berichterstattung britischer Medien erfuhren. Wenn Johnson schwache Momente im Wahlkampf hatte, kamen ihm Journalisten zu Hilfe. Bei einem seiner wenigen TV-Auftritte brach das Publikum im Studio in Gelächter aus, als er von Glaubwürdigkeit redete. Die Szene wurde in der Wiederholung kurzerhand rausgeschnitten.

Den Brexit über die Bühne bringen

Zentrale Themen, die die Engländer bewegen, wie steigende Obdachlosigkeit, der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Insel, gingen im Wahlkampf in Johnsons Mantra vom „Get Brexit Done“ (Ich bringe den Brexit über die Bühne) unter.

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Andrew Neil, Herausgeber des konservativen ­Magazins Spectator, moderierte eine Prime­­time-Fragerunde ­aller Parteivorsitzenden im ­Programm der BBC. Einzig Johnson blieb der Sendung fern. In den Tagen danach beharrte die BBC darauf, dass Johnson keine weiteren Gelegenheit bekommen würde, würde er sich nicht den Fragen von Neil stellen.

Aber nach einer Messerattacke auf Passanten mit terroristischem Hintergrund am 30. November in London, wenige Tage vor der Wahl, verlangte Johnson, dass er sich via BBC an die Nation wenden müsse und der Sender gab schließlich nach. Trotz dieses Zugeständnisses drohte Johnson damit, der BBC die Sendelizenz zu entziehen. Außerdem will er ein Wörtchen bei der Ernennung des nächsten BBC-Intendanten mitreden.

Quelle       TAZ        >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben          —         Not sure of the artist.

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Unten         —       Spotted in Leake Street, London (underneath Waterloo Station).

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