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„Denk mal an Polen!“

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 29. August 2019

Wie wollen wir als Nachbarn leben?

Bundesarchiv Bild 101I-001-0285-15A, Warschau, Straßenszene.jpg

Von Jan Feddersen

Am 1. September vor 80 Jahren überfiel Nazideutschland sein Nachbarland Polen – die Folgen sind bis heute spürbar. Die sorgfältig kuratierte literarische Veranstaltungsreihe „Denk mal an Polen!“ holt dieses Datum in unser Gedächtnis.

Unsere Nachbarn leben einerseits in größter geografischer Nähe; das früher deutsche Stettin ist locker per Tagesausflug zu erreichen, ebenso Słubice auf der anderen Seite des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder, die gegenüberliegende Seite von Frankfurt. Andererseits sind sie mitten in Deutschland. Allein in Berlin leben Zehntausende von Polen und Polinnen, in jeder Hinsicht unauffällig, nicht Teil eines irgendwie problematischen öffentlichen Diskurses: Menschen aus Polen sehen wie der deutsche Durchschnitt aus.

Polen, kurzum, ist viel präsenter in der Bundesrepublik als gewöhnlich geglaubt: Und sei es durch die vielen Bauarbeiter:innen oder Putzmenschen in deutschen Haushalten – Ausdruck europäischer Machtverhältnisse nach wie vor: In Deutschland sind die Löhne höher, noch jedenfalls.

So mag man das Verhältnis von Polen zu Deutschland (oder umgekehrt: von Deutschland zu Polen) für unauffällig halten, langweilig. Eine Differenz indes existiert mächtig, und zwar im Alltagsbewusstsein gerade in diesen Tagen. Zwischen Oder und der Grenze zum Baltikum wie zur Ukraine und Weißrussland wird an den Hitler-Stalin-Pakt erinnert, an die Zerstörung des jungen Nationalstaats Polen durch Nazideutschland wie durch die Sowjet­union. Am 1. September vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, wie es so heißt, konkret wurde er von Deutschland mit der expliziten Absicht, das Land auszulöschen, gegen Polen begonnen.

Forderung nach Reparationen

Die Folgen sind bis heute spürbar, bis hin zur Forderung der aktuellen, nationalbewussten PiS-Regierung an Deutschland nach Reparationen für das erlittene Leid. In Polen wird in diesen Tagen auch an den Warschauer Aufstand gedacht, dem tapferen, vergeblichen Versuch, gegen die Okkupation durch die Wehrmacht zu wehren – was einen erheblichen Unterschied zum deutschen Geschichtsbewusstsein markiert, wo man doch hierzulande vor allem auf das Attentat von Militärs (Stauffenberg & Co.) auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verweisen kann: netter Versuch, aber kläglich karg an Widerstand gegen den deutschen Volkswahn in Deutschland selbst. Das volksgenössische Einvernehmen war eben groß – und die Aversion gegen alles im armen, slawischen Osten ebenfalls.

Datei:Bundesarchiv Bild 101I-695-0425-11, Warschauer Aufstand, Infanteristen, Panzersoldat.jpg

„Denk mal an Polen!“, heißt die überaus verdienstvolle Veranstaltungsreihe an Lesungen, die die edition.fotoTAPETA mit der Heinrich-Böll-Stiftung aktuell ausrichtet. „Das Bewusstsein über die Folgen der deutschen Kriegstaten in Polen ist in der deutschen Gesellschaft nur schwach ausgeprägt. Immer noch. Das ist in Polen natürlich anders“, ­schreiben die Veranstalter in ihrer Ankündigung. Und fragen: „Wie also an Polen denken? Wie der Polen gedenken, all der Opfer? Wie sich erinnern? Welche Bilder haben wir voneinander? Wie wollen wir als Nachbarn heute leben?“

Quelle      :          TAZ          >>>>>            weiterlesen

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Grafikquellen            :

Oben     —        Warsaw during World War II:

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