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Der lange kalte Krieg

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 26. August 2019

„Ossis“ und „Wessis“

File:Bundesarchiv Bild 183-1990-1003-400, Berlin, deutsche Vereinigung, vor dem Reichstag.jpg

Von Uta Karstein und Thomas Schmidt-Lux

„Ossis“ und „Wessis“ sind zu einem großen Teil soziale Imaginationen.Faktisch existierende Uneindeutigkeiten werden so in der Debatte überdeckt.

an wird sie irgendwie nicht los: die Debatte über den Osten. Nach zwischenzeitlichem Abflauen hat sie angesichts der anstehenden Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen wieder Hochkonjunktur. Jüngst attestierte Gunnar Hinck ihr an dieser Stelle den Charakter eines „geschlossenen Kreislaufs“, der immer weiterlaufe, um seine Existenz zu rechtfertigen, weil schlicht zu viele von der Ost-West-Dichotomie profitieren.

Schaut man hinter die Dichotomie, geht es oft um Relevantes: Chancenungleichheit, Einkommensunterschiede, Fragen nach Ursachen von und den Umgang mit Rechtsradikalität oder die möglicherweise erodierende Akzeptanz der Demokratie. All das gerät jedoch schnell aus dem Blick wenn es mal wieder um „Ossis“ und „Wessis“ und die Frage geht, ob und wie sie sich voneinander unterscheiden und wer woran gerade schuld sei.

Soziologisch betrachtet werden „Ossis“ und „Wessis“ dabei nach wie vor als etwas behandelt, was Benedict Anderson als Imagined Communities bezeichnete. Mit diesem Konzept wies Anderson darauf hin, dass jede Rede von einem Kollektiv als Akteur („die Deutschen“; „wir Franzosen“) zu einem Gutteil eine soziale Imagination darstellt. Die Idee von den Ostdeutschen als einem „Volk“, wie sie jüngst Jana Hensel vorgebracht hat, rekurriere daher nicht einfach auf eine natürlich vorhandene Formation, sondern produziere und reproduziere die Vorstellung davon permanent neu und lasse sie zu einer Realität werden, so Anderson. Faktisch existierende Uneindeutigkeiten – historische wie aktuelle – werden überdeckt.

Derart simplifizierend wird nicht mehr nur unter denjenigen diskutiert, die den Großteil ihres Lebens im geteilten Deutschland verbracht haben. Was sich in familienbiografischen Forschungen schon vor Jahren andeutete, ist offenbar eingetreten: Die Ost/West-Unterscheidung hat den Sprung in die Generation jener geschafft, die zur Wende jugendlich oder jünger waren. Diese jungen Ostdeutschen verhandeln dabei eigene Anliegen, machen sich aber darüber hinaus auch zum Anwalt ihrer (Groß-)Eltern und deren Schicksal. Was dabei herauskommt, ähnelt oft der Identitätspolitik, wie sie auch anderswo betrieben wird.

Jedem sein Zeichen – links fehlt die Banane !

Das erste gravierende Problem: Beobachtbare Unterschiede werden hoffnungslos vereinfacht. Natürlich gibt es Unterschiede, etwa was die Verteilung von Besitz oder gesellschaftlichen Positionen angeht. Natürlich wurde die kulturelle Wirkung dieser vierzig Jahre unterschätzt. Solche Unterschiede werden nun aber zu Identitäten aufgeblasen – auf beiden Seiten. Für die einen ist „der Osten“ schlichtweg rechts und demokratieunfähig, die anderen behaupten seine systematische Marginalisierung und fordern eine Ost-Quote.Welchen Unterschied würde es aber tatsächlich machen, wenn zwanzig Prozent in den Chefetagen aus dem Osten kämen? Ergäbe das per se bessere Unternehmen, Universitäten, Krankenhäuser oder Landesregierungen? Und bis wann müsste jemand im Osten gelebt haben, um die Herkunft geltend machen zu können? Erlischt die Ostherkunft nach Studium und Promotion in Frankfurt am Main?

Quelle        :       TAZ            >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen         :

Oben        —      Berlin, deutsche Vereinigung, vor dem Reichstag Info non-talk.svg

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Attribution: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1003-400 / Grimm, Peer / CC-BY-SA 3.0

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