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Der Tod von Venedig

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 24. November 2019

 Tourismus bis zum Kollaps

File:Navire de croisière dans le canal de la Giudecca (Venise) (6156556391).jpg

Von Susanna Böhme-Kuby

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte auch vom Tourismus schweigen”, so könnte man den bekannten Ausspruch Max Horkheimers abwandeln. Denn seit seinem Beginn vor etwa 150 Jahren hat sich der moderne Tourismus weltweit zu einer hochprofitablen Industrie entwickelt, die große Mengen von Menschen und Kapital bewegt. Reisten 1959 noch 25 Millionen Menschen durch die Welt, so ist ihre Zahl inzwischen auf jährlich 1,4 Milliarden angeschwollen, und für das Jahr 2030 werden sogar ganze 2 Milliarden prognostiziert. Die Tourismusindustrie boomt also – doch mit ihrem Wachstum steigen zugleich auch ihre desaströsen ökologischen und sozialen Folgen.

Besonders schmerzlich zu spüren sind sie in Italien und im (Noch-)UNESCO-Weltkulturerbe Venedig. Die reiche Region Venetien ist die meistbesuchte Italiens: Jährlich zieht es viele Millionen Touristen in die nordöstliche Region, die mit fast 70 Mio. Übernachtungen ein Zehntel des dortigen Bruttosozialprodukts produzieren – davon fast 12 Mio. Übernachtungen in der Gemeinde Venedig. Tendenz: steigend. Erklärtes Ziel des Regionalpräsidenten Luca Zaia von der rechtsradikalen Lega ist denn auch die Ausdehnung der Branche von Venedig auf die gesamte Region. Schließlich zeigt ein internationaler Vergleich, dass Italien insgesamt gesehen in seinen Aufnahmekapazitäten noch entwicklungsfähig ist, da es weniger Touristen pro Einwohner aufnimmt als andere Länder. Das wollen investitionsstarke Regionen wie Venetien ausnutzen. Um noch mehr Besucher anzulocken, setzt Zaia dabei insbesondere auf den sogenannten Erlebnistourismus, also auf „emotionale” Angebote und „Events”, die „einzigartige Erfahrungen” anpreisen und sich schon anderswo zunehmender Beliebtheit erfreuen. Moderne Kreuzfahrer mögen eben nach wie vor den Blick auf Venedigs Dogenpalast vom Oberdeck genießen können, ganz gleich, ob sie damit die Stadt überfordern und das Ökosystem der Lagune zerstören.

Inzwischen subsumiert Zaia das ganze vielgestaltige Venetien unter den Werbeslogan: „The Land of Venice”. Mit dem unmissverständlichen Motto: „Buy Venice” eröffnete er 2017 denn auch eine Tourismusmesse im venezianischen Mestre. Investoren aus 47 „Buyer“-Nationen beteiligten sich am Ausverkauf der Stadt und der Region, erstmalig dabei auch China und Indien. Die so dringenden politischen Antworten auf die sozialen und ökologischen Probleme der Bevölkerung rücken damit in weite Ferne. Seit 1945 sind mit dem Auszug von über 100 000 Einwohnern aus der Inselstadt aufs Festland auch deren Lebensgrundlagen, differenzierte und kreative Arbeitsplätze, Wohnraum und die entsprechenden Infrastrukturen verschwunden. Heute leben im Zentrum weniger als 53 000 Menschen, dazu weitere 30 000 auf den Laguneninseln, dagegen 180 000 Menschen auf dem Festland.

Die lange Tradition des privatwirtschaftlichen Chaos

Um die Entwicklung dahin zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick auf die kapitalistische Geschichte des Belpaese. Denn der Ausverkauf Venedigs steht in einer langen privatwirtschaftlichen Tradition der fortdauernden Dominanz von Renten und Renditen über tatsächlich erwirtschaftete Profite in der Industrie. Von der Staatsgründung (1861/1866) bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929 dominierte ein stark lokal orientiertes und konzentriertes Familienkapital die nationale Entwicklung. Es war dann erst ausgerechnet das Mussolini-Regime, das sich in den 1930er Jahren an einem nachhaltigen öffentlichen Investitionsprogramm à la Keynes versuchte. Doch spätestens beim Wiederaufbau nach 1945 überwog wieder das privatwirtschaftliche Chaos.

Strukturmaßnahmen wie öffentlicher Wohnungsbau blieben verschwindend klein, trotz starken Bevölkerungsdrucks auf die Städte in den industriellen Zentren seit den 1950er Jahren – vor allem im Norden, aber auch im Süden, wie in Neapel, wo Bodenspekulation vorherrschte. Die durch Arbeitslosigkeit und die Migration in den Norden Europas ausgelöste Landflucht ließ ganze Dörfer nicht nur in Süditalien verfallen. In der Toskana und in Umbrien beispielsweise wurden viele verlassene Bauerngehöfte ab den 1960er Jahren als Ferienobjekte ausgebaut, meist von Ausländern.

Erst Ende der 1960er Jahre begannen lokale Verwaltungen Bebauungspläne zu erstellen, konnten damit aber landesweit nur noch wenig Raubbau verhindern. Die regionalen Unterschiede waren und bleiben dabei groß: Man blicke nur in die fast unberührt anmutende Landschaft um Volterra und durchfahre dann die amorphen Ränder der meisten Städte oder die immens verbaute Ebene um den Vesuv zwischen Neapel und Sorrent.

Hintergrund ist, dass Gewinne und Renditen damals im Immobiliensektor leichter und schneller realisierbar waren als anderswo, was langfristig zu einer Überkapazität an vorhandenem Wohnraum führte. Italiens Familien investierten schon von jeher wenn möglich in die eigene „casa” – ein Haus oder eine Eigentumswohnung in der Stadt. Der wachsende italienische Mittelstand kaufte dann seit den 1960/1970er Jahren auch Zweitwohnungen in den vielen Feriengebieten. Diese stehen heute, aufgrund der langanhaltenden Krise und trotz Preisverfalls, zunehmend zum Verkauf.

Die in den 1980er Jahren schleichend einsetzende Deindustrialisierung, die im letzten Jahrzehnt ihren bisherigen Höhepunkt fand und etwa 25 Prozent des einstigen Industriepotentials kostete, hat in den betroffenen Städten zu großen sozialen Verwerfungen geführt. So öffneten sich Räume für eine schier unbegrenzte „Touristifizierung“, gewissermaßen als Ersatzindustrie. Insbesondere die berühmten Kunstmetropolen Mittel- und Norditaliens, aber verstärkt auch südliche Städte wie Neapel und Palermo ziehen seitdem viel internationales Immobilienkapital an und werden von immer größeren Touristenmassen durchstreift. Mit dem Siegeszug des schrankenlosen Neoliberalismus und seiner fatalen Fortschrittsideologie unter dem ersten sozialistischen Regierungschef eines nationalen Mitte-links-Bündnisses, Bettino Craxi, kam es seit den 1980er Jahren zu massiven Deregulierungen in der Wirtschaft. Liberalisierung und Privatisierung setzten sich gerade in Venedig rasch durch, wo der Druck seitens des Kapitals besonders stark war. Das EXPO 2000-Projekt in der Lagune konnte zwar damals auch durch den Widerstand der Venezianer noch verhindert werden. Doch der Immobilienmarkt blieb weiter dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Der Exodus aus der Insel-Stadt aufs Festland verstärkte sich und inzwischen hat auch Airbnb den Mietwohnungsmarkt erobert, so dass es heute mehr Wohnraum für Touristen und Bewohner auf Zeit gibt als für Einheimische. Das geht zu Lasten des städtischen Lebens, das immer mehr zur Hintergrundkulisse degradiert wird, und zu Lasten der Umwelt, die den Overtourism nicht mehr abfedern kann.[1]

Ein ökologisches Desaster

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Insbesondere die Touristenfracht der inzwischen über 600 Kreuzfahrtschiffe, die jährlich die kleine Lagunenstadt ansteuern, birgt eine enorme ökologische Gefahr. Im vergangenen Jahr schifften sie mehr als 1,5 Millionen Menschen in die Stadt. An einem einzigen Sommerwochenende durchqueren 10 bis 16 schwimmende Hochhäuser den Giudecca-Kanal und entlassen bis zu 50 000 Urlauber in die historischen Gassen. Weniger augenfällig als die Menschenmassen, aber noch viel gravierender, ist die starke Luftverschmutzung durch die schwimmenden Hotelburgen: Ein Schiff stößt Abgase von 15 000 Autos aus, allerdings aus noch viel schädlicherem, schweröllastigem Treibstoff.[2] Darüber hinaus schädigen die Kreuzfahrtschiffe nachhaltig das Fundament der Lagune, denn ihre mächtigen Antriebe verstärken die Erosion und spülen die Sedimente fort. Sie zerstören also das gesamte Ökosystem der Lagune, die entscheidende Lebensbedingung Venedigs. Doch dass die Stadt ohne die Lagune nicht sein kann, verdrängen die Entscheidungsträger schon seit einem Jahrhundert weitgehend. Dabei bildet diese Tatsache die Grundlage der berühmten Legge speciale von 1973, ein Gesetz, das nach der großen Flut von 1966 den Auftrag formulierte, die Lagune nicht nur zu erhalten, sondern wiederherzustellen – und das zumindest de jure noch in Kraft ist. Dass auch nach jahrelanger Debatte die „Grandi Navi” nach wie vor schamlos das Becken vor San Marco durchqueren – ungeachtet sogar jüngster Unfälle – zeigt, wie mächtig die Oligopole der Kreuzfahrtlinien sind. Sie haben sich längst in Venedigs Hafen eingekauft und dominieren die Aktiengesellschaft Venezia Terminal Passeggeri. Die Megaschiffe wollen in Venedig anlegen – koste es, was es wolle. Seit die Havarie der „Costa Concordia“ 2012 strengere Auflagen nach sich zog, wurden in Venedig diverse Alternativprojekte für das Anlegen der Schiffe entwickelt, darunter zwei Offshore-Varianten vor Chioggia und Cavallino. Sie alle lösen jedoch das Problem der Lagunenbelastung nicht im Geringsten. Geht es nach der Stadtverwaltung, sollen die Schiffe lediglich aus der Skyline der Stadtmitte verschwinden, aber weiter quer durch die Lagune von Malamocco zu den Handelshäfen nach Marghera und Fusina fahren dürfen. Das wurde von der Weltpresse erleichtert aufgenommen, jedoch in Unkenntnis der Lokalität und der Tatsache, dass dafür alte Kanäle der Lagune, wie der berüchtigte Canale dei Petroli, noch tiefer und breiter ausgebaggert und sogar massiv befestigt werden müssten. Mit dem Umweltschutz der Lagune wäre das aber absolut unvereinbar und würde obendrein mit den – ihrerseits ökologisch hochproblematischen – Hochwassersperranlagen (MoSE) kollidieren. Nicht auszumalen wären außerdem die Schäden einer möglichen Kollision mit den großen Öltankern. Aber eine Umleitung der Megaschiffe ins nicht weit entfernte Triest, wo es bereits Aufnahmekapazitäten gäbe, wird offiziell nicht einmal angedacht.

Quelle      :          Blätter         >>>>>            weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben       —          Plusieurs navires de croisière et paquebots empruntent chaque jour le canal de la Giudecca (Photo Annie Dalbéra)

Author dalbera from Paris, France

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Checked copyright icon.svg This image, originally posted to Flickr, was reviewed on by the administrator or reviewer File Upload Bot (Magnus Manske), who confirmed that it was available on Flickr under the stated license on that date.

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Unten      —          Acqua alta del 15 novembre 2019

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