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Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 3. Oktober 2019

Autobiografie von Edward Snowden

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Von Daniel Kretschmar

Mit nur 36 Jahren verteidigt Edward Snowden sein Lebenswerk: die Enthüllung der US-Massenüberwachung. Sein Buch ist aber auch ein Versprechen.

Gut oder böse, wahr oder falsch, schweigen oder reden. Egal in welchen Ambivalenzen, Unwägbarkeiten und Zufällen ein Leben verläuft, für jeden Menschen verengt sich in bestimmten Momenten der Möglichkeitsraum auf ein einfaches Ja oder Nein. Null oder eins. In den seltensten Fällen haben die dann getroffenen Entscheidungen eine so große Tragweite wie die des Whistleblowers und früheren NSA- und CIA-Mitarbeiters Edward Snowden. Sein Entschluss, Informationen über die ungeheuren Überwachungsprogramme der US-amerikanischen Geheimdienste an Journalist*innen zu übergeben, veränderte vor inzwischen sechs Jahren weltweit die Diskussion über Privatsphäre, digitale Sicherheit, Moral und Politik.

Was bis dahin nur in kleinsten Auszügen überhaupt belegbar war und deshalb eher den Charakter von Gerüchten und Spinnereien notorischer Paranoiker hatte, war auf einmal Gewissheit geworden: Geheimdienste haben die Möglichkeit, jede digitale Kommunikation, jeden Klick, jedes Handyfoto, jedes Telefonat auf dieser Welt mitzuschneiden und zu speichern – und sie nutzen sie auch.

Ein großer Teil der enthüllten Programme war selbst nach den äußerst weit gefassten Gesetzen zur Terrorbekämpfung grundsätzlich illegal, der Rest zumindest in der konkreten Ausführung. Insofern war die Berichterstattung ein Dienst an der Öffentlichkeit der westlichen Demokratien. In der gerade erschienenen Autobiografie Snowdens, die schon im Titel „Permanent Record“ auf das ewige, nicht hintergehbare digitale Gedächtnis anspielt, beschreibt der Autor die Aufklärung über den fortgesetzten Rechtsbruch als Erfüllung seines Diensteids.

Den hatte er schließlich nicht auf die Geheimdienste oder die Regierung, sondern auf die Verfassung seines Landes abgelegt. Wie Snowden sowohl in seinem Buch als auch auf der aktuellen Ochsentour durch Talkshows und Zeitungsinterviews – wie immer in den vergangenen sechs Jahren nur von Bildschirmen lächelnd – nicht müde wird zu betonen, würde ihm diese Verteidigung nach aktuellem Stand vor US-Gerichten aber verwehrt bleiben.

Denn der Vorwurf gegen ihn lautet, verbotenerweise streng geheime Unterlagen an Unbefugte weitergegeben zu haben. Dieser völlig unbestrittene Vorgang ist der einzige, der bei einem Verfahren vor Gericht Berücksichtigung fände. Dass diese Unterlagen schwere Verstöße gegen Recht und Gesetz belegen und ausschließlich deshalb von Snowden weitergegeben wurden, um die Verletzung elementarster Bürgerrechte zu beweisen, dürfte keinen Anteil der Urteilsfindung ausmachen.

Strikte Auslegung der Freiheit

Dieses Verbot, vor Gericht zu seiner Verteidigung das Motiv für die Tat darzulegen, lässt Snowden weiterhin keine Wahl, als im unfreiwilligen Exil in Russland zu verbleiben. Der Weg nach Moskau, so unwahrscheinlich er rückblickend für die Biografie des Jungen aus geordneten Verhältnissen einer Familie von Staatsbediensteten erscheinen mag, wird in „Permanent Record“ als fast zwangsläufige Aneinanderreihung schicksalhafter Stationen beschrieben.

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Die überaus durchdachte, dramaturgisch saubere literarische Konstruktion seines Werdegangs liest sich plausibel, lässt aber zwangsläufig die Möglichkeit eines anderen Verlaufs weitestgehend außer acht. Null oder eins. Die ausgewählten Anekdoten selber illustrieren recht vorhersehbar den ziemlich geraden Weg der Gewissensbildung Snowdens. Er selbst räumt eine andere Schwäche des Genres Autobiografie ein: ihr statisches Bild eines Lebens, das doch weitergeht. Er kommt zu dem Schluss, dass sein Buch ein Versprechen ist, den eigenen Prinzipien treu bleiben zu wollen. „Permanent Record“ ist natürlich viel mehr als das. Es ist unter anderem eine Aufforderung, sich mit diesen Prinzipien auseinanderzusetzen. Es ist eine nachdrückliche Verteidigung demokratischer und freiheitlicher Werte, die Snowden außerordentlich strikt auslegt.

Genau da, wo er entlang seiner libertären, vielen progressiven Vordenker*innen der Hackerszene nahestehenden Grundsätze argumentiert, weckt er Lust, in Diskussion zu treten, zu hinterfragen, zu zweifeln. Nicht an seiner ehrenwerten Motivation, nicht an seinen Entscheidungen. „Der einzige Maßstab für die Freiheit eines Landes ist die Achtung vor den Rechten seiner Bürger“, schreibt Snowden. „Wirklich der einzige?“, möchte man fragen, nur um sich daran zu erinnern, dass genau diese absolute Weltsicht des „Wahr oder Falsch“ Edward Snowden die Kraft für seinen außergewöhnlichen Schritt gegeben hat.

Quelle          :       TAZ           >>>>>          weiterlesen

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Oben        —        Was folgt auf die Aufdeckung der weltweiten Totalüberwachung? Diskussionsveranstaltung mit anschließender Filmvorführung von CITIZENFOUR 12.6.2015 www.rosalux.de/event/53456

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Unten            —        Ceremony for the conferment of the Carl von Ossietzky Medall 2014 to Edward Snowden, Laura Poitras and Glenn Greenwald. Laura Poitras receives the Medall on behalf of Edward Snowden.

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