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RENTENANGST

Demonstrationen in Berlin

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 8. September 2020

Hitlergruß und Sonnengruß gleichen sich nicht aus

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Eine Kolumne von Margarete Stokowski

In Berlin demonstrierten keine „Corona-Kritiker“ – wer wäre das nicht? Die, die da unterwegs waren, konnten wissen, dass Rechtsextreme sehr präsent sein würden. Doch auch die Polizei ignorierte offenbar deren Drohungen.

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“, sagte der italienische Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi. Aber in Deutschland hat sich ein Trick etabliert, um jeden Faschismus schon im Keim zu… na ja, nicht direkt zu ersticken, aber zumindest zu ignorieren. Wenn wir nicht aussprechen, dass wir ein Problem mit Nazis haben, dann haben wir vielleicht gar keins?

Angeblich haben Linke diese magische Idee von Sprache: Wenn niemand mehr das N-Wort sagt, dann gibt es weniger Rassismus, und wenn alle ihre Texte gendern, dann gibt es mehr Gleichberechtigung. Was allerdings in der sogenannten bürgerlichen Mitte an Energien aufgefahren wird, um Rechtsextreme nicht rechtsextrem zu nennen, ist nicht weniger magisch.

Man könnte allerspätestens seit dem Aufkommen der AfD gelernt haben, dass Nazis nicht zwingend eine Glatze haben und Springerstiefel tragen müssen, sondern auch Lehrer sein und beige Hosen tragen können. Aber leider scheinen viele Menschen immer noch zu denken, dass jemand, der nicht das Hakenkreuz direkt ins Gesicht tätowiert trägt oder auf frischer Tat beim Bauen eines Konzentrationslagers ertappt wird, sicherlich schon kein Nazi sein wird. Vielen fehlt es an allergrundlegendster antifaschistischer Bildung, und zwar nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch in Medien und Politik.

Sind wir nicht alle Corona-Kritiker?

Es fängt bei der Beschreibung der Veranstaltungen vom Wochenende an. In zahlreichen Medien war zu lesen, in Berlin hätte es „Anti-Corona-Demonstrationen“ gegeben. Die „Tagesschau“, die „FAZ“, RBB, die „Süddeutsche Zeitung“, die „Welt“, die „Morgenpost“, der Bayerische Rundfunk, Deutschlandfunk Kultur: Sie alle bezeichneten die Proteste als „Anti-Corona-Demonstrationen“, als hätten dort Menschen gegen ein Virus protestiert.

Es mag zwar schwierig sein, die verschiedenen teilnehmenden Gruppen alle zu benennen: Rechte und Rechtsextreme, ReichsbürgerInnen, EsoterikerInnen, ImpfgegnerInnen, VerschwörungstheoretikerInnen, AntisemitInnen – irgendwen vergessen? Egal, denn sie alle eint der Wille, gegen die Schutzmaßnahmen zu protestieren, die wegen der Pandemie gelten, also wäre „Demonstration gegen Corona-Politik“ okay gewesen. Zum Beispiel. JournalistInnen sind ja eigentlich Leute, die mit Sprache arbeiten und wissen sollten, dass es einen Unterschied macht, wie man etwas nennt.

Aber laut n-tv wurde Gesundheitsminister Jens Spahn von einem „Corona-Kritiker“ bespuckt. Man weiß nicht, ob der Mann Faschist war oder Neonazi oder was auch immer, aber „Corona-Kritiker“ ist schlicht keine Beschreibung für irgendetwas. Sind wir nicht alle „Corona-Kritiker“?

„Offenbar gilt Nazi hier als eigener Beruf“

Es geht weiter bei den Beschreibungen der Teilnehmenden auf den Protestveranstaltungen. Menschen, die – ob privat oder beruflich – von den Demonstrationen berichteten, betonten mitunter, dass da „nicht nur Nazis“ unterwegs gewesen seien. Sondern auch: Rentner, Mütter, Familien mit Kindern. Das würde Sinn ergeben, wenn bekannt wäre, dass Nazis nicht über 60 Jahre alt werden können und sich auch nicht fortpflanzen.

Es erinnert mich an einen Text von Deniz Yücel, der 2014 von einer Pegida-Demonstration für die „taz“ berichtete. Er tritt an eine Gruppe von Männern heran, um herauszufinden, ob sie Nazis sind: „Hier sind keine Nazis“, sagt einer von ihnen. „Ich bin Maler, hier gibt es Professoren, Polizisten, Hausfrauen – alles.“ Woraus Yücel schließt: „Offenbar gilt Nazi hier als eigener Beruf.“

Das könnte theoretisch lustig sein, wenn es nicht so aktuell wäre: Auch über die Demos vom Wochenende wurde behauptet, dass da ja auch Menschen aus ganz anderen Ecken gewesen seien, eine Heilpraktikerin hier, eine Ingenieurin dort. Als würde das irgendetwas sagen.

Es ist nicht ausgemacht, dass alle diese Menschen eine rechtsextreme Einstellung hatten. Aber sie waren bereit, auf einer Demo unterwegs zu sein, auf der Rechtsextreme sehr präsent waren, und man hätte das vorher wissen können. AntifaschistInnen waren sie ganz sicher nicht, denn AntifaschistInnen gehen nicht auf Naziveranstaltungen, außer um sie zu dokumentieren oder zu sprengen.

Quelle        :       Spiegel-online        >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen         :

Oben          —       Sonnengruß   /  Diese Datei wurde während des TamilWiki Media Wettbewerbs hochgeladen.

Ein Kommentar zu “Demonstrationen in Berlin”

  1. Jimmy Bulanik sagt:

    Der Faschismus auf deutschem Boden zeigt mit solchen Demonstrationen, wie viele Formen der Erscheinungen es davon gibt.

    Daher gilt es einen moralischen Abstand zu wahren. Die Politik im Bundestag zu besseren Gesetzen zu bewegen. Steuermittel in die Wissenschaft und Forschung investieren. Im Bildungssystem bedarf es bereits im Kindergarten, Schulen, Universitäten eine verpflichtende Prävention welche Wirkung beweisen.

    Die Fähigkeit zum kritischen Dialog muss bestehen bleiben.

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