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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 24. September 2019

Streber, auf die Straße, oder: das Leben als Ponyhof

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Durch die Woche mit Ariane Lemme

So läufts im Leben: Man wünscht sich einen Generalstreik für den Klimaschutz – und bekommt ihn haarscharf nicht. Da hilft nur: Weiterwünschen.

Wenns doch öfter so wäre im Leben: Man wünscht sich was – etwa hier in dieser taz-kolumne einen Generalstreik für endlich echten Klimaschutz – und ein paar Wochen später wird es heiß und fettig geliefert.

Tatsächlich ist es ja meistens so: Man wünscht sich was – und was bald darauf, wenn überhaupt, geliefert wird, heißt Klimastreik, sieht ein bisschen aus wie Klimastreik, ist aber nur eine stinknormale Demo, die keinem wehtun wird. Auch die taz macht mit, Ehrensache! Trotzdem lesen Sie heute diesen Text, heiß und fettig, und überhaupt auch sonst nicht geeignet, das Klima zu retten. Ist ja auf Papier gedruckt.

Klar, politischer, nicht tariflichen Zwecken dienender Streik ist in Deutschland – huch! – verboten. Dann geht’s natürlich nicht. Sorry, Kinder. Wir haben alles versucht, aber vor dem Gesetz waren uns die Hände gebunden.

Deshalb laufen seit Tagen auf allen Sender streberhafte Ratgeber rauf und runter: Wie sag ich’s meinem Chef? Darf ich Urlaub nehmen? Überstunden abbummeln? Die Mittagspause ausdehnen? Dreimal ja, falls – aber nur falls – Cheffe nichts dagegen hat. Einfach losgehen? Nee. Es ist also wie damals in der Schule, als man sich melden musste, um auf die Toilette zu dürfen. Erniedrigend. Dann lieber sitzen bleiben.

Was wünschen wir uns vom Traumboy Trudeau?

Wie bei vielen Wünschen, die mir in meinem Leben bisher so geliefert wurden, muss ich also auch hier, beim Klimastreik, sagen: Entspricht nicht ganz der Beschreibung im Katalog. Privat war das allerdings oft gar nicht schlecht, man lernt erst Demut und merkt dann: Wünsche, so drängend, zwingend, zehrend sie erst scheinen, sind immer nur glitzernde Reflexionen des Moments, Blubberblasen, oder, um es andersherum, besser und mit Nick Cave zu sagen: The tears you’re crying now are just your answered prayers. Erst wünscht man, dann weint man.

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Oder, das kommt ja auch nicht selten vor, merkt, dass das, was man bekommt viel besser ist als das, was man wollte. Ich bezweifle allerdings stark, dass wir, also so als Gesamtmenschheit, in den Fluten der Polkappen sagen: Hey, eigentlich viel hübscher so, warum jahrelang der ganze Fuzz mit dem Klimaschutz? Den Infinity-Pool vor der Haustür hätten wir lieber schon früher gehabt. Die Chefs, die ihren Mitarbeitern am Freitag gnädig eine verlängerte Pinkelpause zum Streiken gewährt haben, werden dann wahrscheinlich lachend und trockenen Fußes in Helikoptern über uns kreisen.

Quelle        :       TAZ       >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen     :

Oben    —    Roter Faden in Hannover mit beschriftetem Aufkleber als Test für einen möglichen Ersatz des auf das Pflaster gemalten roten Strichs

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