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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 7. Mai 2020

Die Sensation und das Erlebnis der Pandemie

Roter Faden Hannover rote Zusatzmarkierung.jpg

Durch die Woche mit Robert Misik

Man fühlt sich irgendwie unnütz, wenn man beim Weltuntergang mit Chips auf dem Sofa sitzt. Da wittern einige schon einen Anschlag auf die Grundrechte.

Der Sensationalismus ist eine Gemütsauffassung, die Erlebnisse steigern will, egal welcher Art. Selten sagt man: „Jetzt ist es mal gut, jetzt gehe es wieder langsamer an.“ Meist will man die Dosis steigern, um den Kick zu erhalten. Wir kennen das Steigerungskalkül beim Drogenkonsum, beim Sozial- und Liebesleben, beim Shopping. Es ist diese Gier nach „intensiven Erlebnissen“ oder der „Intensität des Spürens“. Daraus ergeben sich so manche Absurditäten. Gäbe es diese Gier nach Intensität nicht, gäbe es, ich wette, weniger „Vorerkrankungen“, ein Wort, das wir heute wie selbstverständlich verwenden.

Vor einem Monat überschlugen sich die Horrornachrichten, die Infektionszahlen mit Covid-19 schnellten steil nach oben, aus Italien erreichten uns Bilder von apokalyptischer Anmutung. Alle zehn Minuten schlug eine neue Desastermeldung auf unseren Stand- oder Mobilgeräten ein.

Als Nachrichtenkonsument machten uns diese Meldungen ganz verrückt und zugleich konnten wir nicht von ihnen lassen, der Sensationalismus schlug uns auch in den Bann.

Diese seltsame Mixtur aus Angst, Schock und Faszination war durch die kognitiv nicht leicht zu verarbeitende Tatsache verstärkt, dass wir zugleich das Gefühl hatten, selbst inmitten einer Katastrophe zu stehen, als Opfer förmlich, und doch von dieser Katastrophe in aller Regel wenig mitbekamen. Da draußen war Apokalypse, aber wir sahen von ihr nichts.

Mit Chips auf dem Sofa

Man fühlt sich irgendwie unnütz, wenn man beim Weltuntergang mit Chips auf dem Sofa sitzt.

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Politisches Narrenschiff

Eigentümlich ist die menschliche Psyche in solchen Fällen: Wir waren dann irgendwie froh, dass in unseren Breiten das Desaster sich nicht mit Rasanz entfaltete, dass sich – vorerst – die Infektionszahlen stabilisierten. Und zugleich ertappte man sich gelegentlich dabei, dass einem irgendetwas fehlte, sobald die Horrornachrichten weniger wurden.

Zu diesen emotionalen Seltsamkeiten gehört auch das, was wir neuerdings das „Präventionsparadox“ nennen. Wenn richtige Maßnahmen ­wirken, erwecken sie den Eindruck, unnötig ­gewesen zu sein. Wenn weniger Menschen sterben als befürchtet, führt das dann skurrilerweise nicht zu Aufatmen, sondern zu Wut auf jene, die die Maßnahmen verhängten, die sich so scheinbar als übertrieben herausstellten. Als wäre es eine ­empörungswürdige und nicht erfreuliche Tatsache, dass weniger Leute sterben als befürchtet.

Prävention ist nicht sexy

„There is no Glory in Prevention“, hat Christian Drosten, der Popstar unter den Virologen, schon vor Wochen gesagt. Und jetzt ahnen wir langsam, wie recht er hatte.

Quelle     :      TAZ       >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben       —             Roter Faden in Hannover mit beschriftetem Aufkleber als Test für einen möglichen Ersatz des auf das Pflaster gemalten roten Strichs

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