DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Archiv für die 'Afrika' Kategorie

Gut gegen Böse?

Erstellt von DL-Redaktion am 17. Oktober 2017

Südafrika: Der Kampf um die ANC-Präsidentschaft

von Jochen Luckscheiter  boell.de

Im Dezember 2017 wählt der in Südafrika regierende African National Congress (ANC) einen neuen Präsidenten. Die Wahl des Parteivorsitzes ist das grösste politische Ereignis des Jahres.

Ihr Ergebnis wird richtungsweisend für die Zukunft der Partei und die politische Landschaft des Landes sein. Der mit harten Bandagen geführte Wettlauf um die Präsidentschaft belastet bereits jetzt den Zusammenhalt des tief gespaltenen ANC. Die südafrikanische Öffentlichkeit beobachtet das Treiben zunehmend mit Verdruss und Ungeduld. Das Ergebnis ist ungewiss, Gewinnprognosen ein Narrenspiel. Wer jedoch besser verstehen will, auf was es ankommen wird, sollte Folgendes wissen.

Wer steht zur Wahl?

Hauptanwärter für den Parteivorsitz sind der derzeitige Vizepräsident Cyril Ramaphosa und die ehemalige Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union (AU) Nkosazana Dlamini-Zuma. Beide repräsentieren zwei mächtige Fraktionen innerhalb ihrer Partei: Ramaphosa ist Favorit der verfassungstreuen „Reformer/innen“, vor allem in der Provinz Gauteng, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Dlamini-Zuma, Ex-Frau von Präsident Jacob Zuma, erfährt Rückhalt vor allem unter den mit ihm verbündeten „Traditionalist/innen“ in den ländlich geprägten Provinzen Kwa-Zulu Natal, Free State und North West.

Cyril Ramaphosa, Vizepräsident

Für seine Unterstützer/innen verkörpert Ramaphosa das Bild eines verantwortungsvollen Politikers, der die Bedürfnisse eines modernen demokratischen Staates und seiner Marktwirtschaft versteht. Der gelernte Rechtsanwalt und Mitbegründer der Gewerkschaft der Bergbauarbeiter verhandelte seitens des ANC zu Beginn der neunziger Jahre den demokratischen Übergang des Landes. Nachdem er im Kampf um die Nachfolge von Nelson Mandela gegen Thabo Mbeki verlor, verabschiedete sich Ramaphosa in die Privatwirtschaft. Nicht zuletzt dank des Affirmative-Action-Programms der Regierung mauserte er sich hier schnell zu einem der reichsten Südafrikaner. Auf das politische Parkett trat er erst wieder im Jahr 2012. Zunächst wurde er Parteivize von Präsident Zuma, und schliesslich nach den Wahlen im Jahr 2014 Vizepräsident des Landes.

Kurz zuvor, im August 2012 hatte sich Ramaphosa jedoch in das Massaker von Marikana verwickelt, bei dem die Polizei 34 streikende Bergleute erschoss. Da er als Mitglied des Vorstands des Minenbetreibers Lonmin auf höchster politischer Ebene eingriff, um den Streik zu beenden, werfen ihm die Hinterbliebenen und Zivilgesellschaft vor, die exzessive Polizeigewalt mit verursacht zu haben. Auch wenn er von einer Untersuchungskommission von dieser Verantwortung freigesprochen wurde, hat der ehemalige Gewerkschaftler in den Augen seiner politischen Gegner/innen die Seiten gewechselt und ist heute ein „Genosse der Bosse“. In einem Land in dem sich Wohlstand und wirtschaftliche Macht immer noch unverhältnismässig in den Händen der weissen Minderheitsbevölkerung befinden, sehen sie den Milliardär als dem Status-Quo unterwürfig.

Neben den „Reformer/innen“ unter seinen Parteikollegen stehen die Allianzpartner des ANC, der Dachverband südafrikanischer Gewerkschaften (COSATU) und die Kommunistische Partei (SACP) hinter Ramaphosa. Seinen Anspruch auf das Amt des ANC-Präsidenten leiten diese aus einer ungeschriebenen Parteitradition ab. Der amtierende Vize des ANC sei im Regelfall immer dem Präsidenten nach dessen Ausscheidung nachgefolgt. Dies ist auch der Grund, dass Ramaphosa überhaupt bereit war, sich mit Zuma einzulassen. Letzterer vertraut aber nicht mehr darauf, dass Ramaphosa ihm nach seiner Amtsausscheidung Schutz vor der Justiz für seine zahlreichen Korruptionsskandale bieten wird.

Nkosazana Dlamini-Zuma, ehem. Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union

Diesen verspricht sich Zuma vielmehr von Nkosazana Dlamini-Zuma. Die Medizinerin wurde von Mandela 1994 zur Gesundheitsministerin ernannt und diente unter Präsident Mbeki als Aussenministerin. Obwohl sie bis zum Ende eine getreue Anhängerin Mbekis geblieben war, wurde sie von dessen Erzrivalen Zuma 2009 als Innenministerin in sein Kabinett mit aufgenommen. Einige Beobachter vermuteten zunächst, dass Zuma sie an die AU entsendete, um eine potentielle Rivalin aus dem Weg zu räumen. Jetzt scheint es jedoch eher, dass ihr die dortige Amtszeit (2012-2017) zu den richtigen Referenzen für die höchste Position in der Partei verhelfen sollte.

Seit ihrer Rückkehr wirbt Dlamini-Zuma auf zahlreichen Veranstaltungen für ein Programm „radikaler wirtschaftlicher Transformation“, das mehr Wohlstand in die Hände der schwarzen Mehrheitsbevölkerung übertragen soll. Dieser Schlachtruf schliesst sich an die populistische Rhetorik der Zuma-Fraktion an, die dem „weissen Monopolkapital“ des Landes den Krieg angesagt hat. Details, wie Dlamini-Zuma diese Politik umsetzen will, sind jedoch kaum zu vernehmen.

Ihre Förder/innen preisen sie als fähige Politikerin mit der richtigen Erfahrung. Für ihre Kritiker/innen ist sie eine unnahbare und wenig charismatische Technokratin ohne Weitblick. Das Argument ihres früheren Ehemannes, dass es Zeit für eine Frau an der Macht sei, ist für jeden leicht durchschaubar. Die ANC-Frauenliga, die vor der letzten Wahl noch behauptete, das Land sei nicht bereit für eine weibliche Präsidentin, hat sich Zumas Werbung für seine Ex-Frau nun begeistert angeschlossen.

Zweli Mkhize, Schatzmeister der Partei

Über diese zwei Hauptanwärter hinaus haben die ANC Ortsverbände in den vergangenen Monaten weitere Kandidaten für die Präsidentschaft nominiert, allesamt Veteranen der Partei mit jedoch geringen Erfolgsaussichten. Ein Kandidat, dem ein möglicher Erfolg in Aussicht gestellt wird, ist der derzeitige Schatzmeister der Partei Zweli Mkhize. Aufgrund der starken Ungewissheit über den Ausgang der Präsidentschaftswahlen und der Angst vor einer Spaltung des ANC, sind Stimmen für einen Kompromisskandidaten laut geworden. Diese Rolle könnte Mhkize einnehmen.

Mkhize hat sich seit der dramatischen Kabinettsumwandlung im März, in der Zuma alle ihm kritischen Minister entliess, zwar stärker von Zuma distanziert, sich aber dennoch weder der einen noch der anderen Fraktion zugeordnet. Inzwischen hat sich der als besonnen geltende Politiker, über den wenig bekannt ist, offiziell als Anwärter für das oberste Amt positioniert. Mkhizes politische Wurzeln im ländlichen Kwa-Zulu Natal und seine Fähigkeit, auch die urbane ANC-Basis anzusprechen, lassen ihn in der Tat als starke Alternative erscheinen.

Wie wird eigentlich gewählt?

Es ist wichtig festzuhalten, dass die Popularität der Kandidat/innen in der Presse oder in der allgemeinen Bevölkerung nicht ausschlaggebend ist für die Wahl. Entscheidend ist die Anzahl der Delegiertenstimmen, die die jeweiligen Kandidat/innen auf dem 54. Pateikongress für sich gewinnen können. Es lohnt sich also einen Blick auf den Wahlprozess selbst zu werfen.

Der ANC besteht landesweit aus rund 4.000 Ortsverbänden. Vor jedem Parteikongress werden die Anzahl der Verbände und Mitglieder überprüft und festgelegt, wie viele Delegierte pro Provinz zu dem Kongress zugelassen werden. Die Delegierten sind direkte Entsandte der Ortsverbände, welche durch Abstimmungen ihre Präferenzen festlegen. Zusätzlich werden rund 10 Prozent der insgesamt mehr als 4.000 Kongressteilnehmer/innen als Repräsentant/innen der ANC Frauen-, Jugend- und Veteranenliga entsandt. Während des Kongresses wählen die versammelten Delegierten in einer Geheimwahl den Präsidenten/die Präsidentin sowie für fünf weitere Parteiführungsmitglieder. Auch bestimmen sie die 80 Mitglieder des Nationalen Parteirats, dem höchsten Entscheidungsgremium der Partei.

In der Theorie ist der ANC damit ein Paradebeispiel basisdemokratischer Entscheidungsfindung. In der Praxis wird dieser Prozess jedoch ausgehöhlt. So ist die ANC-Mitgliederstatistik anfällig für Manipulationen. Im Jahr 2007 hatte der ANC etwa 620.000 Mitglieder. Kurz vor dem letzten Parteikongress im Jahr 2012 verdoppelte sich diese Zahl auf rund 1,2 Millionen, nur um im Jahr 2015 wieder auf 700.000 zurück zu fallen. In den vergangenen Monaten erschienen Berichte, dass die Partei die Fälschung hunderttausender Mitgliedsschaftsformulare überprüft. Allein in der Provinz Kwa-Zulu Natal stehen 200.000 Mitgliedschaften in Frage. Die anstehende Veröffentlichung der aktuellen Mitgliederstatistik, die nach Angaben von Parteigeneralsekretär Gwede Mantashe einer strengen Prüfung unterzogen wird, ist ein wichtiger Barometer für das zu erwartende Ergebnis auf dem Parteikongress.

Damit hören die demokratischen Defizite innerhalb des ANC jedoch nicht auf. So haben in der Vergangenheit die jeweiligen Provinzen ihre Stimmen als Blocks für bestimmte Wahllisten für die sechs Top-Ämter in der Partei abgegeben. Bestimmend waren vor allem die politischen Loyalitäten der Parteivorstände in den Provinzen. Um dies in Zukunft zu verhindern, kündigte Mantashe an, Wahlbeobachter zu den Wahlversammlungen zu entsenden. Auch sollen Nominierungen seitens der Ortsverbände in diesem Jahr direkt an die Parteizentrale und nicht an die Provinzstrukturen übermittelt werden. Dies soll Manipulationen vorbeugen und eine Atmosphäre frei von Einschüchterung und Gewalt schaffen.

Trotz aller Anstrengungen aus der Parteizentrale ist jedoch davon auszugehen, dass die Ankündigung der neusten Mitgliederstatistik und der Nominierungsprozess die Spannungen zwischen den Fraktionen vertiefen werden. Mehrere Provinzen sind bereits in schwere Grabenkämpfe verwickelt. In Kwa-Zulu Natal, der Heimatprovinz Zumas, stehen sich die Fraktionen gar vor Gericht gegenüber. Es geht um die angebliche Manipulation der Wahlergebnisse des vergangenen Parteikongresses in der Provinz, bei dem Zumas Anhänger die Macht erlangten. Dies verdeutlicht nicht nur das Ausmass der Polarisierung innerhalb der Partei, sondern liefert auch einen Vorgeschmack für das, was sich in den kommenden Monaten auf nationaler Ebene abspielen kann.

South Africa - Gauteng - Hartbeespoort Dam.JPG

Gut gegen Böse?

Die Medien stellen den Wettlauf zwischen Ramaphosa und Dlamini-Zuma um die Vorherrschaft in der Partei gerne als einen Kampf zwischen Gut und Böse dar. Der südafrikanische Schriftsteller Jonny Steinberg hat zu Recht darauf hingewiesen, dass eine solche Darstellung einer genaueren Betrachtung nicht standhält.

Natürlich stehen die beiden Spitzenkandidat/innen auf unterschiedlichsten politischen Plattformen. Es ist auch berechtigt, Dlamini-Zuma ihre Nähe zu ihrem skandalbehafteten Ex-Ehemann und verbündeten Parteivorsitzenden in den Provinzen vorzuwerfen. Ebenso ist ihre Unterstützung durch die ANC Frauen-, Jugend- und Veteranenliga alles andere als ein Gütesiegel. Deren Anführer/innen stehen allesamt für eine Politik des Bauches und geringen Verstandes.

Dennoch hat sich auch Ramaphosa auf Allianzen mit fragwürdigen Elementen seiner Partei eingelassen. So ist etwa die Provinz Eastern Cape, die sich offen hinter seine Kandidatur stellt, eine der korruptesten im Land. Ähnlich wie in Kwa-Zulu Natal werden hier politische Streitigkeiten zunehmend mit Gewalt ausgefochten. Beide Lager sind auf die Provinz Mpumalanga angewiesen, um die Mehrheit der Stimmen für sich zu sichern. Der dortige Parteivorsitzende David Mabuza, der ehemals als eng mit Zuma verbündet galt, zeigt sich zunehmend kritisch gegenüber der Kandidatur von Dlamini-Zuma. In Hinblick auf die Wahlen im Jahr 2019 sieht er sie als nicht ausreichend starke Kandidatin.

Selbst im Falle eines Sieges von Ramaphosa werden also die korrupten Seilschaften innerhalf der Partei nicht einfach beiseite zu schaffen sein. Andererseits könnte Dlamini-Zuma nach einem Sieg positiv überraschen. Sie wäre nicht die erste ANC Präsidentin, die nach ihrer Vereidigung im Amt Teilen ihrer Basis deutlich den Rücken zudreht. In diesem Fall wäre dies zu begrüssen.

Der ANC ist, wie Steinberg anmerkt, ein Marktplatz, auf dem Mitglieder ihre Gefolgschaft zum Verkauf anbieten. Weil für viele Funktionäre das politische Überleben und die Einkommensgrundlage auf dem Spiel stehen, wägen sie bis zur letzten Minute ihre Loyalitäten sorgfältig ab.

Jenseits des Parteikongresses

Wer auch immer im Dezember den Sieg davon tragen wird, hat die Mammutaufgabe vor sich, die Partei zu reformieren und ihren Zusammenhalt zu stärken. Es ist durchaus denkbar, dass der ANC und seine Allianz in Folge des Parteikongresses auseinanderbrechen. Die Spitzenkandidaten rufen bereits jetzt zur Einigkeit auf: „Wenn du verlierst, folgst du dem Gewinner. Wenn du gewinnst, nimmst du alle mit“, betont Dlamini-Zuma.

Den meisten Beteiligten ist klar, dass es, anders als in dem Showdown zwischen Mbeki und Zuma im Jahr 2007, diesmal um die langfristige Überlebensfähigkeit der Partei als Regierungspartei geht. Dass der ANC bei den Wahlen im Jahr 2019 auf unter 50 Prozent abrutscht, ist nicht mehr komplett auszuschliessen. Auch wenn dies nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, ist allein der Gedanke, dass der ANC seine Mehrheit verlieren könnte, eine psychologisch wichtige Nuance.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Vorschlag, die Wahl auszusetzen und ein Kompromissführungsteam zu nominieren, an Fahrt. Damit wäre vor allem eines garantiert: die Leichen blieben im Keller und alle wären an der Macht beteiligt. Der Wille, politische Macht und Einfluss zu erhalten, scheinen derzeit der einzige, vielleicht aber ausschlaggebende Kitt zu sein, der die Partei noch zusammenhält. Den Gefallen, sich einfach selbst zunichte zu machen, wird der ANC seinen politischen Gegnern kaum tun.

Jochen Luckscheiter
boell.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-SA 3.0) Lizenz.

Quelle      :      Artikelübernahme  von Untergrundblättle

————————————————————————————————————————–

Grafikquellen    :

Oben  : —   Bild: Präsident Jacob Zuma (links) vertraut nicht mehr darauf, dass sein Vize Cyril Ramaphosa (rechts) ihm nach seiner Amtsausscheidung Schutz vor der Justiz bieten wird. / GovernmentZA (CC BY-ND 2.0 cropped)

—————————————————————————-

2.) von Oben   —  Satellitenbild des Kaps der Guten Hoffnung, künstliche Perspektive

Abgelegt unter Afrika, Regierung | Keine Kommentare »

Scheiss-Kolonialismus!

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Oktober 2017

Gegen revisionistische Verharmlosungen deutscher Gewaltgeschichte

Autor : Henning Melber

Helen Zille ist die Grossnichte des Berliner Malers Heinrich Zille. Sie ist die ehemalige Parteivorsitzende und eine populäre Oppositionspolitikerin der südafrikanischen Democratic Alliance (DA).

Vor einigen Monaten bekam sie ihr Fett ab. Auf dem Rückweg von Singapur setzte sie im März 2017 noch vor Flugantritt beeindruckt von den dortigen Errungenschaften einen tweet ab. Darin stellte sie kategorisch fest, nicht alles am Kolonialismus sei schlecht gewesen.

Bis sie in Südafrika landete, war der shitstorm in vollem Gange. Immerhin haben Generationen von Schwarzen unter einem System der menschenverachtenden Apartheid hautnah erfahren, was eine rassistische Fremdherrschaft an Entwürdigung, Ausbeutung und Unterdrückung für die rechtlose kolonisierte Mehrheit bedeutet. Doch Zille zeigte wenig Einsicht.

Immerhin, so beharrte die frühere Bürgermeisterin Kapstadts und heutige Premierministerin der Westlichen Kapprovinz, habe der Kolonialismus Infrastruktur geschaffen, Strassen und Schulen gebaut, ein Gesundheitssystem eingeführt und damit den Lebensstandard gehoben.

Zu ihrer Verteidigung führte sie auch an, dass sie als einstige Kritikerin der Apartheid kaum im Verdacht stünde Unrecht zu relativieren.

Ihre Uneinsichtigkeit hatte einen Preis. Nach wochenlangem Tauziehen initiierte die DA ein Disziplinarverfahren.

Zille wurde im Juni aus allen Führungsgremien der Partei wegen parteischädigenden Verhaltens ausgeschlossen. Schliesslich hatte die DA während der Kommunalwahlen 2016 erste nennenswerte Unterstützung unter der wachsenden Wählerschaft einer städtischen schwarzen Mittelschicht erhalten, deren Unzufriedenheit über die Macht- und Geldgier unter der ANC-Führung dazu führte, sich politisch neu zu orientieren.

Zilles Erfahrung könnte ein Lehrstück dafür sein, wie die Sicht von unterschiedlich Betroffenen sich fundamental unterscheidet.

Nachfahren von Tätern glauben sich mitunter erlauben zu können, die verinnerlichten Empfindsamkeiten von Opfergenerationen und deren Nachfahren zu verharmlosen, indem sie diese eines vermeintlich Besseren belehren. Dass dies auf eine Relativierung von Gewaltgeschichte hinaus läuft und damit tendenziell die Wurzeln eigener Privilegien negiert, mag ihnen noch nicht einmal bewusst sein.

Daran, dass es fundamental falsch und verwerflich ist, ändert es aber Nichts.

Koloniale deutsche Gewaltgeschichte

In Deutschland ist in den letzten Jahren die koloniale Vergangenheit stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Grossen Anteil daran hatten die seit der Jahrhundertwende deutlich intensiver werdenden Bemühungen von Afrodeutschen und von postkolonialen Initiativen, die meist in lokalen Bezügen jeweils vor Ort (wie z.B. in Münster, Hamburg, Freiburg, Berlin, Heidelberg, Potsdam, München aber auch andernorts) an die koloniale Hypothek und die rassistisch aufgeladenen Verbindungslinien erinnern. Vieles im deutschen Alltag erinnert noch immer an die Kolonialgeschichte auch hierzulande, wenngleich diese nur selten bewusst gemacht wird. Doch das vielzitierte Diktum von William Faulkner (aus dem Theaterstück „Requiem für eine Nonne“) gilt auch in diesem Fall: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“.

Diejenigen, die sich seit Jahrzehnten um die bewusste Bearbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit bemühen, konnten mittlerweile einen teilweisen Erfolg feiern. Neben anderen Faktoren hatte ihre Beharrlichkeit dazu beigetragen, dass sich zur Jahresmitte 2015 die Bundesregierung durch das Auswärtige Amt zu einem besonders dunklen Kapitel der überseeischen deutschen Gewaltgeschichte bekannte. Unter wachsendem Druck auch etablierter Medien wurde endlich eingeräumt, dass der Krieg gegen die Ovaherero und Nama im damaligen „Deutsch Südwestafrika“ (dem heutigen Namibia) zwischen 1904 und 1908 ein Völkermord war. Seither verhandeln Sonderbeauftragte der deutschen und namibischen Regierung um eine angemessene Konsequenz aus diesem Tatbestand.

Dass es in den anderen deutschen Kolonien – insbesondere dem damaligen „Deutsch Ostafrika“ mit einer Politik der verbrannten Erde zur Niederschlagung des Maji-Maji Widerstandes – ähnlich gelagerte Fälle von Kriegsverbrechen gegeben hat, mag diesen Verhandlungen besondere Brisanz verleihen. Auch werden die seitherigen Diskussionen in Deutschland im europäischen Ausland mit grossem Interesse verfolgt. Immerhin haben diese den potenziellen Charakter eines Präzedenzfalles, was den Umgang mit kolonialen Gräueln betrifft. In London, Paris, Brüssel, Lissabon, Den Haag, Rom, Madrid und andernorts kommt dies der eigenen Kolonialvergangenheit bedrohlich nahe. Es darf vermutet werden, dass dies wohl auch schon Thema der EU-Aussenminister gewesen ist. Und auch in den ehemaligen Siedlerkolonien von Australien, Kanada und den USA wird es gewiss nicht unbeachtet bleiben, was bei den deutsch-namibischen Verhandlungen letztlich heraus kommt.

Deutsch-namibische Feilschereien

Wer meinte, mit der Anerkennung des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts sei jenseits des Lippenbekenntnisses ein grundsätzlicher Durchbruch erfolgt, sah sich bisher getäuscht. Nicht nur sind mit den heutigen Interessenverbänden der Ovaherero und Nama die Nachfahren der seinerzeit am meisten Betroffenen von den direkten Gesprächen fast ganz ausgeschlossen. Sie hatten seit Jahrzehnten für die Anerkennung des Völkermords mobilisiert und bleiben bei den offiziellen Verhandlungen nun weiterhin Statisten. Damit wird die deutsch-namibische Versöhnungsinitiative zu einer Regierungsangelegenheit degradiert und Gegenstand einer Staatsräson, die den unmittelbar Betroffenen eine adäquate Mitsprache verweigert.

Die Bundesregierung begründet dies damit, dass es einzig der namibischen Seite überlassen bleibt, wer aus Namibia mit ihr verhandelt. Sie glaubt damit fein aus dem Schneider zu sein. Doch die Weigerung, sich anderweitig mit diesen Gruppen auseinander zu setzen, straft sie Lügen. Initiativen der Ovaherero und Nama, den Völkermord zum Gegenstand eines Gerichtsverfahrens zu machen, scheiterten bislang. Anfang 2017 hatten sie eine Entschädigungsklage gemäss eines US-amerikanischen Gesetzes bei einem Gericht in New York eingereicht. Doch die Anhörung musste bereits zwei Mal verschoben werden, weil die deutsche Seite die Annahme der Klageschrift verweigerte und den Terminen fern blieb.

Für den 13. Oktober wurde die Anhörung ein weiteres Mal anberaumt. Es bedarf keiner prophetischen Gabe vorher zu sagen, dass auch dann die deutsche Seite nicht anwesend sein wird.

Doch auch die offiziellen deutsch-namibischen Gesprächsrunden verlaufen keinesfalls so harmonisch, wie es die Stellungnahmen des deutschen Sonderbeauftragten und früheren CDU-Politikers Ruprecht Polenz vorgaukeln. Zum einen war die zeitliche Massgabe bei Verhandlungsbeginn, eine gütliche Einigung möglichst noch in der Ära des Bundespräsidenten Gauck zu finden, der dann zu einer offiziellen Entschuldigungsgeste nach Namibia reisen könnte, ein Ärgernis. Schliesslich steht es der deutschen Regierung nicht zu, der namibischen Seite vorzuschreiben, wie lange etwas zu dauern habe, das sich halbwegs adäquat um begangenes Unrecht in Namibia kümmern soll.

Auch der Ausgangspunkt, nach Eingeständnis eines Völkermords eine Entschuldigung dafür zum Verhandlungsgegenstand zu erklären, hat eine paternalistische Anmassung, die verblüfft. Dahinter verbirgt sich immer noch die schon vor fast 15 Jahren ausgegebene Handlungsmaxime des damaligen grünen Aussenministers Joseph Fischer, dass es „keine entschädigungsrelevante Entschuldigung“ geben dürfe. So bekräftigte Polenz Ende Juli 2017 in einem Interview mit der Deutschen Welle, dass es keine finanziellen Entschädigungsleistungen für den Völkermord geben wird. Er betonte, dass sich „Erwartungen auf ein realistisches Mass konzentrieren … und nicht unrealistisch die Verhandlungen belasten“ sollen.

Stattdessen ist von „Wiedergutmachungen“, wie der Einrichtung einer deutsch-namibischen Zukunftsstiftung, die Rede, die Projekte zum Gedenken an den Völkermord fördern soll. Dazu käme eine Erweiterung der entwicklungspolitischen Zuwendungen. Schon seit mehr als 20 Jahren verkündet die Bundesregierung gebetsmühlenhaft eifrig, dass Namibia pro Kopf der Bevölkerung die höchsten Entwicklungsgelder in Afrika erhält (was bei 2,3 Millionen Einwohner*innen nicht unbedingt darauf schliessen lässt, dass es sich dabei um gigantische Summen handelt).

Laut Polenz betrachtet die Bundesregierung die ganze Angelegenheit „nicht als eine Rechtsfrage – und ‚Entschädigungen‘ ist ein Rechtsbegriff – sondern als eine politisch-moralische Frage. Das ist nicht weniger, sondern etwas anderes.“ Dass politische Moral auch zu Entschädigungsleistungen als Folge eines Schuldeingeständnisses führen könnte, wird damit ausgeschlossen. – Nicht verwunderlich angesichts der Forderungen von Nachkommen der Opfer des Nazi-Terrors in Italien, Polen und Griechenland, die ebenfalls weiterhin zurückgewiesen werden. Polenz spricht deshalb lieber von der moralischen Verpflichtung, Wunden zu heilen.

Das sieht der namibische Sonderbeauftragt Zed Ngavirue etwas anders. Er erklärt im Interview mit der Deutschen Welle Ende Juli 2017: „Beim Ausdruck ‚Die Wunden heilen‘ schwingt vielleicht mit, dass Deutschland glauben könnte, dass dies durch das Rezept eines Arztes in Berlin geschehen könnte. Aber aus unserer Sicht kann die Frage von Entschädigungen nicht allein durch das Rezept eines Arztes in Berlin entschieden werden.“

Deutschland hatte Ende Juni 2017 der namibischen Seite ihre aktuellen Vorstellungen in einem Grundsatzpapier übermittelt, über dessen Inhalt Vertraulichkeit vereinbart wurde. Doch schon vorab zu Mitte Juni brach der deutsche Botschafter in Namibia diese Abmachung – bezeichnenderweise in einer Ansprache zur Jahreshauptversammlung des deutschen Schulvereins in Windhoek. Den Deutschsprachigen im Lande wurde so ein Privileg zuteil, das aus Sicht der namibischen Regierung als Vertrauensbruch gewertet werden muss.

Mindestens so aufschlussreich wie dieser gänzlich undiplomatische faux pas sind die Kernpunkte dessen, was Botschafter Christian-Matthias Schlaga den Anwesenden übermittelte. So würde aus deutscher Sicht die Suche nach einer gemeinsamen Sprache über „die Art und Weise der Nutzung des Begriffes ‚Völkermord'“ im Mittelpunkt stehen. Deutschland wäre bereit, „sich für die … in deutschem Namen verübten Verbrechen zu entschuldigen“. Wichtig wäre dabei allerdings, „dass diese Entschuldigung von Namibia als Schlusspunkt der politisch-moralischen Diskussion akzeptiert wird“. Das Ziel sei, „dass die Geschichte nicht länger als ‚dunkle Wolke‘ über allen Bemühungen hängt“.

Datei:Bundesarchiv Bild 105-DOA0916, Deutsch-Ostafrika, Pflanzerhaus.jpg

Die „dunkle Wolke“ Kolonialismus

Der anhaltende Eiertanz der deutschen Verhandlungsseite findet ihr Pendant in wachsenden Gegentendenzen innerhalb der deutschen Öffentlichkeit, den Terraingewinn der postkolonialen Initiativen rückgängig zu machen. Kolonialapologetische Verharmlosungen feiern seit dem offiziellen Eingeständnis eines Völkermords fröhliche Urstände.

Gleich unmittelbar danach räumte der „Spiegel“ dem bislang eher kolonialkritischen Journalisten Bartholomäus Grill sechs Heftseiten ein, um ihm im Gespräch mit einem in Namibia ansässigen deutschen Farmer und prominenten Leugner des Völkermords ein Forum zu bieten. Grills Ausgangsfrage war dabei, ob es den Völkermord „überhaupt gegeben habe“. Seither werden hartnäckig ernst gemeinte Versuche zum Umgang mit dieser Gewaltgeschichte immer wieder diskreditiert und der deutsche Kolonialismus, wie schon früher, in verharmlosender Weise abgetan.

Aktuelles Beispiel ist der 2017 erschienene Sammelband „Die Deutschen und ihre Kolonien“.

Darin wird die deutsche Kolonialherrschaft als „Abenteuer“ oder „Episode“ verniedlicht.

Auch wird – laut einer erstaunlich positiv zustimmenden Besprechung in der ansonsten eher kritisch-linken Monatszeitschrift „WeltTrends“ – öfters darauf hingewiesen, „dass die Deutschen ihre spezielle Einstellung zur Arbeit, die mehr als Lebenssinn denn Lebensunterhalt stiftendes Element gedacht wird, auf die Einheimischen übertragen wollten“. – Am deutschen Wesen…

In diese Trendwende gehört auch, dass die massgeblich von postkolonialen Initiativen vorgetragenen Forderungen nach Namensumbenennung von Strassen in zahlreichen deutschen Städten, die noch immer koloniale Sendboten ehren, attackiert werden.

Für den Journalisten Alan Posener, der regelmässig in der „Welt“ zu Wort kommt, „war nicht alles schlecht am Kolonialismus“. Für ihn ist Helen Zille „ein bewundernswerter Mensch“, die „Opfer der Ideologie des Antiimperialismus“ wurde. Posener wirft den Post Colonial Studies (PCS) vor, die Vergangenheit „durchaus rassistisch“ zu kolonisieren: „Jeder Hinweis auf Leistungen der Weissen wird getilgt. Strassennamen werden geändert, Standbilder niedergerissen, Autoren verworfen, Professoren terrorisiert. Eine Art Neusprech wird eingeführt, um die Menschen daran zu hindern, anders zu denken, als es die PCS-Meisterdenker wollen“.

Der Gralshüter des europäischen Zivilisationsgedankens bezichtigt diejenigen, die den deutschen Kolonialismus als eine tendenzielle Vorstufe zur Ideologie und Praxis der Nazi-Diktatur verstehen des unterschwelligen Antisemitismus. Ihm zufolge dient der Hinweis auf tendenzielle Verbindungslinien zwischen dem Völkermord in Namibia und dem Holocaust einer Leugnung der Singularität der Shoa. – Als ob für die Ovaherero und Nama der an diesen begangene Völkermord kein singuläres Ereignis gewesen sei.

Er attackiert auch die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die sich im Juli 2017 aus der Expertenkommission des Humboldt Forums mit einer deutlichen Erklärung verabschiedete. Um den Ort, an dem die Stiftung Preussischer Kulturbesitz in Berlins Mitte im neu her gerichteten Stadtschloss die ethnographischen Sammlungen vergangener Jahrhunderte als Dokument der Weltkulturen integrieren möchte, ist seither ein fundamentaler Streit entstanden, der auch mit der bislang eher mangelnden Provenienzforschung (also der Suche nach der Herkunft und Art des Erwerbs von Kulturgegenständen) zu tun hat. Posener findet es hingegen wichtiger zu fragen, „ob die Europäer viele Gegenstände nicht eher gerettet als geraubt haben“.

Die heutige Regierung scheint nicht viel aus der Vergangenheit gelernt zu haben.  Denn der Spruch „deutsche Waffen deutsches Geld gilt als Ziel in alle Welt“, läutet eine erneute Kolonisierung ein !

Der Streit um das Humboldt Forum

Savoy jedoch kritisiert die unzureichende Provenienzaufklärung. In einem Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte sie unter anderem, die Sammeltätigkeit unter dem Label Humboldt „mit all den Schweinereien und Hoffnungen, die damit verbunden sind“ seien wir, „das ist Europa“. Das würde wie Atommüll unter einer Bleidecke begraben, „damit bloss keine Strahlung nach Aussen dringt. Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl.“ Dieser breit publizierte Frontalangriff wird auch von dem Aktionsbündnis „No Humboldt 21“ unterstützt, dem 88 migrationsgesellschaftliche Organisationen angehören. Die Reaktionen auf solche Kritik, deren Zusammenhang mit dem Völkermord in Namibia offenkundig ist, sind aufschlussreich. Schliesslich geht es auch hier ans Eingemachte einer bislang halbwegs unangetasteten deutschen Erinnerungskultur und deren geschichtlichen Räume, was die vermeintlich „guten alten Zeiten“ vor dem Nazi-Regime betrifft.

So fordert ein Meinungsartikel in der Welt „Glamour und Magie statt freudloser und hyperkorrekter Kolonialismus-Debatten“ und moniert: „Alles wird auf einmal grundsätzlich diskutiert – aber eben nur ja nicht ästhetisch.“

Die Frage, „ob nun nicht endlich, endlich eine Debatte darüber beginnen müsse, inwieweit die Niederschlagung des sogenannten Hereroaufstands Völkermord war“, möge zwar seine Berechtigung haben, „führt aber vom eigentlich Wichtigen völlig weg“. Es ginge doch „um Schätze“, um „Pracht und Herrlichkeit“. Deren Zurschaustellung in einem kapitalen „Bau aus der Blüte des Barock“, der „gewissermassen diese geschundene Stadt wieder ganz macht, müsste eigentlich Anlass höchsten Jubels sein“. Der zentrale Gedächtnisort biete die Chance, „das Einssein von nationaler Zugehörigkeit und Weltbürgertum in einem grossen Fest der Brüderlichkeit zu zelebrieren“.

Solch Perspektive erfordert eine beachtliche Verdrängungsleistung. So relativierte Mit-Gründungsintendant Horst Bredenkamp laut einem Bericht der Deutschen Welle die harsche Kritik von Savoy mit dem Hinweis, die Berliner „Sammlungsgeschichte“ von 460 Jahren umfasse „nur“ 34 Jahre deutscher Kolonialherrschaft. „Es ist ein Spiel, die Kolonialzeit in den Mittelpunkt zu stellen“, erklärte er in einem Rundfunkinterview. Demgegenüber gestand Ko-Intendant Hermann Parzinger ein: „Natürlich ist es kein Spiel, sich mit der Kolonialzeit zu beschäftigen.“

Hingegen kritisiert Parzinger in einem Artikel der September-Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“ die postkoloniale Kritik als „wohlfeile Selbstprofilierung“. Sie würde „die pauschale – und im Übrigen historisch unzutreffende und unwissenschaftliche – Aburteilung jeglicher völkerkundlicher Sammlung als in ihrer Gesamtheit unrechtmässig“ betreiben. Die Einsicht, „dass Handlungsbedarf besteht“, sei „in den letzten Jahren enorm gewachsen“. Aber „es ist wohlfeil, diese Anstrengungen jetzt mit dem Verweis auf Versäumnisse in der Vergangenheit zu diskreditieren“. Ein „postkolonialer Institutionenhass, der sich derzeit gerne auf Völkerkundemuseen kapriziert“ helfe nicht weiter.

So halten sich weiterhin Legitimierungsversuche einer Geschichte von Unterwerfung, Massengewalt und Raub als elementare und integrale Elemente einer deutschen Kultur, die sich durch die Exponate einer Kolonialgeschichte sogar noch als weltoffen darzustellen bemüht. Zumindest ein erklärtes Ziel haben die Gründungsintendanten jedenfalls schon vor der 2019 geplanten Eröffnung des Forums erreicht, das sie in einer gemeinsamen Stellungnahme zur Austrittserklärung Savoys formulierten: „um die Welt neu in ihrer Gesamtheit denken und erforschen zu können, … werden auch im Humboldt Forum die Widersprüche der Formgebung, der Konflikt zwischen Innen und Aussen, neue Denkprozesse und Debatten anregen“. – Nur dass dabei vieles dieser Prozesse keinesfalls neu ist, sondern die verharmlosende Kolonialapologie der Vergangenheit wiederkäut.

Die Expansion Europas auf den Rest der Welt bleibt dessen ungeachtet in all seinen Auswirkungen auf die Menschen dort und auf das verinnerlichte Gefühl des Herrenmenschentums, das sich nicht nur im Rassismus einer AfD manifestiert, ein Scheiss-Kolonialismus.

Henning Melber / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 422, Oktober 2017, www.graswurzel.net

Quelle   :   Artikel vom Untergrundblättle

Soweit nicht anders angegeben und keine genauere Quellenangabe vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Website die Creative Commons Lizenz (CC).

Henning Melber ist Direktor emeritus der Dag Hammarskjöld Stiftung in Uppsala, Professor an den südafrikanischen Universitäten in Pretoria und Bloemfontein und derzeit auch in Kapstadt. Er kam als jugendlicher Sohn deutscher Einwanderer nach Namibia, wo er 1974 der Befreiungsbewegung SWAPO beitrat. Er ist u.a. Verfasser von „Der Weissheit letzter Schluss. Rassismus und kolonialer Blick“ (Frankfurt/Main 1992), Herausgeber von „Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart“ (Frankfurt/Main 2005) und Ko-Autor (gemeinsam mit Reinhart Kössler) von „Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung“ (Frankfurt/Main 2017).

—————————————————————————————————————————–

Grafikquellen    :

Oben  —-  Deutscher Kolonialherr in Togo (ca. 1885)

 

Abgelegt unter Afrika, Regierung, Schicksale | Keine Kommentare »

Hungerhilfe-Rohstoffquelle

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Oktober 2017

 -und der Abtransport von Ressourcen
Null Chancen für null Hunger bis 2030

COSV - Darfur 2009 - Cattle watering.jpg

Die UNO ist keine bescheidene Institution: Das UN World Food Programme (WFP) hat sich zum Ziel gesetzt den Hunger bis zum Jahr 2030 auszurotten. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen äussert sich der Chef des WFP zu den Chancen dieses Projekts.

Seine Einschätzung: „Es gibt null Chancen für null Hunger bis 2030“. Seinem Pessismismus liegt jedoch nicht eine zu kleine Menge an produzierten Nahrungsmittel zugrunde. Nein, den Grund für all den Hunger sieht er im fehlenden Engagement der wirtschaftlich erfolgreichen Staaten. Diese spenden in seinen Augen zu wenig Dollars an das WFP und kümmern sich zuwenig um die Lösung der militärischen Konflikte in dieser Welt. Worum es bei diesen Konflikten in Syrien, Südsudan, usw. geht, scheint ihn dabei nicht zu interessieren.

In diesem kleinen Text wollen wir aufzeigen, warum es ein Fehler ist, die Untersuchung der Gründe für Hunger hintanzustellen und pragmatisch an die Abschaffung des Welthungers heranzugehen:

Der Praktiker der Hungerhilfe

David Beasly ist Praktiker der Hungerhilfe: Als Leiter des WFP ist es seine Aufgabe, die Welt zu ernähren. Als solches kümmert er sich nicht darum, warum Menschen hungern. Ihn interessiert nur wie man diesen Menschen Nahrung beschaffen kann. Dabei ist ihm natürlich bekannt, dass es so etwas wie Weltmächte, Weltmarkt und Kriege gibt. Diese Phänomene nimmt er jedoch nur als Hindernis oder als Mittel für sein Ziel- der Ernährung der Menschheit – wahr. Was ein Weltmarkt ist, wie Kriege entstehen und warum es so etwas wie Weltmächte gibt und was diese mit dem Hunger zu tun haben könnten, diese Fragen stellt er sich dabei nicht.

«Manche Gebiete können wir aufgrund der Sicherheitslage nicht erreichen. In Syrien unterstützen wir mehr als vier Millionen Menschen im Monat, können aber etwa 600.000 Personen gar nicht versorgen. Wir wissen nicht, ob die verhungern. Im Jemen gibt es auch viele kaum zu erreichende Gegenden. In Südsudan kommt jetzt die Regenzeit, was Strassen unpassierbar macht. Vielerorts nutzen die kämpfenden Parteien den Hunger als Waffe.»

Die Frage warum Kriege in Syrien und Südsudan toben stellt sich Beasly nicht. Er sieht sie nur als Hindernisse bei der Bekämpung des Hungers.

File:Sudan Envoy - USAID and WFP Aid.jpg

Verwandlungskünstler Beasly: Vom Hunger zu Migration und Terrorismus

Beim Verfolgen seines Ziel – des Auslöschens des Hungers weltweit – wird Beasly zum Verwandlungskünstler: Wenn er an Staaten herantritt und um deren Unterstützung wirbt, verwandelt er das Thema Hunger in ein Problem zweiter Klasse. Die Staaten sollen ihn nicht deshalb unterstützen, weil diese den Hunger an sich so verdammenswert finden, sondern weil der Kampf gegen den Hunger deren ureigenste Interessen bedient. Gleich am Anfang führt Beasly diese Verwandlung am Thema Migration vor. Der Tenor: Bei allen Gründen die es sonst für Migration gibt, würden die Leute lieber in ihren Heimatländern bleiben, wenn dort nicht Hunger herrschen würde. Es läge also ganz im Interesse der westlichen Staaten, das Hungerproblem zu lösen, dann hätten sie auch keine Probleme mit unerwünschter Migration.

«Hunger ist einer der Faktoren, die Migration verursachen. Ein Prozent mehr Hunger führt zu einer doppelt so schnell steigenden Migrationsrate. Wenn wir den Hunger bekämpfen, geht daher die Migration zurück. Allerdings können wir durch die Konflikte viele Menschen nicht erreichen. Wir erleben momentan die schlimmste globale humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, und die Situation verschlechtert sich noch. Von den 65 Millionen Menschen, die 2016 gezwungen waren, von zu Hause zu fliehen, lebt nur jeder Dritte ausserhalb seines Heimatlandes. Und bevor beispielsweise eine syrische Familie ihr Heimatland verlässt, sucht sie durchschnittlich dreimal innerhalb ihres Landes Zuflucht. Die Menschen wollen in ihrer Heimatregion bleiben. Aber wir müssen ihnen auch die Chance geben, das zu tun.»

Aus dem Praktiker des Hungers wird also ein Praktiker des Interesses westlicher Staaten, alle möglichen unnützen Gestalten von ihren Grenzen fernzuhalten: So geht Weltverbesserung.

Mit US-amerikanischen Sicherheitsinteressen zum schönen Leben?

Aber auch für die U.S.A. will ein Grund gefunden werden, warum Hungerhilfe nötig ist. Das Thema Migration zieht nicht wirklich, weil der Atlantik die Armenhäuser Afrikas vom amerikanischen Kontinent trennt. Doch auch hier wird unser Mann fündig: Hunger bewirkt schliesslich nicht nur Migration, sondern auch Terror:

«Wenn wir einen Zugang für unsere Hilfe erhalten, lindert das den Konflikt, verringert die Migration, aber auch den Extremismus. Ich sage in Amerika stets, dass es ein nationales Sicherheitsinteresse ist, den Hunger zu bekämpfen. Das gilt auch für Deutschland. Andersherum gesagt: Wer lieber eine halbe Billion Dollar für Militäroperationen ausgeben will, sollte die Mittel für das WFP kürzen.»

Wieder wird der Hunger verwandelt: Nun ist Beasly nicht mehr gegen den Hunger unterwegs, sondern gegen den Terror. Das kommt dabei heraus, wenn man realistisch bleiben und die Welt verbessern will, ohne sie ändern und verstehen zu wollen.

Desinteresse westlicher Staaten der Grund für weltweiten Hunger? Ganz im Gegenteil!

Funktionieren können diese Verwandlungen des Problems Hungers nur deshalb, weil es ein Interesse von seiten der westlichen Staaten an den Orten der Welt gibt, an denen gehungert wird. Die westlichen Staaten haben an diesen Orten ein Interesse an einer ihnen genehmen Ordnung. Westliches Militär tritt nur an Orten dieser Welt in Erscheinung, an denen westliche Staaten Interessen durchsetzen wollen. Gibt es an Regionen dieser Welt kein Interesse, ist es umgekehrt auch egal ob dort gehungert und gekämpft wird – ob dort ein Failed State entsteht.

Wie diese Interessen beschaffen sind ist auch nicht unbekannt: Viele Staaten sind interessant weil es dort Rohstoffe gibt, mit denen sich etwas verdienen lässt. Herrscht jedoch dieses Interesse vor, dann stören die Leute die auf den Rohstoffquellen wohnen erstmal. Gebraucht werden sie auf jeden Fall nur in sehr begrenztem Umfang, für den Abtransport dieser Ressourcen. Einerseits sind diese Länder also in den Weltmarkt eingebunden und sollen es auch bleiben, Essen gibt es also auch dort nur gegen Geld. Andererseits sind die Leute dort für die herrschenden Interessen einfach überflüssig, haben also kein Geld: Hunger. Die Option Subsistenz, Landwirtschaft betreiben für das eigene Überleben, ist ihnen nicht mehr möglich.

Ähnlich bei Nahrung: Schliesslich ist es ja nicht so, dass in Afrika nichts angebaut wird. Afrika ist ein fruchtbarer Kontinent. Doch auch diese Ressourcen zählen wegen dem Geldertrag, den sie versprechen und da schneiden Tabak oder Kakaopflanzen einfach besser ab als Getreide für die Bevölkerung, die sich nichts leisten kann. Auch hier ist es also das bestehende Interesse an diesem Landstrich, das den Hunger erzeugt, und nicht das fehlende.

HD Centre in Darfur - Flickr image 2211561535.jpg

Dort möchten wir auch Merkel sitzen sehen – aber ohne Panzerwagen bewegen sich diese            Kreaturen nicht einmal im eigenen Land ! Dann kann der Bevölkerung gesagt werden :              „Wir schaffen das“

Ohne Aufstände und Terror – keine Hilfe gegen den Hunger

Das ist dann auch die Tragik des Standpunkts von Beasly. Ganz praktisch geht er auf den Hunger los, um am Ende dabei zu landen, sich zum Anwalt der effizienteren Durchsetzung der Interessen zu machen, die den Hunger erzeugen. Für was er sich einsetzt ist nicht das Ende des Elends, sondern eine Betreuung der Probleme die durch dieses Elend entstehen. Hunger wird erst zum „Menschheitsproblem“ weil er zu unerwünschter Migration, Aufständen oder Terror führen kann. Man würds ihm gerne sagen, doch würde damit wohl auf taube Ohren stossen, schliesslich:

«Ich muss dafür sorgen, eine zusätzliche Milliarde zusammenzubekommen, damit nicht binnen weniger Wochen 600.000 Kinder sterben.»

Und dafür dass im nächsten Jahr nicht wieder tausende Menschen vor dem Hungertod stehen. Und auch das Jahr darauf und so weiter. Warum der Hunger fortbesteht, diese Frage stellt er sich eben nicht.

Wie das Problem mit dem Hunger, dass von Beasly zielgerichtet in ein Weltordnungsproblem verwandelt wird, dann von den mächtigen Staatenlenker*innen dieser Welt behandelt wird, das kann man im Text G8-Treffen – Schon wieder: Die Welt zu Gast bei Freunden nachlesen (ab „das Gipfelritual“).

von Bassisgruppe Gesellschaftskritik Salzburg
[geskrit]

Soweit nicht anders angegeben und keine genauere Quellenangabe vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Website die Creative Commons Lizenz (CC).

Quelle     :    Artikel vom Untergrundblättle

——————————————————————————————————————————

Grafikquellen    :

Darfur. Cattle watering – Wasser aus Kessel

—————————————————————————————-

Original description from Flickr: Andrew Marshall, the HD Centre Deputy Director with representatives of the SLM in Darfur communicating with colleagues in Geneva via satellite phone.

 

Abgelegt unter Afrika, Flucht und Zuwanderung, Regierungs - Werte | Keine Kommentare »

Gerechtigkeit im Treibhaus

Erstellt von DL-Redaktion am 23. September 2017

Für eine Neuausrichtung der Klimapolitik

von Wolfgang Sachs

Wenn sich im November die internationale Staatengemeinschaft zur 23. UN-Klimakonferenz (COP 23) in Bonn trifft, um über die Umsetzung des Pariser Abkommens zu beraten, wird auch die Forderung nach mehr Gerechtigkeit in der Klimapolitik laut werden. Denn die Parole „Climate Justice“ ist in den 2000er-Jahren nicht nur zur Fanfare der Zivilgesellschaft geworden, die die internationale Klimapolitik bis heute begleitet. Längst fordern auch die vom Klimawandel besonders betroffenen Staaten, die Hauptverursacher der Erderwärmung – und damit vorwiegend die Staaten des globalen Nordens – stärker in die Pflicht zu nehmen.

Doch was hat es mit der „Climate Justice“ auf sich? Wie verändert sich der Klimadiskurs, wenn man die Gerechtigkeitsperspektive einnimmt? Und welche Folgen hat das für die Entwicklungspolitik?

Gerechtigkeit, so hat der Kirchenvater Augustinus gesagt, sei das, was eine Gesellschaft von einer Räuberbande unterscheide. In der Epoche der Globalisierung ist die Welt zusammengerückt, und ob aus ihr eine Weltgesellschaft oder eine globale Willkürgesellschaft hervorgeht, entscheidet sich an der Gerechtigkeit. Die zukünftige Gestalt der Welt hängt davon ab, ob auf lange Sicht die Stärkung des Rechts oder aber das Recht der Stärkeren die Oberhand gewinnt.

Aber es ist ein Fehler, Gerechtigkeit mit Gleichheit gleichzusetzen. Vielmehr geht es häufig um Gerechtigkeit als Anerkennung. Man denke nur an die Unabhängigkeitsbewegungen, an die Anti-Apartheid-Bewegung oder an den Kampf indigener Völker. Megakonflikte wie zwischen Islam und Christentum, Frauen und Männern, Nord und Süd sind viel stärker Konflikte um Anerkennung als um Verteilung. Schlimmer noch als Ausbeutung ist Herabwürdigung. Die Menschenrechte sind das herausragende Beispiel für eine Politik der Anerkennung. Im Dezember 1948, drei Jahre nachdem die Welt aus den Schrecken von Krieg und Holocaust wiederaufgetaucht war, verkündeten die Vereinten Nationen jene Grundsätze, die sich seither wie politische Sprengsätze ausnehmen: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren und jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Vor allen Dingen aber ist die Welt ein zerklüfteter Ort. Noch immer ist die Ungleichheit zwischen den Nationen ausgeprägter als innerhalb der Nationen. Dass Lebensaussichten so unerbittlich auseinanderdriften, dagegen wendet sich die Gerechtigkeit als Verteilung. Wer auch immer für Respekt kämpft, wird früher oder später als Unterpfand der Anerkennung eine Teilhabe an den materiellen Besitztümern einer Gesellschaft einfordern. In diesem Sinne lässt sich weder Verteilung von Anerkennung noch Anerkennung von Verteilung trennen. Doch kann man die zwei Formen von Gerechtigkeit gut unterscheiden: Die eine dreht sich um (Gruppen-)Identität und klagt Würde ein, die andere orientiert sich am Vergleich und fordert Gleichheit ein. Ohne den Vergleich mit anderen ergäbe die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit keinen Sinn. Das gilt auch für die Klimafrage: Wären alle Länder gleich, müssten alle ihre Emissionen gleichermaßen senken; doch die Welt ist gespalten, sowohl bezüglich der ausgestoßenen Emissionen als auch der wirtschaftlichen Macht. Das lässt die Klimapolitik zu einer Kampfzone der Verteilungsgerechtigkeit werden.

Dieser Kampf wirkt sich auf ein weiteres Feld der internationalen Gerechtigkeit aus, jenes der Gerechtigkeit als Wiedergutmachung. Dabei kommt hinzu, dass die wirtschaftlich Stärkeren aufgrund der Kolonialgeschichte für die schlechte Ausgangslage der Schwächeren eine historische Mitverantwortung tragen. Der Norden hat gegenüber dem Süden ökologische Schulden angehäuft, indem er Anteile des Umweltraums verzehrt hat, die heute dem Süden für seine Entwicklung fehlen. Eine Vielzahl von Ressourcen – vom Silber aus Bolivien über den Kaffee aus Kenia bis zum Bauxit aus Jamaika – wurde in den Norden gebracht, ohne einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Auch globale Gemeinschaftsgüter – Urwälder, Öl – wurden so weit aufgebraucht, dass heute kein gleicher Anteil mehr für die damals Benachteiligten zur Verfügung steht. Nur in Ausnahmefällen stehen die altindustriellen Länder zu dieser historischen Verantwortung. Doch in der Klimapolitik rückt diese Flucht aus der Verantwortung zunehmend auf die Tagesordnung.

Der Klimawandel als Angriff auf die Menschenrechte

Oxfam East Africa - The Reservoirs Are Dry.jpg

Nehmen wir das Beispiel Kiribati. Tarawa, das Hauptatoll der Inselrepublik Kiribati, erscheint aus der Ferne wie ein Paradies: weiße Strände, Mangroven und von Palmen umstandene Dörfer. Doch seine Bewohner kämpfen gegen den Untergang, sie spüren die Auswirkungen der Erdüberhitzung schon lange. Weltweit lässt sich ein Anstieg des Meeresspiegels beobachten, doch in der tropischen Südsee steigt der Pegel besonders schnell. Die Erosion frisst an den Korallenriffen, das Grundwasser versalzt, Krankheiten breiten sich aus, Sturmfluten wüten immer heftiger. Größtenteils ragt das Land nicht einmal zwei Meter aus dem Ozean heraus. Präsident Tong aber hat bereits Land auf den 2000 Kilometer entfernten Fidschiinseln gekauft. Es ist ein allerletzter Ausweg: Falls nichts Kiribati rettet, müssten seine rund 100 000 Bewohner nach Fidschi umsiedeln.

Mittlerweile ist es schon ein Gemeinplatz: Wenn sich die Erdatmosphäre erwärmt, wird die Natur instabil. Unversehens ist kein Verlass mehr auf Regen, Grundwasserspiegel, Temperatur, Wind oder Jahreszeiten – alles Faktoren, die seit undenklichen Zeiten für die Gastlichkeit der Lebensräume von Menschen und anderen Lebewesen gesorgt haben. So liegt es auf der Hand, dass ein steigender Meeresspiegel ganze Küstenstriche – zum Beispiel in Nigeria, Ägypten, Bangladesch, Vietnam oder in der Südsee – unbewohnbar machen wird. Weniger offen liegt zutage, dass sich Veränderungen bei Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Temperatur auf Vegetation, Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Wasserläufe auswirken werden. Die Nahrungsproduktion wird gerade in trockenen und halbtrockenen Gebieten in Mitleidenschaft gezogen, Mangelernährung und Hunger werden zunehmen. Zudem werden Ernten von Ungeziefer befallen, Menschen werden an Malaria und Denguefieber erkranken und Tiere aussterben. Dem „Global Humanitarian Forum“ zufolge hat der Klimawandel bereits vor dem Jahr 2009 jährlich 300 000 Menschen das Leben gekostet, 300 Millionen Menschen in Mitleidenschaft gezogen und 125 Mrd. US-Dollar wirtschaftlichen Verlust verursacht – eine Summe, die höher ist als die gesamte jährliche Entwicklungshilfe. Und dies alles trat schon bei einer relativ geringen Erderwärmung von 1 Grad Celsius ein; alle jene Zahlen steigen auf das Doppelte bis 2030 – mit unabsehbaren Folgen für die Menschheit.

So wird der Klimawandel zur unsichtbaren Hand hinter wirtschaftlichem Niedergang, sozialer Erosion und Vertreibung. Bereits heute sind beispielsweise die Inuit (Eskimo) aufgrund des Klimawandels in ihrer wirtschaftlichen Sicherheit und in ihrer Kultur gefährdet. Jäger verschwinden auf der Jagd, da die herkömmlichen Routen über das Eis nicht mehr tragfähig sind; Vorräte verderben, weil der Permafrostboden auftaut; Iglus verlieren ihre isolierende Schutzfunktion, wenn der Schnee schmilzt und wieder gefriert. Die Inuit in der Arktis ebenso wie die Reisbauern im Mekong-Delta oder die Viehhüter am Turkuna-See in Kenia sind doppelt verwundbar: Einerseits sind sie fragilen Naturbedingungen ausgesetzt, andererseits darben sie wirtschaftlich so, dass sie kaum in der Lage sind, sich an die neuen Risiken anzupassen. Der klimabedingte wirtschaftliche Schaden steigert die menschliche Not: Obdachlosigkeit, Nahrungsmangel und Gesundheitsprobleme nehmen zu. Damit stellt der Klimawandel einen Angriff auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte großer Bevölkerungsgruppen dar.

Mit seiner Geburt erwirbt jeder Mensch ein fundamentales Gastrecht auf der Erde. Das ist der Kern der Menschenrechte. Denn ohne Schutz der körperlichen Integrität, ohne Existenzgrundlage und Äußerungs- und Handlungsfreiheit ist kein Mensch in der Lage, ein würdiges Leben zu führen. Außerdem gelten die Menschenrechte absolut. Sie können nicht, was manche Ökonomen immer noch tun, gegen einen übergeordneten Nutzen für eine größere Anzahl Menschen ausgespielt werden. Das Privileg, einen SUV zu fahren, kann das Recht auf Nahrung nicht außer Kraft setzen. So wird eine rechtsbasierte Klimapolitik mit Nutzenkalkülen vorsichtig umgehen: Der Untergang der Malediven kann nicht mit Wohlstandsgewinnen anderswo erkauft werden. Das Recht setzt Grenzen für eine wirtschaftskonforme Klimapolitik.

Aus diesem Grund hat das Pariser Abkommen vom Dezember 2015 historischen Rang. Es sieht vor, den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf weniger als 2 Grad Celsius, möglichst 1,5 Grad, gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Im Jahr 2015 hat die globale Temperaturerhöhung bereits 1,3 Grad erreicht, eine Marke, ab der jede weitere Erwärmung gemäß UN-Rahmenkonvention gefährlich ist. Das Pariser Abkommen war ein eindeutiger Erfolg der Inselstaaten, die 2009 das „Climate Vulnerable Forum“ ins Leben gerufen haben und in Paris bereits mit 43 Staaten aus der südlichen Hemisphäre aufwarten konnten. Dieses Forum legte das Gerüst für die „High-Ambition-Coalition“ in Paris, in der sich schließlich auch die EU, die USA und Brasilien zusammenfanden. Das 1,5-Grad-Ziel ist eindeutig menschenrechtlich begründet, auch wenn die Menschenrechte im Vertrag nur in der Präambel erwähnt werden. Allerdings kommt es entscheidend auf die Umsetzung an; die eingereichten Planungsziele der Staaten in Paris reichen allenfalls aus, die Erwärmung unter 3,5 Grad zu halten. Immerhin ist endlich die Zeit vorbei, da Klimapolitik ohne Grundrechte gemacht wurde, sondern nur nach Kosten-Nutzen-Kalkülen.

Qzuelle    :      Blätter >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————————————–

Grafikquellen    :

Totes Vieh in Somaliland, März 2011

Abgelegt unter Afrika, Flucht und Zuwanderung, Mensch, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Mahdi erklärt Somalia

Erstellt von DL-Redaktion am 20. September 2017

Eine Reise zum vergessenen Horn von Afrika

On foot patrol in Mogadishu with an AMISOM Formed Police Unit 18 (8171808002).jpg

von Andrea Böhm

Im 14. Jahrhundert war das Sultanat von Mogadischu ein florierendes Handelszentrum an der ostafrikanischen Küste. Heute gilt Somalia als Negation von allem, was die westliche Welt mit Staatlichkeit, Ordnung, Fortschritt und Modernität verbindet.

Ein Freund, der ein paar Jahre in Mogadischu gelebt hat, hatte mit dem Kugelschreiber grob einige Orte skizziert: Den Aden Adde International Airport; den Strand, an dem einst US-Soldaten gelandet sind; den Bakara-Markt, auf dem es alles zu kaufen gibt, wenn nicht gerade geschossen wird; das Abdi-Haus, in dem es zu einem tödlichen und für die Welt folgenreichen Missverständnis kam. Ich habe einen weiteren Ort hinzugefügt. Den Lido-Club aus dem Roman „Maps“ des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah, der im Mogadischu der 1970er Jahre spielt. „Es war Freitag“, heißt es da an einer Stelle. „Das Auto stand auf dem Parkplatz vor dem Lido Club. Salaado war ins Clubhaus hineingegangen, um drei Portionen Eiscreme zu holen.“

Es ist meine erste Reise an das Horn von Afrika. Dieses bekritzelte Papier gibt mir das Gefühl, auf unbekanntem Territorium ein paar Orientierungspunkte zu haben. Der Flughafen ist mein Notausgang, der Strand mein historischer Bezugspunkt, der Bakara-Markt ein Barometer für die Sicherheitslage, das Abdi-Haus ein konkretes Ziel. Und die Zeilen Farahs über den Lido-Club sind gut für meine Nerven. Die Vorstellung beruhigt mich, dass Bewohner dieser Stadt vor nicht allzu langer Zeit friedlich zu einer Eisdiele schlenderten – mit nichts anderem beschäftigt als der Wahl zwischen Vanille und Stracciatella.

Weißer Sand und blaues Meer. Scheinbar endlos gleitet die Maschine von Jubba Airways entlang der Brandungswellen des Indischen Ozeans, bevor sie unweit zerschossener Häuser landet. Auf dem Rollfeld warten meine Gastgeber, ein Deutscher mit Bürstenhaarschnitt namens Volker Rath und ein rundlicher Somalier namens Mo­ha­mud Ali Diriye. Rath ist Projektleiter von Cap Anamur, einer der wenigen ausländischen Hilfsorganisationen, die zu diesem Zeitpunkt noch in Mogadischu arbeiten.

Der Übersetzer Diriye, den alle nur Mahdi rufen, verschwindet mit meinem Pass und dem Visumformular, auf dem Namen, Geburtsdatum und das Fabrikat mitgeführter Schusswaffen einzutragen sind. Rath nutzt die Wartezeit, um auf Sehenswürdigkeiten hinzuweisen: ein Flugzeugwrack, das eine islamistische Miliz mit dem harmlos klingenden Namen „al-Shabaab“ – auf Deutsch: „die Jugend“ – mit Mörsergranaten durchlöchert hat, sowie zwei gepanzerte Fahrzeuge der Afrikanischen Union, deren Soldaten die Miliz seit Jahren bekämpfen. Sie haben es immerhin geschafft, al-Shabaab aus Mogadischu zu vertreiben. Die rächt sich seitdem mit Bombenanschlägen im Stadtzentrum.

Bewaffneter Begleitschutz ist Pflicht, und so klettern drei Männer mit Kalaschnikows auf die Ladefläche unseres Pick-ups, bevor der Fahrer Gas gibt Richtung Innenstadt. Kaum gelandet, fühle ich mich völlig fehl am Platz und zugleich genau am richtigen Ort. Ich werde mich in Mogadischu weder frei bewegen noch allein zurechtfinden können. Und doch ist dies ein idealer Ausgangspunkt für mein Unterfangen: die Konturen einer neuen mappa mundi zu erkunden. Am Horn von Afrika hat sich das christliche Abendland und später der Westen seine Weltordnungen ausgemalt. Zuerst in Gestalt des Priesterkönigs Johannes, der hier die vermeintlich einzige Zivilisa­tion, das Christentum, gegen die vermeintliche Barbarei, den Islam, verteidigt haben soll. Rund 500 Jahre später durch die USA, die hier mit einer neuen globalen Ordnung scheiterten.

„Die Jungs sind absolut zuverlässig“, sagt Mahdi, nachdem wir das Haus von Cap Anamur erreicht haben, und deutet auf die schlaksigen Bewacher. „Der Kommandant gehört zum selben Sub-Klan wie ich.“ Vor dem Eisentor befindet sich ein Schlagbaum, auf den Mauern ist Stacheldraht gespannt. Der Wachschutz besteht aus Mahdis „Jungs“, einem Trupp somalischer Soldaten. Sie verdienen als privater Sicherheitsdienst mehr Geld als in der Armee, die ohnehin nur auf dem Papier existiert. Für die Zeit meines Aufenthalts kann ich mir die Mannschaft zum Freundschaftspreis von 260 Dollar pro Tag ausborgen. Vorausgesetzt, die Sicherheitslage lässt es zu, das Gelände zu verlassen.

File:Mogadishu Somalia.jpg

Zwei Tage nach meiner Ankunft bekomme ich die erste Stadtführung. Von der Kathedrale, Erbe der italienischen Kolonialherren, stehen ein paar Außenmauern, das Dach fehlt, einer der Türme ragt in den Himmel wie ein angenagter Knochen. Auf dem Tarabuunke-Gelände, einstmals der Ort für Militärparaden, hängen die Dachträger der Zuschauertribünen wie abgebrochene Zweige über den durchlöcherten Ehrenlogen.

Mehr noch als der Anblick der Ruinen verstören mich das Licht und die Farben. Sonne, Salz und Wind haben scharfe Kanten und Risse geschliffen und die zertrümmerten Häuser samt der Reklame an den Ladenfronten zu Pastelltönen gebleicht. Afrikas handgemachte Werbung ist eine Kunst für sich. Wo es keine Schaufenster gibt, wird das Warenangebot groß und bunt an die Fassaden gemalt. Die mannshohe Flasche roten Hustensafts an der Wand einer Apotheke hat gleich mehrere Kugeln in den Bauch abbekommen; an der Ruine eines Lebensmittelgeschäfts ist eine durchsiebte Packung Trockenmilch zu erkennen. Von einer Zahnarztpraxis steht noch eine Mauer mit dem Abbild eines riesigen Backenzahns.

„Ich kann dir problemlos ein hübsches Grundstück besorgen“, sagt Mahdi. „In guter Lage.“ Mahdi verdient sein Geld nicht nur als Verbindungsmann für ausländische NGOs, sondern auch als Makler. Ich habe keine Ahnung, was man in Mogadischu unter „guter Lage“ versteht. Jedenfalls steigen seit dem Abzug von al-Sha­baab die Grundstückspreise rapide an. Die Stadt ist gleichzeitig ein riesiges Flüchtlingslager und ein riesiger Immobilienmarkt. Wohlhabende Somalier kehren aus dem Exil zurück, die Baubranche boomt. Solche Aufbruchstimmung hat es immer wieder gegeben – bis sie in einer weiteren Kriegsrunde samt den neu errichteten Häusern wieder zusammenfiel. Wer hier reich werden will, ­handelt mit Waffen oder Zement. Oder mit beidem.

Vor den Trümmern der Zuschauertribünen am Tarabuunke-Gelände hat jemand unter ­freiem Himmel eine Fahrradwerkstatt aufgemacht. Jungen aus dem gegenüberliegenden Flüchtlingslager liefern sich Wettrennen, während ihre Mütter in der sengenden Sonne zwischen Hütten aus Ästen, Plastik und Decken Wasserkanister schleppen und verrußte Kochtöpfe schrubben. Die Männer hocken unter einem Wellblechdach und erzählen ihre Geschichten: Wie ihre letzten Ziegen, Schafe oder Kühe in der Dürre verendet sind, wie sie mit ihren Familien auf der Flucht aus dem Hinterland über Tage oder Wochen marschiert sind und nur haltgemacht haben, wenn wieder ein Kind zu begraben war. Dass sie seit Generationen wissen, wie man Trockenperioden übersteht. Dass aber irgendetwas nicht mehr stimmt mit dieser Welt, mit Gu und Deyr, den beiden Regenzeiten, die immer öfter ausfallen. Ich frage Mahdi nach dem somalischen Wort für Klimawandel. Er zuckt mit den Schultern. Gibt es noch nicht.

Mahdi sehe ich nie mit einer Waffe, sondern immer mit dem Handy in der Hand. Er spricht Somali, Englisch, Arabisch und Deutsch. „Vier Jahre Ilmenau in Thüringen“, sagt er. Dort hat er in den 1980er Jahren Biomedizinische Kybernetik studiert. Damals gab es die DDR noch, und Somalia galt als sozialistisches Bruderland. Erstere ist längst abgewickelt, von Letzterem sind Fragmente geblieben, und Mahdi hat von Biomedizin zunächst auf Elektrotechnik und dann auf den Handel mit Informationen, Immobilien, Privatschutz und Vieh umgesattelt. Eine politische Karriere, inschallah, sagt er, sei nicht ausgeschlossen. Seine frömmelnde Geschäftigkeit ist mir etwas unheimlich. Dann lerne ich seine Frau kennen.

Erdogan Hospital Mogadishu Somalia.jpg

Auf unserer ersten Stadtrundfahrt halten wir im Benadir-Krankenhaus. Das Gebäude zeigt erstaunlich wenig Spuren der Zerstörung. Die chinesische Regierung hat es in den 1970er Jahren mit einer Kapazität von 600 Betten, Wasser- und Stromversorgung und stabilen Außenmauern bauen lassen. Im Dienstzimmer der Kindersta­tion türmen sich Medikamentenkisten, Krankenschwestern schneiden weißen Stoff von einer Rolle. Sie brauchen ein Leichentuch für ein zweijähriges Kind. Die Stationsärztin und ihr Mann haben einen ganzen Ballen gespendet, manchmal geben sie auch das Geld für das Begräbnis. „So was“, sagt Mahdi, „kann bis zu 50 Dollar kosten.“ Die Ärztin ist seine Frau, Doktor Lul Mohamed Muhammud.

Doktor Lul, klein und rundlich, gleitet in ihrem knöchellangen Umhang wie eine dicke Glocke über den Stationsflur. Auch bei 35 Grad Hitze zupft sie nicht ein einziges Mal an ihrem Hidschab, der sich wie eine Skihaube eng um Kopf und Hals schließt. Sie ist 49 Jahre alt und hat wie ihr Mann in Deutschland studiert. Ihre Kinderabteilung ist zum Zeitpunkt meines Besuchs die einzige funktionierende in einer Stadt mit geschätzten 1,3 Millionen Einwohnern und mehreren hunderttausend Flüchtlingen. Bei der großen Hungersnot Anfang der 1990er, sagt Doktor Lul, sei die Lage besser gewesen. „Es gab anständige Zelte für die Flüchtlinge und viel mehr Helfer.“ Damals war die Stadt noch nicht völlig zerstört. Kamerateams aus dem Ausland fuhren durch die Straßen und berichteten über die Misere. Aber dann, sagt Doktor Lul, sei eben „die Sache mit den Amerikanern passiert“.

Quelle    :    Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————–

Grafikquellen   :

Am Strand

Abgelegt unter Afrika, Kultur | Keine Kommentare »

(Haut-)Farbe bekennen?

Erstellt von DL-Redaktion am 6. September 2017

Über Erfolge und Schwächen postkolonialer Kritik

Schlagloch von Charlotte Wiedemann

Die deutsche Kolonialgeschichte scheint heute so präsent wie nie zuvor seit 1945. Von der Herkunft ethnologischer Objekte bis zu den berüchtigten Schädelsammlungen: Manche Institution der bürgerlichen Mitte, gestern noch immun gegen Selbstzweifel, zeigt nun Anflüge von Unrechtsbewusstsein. Und endlich gibt es Gelder, um wissenschaftlich zu ergründen, wie all das, was larmoyant als „gesammelt“ bezeichnet wird, in die Vitrinen weißer Weltbetrachtung gelangte.

Diese Erfolge sind dem unermüdlichen Einsatz von Aktivisten zu verdanken, ebenso einzelnen Pionieren im etablierten Kulturbetrieb. Chapeau! Aber die postkoloniale Kritik zielt ja auf viel mehr (und kann sich deshalb nicht allein auf die Jahre deutschen Kolonialbesitzes, 1884–1918, beschränken): Es gilt, die hierarchische Weltauffassung zu denunzieren und jene white supremacy, die im Herzen des europäischen Kolonialismus blühte und dessen formales Ende weithin ungeschoren überlebte.

An dieser Stelle verschwimmt nun das Bild vom Aufklärungserfolg. Im Umgang mit dem uns innewohnenden kolonialen Geisteserbe wirkt Deutschland heute ähnlich gespalten wie vor einigen Jahrzehnten gegenüber der NS-Vergangenheit.

Dunkles Afrika

Einerseits ist viel mehr Deutschen als früher bewusst, dass die Welt nicht weiß ist – durch Proteste rund um den Globus; durch die Erfahrung von 2015, wie Flüchtende Grenzen obsolet machten; durch die Lektionen, welche die Figur Trump erteilt. Doch steht der Verunsicherung weißer Identität auch Gegenteiliges gegenüber, eine massive psychische Abwehr, bei uns und in ganz Europa: Egalitäre Auffassungen vom Menschen werden verlacht und frei nach Nietzsche verhöhnt als Versuch der Schwachen, die Starken mithilfe des schlechten Gewissens in die Knie zu zwingen.

Eine Atmosphäre tiefen Zwiespalts; intellektuelle Milieus entwickeln sich in beide Richtungen. Unter jungen Weltoffenen hat alles Postkoloniale einen gewissen Schick; man kann sich auf der richtigen Seite der Geschichte fühlen und an attraktive Bewegungen wie Black Lives Matter andocken. Auf der anderen Seite wachsende Ressentiments gegen alles Fremde.

Mit Blick auf die Flüchtlingsabwehr wirkt die postkoloniale Kritik bestürzend aktuell: Afrika bleibt das Dunkle, das ganz Andere, für das eigene Regeln ersonnen werden. Nur macht gerade dieser Druck der Aktualität der antikolonialen Aufklärung zu schaffen: Sie überfrachtet sich mit uneinlösbaren Ansprüchen.

Die Ausstellung „Der blinde Fleck“ in Bremen steht beispielhaft für Verdienste und Schwächen. Mit der Bremer Kunsthalle stellt sich, in Kooperation mit Afrika-Netzwerk und Studierenden, erstmals ein deutsches Kunstmuseum seiner kolonialen Vergangenheit. Der Kunstverein, 1823 gegründet und heute noch Eigner des Museums, geht auf das Mäzenatentum von Kaufleuten zurück, die am Kolonialhandel reich wurden. Faszination für Exotisches und Ausbeutung der exotisierten Subjekte paarten sich ungeniert, auch bei Künstlern der frühen Moderne. Emil Nolde, 1913 embedded in eine pazifische Kolonie gereist, malte mit einem entsicherten Revolver zur Seite.

Quelle   :  TAZ     >>>>>>    weiterlesen

——————————————————————————————————————————-

Grafikquelle   :   Die Sankoré-Moschee Timbuktu.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Regierungs - Werte, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Migrationsgipfel in Paris

Erstellt von DL-Redaktion am 30. August 2017

Europas Beitrag zu den Fluchtursachen bleibt ein Tabu

Flickr - DEEEP Project - MEP Sven GIEGOLD, Greens, Germany.jpg

Zum Ergebnis des heutigen Migrationsgipfels in Paris sagt der wirtschafts- und finanzpolitische Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion imEuropäischen Parlament, Sven Giegold:

„Das Treffen war ein Migrationsabwehrgipfel. Wiedermal wurde hauptsächlich an den Symptomen herumgedoktert: Europa bekämpft mit aller Kraft die Ankunft von Flüchtlingen, nicht aber dieFluchtursachen. Europas Beitrag zu den Fluchtursachen bleibt ein Tabu. Merkel und Macron scheint egal zu sein, wer ihnen die Migranten vom Hals hält. Europa darf bei den Flüchtlingsdeals mit Ländern in Nordafrika nicht die eigenen Werte über Bord werfen.

Nur in der Bekämpfung von Fluchtursachen liegt eine langfristige Lösung der globalen Migrationskrise. Für die Fluchtursachen ist Europa unter anderem durch seine subventionierten Agrarexporte mitverantwortlich. Die neuen Handelsabkommen mit Afrika schaden der lokalen Wirtschaft. Über die grassierende Korruption in afrikanischen Staaten haben die europäischen Staatschefs kein Wort verloren. Korruptionsbekämpfung ist aber ein wichtiger Ansatzpunkt, um langfristige Entwicklung zu fördern. Dazu müsse die globalen Finanzsysteme für illegitime Kapitalflüsse verschlossen werden.“

——————————————————————————-

Debatte Afrika-Bild in Europa

Lasst uns endlich in Ruhe!

File:Bashir arrives - Flickr - Al Jazeera English.jpg

Kommentar von Dominic Johnson

Versteckter Rassismus ist unter europäischen Politikern weit verbreitet. Doch afrikanische Länder müssen sich nichts bieten lassen.

Der Gedanke ist so alt wie der weiße Rassismus selbst: dass die Welt besser wäre, wenn es nicht so viele Schwarze gäbe. Heute, wo offener Rassismus in Deutschland nicht mehr salonfähig ist, versteckt er sich gern hinter diffusen Warnungen vor der „demografischen Zeitbombe“ namens Afrika und der Mahnung vor der „Bevölkerungsexplosion“: Wenn es Mitte dieses Jahrhunderts nach aktuellen Wachstums­trends 2,5 Milliarden Afrikaner geben wird statt einer Milliarde wie heute, was werden die dann alle machen? Uns überrollen, schwingt hinter solchen Warnungen immer mit.

In Ignoranz der Tatsache, dass Afrika nach Australien der dünnstbesiedelte Kontinent der Welt ist, werden düstere Zukunftsszenarien an die Wand gemalt. Bundesentwicklungsminister Müller (CSU) warnt vor 100 Millionen Flüchtlingen, die aus Afrika nach Europa strömen könnten. Und wenn Flüchtlingspolitik in Deutschland kein Wahlkampfthema ist, dann aus einem Grund: Alle sind sich sowieso einig. Eine Million Syrer vor zwei Jahren, na ja. Aber jetzt noch eine Million Afrikaner – nein, das ginge zu weit.

Wie so oft wird in Frankreich, das als einziges europäisches Land neben Russland immer noch seinen Großmachtdünkel vor sich her trägt, ungenierter ausgesprochen, was man in Deutschland nur verschämt flüstert. „Afrikas Herausforderung heute ist viel tiefer, nämlich eine zivilisatorische“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron in Hamburg nach dem G20-Gipfel im Juli, als ein Journalist aus der Elfenbeinküste von ihm wissen wollte, inwiefern sich Frankreich an Deutschlands Marshallplänen für Afrika zu beteiligen gedenke. In seiner üblichen forschen Art blaffte Macron: „In einem Land, das immer noch sieben bis acht Kinder pro Frau zählt, können Sie Milliarden Euro ausgeben, Sie werden nichts stabilisieren.“

Macron, die vermeintliche Lichtgestalt aller Progressiven, ist eben auch nur ein französischer Präsident. Vor zehn Jahren hatte sein Vorvorgänger Nicolas Sarkozy vor verblüfften Professoren in Senegal eine Grundsatzrede zu Afrika mit dem Hinweis gekrönt, dass „der afrikanische Mann noch nicht in die Geschichte eingetreten“ sei. Sarkozy sprach vom Mann, Macron von der Frau, aber auf Sarkozys Griff in die hegelianische Mottenkiste – Afrika als Kontinent ohne Kultur und Geschichte – folgt nun Ma­crons Griff zum rassistischen Klischee des oder der Schwarzen als ungezügeltes Biest, dessen Triebe man erst mal zivilisieren müsse, damit Stabilität einkehre.

Macron sorgte für Empörung

Quelle   :   TAZ >>>>> weiterlesen

 

——————————————————————————————————————————–

Grafikquellen   :

MEP Sven GIEGOLD, Greens, Germany

This image was originally posted to Flickr by Al Jazeera English at http://flickr.com/photos/32834977@N03/5322938895. It was reviewed on by the FlickreviewR robot and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-sa-2.0.

Abgelegt unter Afrika, Europa, Regierung, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Aufstand in Al-Hoceïma

Erstellt von DL-Redaktion am 28. Juli 2017

In Marokko fordern junge Demonstranten seit Wochen
konkrete Verbesserungen für die Rif-Region

Al Hoceïma – Ortsbild mit Hafen und Strand

von Aboubakr Jamaï

Seit Monaten rumort es in der Rif-Region im Nordosten Marokkos. Auslöser war der Tod des Fischhändlers Mouhcine Fikre aus Al-Hoceïma am 28. Oktober 2016. Ordnungskräfte hatten ihn der illegalen Fischerei beschuldigt, seine Ware beschlagnahmt und entsorgt. Bei dem verzweifelten Versuch, sich seinen Besitz zurückzuholen, kletterte Fikre auf den Müllwagen, rutschte ab und wurde von der Presse zerquetscht.

Die bemerkenswerte Ausdauer der Demonstranten und das Ausmaß der Proteste stellen die Strategie, die das Königshaus seit dem Arabischen Frühling verfolgt, deutlich infrage. Damals war König Mohammed VI. der „Bewegung 20. Februar“ (nach dem Todestag von fünf jungen Demonstranten in Al-Hoceïma) zum Schein entgegengekommen. Nach dem Verfassungsreferendum, das er im Sommer 2011 anberaumen ließ, wurden dem Ministerpräsidenten (der König ernannte später einen Kandidaten der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, PJD) mehr Befugnisse eingeräumt und die Berbersprache Tamazight neben Arabisch zur offiziellen Amtssprache erhoben.

Doch um die echten Probleme hat sich das Regime nicht gekümmert: die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die berechtigten Forderungen der Demonstranten, die zudem heute wesentlich besser informiert und organisiert sind als vor sechs Jahren. Bislang scheint die Bewegung beim Königshaus und den mit ihm verbündeten Amts- und Würdenträgern – Makhzen genannt – auf taube Ohren zu stoßen. Die Spitzen des Staats sehen nicht ein, was an den bestehenden Institutionen oder der Wirtschaftspolitik der vergangenen zwanzig Jahre auszusetzen sein soll. Für sie besteht das Problem allein auf der Ebene der Verwaltung, die die Politik des Palasts nicht adäquat umsetzt. Dass sich die aktuelle „Hirak“ (Arabisch für „Bewegung“ oder „Beweglichkeit“) im Rif-Gebirge auch gegen die Verfassungsreform von 2011 richten könnte, wird rundweg abgestritten.

Nachdem sich das Regime mehrere Monate in Zurückhaltung geübt hat, greift es nun umso härter durch. Ende Mai wurde der Kopf der Protestbewegung, Nasser Zafzafi, verhaftet. Fast täglich folgen ihm weitere De­mons­tran­ten ins Gefängnis. Einige von ihnen wurden bereits zu Haftstrafen von bis zu achtzehn Monaten verurteilt. Nach Aussagen von Freunden und Verwandten wurden manche der Inhaftierten gefoltert, darunter auch Zafzafi.

Die Repression begann sich erst in dem Moment zu verschärfen, als die Bewegung sich landesweit auszuweiten drohte. In mehreren Städten gab es Demonstrationen, die sich mit dem Hirak solidarisch erklärten. Höhepunkt war der in Rabat organisierte Tag der Mobilmachung am 11. Juni, dem sich Zehntausende anschlossen – selbst im Arabischen Frühling waren nicht annähernd so viele Leute in der Hauptstadt auf die Straße gegangen. Gleichzeitig greift der Staat zu seinen bewährten Gegenmaßnahmen und sucht im Einvernehmen mit Lokalpolitikern und Vertretern der Zivilgesellschaft, die dem Regime nahestehen, den Dialog mit den Bewohnern der Rif-Region.

Die Entstehung des Hirak mutet wie eine zwangsläufige Folge der institutionellen Schwächen des marokkanischen Modells an – ein Modell, das sich auf die Monarchie als Zentralgewalt gründet. Über alle Fragen, die die Sicherheit oder die Religion betreffen, entscheidet das Königshaus, das stets „seine“ Parteien fördert und mit politischen Ämtern versorgt.

Parallel versucht das Regime mit gezielten Investitionen die Wirtschaft anzukurbeln – insbesondere mit großen Bauvorhaben. Doch seine Strategie zur Entwicklung der Infrastruktur hat sich als unzureichend und sogar fehlerhaft erwiesen. Selbst internationale Finanzinstitutionen wie die Afrikanische Entwicklungsbank und die Weltbank, die in der Regel selten Kritik üben, bemängeln, dass die Investitionspolitik weder das Wachstum gefördert noch die Produktivität der marokkanischen Wirtschaft gesteigert hat.1

Ein weiterer Grund für das Scheitern der staatlichen Investitionsstrategie ist die schwache Privatwirtschaft und ihr Unvermögen, die neue Infrastruktur auch zu nutzen. Diese Schwäche wurzelt wiederum in einem mangelhaften Bildungswesen, das unfähig ist, Marktteilnehmer auszubilden, die sich in einer modernen Wirtschaft entfalten können. Darüber hinaus ersticken Vetternwirtschaft und ein unzulängliches Rechtswesen selbst die zähesten Bestrebungen innerhalb des Unternehmertums.

Für Straßen, Krankenhäuser und eine Universität

Zudem entsprechen die von den Machthabern initiierten Projekte häufig nicht den Bedürfnissen der Bürger. Al-Hoceïma und Umgebung sind dafür das beste Beispiel. Die Hirak-Aktivisten haben eine Liste mit 21 sehr konkreten Forderungen2 vorgelegt, die eine Entwicklungsstrategie für das Rif-Gebirge umreißen.

Ganz oben auf der Liste stehen eine bessere Anbindung der Region, der Bau von Krankenhäusern und eines Universitätscampus und die allgemeine industrielle Entwicklung. Die Forderungen zeigen nicht nur, woran es alles mangelt. Sie stellen auch die Missstände im System bloß, denn offiziell gibt es natürlich längst einen Plan zur Entwicklung der Region, den die verantwortlichen Lokalpolitiker und Vertreter der betroffenen Ministerien – allen voran das Innenministerium – aufgestellt haben.

Das „Gewerbegebiet“ von Aït Kamra3 , 15 Kilometer von Al-Hoceïma entfernt, ist zum Beispiel so ein Fall. König Mohammed VI. hatte es 2009 mit großem Pomp eingeweiht, nachdem 170 Millionen Dirham (15 Millionen Euro) in das Projekt geflossen waren. Doch auf dem bis heute bebauten Teilgebiet von 27 Hektar hat bislang nur ein Autohändler den Betrieb aufgenommen. Neue Fabriken mit vielen Jobs sucht man vergeblich. Auch andere Vorhaben des ursprünglichen Entwicklungsplans riefen heftige Kritik hervor und wurden daraufhin wieder fallen gelassen. So sollte etwa ein Jachthafen gebaut werden – ein Projekt, das mit den vorrangigen Bedürfnissen der Bewohner vor Ort nicht viel zu tun hat.

Dass ein großer Teil der Bevölkerung im Rif den Hirak unterstützt, lässt zudem Zweifel daran aufkommen, wie repräsentativ die lokalen Abgeordneten eigentlich sind. An den Parlamentswahlen von 2016 haben sich in Al-Hoceïma nur 28 Prozent der Wahlberechtigten beteiligt. Es heißt immer, der Grund seien Apathie oder mangelndes Interesse an Politik. Diese Begründung erscheint jedoch kaum stichhaltig angesichts der Tatsache, dass dieselben Bürger seit sieben Monaten ununterbrochen demonstrieren und einen detaillierten Forderungskatalog ausgearbeitet haben.

Quelle  :  Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————————-

Grafikquelle   :    Al Hoceïma – Ortsbild mit Hafen und Strand

Abgelegt unter Afrika, Arbeitspolitik, Umwelt | Keine Kommentare »

Afghanistan Abschiebung

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Juli 2017

„Was, wenn sie mich auch abholen?“

Verteidigungsminister auf Überraschungsbesuch in Afghanistan.jpg

Diese Krieger schützen Menschen in Afghanistan? –  was sie in Hamburg nicht schafften!

von Emran Feroz

Trotz herrschenden Krieges behält Afghanistan seinen Status als „sicheres“ Herkunftsland. Unser Autor begleitet seine Freunde, deren Existenzen durch Abschiebungsbescheide erneut bedroht sind

Als Peer mich vor einigen Wochen anrief, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Mein Freund – ansonsten meist lustig und entspannt – klang ernst und besorgt. „Ich habe diesen Brief bekommen. Nun ist es vorbei“, sagte er. Der Brief war nichts anderes als ein Abschiebungsbescheid. Deutschland hatte beschlossen, meinen Freund Peer nach Afghanistan, unserer von Krieg geplagten Heimat, zurückzuschicken.

Seit sechs Jahren lebt Peer in  Stuttgart. 2011 floh er aus seiner Heimatprovinz Paktia im Osten Afghanistans aufgrund der eskalierenden Sicherheitslage. Peers Dorf liegt abgeschieden. Es gibt keinen Strom und kein Telefonnetz. Taliban-Kämpfer und Soldaten der afghanischen Armee bekämpfen sich in der Region regelmäßig. Hinzu kommen noch Nato-Luftangriffe und Spezialeinsätze des amerikanischen Militärs. Zivile Opfer gibt es immer wieder.

Über den Iran, die Türkei, Griechenland und die Balkanroute erreichte Peer letztendlich Deutschland. Bereits ein Jahr nachdem er seinen Asylantrag stellte, fand er eine Stelle als Reinigungskraft. Seitdem arbeitet Peer, zahlt Steuern und spricht gutes Deutsch. In den vergangenen fünf Jahren wurde Stuttgart zu seinem Lebensmittelpunkt. Er begann, seine Zukunft hier zu planen.

Plötzlich kam alles anders. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilte ihm plötzlich mit, dass seine Abschiebung in die Wege geleitet werde. Außerdem wurde ihm schriftlich nahegelegt, Deutschland „freiwillig“ zu verlassen, um den Prozess einfacher zu gestalten. Peer wusste, was geschehen würde, wenn er dem nicht nachkommen würde. Er kennt die Geschichten jener Afghanen, die von der Polizei aus dem Schlaf gerissen und in ein Flugzeug gesteckt wurden, nur allzu gut. Stets hat er gehofft, diese stetige Angst nicht erleben zu müssen – doch nun war sie da.

Auch mich bedrückte die Situation. Mittlerweile ist es nämlich so, dass Peer nur einer von vielen meiner afghanischen Freunde und Bekannten ist, die unmittelbar vor ihrer Abschiebung stehen oder den Bescheid erwarten. Denn während Geflüchtete aus dem Irak oder aus Syrien hier in Sicherheit sind, ist die Abschiebung von Afghanen europaweit zum Trend geworden – und das, obwohl am Hindukusch seit fast vierzig Jahren Krieg herrscht.

Dennoch hat sich in den Köpfen vieler Politiker festgesetzt, dass viele Afghanen lediglich aus wirtschaftlichen Gründen fliehen und es in deren Heimat genug „sichere Regionen“ geben würde. Die Bundesregierung spielt dieses perfide Spiel mit, obwohl sie bis zum heutigen Tag keine einzige Region, die angeblich sicher sein soll, nennen konnte.

Doch die Verantwortlichen für das Dilemma der Afghanen sitzen nicht nur in Berlin oder Brüssel. Im vergangenen Oktober unterzeichnete die afghanische Regierung einen Deal mit der EU, der im Gegenzug von Milliardengeldern die Abschiebung einer unbegrenzten Anzahl afghanischer Geflüchtete garantiert. Afghanistans Präsident Aschraf Ghani meinte unter anderem, dass die Gelder nötig seien, um Afghanistans Wirtschaft voranzubringen. Dabei ist vielen klar, dass die Milliarden abermals im korrupten politischen System des Landes versickern werden – so wie es schon in den Jahren zuvor geschehen ist.

Quelle  :  TAZ  >>>>>  weiterlesen

Integrationspolitik in Bayern

Zu fleißig für die CSU

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f8/Ellen_Johnson-Sirleaf3.jpg

Höchste Zeit einen Kurs für Rauten in München zu belegen

von Volkan Agar

Laut Integrationsgesetz soll Babacar Cisse Arbeit finden. Cisses Chef möchte ihn ausbilden. Doch die Asylbehörde will lieber warten.

MÜNCHEN taz | Als Babacar Cisse zum Feierabendbier in die Schreinerei kommt, schmäht ihn sein Meister: „Immer noch dieser Rucksack, besorge dir mal einen anderen!“ Denn auf dem Rucksack prangt das Emblem des FC Bayern, Cisses Meister aber fiebert für 1860 München. „Eigentlich bin ich Barcelona-Fan!“, antwortet Cisse und lacht. Ein gewöhnlicher bayerischer Dialog – dabei ist Cisse gar kein Bayer, sondern Senegalese. Er ist 35 Jahre alt, Praktikant in der Schreinerei Holzkollektiv im Zentrum Münchens, seine Kolleg*innen trinken an diesem heißen Juniabend ein Bier, Cisse nichts, weil Ramadan ist und er fastet. Aber wen stört das schon.

Cisse wiederum stört, dass er bislang keine Ausbildung in der Werkstatt machen darf. Dabei möchte ihn das Holzkollektiv einstellen und er möchte den Arbeitsplatz. Doch das alleine reicht nicht. Denn Babacar Cisse ist erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen, sein Asylverfahren läuft noch. Die bayerische Flüchtlingspolitik macht es einem wie ihm besonders schwer.

Vergangenes Jahr hat die Bundesregierung ein Integrationsgesetz verabschiedet, das Flüchtlinge zu Sprachkursen verpflichtet, sie mit Sanktionen bedroht – ihnen aber auch das Recht gewährt, zu arbeiten oder sich ausbilden zu lassen. Sie verkaufte es als Meilenstein der Flüchtlingspolitik. Deshalb kann Babacar Cisse eine Berufsschule besuchen, obwohl er noch kein anerkannter Flüchtling ist. Im zweiten Schuljahr muss er dort allerdings einen Ausbildungsplatz vorweisen. Die Zusage vom Holzkollektiv hat er bereits. Die der zuständigen Ausländerbehörde in Dachau nicht.

„Senegal? Der bekommt niemals eine Ausbildungserlaubnis“, so hatten sie Cisses Meister zunächst geantwortet, als der nach einer Prognose fragte. Später haben sie ihm diese Einschätzung sogar schriftlich gegeben. Einen Antrag haben Cisse und das Holzkollektiv trotzdem gestellt und ein anwaltliches Beschwerdeschreiben geschickt. Darin reihen sich die Argumente aneinander, weshalb Cisse ein Ausbildungsplatz zustünde: Er lernt und spricht Deutsch, er besucht eine Schule, hat einen Ausbildungsvertrag. Nun warten sie auf die Antwort. Die Zeit rennt aber davon, im September ist Ausbildungsbeginn.

Der bayerische Sonderweg

Bei einer Fachtagung des Flüchtlingsrates in einem Münchner Kulturzentrum sitzen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer*innen, Sozialarbeiter*innen, Unter­neh­mer*innen dichtgedrängt. Eine Frau meldet sich und fragt: „Wenn wir den Personen einen Ausbildungsvertrag aushändigen, reicht das als Grund für die Erteilung einer Erlaubnis bei der Ausländerbehörde?“ „Ja“, antwortet ihr ein Teilnehmer, „das sollte reichen.“ „Nein“, widerspricht eine Teilnehmerin, „das kommt auf die Behörde an.“ Stephan Dünnwald versucht, die Diskussion zusammen zuhalten. Er arbeitet für den Flüchtlingsrat. Schon länger treibt ihn der „bayerische Sonderweg“ um, so nennt er das Problem.

Ursprünglich hatte das Integrationsgesetz unter anderem verfügt, dass Geflüchtete unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus schneller und unkomplizierter eine Ausbildung beginnen können. Wer nach seinem Abschluss übernommen wird, darf weitere zwei Jahre in Deutschland bleiben – auch wenn er formal keinen Flüchtlingsschutz erhält, sondern nur ein begrenztes Bleiberecht hat oder geduldet ist. So wie Geflüchtete aus sogenannten sicheren Herkunftsländern wie Senegal. Während dies in anderen Bundesländern einigermaßen funktioniert, schießt Bayern quer, erzählt Dünnwald. Menschen, die bleiben werden, bekämen trotzdem keine Arbeitserlaubnis.

Quelle  :  TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————————–

Grafikquellen   :

Oben   —

Source Flickr: Verteidigungsminister auf Überraschungsbesuch in Afghanistan
Author Bundeswehr-Fotos Wir.Dienen.Deutschland.
Permission
(Reusing this file)
Checked copyright icon.svg This image, which was originally posted to Flickr.com, was uploaded to Commons using Flickr upload bot on 18:01, 1 August 2012 (UTC) by High Contrast (talk). On that date, it was available under the license indicated.
w:en:Creative Commons
attribution
This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Unten —  Die amtierende Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf

 

Abgelegt unter Afrika, Asien, Flucht und Zuwanderung, Regierungs - Werte | Keine Kommentare »

Auf der Route des Löwen

Erstellt von DL-Redaktion am 16. September 2015

Migranten auf dem Weg durch die Sahara

Katrin Gänsler

Lieber auf riskantem Weg nach Europa als in Gambia bleiben, sagt Mohammad Cisse. Dass viele umkommen, hält ihn nicht ab.

Muhammad Cisse* hat sich sein Basecap tief ins Gesicht gezogen und trägt eine Daunenjacke. Er musste die Nacht im Freien verbringen und hat nicht geschlafen. Ihm ist kalt und schlägt die schlacksigen Arme um die Brust. Ab und zu redet er ein wenig mit ein paar anderen Männern. Er ist größer als die meisten und die Zähne seines Unterkiefers stehen hervor. Alle sprechen Mandinka und ein wenig Englisch. Jeder der Passagiere merkt sofort, dass keiner unter ihnen aus dem Niger stammt

Um halb vier am Morgen ist es soweit. „Muhammad Cisse!“, ruft ein Mitarbeiter des Busunternehmens. Der 23-Jährige nimmt seinen Rucksack und muss noch einmal das Ticket vorzeigen. 20.500 CFA-Franc, umgerechnet 31 Euro, hat es gekostet. In vielen Ländern der Region ein halber Mindestlohn. Cisse klettert in den Überlandbus und sitzt zwischen zwei anderen, die wie er aus Gambia kommen. Der Bus bringt sie von Niamey, der Hauptstadt des Niger, nach Agadez und so 1000 Kilometer näher an Europa.

In den ersten Stunden ist es still. Die meisten Reisenden sind Migranten, und jeder hat nur noch einen kleinen Rucksack bei sich mit den letzten Resten von dem, was sie in ihr neues Leben mitnehmen wollten. Nach sechs Stunden hält der Bus kurz in Konni vor der Grenze nach Nigeria. Muhammad Cisse kauft sich zuckersüße Plätzchen und Cola. Er ist groß aber genau so mager wie alle anderen Männer. „Ich komme aus Gambia und bin seit drei Wochen unterwegs“, erzählt er. Wenn es klappt, wird er bald an der Grenze zu Libyen und auf dem Weg nach Italien sein. „Die Autos sollen montags abfahren. Nächsten Montag bin ich dabei.“ Heute ist Freitag. Cisse setzt eine Sonnenbrille auf und post ein wenig. Der Busfahrer drängt zur Eile.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Cooperazione

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Flucht und Zuwanderung, Regierung, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Vorreiter Afrika

Erstellt von DL-Redaktion am 25. August 2015

Deutschland liegt nicht in Afrika

Von Dominik Johnson

800.000 Flüchtlinge in Deutschland? Da lohnt sich ein Blick auf das Zaire von 1994. Und auf Afrikas vorbildliche Flüchtlingspolitik.

Es ist 21 Jahre und einen Monat her, da ergoss sich im Herzen Afrikas der damals größte Flüchtlingsstrom der Geschichte in einen der chaotischsten Staaten der Welt. Bis zu 10.000 Menschen pro Stunde liefen Mitte Juli 1994 aus Ruanda über die Grenze nach Zaire, wie die Demokratische Republik Kongo damals hieß.

Es waren Hutu auf der organisierten Flucht vor der siegreichen Tutsi-Guerilla Ruandas, die soeben einem Völkermord an rund einer Million Menschen ein Ende gesetzt hatte. Unter den Fliehenden, nach kürzester Zeit rund 1,7 Millionen Menschen, waren unzählige Täter des Völkermordes, die geschlagene ruandische Regierung, ihre Soldaten und Milizen. Von einer „Katastrophe biblischen Ausmaßes“ sprachen die internationalen Helfer und trommelten für Hilfe.

Und die Hilfe kam. Jedes Hilfswerk, das auf sich hielt, zog ins zairische Goma. Deutschland schickte Trinkwasserexperten, die Franzosen entsandten Experten für Massengräber, die US-Luftwaffe warf Schokolade in Bananenplantagen ab.

Man kann – man muss – das kritisch sehen. Die Helfer vergaßen ob des Flüchtlingsdramas in Zaire glatt, dass jenseits der Grenze zu Ruanda weit mehr Menschen nicht geflohen waren: traumatisierte und halb totgehackte Völkermordüberlebende, herumirrende Waisen, in den Wahnsinn getriebene Kämpfer, fassungslose Menschen in einem Land voller Leichen. Für sie gab es nichts. Sie und die neue Regierung waren auf sich allein gestellt. Langfristig gesehen, fuhren sie besser. Heute, über 20 Jahre später, floriert Ruanda, aber Zaire ist als Kongo immer noch ein Elendsland voller Flüchtlinge und Milizen.
Ungemütlich nah

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber TSgt. Marv Krause. United States Air Force – Official Photograph

Genehmigung : PD-USGov-Military-Army

Abgelegt unter Afrika, Sozialpolitik, Umwelt | Keine Kommentare »

Diktator auf Ex

Erstellt von DL-Redaktion am 19. August 2015

Hausbesuch bei Dr. Anselm Frobinger, der keine Lust mehr hat, den Globus zu drangsalieren – Weltherrschaft i.R.

Von Leo Fischer

Munter zwitschern die Drohnen um das Waldgrundstück am Tegernsee. Wohlgenährte, gut gelaunt wirkende Roboterkrieger mähen den Rasen, schaufeln große Beete um, die nur scheinbar an Massengräber erinnern, und tarnen sie flugs mit Rosenhecken. Ein freundlicher Homunkulus öffnet die Tür der stattlichen Villa.

Drinnen sieht alles eigentlich ganz normal aus – wie bei jedem anderen handelsüblichen Ottonormal-Milliardär. Die Fotos, die den Hausherrn mit Gaddafi, Adolf Hitler III. und allen sieben Bush-Klonen zeigen, wirken auch nicht verstörender als das, was bei Gaucks überm Kaminsims hängt.

Dann explodiert plötzlich eine Blendgranate. Ninjakrieger lassen sich an Seilen herab, positionieren sich an strategischen Punkten im Wohnzimmer. Aus dem Rauch tritt ein sympathischer Mittfünfziger im Jogginganzug. Und wirklich: Es ist unser Gastgeber – genau wie man ihn von den Interpolplakaten kennt. Dr. Anselm Frobinger, alias das „Graue Phantom“, alias „Dr. Dagger“, alias „der Kratokrat“.

Lena Meyer-Landrut als Idee

Er geht lächelnd auf uns zu, umarmt uns innig, während er uns galant auf Waffen abtastet. Dann bittet er uns, Platz zu nehmen. Sacht klacken die eisernen Manschetten um unsere Gelenke, als unsere Arme auf der Lehne zum Liegen kommen.

Dreißig Jahre hat er für „den Laden“, wie er die Welt scherzhaft nennt, geschafft. Hat Kontinente bewegt, Länder zerstört, tödliche Plagen auf die Menschheit losgelassen: „Lena Meyer-Landrut war meine Idee, so viel bin ich Ihnen schuldig. Würde ich heute auch anders machen.“ Von Reue will er aber nicht sprechen: „Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. Und mal ehrlich, es war einfach eine geile Zeit, Weltherrscher zu sein!“ Unirdische Klänge dringen aus einer verborgenen Musikbox, die Klimaanlage pumpt angenehm parfümierte Chemtrails in den Raum.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————————–—————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Derrfuss

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Regierung | Keine Kommentare »

Die Kinder der Austerität

Erstellt von DL-Redaktion am 24. Juli 2015

Von Mugabe zu Tsipras

von Dominic Johnson

In Afrika waren die üblichen Strukturanpassungen von IWF und Weltbank ein Desaster. Das wiederholt sich nun in Europa.

Seit fünf Jahren wird drastisch gespart, die Wirtschaftslage ist desaströs. Die Armut nimmt zu, fast die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos. Das erhoffte Wachstum stellt sich nicht ein, die Schulden steigen ins Unermessliche. Die Menschen sind frustriert.

Griechenland 2015 ? Nein, Simbabwe 1996, nach fünf Jahren „Strukturanpassung“.

„Economic Structural Adjustment Programme“ hieß damals in Simbabwe, was Weltbank und Internationaler Währungsfonds verlangten, als 1991 das noch junge unabhängige Land im Süden Afrikas Hilfe brauchte. Robert Mugabe, damals noch der strahlende Befreiungsheld des Kampfes gegen die weiße Apartheid im Rhodesien der 1970er Jahre, musste seine sozialistischen Träume begraben: Abwertung der Landeswährung, Ende der Importbeschränkungen und Preiskontrollen, Kürzung von Staatsausgaben.

Solche Strukturanpassungsprogramme wurden Entwicklungsländern damals standardmäßig verpasst; zwischen 1981 und 1997 kamen 37 Länder in Afrika und 75 weltweit in deren zweifelhaften Genuss. Die Strukturanpassung bewirkte das Gegenteil der erhofften Effekte. Sie sorgte dafür, dass in den 1980er Jahren Afrika endgültig den Anschluss an Asien verlor und in den 1990er Jahren im Chaos versank.

Ins Elend gestürzt

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

___________________________

Fotoquelle: Wikipedia –

Pictures from Burkina Faso

Source: http://www.fas.usda.gov/excredits/FoodAid/PhotoGallery/Burkina.htm

This image is in the public domain because it contains materials that originally came from the Agricultural Research Service, the research agency of the United States Department of Agriculture.

Abgelegt unter Afrika, Ernährungspolitik, Flucht und Zuwanderung, Umwelt | Keine Kommentare »

Afrikanische Lösungen aus Europa ?

Erstellt von DL-Redaktion am 27. März 2015

Der mühsame Weg zu einer eigenständigen Sicherheitspolitik

von Philippe Leymarie

Jedermann weiß, dass Afrika die geostrategische Zukunft des Planeten ist, nur nicht die Afrikaner“, sagt Scheich Tidiane Gadio. Er war von 2000 bis 2009 senegalesischer Außenminister unter Präsident Abdoulaye Wade und ist jetzt Vorsitzender des Pan-African Institute of Strategy. Unter der Federführung dieses Instituts wurde Mitte Dezember erstmalig das Internationale Forum für Frieden und Sicherheit in Afrika abgehalten. Es handelt sich dabei um ein informelles Treffen, das künftig alljährlich stattfinden soll. Nach dem Vorbild ähnlicher Konferenzen in anderen Regionen der Welt versammelten sich ungefähr 400 Militärs, Politiker, Forscher und Journalisten in Dakar.

Mehr als fünfzig Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit sei es „höchste Zeit, dass das afrikanische strategische Denken in einem geeigneten Rahmen zum Ausdruck kommt“, schreibt der französische Geograf und Diplomat Michel Foucher. Tatsächlich wurde auf dem Forum ein „Mangel an geopolitischem Bewusstsein“ auf dem Kontinent beklagt, wie es ein Offizier von einer zentralafrikanischen Militärakademie formulierte, der auch forderte, Sicherheit solle als „globales öffentliches Gut“ betrachtet werden.

Es ist offensichtlich, dass insbesondere die Staaten der Sahelzone zu fragil und schwach sind, um Frieden und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Nachdem die dschihadistischen Gruppen aus ihren Entstehungsgebieten in Algerien weitgehend vertrieben worden waren, verbreiteten sie sich im Sahel und formten militärische Strukturen nach dem Muster der somalischen al-Shabaab oder des Islamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak. „In einem Gebiet vom Atlantik bis zum Roten Meer gibt es für diese Gruppen keine Grenzen“, warnte ein afrikanischer Diplomat. Er befürchtet das „Zusammenfließen der Operationsgebiete“.

Die nigerianische Gruppe Boko Haram breitet sich immer weiter nach Kamerun, nach Niger und bis in die Zentralafrikanische Republik aus und der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian stellt zwischen dem IS und Organisationen in der Sahelzone und der Sahara, die sich bisher auf al-Qaida bezogen haben, gewisse „verbindende Elemente“ fest.

Die meisten bewaffneten Gruppen, die oft selbst untereinander zerstritten sind, operieren vor allem in abgelegenen, grenznahen Regionen, die von den jeweiligen Zentralregierungen kaum zu kontrollieren sind. Dabei machen sie sich die jeweilige politische Situation zunutze – wie den Kampf der separatistischen Tuareg in Nordmali oder den Bürgerkrieg in Libyen. Sie profitieren von ihren Familien- und Klanverbindungen, um in diesen Gebieten Fuß zu fassen, und stützen sich auf bestehende Solidaritäts- und Informationsnetzwerke.

Sie finanzieren sich, indem sie in die lokalen Wirtschaftsstrukturen eindringen. Sie eskortieren Konvois, verlangen Wegzoll und partizipieren am Handel mit Waffen, Drogen, Zigaretten und Geiseln. Ihre Mitglieder rekrutieren sie aus der großen Zahl bitterarmer Jugendlicher, die von diesem neuen „politischen Angebot“ angezogen werden – und von dem Sold, den die Kämpfer im Dschihad erhalten.

„Sie verhalten sich wie Unternehmen, deren Geschäft die blinde und massive Gewalt ist, manchmal auch nur wie Wirtschaftskriminelle“, erklärte Scheich Gadio. „Ihre finanziellen Ressourcen und militärischen Möglichkeiten übersteigen oft die unserer regulären Sicherheitskräfte. Außerdem agieren sie in Netzwerken und bündeln ihre Kräfte, wozu wir nicht in der Lage sind.“ Ein früherer hoher Beamter der Afrikanischen Union (AU) pflichtet Gadio bei: „Wir sind Jahre im Rückstand.“ Er ist der Meinung, dass die jeweiligen Staaten ihre Strategiedoktrinen von Grund auf überarbeiten müssen.

Boko Haram erobert auch Köpfe und Herzen

—————————————————————————————————————————-

Quelle: le monde diplomatique  >>>>> weiterlesen

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Brian Ecton Original uploader was Serk at en.wikipedia

I, the photographer, release this image to the public domain.

Abgelegt unter Afrika, Regierung, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Nachhaltige Zerstörung

Erstellt von DL-Redaktion am 7. Februar 2015

Entwicklungshilfe made in Germany

Markttag in Segou – Mali

VON CHRISTIAN JAKOB

Eine staatliche Entwicklungsbank soll kleinen Unternehmen in Entwicklungsländern helfen. Mit dem Geld werden zwielichtige Investoren gefördert

Für den Agrarinvestor Modibo Keita war es ein Bombengeschäft: Pacht und Pachtoptionen auf insgesamt 27.000 Hektar fruchtbares, bewässertes Land, nutzbar für 30 Jahre – umsonst. Nur für das aus dem Fluss Niger gepumpte Wasser für seine neuen Felder sollte der Agrarunternehmer bezahlen. Mit weiteren Kosten mochte die malische Regierung den Unternehmer nicht belasten – schließlich sollte er in der Region Segou, drei Autostunden östlich der Hauptstadt Bamako, Arbeitsplätze schaffen. Die von der malischen Regierung geheim gehaltenen Verträge liegen der taz vor. Keita möge lediglich „prioritär lokale Arbeitskräfte nutzen“, heißt es darin. Am 31. Mai 2010 unterschrieb Malis damaliger Agrar-Staatsekretär Abou Sow den Acker-Deal mit Keitas Firma Moulin Moderne du Mali.

Ein Teil der Flächen, die die Regierung da in die Hände eines Großgrundbesitzers vergab, wurde von kleinen Bauern bewirtschaftet. Zwei Dörfer sollten ihre Äcker hergeben. Ein klassisches Landraub-Geschäft, wie es in vielen Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika abläuft – bis auf einen Umstand: An diesem ist mittelbar der deutsche Staat beteiligt. Wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) kürzlich einräumte, bekam Keita zwei Kredite von der malischen Agrarentwicklungsbank Banque Nationale de Développement Agricole (BNDA). Die gehört zu 21 Prozent der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH (DEG), die wiederum eine 100-prozentige Tochter der staatlichen deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist.

Der offizielle Auftrag der 1962 gegründeten DEG lautet, private Unternehmen in Entwicklungsländern zu fördern. Die als gemeinnützig geltende DEG ist von der Steuerpflicht befreit. Sie verteilt jährlich Kredite in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Euro, ihre Bilanzsumme liegt bei rund 7 Milliarden. Ein Drittel ihrer Investitionen fließt in Beteiligungen an Banken in Entwicklungsländern – so wie in Mali.

Schlägertrupps geschickt

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber upyernoz

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Finanzpolitik, Flucht und Zuwanderung, Regierungs - Werte | Keine Kommentare »

Freiheit und Handschellen

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Januar 2015

Die Hysterie im Anschluss an „Charlie Hebdo“ ist unerträglich

SCHLAGLOCH VON ILIJA TROJANOW

„Die größte Gefahr für die freie Meinungsäußerung ist die Regierung, nicht der Terrorismus“, lautete die Überschrift eines Artikels in der „Washington Post“. Die Hysterie nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ war unerträglich. Der Terror in Nordnigeria bleibt dagegen ohne Folgen.

Auf den Schock über die Anschläge in Paris folgte der Schock über die öffentlichen und privaten Debatten. Selbst ansonsten vernünftige Menschen reagierten mit Äußerungen, die unter der Last ihrer Panik torkelten. Die Wiener Tageszeitung Der Standard betitelte ihren Kommentar „Freiheit braucht Sicherheit“, ohne diese Losung in ihrer perfiden Logik durchzudeklinieren: Freiheit braucht Belauschung, Freiheit braucht Handschellen.

Blindheit und Aktivismus

Mit anderen Worten: Wir brauchen keine Freiheit. Keine Überraschung, dass Politiker, Experten und Law-and-Order-Befürworter die Morde instrumentalisierten, um ihre schon oftmals diskreditierten Behauptungen zu dringlichen Forderungen zu schmieden. Die Vorratsdatenspeicherung wurde von den Toten wiederauferweckt, ungeachtet dessen, dass sie sowohl vom Bundesverfassungsgericht als auch vom Europäischen Gerichtshof abgeschmettert wurde, so als hätten die Morde in Paris die Gerichte überstimmt.

Der Rechtsstaat soll gewährleistet werden, indem er ausgehöhlt wird, gemäß dem seit Jahren befolgten Prinzip, die Freiheit durch die Einschränkung der Freiheit zu verteidigen. In einigen Ländern wurde Aufrüstung des Sicherheitsapparats im Eilverfahren beschlossen, unabhängig davon, ob die Maßnahmen ihren behaupteten Zweck überhaupt erfüllen können. Ganze Gesellschaften gossen sich einen potenten Cocktail aus Angst, Blindheit und Aktionismus hinter die Binde.

Dabei sollte die erste Bürgerpflicht in Zeiten wie diesen das Nachdenken sein. Zorn, Trauer und Schmerz entledigen uns nicht der Verantwortung, möglichst nüchtern zu analysieren, Gründe auszuloten, nachhaltige, gerechte Lösungen zu suchen. Fakten sind wichtiger als Gesten, wenn man nicht möchte – wie geschehen –, dass Heuchelei auf dem Trauma aufsattelt. Auch eine ritualisierte Trauergestik bedarf blasphemischer Einwürfe. Das wäre ein Zeichen jener Stärke, jenes Muts, der allenthalben eingefordert wird. Die Militarisierung, die intensivierte Durchherrschung unserer Gesellschaften hingegen ist eine feige Reaktion, ebenso wie das Anwachsen von Islamophobie und Rassismus.

Blindes Vertrauen

Quelle   :   TAZ >>>>> weiterlesen

———————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Basili

Diese Datei wird unter der Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ zur Verfügung gestellt.

Abgelegt unter Afrika, Europa, Feuilleton, Positionen, Überregional | Keine Kommentare »

Dumme Arroganz Deutscher Politk

Erstellt von IE am 20. Januar 2015

Cristal Mosque in Kuala Terengganu-Malaysia

Es ist schon eine bunte Mischung seltsamer Vögel welche hier von dem Autor aus der Frankfurter Szene Erwähnung findet. Nur bei dieser Auflistung der politischen Realitätsverweigerern sollte der Großteil der Regierung nicht vergessen werden. Auch für diese gilt in fröhlicher Eintracht: Gute Regierungen finden sich dort wo das Geld rollt, und das ausschließlich dort.

Zu viel mehr reicht das Urteilsvermögen dieser Wortführer nicht aus. Glauben diese doch, indem Sie in gepanzerten Fahrzeugen auf Kosten der hiesigen Steuerzahler internationalen Einladungen folgen um sich mit dort überreichten Auszeichnungen zu schmücken welche ihre Egoismen heben sollen, einer zurückgebliebenen Bevölkerung den Lauf der Welt erklären zu können.

Obwohl, zu mehr als ein paar Nächte in einen 6 Sterne Luxushotel und einen Besuch im Präsidentenpalast hat es zumeist nicht gereicht. Der Kontakt zur Bevölkerung wird natürlich sorgfältig vermieden, da von diesen „Gutmenschen“ soviel Schlechtigkeiten verbreitet wurden dass Sie um ihr Leben fürchten müssen. Nicht umsonst ist den  meisten Politikern ein sehr langes Leben beschieden und Sie finden reichlich Muße Ihre unverdiente Pension zu genießen.

So wissen Sie dann natürlich auch über alles zu erzählen. Das zum Beispiel in Muslimischen Ländern die Moscheen meistens nicht in die Nähe der großen Hotels gebaut werden sehen Sie nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Möchten doch die Besitzer dieser Hotels ihre Gäste nicht durch den Ruf des Muezzin gestört wissen. Dieser bezahlt doch für gewöhnlich einen hohen recht Preis für die Ruhe.

Auch die Unterschiede zwischen den Muslimen in den verschiedensten Erdteilen kann niemand von diesen Besserwissern  erklären wenn keine persönlichen Kontakte vorhanden sind und dass der teilweise vorhandene Fanatismus überwiegend durch dumm schwätzende Politiker in den dortigen Ländern genauso geschürt wird, wie hier im Land, macht die Sache noch schlimmer. So reichen sich denn Gastgeber und Gast in einträchtiger Verbundenheit die schmutzigen Hände.

Da passt denn der folgende Ausspruch welcher auf die Muslime gemünzt wurde noch besser auf die Politiker unseres Landes wenn wir lesen: „In der Welt der Moscheen herrscht oft noch die Dummheit, die Unwissenheit. Niemals ein Wort der Selbstkritik. Niemals! Die ganze Welt hat unrecht, und wir ruhen uns auf unserer kleinen Wahrheit aus. Das zeigt eine Denkfaulheit, wie sie typisch ist für das Ende großer Dynastien.“ Passt doch wenn wir in Neujahrsansprachen solch dummes Geschwätz hören wie: „Man sollte sich denen (Pegida) nicht anschließen“. Unsere Politiker wissen nicht einmal das sie nicht spalten dürfen und sich neutral zu verhalten haben. Schon damit sind sie überfordert. Aber hier geht es genau um das Spalten als Mittel des Machterhalt.

Auch ein schöner Satz zum Linken Pack: „Die deutsche Linke kann man abhaken, was die Befreiung aus diesen Ketten angeht. Sie, die einst den ersten „Club Voltaire“ in der Bundesrepublik gründete, hatte den Voltaire in sich schon längst begraben.“

Die Linke im Muff von tausend Jahren

von Samuel Schirmbeck

Man konnte aus Algerien berichten, was man wollte, die kleine linke Dynastie im Frankfurter Nordend wollte von einem verknöcherten Islam nichts wissen. Sie sagte: Wer den Islam angreift, greift die Muslime an. Ein Weggefährte berichtet.

Als ich nach den zehn „schwarzen Jahren“ des Terrors aus Algerien nach Frankfurt zurückkehrte, traute ich meinen Ohren nicht. Die 150.000 Toten, die zahllosen, wegen gemischter Klassen abgebrannten Schulen, die Säureattentate auf unbedeckte Frauenbeine, die Enthauptung von Dampfbad-Betreibern, die Zerstörung von Weinregalen per Kalaschnikow-Salve, die Ermordung von Ordensleuten, Schwestern wie Patres, und die Hinrichtung einiger meiner – muslimischen – Freunde hätten mit dem Islam nichts zu tun, belehrten mich meine linken deutschen Freunde, 68er, Gewerkschafter, Grüne, SPD-Mitglieder. Es sei dem islamistischen Untergrund von der „Bewaffneten Islamischen Gruppe“, kurz GIA, nicht um den Islam gegangen, sondern um den Widerstand gegen das korrupte, diktatorische Militärregime, letztlich also um mehr Gerechtigkeit und Demokratie. Mit der Religion habe das alles nichts zu tun. Sie könnten ja meine Traumatisierung verstehen, doch sie verstelle mir den analytischen Blick.

Ich fragte sie: Warum haben die Islamisten dann genau jene Intellektuellen, jene Schriftsteller, Künstler, Theaterleute, Filmemacher und Sänger umgebracht, die gleichfalls allesamt gegen das korrupte Willkürregime gewesen sind? Warum sollten sie das getan haben, wenn es ihnen doch um das „Wohl des Volkes“ gegangen ist? Darauf bekam ich Antworten à la „Das liegt an der geistigen Entwurzelung Algeriens durch den Kolonialismus“, obwohl zum Beispiel der Arzt und Schriftsteller Laadi Flici in seiner Jugend auf Seiten der Aufständischen in der „Schlacht von Algier“ gegen französische Fallschirmjäger gekämpft hatte. Er wurde in seiner Praxis in der heruntergekommenen Kasbah von Algier mit zwei Schüssen niedergestreckt, obwohl er hier den Ärmsten der Armen half.

 Kein Aufschrei nach Massaker an Nicht-Muslimen

Quelle: FAZ >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber http://www.flickr.com/photos/emrank/

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Berlin, Bildung, Hessen, Integration, Regierung, Religionen | 3 Kommentare »

Urlaub von Ägypten und Pegida

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Januar 2015

Überfordert von Dummheit und Hass

VON KHALID EL KAOUTIT

Unser Autor hat keine Lust, mit Pegida-Demonstranten zu diskutieren. Wenn er zu Hause in Berlin ist, will er sich lieber von der Diktatur in Ägypten erholen. Und den Schnee genießen

Was hältst du eigentlich von dem ganzen Pegida-Kram?“, fragte mich letztens mein türkischer Hotdog-Verkäufer in Berlin-Mitte. Ich war nach drei Monaten Aufenthalt in Ägypten, wo ich seit mittlerweile einem Jahr lebe und arbeite, wieder in Berlin und die Pegida-Proteste hatte ich nur aus der Ferne verfolgt. Anfangs war ich überrascht und ratlos. Überfordert von der Dummheit und dem Hass.

Wenn ich die Pegida-Demonstranten reden hörte, bekam ich eine Gänsehaut, denn ich erkannte sofort einige Parallelen zu dem, was in Ägypten immer wieder gesagt wird. Dort entsteht gerade eine Diktatur, die mit allen Mitteln die Macht an sich reißen und jeden Traum von Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit, Trennung von Staat und Religion töten will. All diese Träume, die mit den Umbrüchen von 2011 – dem arabischen Frühling – in greifbarer Nähe zu sein schienen.

Pegida-Sound

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Fotoquelle: Wikipedia – Author Wzwz

This file is made available under the Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Abgelegt unter Afrika, Berlin, Feuilleton | 1 Kommentar »

Verdächtige Ladung

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Dezember 2014

Mülldeponie Agbogbloshie bei Accra, Ghana

Wie unser giftiger Elektroschrott verbotenerweise in der Welt verteilt wird

von Cosima Dannoritzer

Wer über die Müllkippe von Agbogbloshie geht, hört es bei jedem Schritt unter seinen Füßen knacken. Dieser Teil von Accra, der Hauptstadt Ghanas, ist mit Elektroschrott bedeckt, so weit das Auge reicht: kaputte Tastaturen, die verrostete Unterseite eines Bügeleisens, Bleiglasscherben, zerschlagener Bildröhren. Darunter ist die Erde schwarz verbrannt, beißender Rauch liegt über der geisterhaften Szenerie. Im Fluss, der hier fließt, leben keine Fische mehr; die Möwen, die auf den im Wasser liegenden vergilbten Computergehäusen hocken, halten vergeblich Ausschau nach Nahrung.

Die Industrieländer produzieren pro Jahr zwischen 20 und 50 Millionen Tonnen Elektroschrott. Wenn Wirtschaft und Konsum wachsen, wachsen auch die Müllberge. Wie chronischer Ausschlag breiten sich diese Müllkippen in der ganzen Welt aus – in Afrika, Asien, Osteuropa und zunehmend auch Südamerika.

Das frühere Fischerdorf Agbogbloshie ist heute ein Slum. Kinder werfen Knäuel alter Kabel ins Feuer, um das Plastik vom Kupfer abzuschmelzen, das sich noch verkaufen lässt. Die Flammen werden mit Schaumstoff aus alten Kühlschränken genährt, der Fluorchlorkohlenwasserstoff enthält – dieses klimaschädliche Gas mischt sich so mit anderen Chemikalien zu einem giftigen Cocktail, den die Bewohner des Stadtteils mit jedem Atemzug aufnehmen.

Die Lötverbindungen, das Bildschirmglas und die Platinen der Geräte enthalten Blei, das Nieren und Gehirn schädigt. Das Kadmium aus Schaltern und Laptop-Batterien sammelt sich im Körper an, schädigt die Knochen und verursacht Krebs. Elektronische Geräte enthalten mehrere hundert Chemikalien, denen die Kinder von Agbogbloshie ausgesetzt sind. Viele klagen über Atembeschwerden und Fieber, haben Konzentrationsstörungen und sind auffallend klein für ihr Alter.

Interessanterweise tragen die ausrangierten Geräte oft noch Inventaraufkleber, die ihre früheren Besitzer verraten. Hier liegt Elektroschrott von Schulen, Stadtverwaltungen, Krankenhäusern und Polizeiwachen in aller Welt, vom britischen Verteidigungsministerium und von der US-Armee.

Der Export von Elektroschrott in Entwicklungs- und Schwellenländer ist illegal. Das wurde in der Basler Konvention von 1989 festgeschrieben, die inzwischen von 190 Ländern unterzeichnet wurde. Haiti und die USA, der weltweit größte Produzent von Elektromüll, haben das Abkommen allerdings nie ratifiziert.

Im Januar 2003 hat die Europäische Union, ausgehend von der Basler Konvention, die sogenannte EU-Elektroaltgeräte-Richtlinie (WEEE, Waste Electrical and Electronic Equipment) verabschiedet. Darin steht nicht nur, dass europäischer Schrott in Europa recycelt werden muss und nicht exportiert werden darf, sondern auch, dass die Geräte möglichst umweltfreundlich und leicht zerlegbar hergestellt werden sollten.

Wer sich in Europa ein neues elektronisches Gerät kauft, bezahlt das Recycling gleich mit. Die Verbraucher haben also, wenn sie ihr Gerät entsorgen müssen oder wollen, einen Anspruch darauf, es kostenlos bei einem Wertstoffhof oder Recycler abzugeben. Mit der Recycling-Abgabe, die europaweit jährlich 4 Milliarden Euro einbringt, wird ein System moderner Anlagen unterhalten, in denen diese Altgeräte umweltfreundlich und ohne gesundheitliche Risiken zerlegt und wertvolle Stoffe wie etwa Kupfer wiedergewonnen werden. Doch viele Betreiber klagen, dass sie bei Weitem nicht ausgelastet seien.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Author Lantus

This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Kriminelles, Regierung, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

TIMBUKTU

Erstellt von Rationalgalerie am 12. Dezember 2014

Spielen ohne Ball

Autor: Angelika Kettelhack

Rationalgalerie

Datum: 11. Dezember 2014

Zweiundzwanzig Jungen laufen auf einem Sandfeld hin und her. Sie juchzen und lachen und rufen etwas in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Aber es ist offensichtlich, dass sie Fußball spielen – nur seltsamerweise ohne Ball. Denn das ist verboten in Timbuktu in Mali seitdem islamische Fundamentalisten die sagenumwobene Oasen-Stadt in der afrikanischen Sahelzone überfallen haben. Mit einer beeindruckenden Pantomime ohne Ball bewegen sich die halbwüchsigen Jungen über das Spielfeld und leisten so den Besatzern subversiven Widerstand.

Mit dieser Szene wird der Regisseur und Produzent Abderrahmane Sissako, 53, wahrscheinlich in die Filmgeschichte eingehen. Aber ohnehin gilt er als einer der bekanntesten Filmschaffenden aus dem subsaharischen Afrika. Seine Haupt-Themen sind Globalisierung und Exil. Geboren wurde er im dünn besiedelten Mauretanien, zog aber bald mit seinen Eltern nach Mali, weil sein Vater von dorther stammte. Mit 22 Jahren ging er nach Moskau, um an der WGIK, der ältesten Filmhochschule der Welt, Kinematographie zu studieren. Heute lebt Abderrahmane Sissako in Paris und in Mauretanien.

In seinem neuesten Film „Timbuktu“ lässt er gleich in der Eröffnungssequenz einen Haufen barbarischer Islamisten auftauchen, die aus purer Langeweile mit ihren Maschinengewehren spielen und auf afrikanische Kultgegenstände schießen und somit im weitesten Sinne ihre eigene Tradition vernichten. Alles, was der eigenen Ideologie und Überzeugung zuwiderläuft, wird zerstört. Diese Szene erinnert daran wie 2001 die riesigen Buddha-Statuen aus dem 6. Jahrhundert im afghanischen Bamyian ebenfalls von religiösen Fanatikern gesprengt wurden.

Früher galt Timbuktu, am nördlichen Knie des Niger, und somit verkehrstechnisch günstig gelegen, als eine der wichtigsten mittelalterlichen Handelsmetropolen. Getauscht wurden neben dem begehrten Gold und Salz auch Elfenbein, Moschus, Kolanüsse, Leder und Pfeffer. Darüber hinaus entwickelte sich Timbuktu auch als Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in Westafrika: An der Sankoré-Mosche existierte schon damals eine Medresa, vergleichbar einer mittelalterlichen Universität, an der die arabische Sprache, Rhetorik und Astrologie gelehrt wurden. Vom Glanz alter Tage ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die Bevölkerung ist arm und zum großen Teil arbeitslos. Von den klassischen Handelsgütern der Vergangenheit ist lediglich das Salz übrig geblieben.

Im Interview betont Sissako mit viel Nachdruck, dass für ihn persönlich die Religion des Islam sehr wichtig ist, dass ihm aber die Praktiken der neuen islamistischen Fundamentalisten ein Gräuel sind. In seinem Film „Timbuktu“ zeigt er wie unter der Führung dieser selbst ernannten Hüter der moralischen Ordnung das Leben der Bewohner von Timbuktu von einem Tag auf den anderen total verändert wird. In den dicht an einander erbauten Lehmhäusern, die dieselbe beige Farbe wie der Wüstensand der Umgebung haben, wird jede Lebensfreude durch unsinnige Ge- und Verbote verdrängt: Rauchen, Tanzen und Musikmachen werden verboten. Mit Lautsprechern rasen die Fundamentalisten plötzlich durch die engen Gassen der Stadt und verkünden, dass von nun an Schleier und Strümpfe für alle Frauen Pflicht sind.

Als auch die Marktfrauen gezwungen werden Handschuhe zu tragen, öffnet eine der empörten jungen Fischverkäuferinnen ihr Klappmesser und schreit die arabischen Dschihadisten an, sie sollten ihr doch gleich damit die Hände abhacken. Aber da ziehen die so mutigen Männer den Schwanz ein und lassen von ihr ab. In Szenen wie dieser erweist sich Sissakos genaue Beobachtungsgabe des Absurden im Alltäglichen. Er widersetzt sich somit der geistlosen Ideologie und furchteinflössenden Gewalt der religiös Verirrten auf humorvolle Weise wenn er zeigt, dass diese sich selbst mitnichten an ihre starren Regeln halten: Sie gucken Fussball im Fernsehen, sie machen sich an Frauen heran und natürlich rauchen sie heimlich. Nur in der Öffentlichkeit geben sie die puristischen Islamisten.

Doch sobald sie nicht zugegen sind, fühlen sich die Bewohner ungestört. Gitarren werden wieder ausgepackt, es wird getrommelt, gesungen und gelacht. Sissako interessiert sich in seinem Film ausgesprochen stark für Musik. Er schwört auf ihre aufbauende Wirkung und heilende Kraft in einem repressiven Regime. Auf den geheimgehaltenen Inseln der Freiheit siegt die Freude über die Allmachtsfantasien der Doktrinäre, zumindest solange, bis die Musizierenden ertappt und öffentlich ausgepeitscht werden. Auch mit den brutalen Bildern einer Steinigung von einer Frau und einem Mann, die bis auf den Kopf im Sand eingegraben sind, werden durch die Konfrontation der komischen Szenen mit denen der extremen Brutalität der Horror und das Entsetzen über die religiös radikalisierte Menschen fast ins Unerträgliche gesteigert.

Es tut gut die Ausgangsgeschichte des Film zu erinnern, an die kurzen Augenblicke des Glücks. Da lebt eine Tuareg-Familie, Kidane mit seiner Frau Satima und seiner Tochter Toya, friedlich in der Wüste, in der noch vom Wahn der Menschheit unberührten Natur. Nicht weit von Timbuktu entfernt. Dort müssen sie nicht wie die Bewohner der Stadt ohnmächtig das Terrorregime der Dschihadisten ertragen. Abderrahmane Sissako schildert das Leben der Familie in kraftvollen und poetischen Bildern mit einer Sanftheit, die das Drama, in das die Familie später unfreiwillig geraten wird, umso stärker miterleben lässt.

Der Film kommt am 11. 12. in die Kinos

[youtube Cs2dYAlbINY]

———————————————————————————————————————————-

Grafikquelle    :     Erstligaspiel der Roma Rovers in Roma (1990)

Abgelegt unter Afrika, Bücher, Kultur | Keine Kommentare »

Sie sitzen fest

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Dezember 2014

130.000 – Flüchtlinge in Kamerun

.AUS GBITI, TIMANGOLO UND YAOUNDÉ CHRISTIAN JAKOB

„Wir bleiben hier“, sagt Hadjija Abdulaye. Vor neun Monaten floh sie mit ihrer Familie nach Kamerun. Bis heute werden sie von Hilfsorganisationen versorgt, doch deren Gelder werden knapp

Lieutenant Founda hat ihn gewarnt, er warnt alle, die an seinem Wachposten vorbeilaufen, die Uferböschung hinab, das kleine Holzboot besteigen und zurückfahren in den Krieg. Der Soldat steht an dem namenlosen braunen Grenzfluss, es riecht nach Schlamm und totem Fisch. Jetzt, am Mittag, brennt die Sonne auf Gbiti, einen Flecken im äußersten Osten Kameruns, und Founda schwitzt unter seinem grünen Barett. Über ihm weht die Fahne Kameruns, auf der anderen Seite wehen nur ein paar zum Trocknen aufgehängte Hosen. Mehr als ein Jahr ist es her, dass dort, in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), der Bürgerkrieg eskaliert und das Land im Chaos versunken ist. Es ist einer der wohl kompliziertesten Konflikte Afrikas, aber für Founda ist die Sache ganz einfach: „Da sind die Christen, und wenn die Moslems wieder dorthin gehen, dann bringen die sie um“, sagt er und deutet mit dem Kopf auf die Gestalten am anderen Ufer.

Etwa 130.000 Menschen haben sich in den letzten elf Monaten nach Kamerun gerettet. Es waren vor allem Fulbe, muslimische Hirten. Sie flohen vor der Anti-Balaka-Miliz, die gegen die muslimischen Séléka-Rebellen kämpfte, aber auch alle anderen Muslime ermordet hat, die ihr in die Hände fielen. Den Fulbe sind ihre langhornigen Zebu-Rinder Vermögen und Statussymbol. Doch auf der Flucht mussten sie fast alles aufgeben. Immer wieder gehen jetzt einzelne Fulbe zurück, in der Hoffnung, verbliebenes Vieh in den entvölkerten Dörfern zu finden. So wie der Mann, der kürzlich Foundas Warnung ignorierte. Am 16. November kam sein abgeschnittener Kopf mit dem Boot über den Grenzfluss zurück. Es war eine Botschaft der Anti-Balaka an die Flüchtlinge: Kommt ja nicht wieder.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Julien Harneis

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 1.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Überregional, Umwelt | Keine Kommentare »

Die Erfindung des Negers

Erstellt von DL-Redaktion am 13. November 2014

Kolonialmächte sind erfinderisch

Sklavenhandel, Plantagenwirtschaft und die Wurzeln des modernen Rassismus

von Achille Mbembe

Der neuzeitliche europäische Diskurs – der wissenschaftliche ebenso wie der volkstümliche – greift bei der Vorstellung und Klassifizierung ferner Welten oft auf Verfahren des Fabulierens zurück. Wenn es ein Objekt und einen Ort gibt, an denen diese Fiktionsökonomie besonders deutlich zutage tritt, so ist es dieses Zeichen, das man den Neger nennt, und indirekt auch dieser scheinbar aus der Welt gefallene Ort namens Afrika. Gewiss, nicht alle Neger sind Afrikaner, und nicht alle Afrikaner sind Neger. Aber es hat kaum Bedeutung, wo sie sind.

Tatsächlich hat sich der räumliche Horizont Europas zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert beträchtlich erweitert. Die Verwandlung Spaniens und Portugals aus Kolonien am Rande der arabischen Welt zu treibenden Kräften in der europäischen Expansion jenseits des Atlantiks fiel mit dem Zustrom von Afrikanern auf der Iberischen Halbinsel zusammen. Die ersten Schwarzen, die auf öffentlichen Märkten verkauft wurden, trafen 1444 in Portugal ein. In Lissabon, Sevilla und Cadiz stammten bereits Anfang des 16. Jahrhunderts fast zehn Prozent der Bevölkerung aus Afrika. Nach 1492 wurde der Atlantik aufgrund des Dreieckshandels zu einer veritablen Drehscheibe, die Afrika, Amerika, die Karibik und Europa in einer verschachtelten Ökonomie vereinigte. Zwischen 1630 und 1780 überstieg die Zahl der in den atlantischen Besitzungen Großbritanniens ankommenden Afrikaner bei weitem die der Europäer.

Das Ende des 18. Jahrhunderts war insofern die große schwarze Zeit des britischen Empire. Es handelte sich nicht nur um Schiffsladungen von Menschen, die aus den Sklavenlagern und Häfen Westafrikas und der Bucht von Biafra in Jamaika und den Vereinigten Staaten ankamen. Auch freie Afrikaner – gestern noch „black poor“ in England oder Flüchtlinge des Unabhängigkeitskriegs in den Vereinigten Staaten – machten sich von Neuschottland, Virginia oder Carolina auf den Weg, um in Afrika selbst neue Kolonien nach dem Vorbild Sierra Leones zu gründen.

Die Transnationalisierung der conditio nigra ist also ein konstitutives Moment der Moderne, und ihr Inkubationsort ist der atlantische Raum. Diese Conditio umfasst einen ganzen Fächer äußerst unterschiedlicher Situationen. Sie reicht vom gekauften Sklaven, dem Objekt des Sklavenhandels, über den Strafsklaven und den Subsistenzsklaven (Knecht auf Lebenszeit) bis hin zu unterschiedlichen Formen der Leibeigenschaft oder auch vom Freigelassenen bis hin zum Sklaven durch Geburt.

Quelle: Le Monde diplomatique  >>>>>> weiterlesen

——————–

Fotoquelle: Wikipedia – Slaves being transported in Africa, 19th century engraving

Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Abgelegt unter Afrika, Integration, Kriegspolitik | Keine Kommentare »

Verschleppt, verkauft, verheiratet

Erstellt von DL-Redaktion am 24. Oktober 2014

Entführungen des „Islamischen Staats“

FRAUENHANDEL Die junge Jesidin Amscha war 25 Tage Gefange des IS. Mit Hilfe eines alten Sunniten, der sie als seine Tochter ausgab, gelang ihr die Flucht. Ihre Geschichte erzählt die schwer traumatisierte Frau ohne Erregung und mit so eintöniger Stimme, dass dem Übersetzer die Tränen kommen.

AUS DOHUK KARIM El-GAWHARY

„Ich wünschte, ich wäre tot“, sagt Amscha mit monotoner Stimme. „In den letzten Wochen habe ich oft daran gedacht, mir das Leben zu nehmen.“ Während sie spricht, starrt sie auf den Boden. Die Finger mit den abgekauten Nägeln ziehen immer wieder nervös an einem Faden, der an ihrem Ärmel heraushängt.

Die junge Jesidin wurde von den Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) verschleppt und in der irakischen Stadt Mosul für umgerechnet 12 Euro verkauft. Wie ein Stück Vieh. Auf der verschrobenen religiösen Wertskala der Dschihadisten stehen Jesiden ganz unten, ihre Frauen gelten als legitime Beute im Kampf gegen die „Ungläubigen“.

Zwischen den Sätzen streichelt Amscha über die Backe ihres Babys auf ihrem Schoss. „Das Kind und die Tatsache, dass ich ein weiteres in meinem Bauch habe, sind der einzige Grund, warum ich mich noch nicht aufgehängt habe, denn ohne mich könnten sie nicht weiterleben.“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

———————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Bernd Schwabe in Hannover

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Demonstration Jesiden Eziden Aleviten Kurden in Hannover gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Kultur | Keine Kommentare »

Ebola befördert Rassismus

Erstellt von IE am 15. Oktober 2014

„Ein gewisses Restrisiko gehört dazu“

Fiebermessung vor Ort

ANSTECKUNG Vereinzelte Ebolafälle kann es auch in Deutschland geben – aber keine Epidemie, sagt Tropenmediziner August Stich

INTERVIEW HEIKE HAARHOFF

taz: Herr Stich, in den USA – mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt – hat sich ein Pfleger in der Klinik mit Ebola infiziert. In Spanien ist eine Pflegerin erkrankt, auch in Deutschland werden Ebolapatienten aus Westafrika therapiert, einer ist gerade in Leipzig gestorben. Der Bundesgesundheitsminister hält eine Ebolainfektion hierzulande weiterhin für unwahrscheinlich.
Eine naive Hoffnung zur Beruhigung der Bevölkerung?

August Stich: Es gibt nie eine 100-prozentige Sicherheit, aber mit guter Ausrüstung und entsprechendem Training des Personals ist die Restgefahr äußerst gering. Und selbst wenn es einzelne Sekundärinfektionen gäbe, werden wir einen Ausbruch mit der Dynamik, wie wir sie zurzeit in Westafrika erleben, bei uns nicht haben.

Was macht Sie so sicher?

 Wir haben sieben hoch spezialisierte Behandlungszentren in Deutschland mit sehr gut ausgebildeten Ärzten und Pflegern und Laborpersonal. Sie verfügen über eine maximale Schutzausrüstung und trainieren regelmäßig die Abläufe auf den Sonderisolierstationen

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Westafrika:
Über 100 Tote am Tag, es droht der soziale Kollaps

FOLGEN Angesichts der Ausbreitung von Ebola in Liberia, Sierra Leone und Guinea gerät die komplette Wirtschaft aus den Fugen. Und die Sterberate steigt

Die Ebolaepidemie schreitet unaufhaltsam voran: 4.447 Tote in Liberia, Sierra Leone und Guinea zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO am Dienstagnachmittag – über 400 mehr als in ihrer letzten Erhebung vom vergangenen Freitag. Die UN-Ebola-Mission Unmeer meldete am Dienstag 4.151 Ebolatote in den drei westafrikanischen Ländern; diese Zahlen beziehen sich auf den 9. Oktober.

Klar ist: Es gibt mittlerweile über 100 Ebolatote am Tag. Und die internationale Nothilfe? „Zu langsam, zu wenig, zu spät“, fasste Donald Kaberuka, Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) auf einem UN-Krisengipfel vergangene Woche zusammen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Wer schwarz ist, hat Ebola

STIGMA Mit der Zahl der Ebola-Opfer wächst die Hysterie – und der Rassismus, der nun angesichts der befürchteten Epidemie offen zutage tritt

VON MALTE GÖBEL

„Ebola, Ebola!“, riefen Zuschauer beim der Spielvereinigung Erkenschwick, als ein Spieler des gegnerischen TuS Ennepetal neu aufs Feld kam. Die Hautfarbe von Charles Atsina: schwarz. So berichtet es die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 30. September. Rassistische Ausfälle gibt es im Amateurfußball immer wieder, wenn ein Spieler nicht weißer Hautfarbe ist – bislang meist in Form von Affenlauten oder Bananenschwenken. Die Verkürzung auf „Ebola“ ist neu. Und macht leider die Runde.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

———————

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber CDC Global

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“

Abgelegt unter Afrika, Gesundheitspolitik, Schicksale, Umwelt | 1 Kommentar »

Die koloniale Falle

Erstellt von IE am 30. September 2014

Gesundheitspolitik in Afrika

AFROBEAT VON DOMINIC JOHNSON Ebola und das Echo der kolonialen Tropenmedizin in Afrika. Das Ziel der kolonialen Tropenmedizin in Afrika war nie das Wohlergehen von Menschen – sondern die Ausrottung von Seuchen.

Als die Franzosen in Afrika ihre Kolonien eroberten, standen Ärzte an vorderster Front. „An den verpesteten Küsten des Atlantik“, so dozierte der französische Marinearzt Jean-Baptiste Mahé 1875, träfen Europäer schutzlos auf „die fürchterliche Sphinx der Malaria, das delirierende Phantom der Typhus, das fahle und eisige Gespenst der Cholera, die gelbe Maske des schwarzen Erbrechens“. Denn „aus der Erde und den Wassern steigt vergifteter Atem“.

Die ersten kolonialen Gesundheitsdienste entstanden als Sondereinheiten des Militärs, um krankheitsbedingte Kampfunfähigkeit zu minimieren. „Schickt mir vier Ärzte, und ihr braucht vier Kompanien weniger“, kabelte der Kolonialarzt Hubert Lyautey 1901 aus den Fiebersümpfen Madagaskars nach Hause. Ab 1912 organisierte Lyautey als französischer Gouverneur von Marokko die Unterwerfung des Landes als Gesundheitsfeldzug, gemäß der Formel: „Keine Tatsache ist gründlicher belegt als die Wirksamkeit der Rolle des Arztes als Agent der Attraktion und der Befriedung.“

Hygiene sollte Schmutz verdrängen, Aufklärung den Aberglauben. Mobile Gesundheitsteams begleiteten die Armeen, jeder Militärposten bekam ein Gesundheitszentrum, jeder Distrikt einen Chefarzt. „Die Bevölkerung von Fes“, schrieb später ein Bewunderer, „bejubelte ihren Arzt bei seiner Rückkehr von der Front wie keinen Sultan zuvor.“

Die schwarze Gefahr

Mit der Ebola-Epidemie in Westafrika scheinen „die verpesteten Küsten des Atlantik“ in die Gegenwart zu rücken. Der Spiegel lässt auf seinem Titelbild ein schwarzes Gesicht den Leser herausfordernd angucken, in Schutzkleidung über dem Globus schwebend wie ein böser Fluch. „Ebola, die entfesselte Seuche“, lautet die Schlagzeile dazu.

CNN, der US-Nachrichtensender, filmt halbnackte schwerstkranke Liberianer, die zu schwach sind, um es auf das Gelände einer Ebola-Klinik zu schaffen, und die das Personal einfach liegen lässt, mit kritischem Kommentar der schockierten Reporterin. „Ebola überwältigt neues Krankenhaus in Liberia“, ist der Beitrag betitelt.

Jeweils unterschiedlich wird an den vermuteten Publikumsinstinkt appelliert: Angst und Selbstschutz für die Deutschen, Mitleid und Empörung für die Amerikaner. Die Ebola-Epidemie in Westafrika weckt das Weltgewissen auf – und lässt erkennen, wie sehr zumindest die medialen Zugänge dazu noch in alten Mustern gefangen sind.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber CDC/ Dr. Lyle Conrad / Ausbruch 1976 Zaire

Als ein Werk der US-amerikanischen Bundesregierung ist dieses Werk in den Vereinigten Staaten gemeinfrei.

Abgelegt unter Afrika, Gesundheitspolitik, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Tomatensoße für Ghana

Erstellt von IE am 31. August 2014

Tomatensoße für Ghana

.von Mathilde Auvillain und Stefano Liberti

Was afrikanische Saisonarbeiter in Italien ernten, ruiniert die Landwirtschaft ihrer Heimat

Prince Bony hätte nie gedacht, dass er die Wüste durchqueren und übers Meer setzen würde, nur um am Ende die gleiche Arbeit zu machen wie bei sich zu Hause. In einen alten Mantel gemummelt, lässt er den Blick in unbestimmte Ferne schweifen. Prince Bony ist dreißig, in Ghana warten seine Frau und zwei Kinder, er hat sie seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. „Zu Hause nannten sie mich Kofi Amerika, weil ich immer reisen wollte. Ich wollte die Welt erobern. Und jetzt bin ich hier gelandet.“

Das „Hier“ ist eine mit Gras und Sträuchern bedeckte Fläche, auf der verfallene Hütten und Scheunen stehen. In diesem Hier haben sich ein paar Dutzend ghanaische Arbeiter notdürftig eingerichtet. Viel zu sehen gibt es nicht: Matratzen auf nacktem Boden, ein paar Päckchen Kerzen, ein Gasofen. Mehr können sich die Einwohner dieses improvisierten Dorfs nicht leisten, das sie „Ghana House“ getauft haben. Die Gebäude sind die Reste einer Ansiedlung, die im Zuge der Agrarreform in den 1950er Jahren entstanden war. Damals war sie auf den offiziellen Karten mit dem optimistischen Namen „Borgo Libertà“ eingezeichnet. Heute klingt es wie Hohn: der Weiler der Freiheit.

Prince und seine Kollegen sind „die Unsichtbaren der Felder“, die Arbeitskräfte, auf die sich ein Großteil der Landwirtschaft in Süditalien stützt. Sie ernten Brokkoli, Zucchini, Rüben. Wenn im Sommer die Tomatensaison beginnt, arbeiten zehn- oder zwanzigmal so viele. Denn wir sind in der Capitanata, in der apulischen Provinz Foggia, wo 35 Prozent der italienischen Tomaten erzeugt werden.

Die meisten arbeiten schwarz und im Akkord: 3,50 Euro gibt es für die 300-Kilo-Steige, das sind weniger als 20 Euro am Tag für eine anstrengende Tätigkeit. Ohne Vertrag, ohne Krankenversicherung, der Gnade der „Caporali“ ausgeliefert, die als Vermittler zwischen Arbeitern und Arbeitgebern auftreten. Wer tagsüber Hunger bekommt, isst heimlich eine Tomate. Erst am Abend geht es wieder in die Hütten.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Giancarlo Dessì

Diese Datei ist unter den Creative-Commons-Lizenzen „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“, „2.5 generisch“, „2.0 generisch“ und „1.0 generisch“ lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Europa, Gesundheitspolitik, Sozialpolitik | Keine Kommentare »

Ebola in Westafrika

Erstellt von IE am 7. August 2014

Guinea, Liberia und Sierra Leone haben Schulen und
Grenzengeschlossen. Militär ist im Einsatz.
Stoppt das die Krankheit?

EPIDEMIE

Der Kampf gegen Ebola wäre zu gewinnen – aber es fehlt an Unterstützung für die Helfer, sagt der Arzt Maximilian Gertler. „Wir brauchen Personal, Autos, Sprit und Mut“

INTERVIEW MANFRED KRIENER

taz: Herr Gertler, Sie waren in der Stadt Guéckédou im Süden Guineas im Einsatz gegen Ebola. Wie groß war Ihre Angst, sich anzustecken?

Maximilian Gertler: Angst müssen vor allem die Menschen haben, die dort leben, die unwissend sind und mit plötzlichen Todesfällen in ihrem Dorf oder in der eigenen Familie konfrontiert sind. Wir kennen die Infektionswege und wir haben bei vielen Ausbrüchen der Vergangenheit wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Wie wichtig ist die internationale Hilfe durch Ärzte, Experten der WHO und Epidemiologen wie Ihnen?

Diese Epidemie ist vor allem deshalb so groß geworden, weil die ersten Reaktionen viel zu zögerlich waren. Es hätte von Anfang an stärkere internationale Anstrengungen gebraucht. Bis heute haben die Gesundheitsbehörden vor Ort, vor allem in Liberia und Sierra Leone, lange nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

Wie sieht denn der Abwehrkampf gegen Ebola im Alltag aus?

Quelle    :      TAZ >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia

Author
  • Photo Credit:
  • Content Providers(s): CDC/Dr. Lyle Conrad
Permission
PD-USGov-HHS-CDC

Abgelegt unter Afrika, Sozialpolitik, Umwelt | Keine Kommentare »

Wer hilft wem

Erstellt von IE am 21. Juni 2014

Wer hilft wem
Afrika braucht seine eigene Entwicklung

 von Hakima Abbas

Als bei den Vereinten Nationen die Regierungsvertreter den nächsten internationalen Entwicklungsplan für die Zeit nach 2015 aushandelten, erschien ein Bericht von Oxfam International und machte darauf aufmerksam, dass die 85 reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung.  Massive wirtschaftliche Ungleichheit ist weltweit zum Normalzustand geworden. Sie ist nicht nur an den Einkommen ablesbar, sondern auch am Konsum (von den weltweiten Konsumausgaben entfällt weniger als 1 Prozent auf die ärmste Milliarde der Weltbevölkerung, während die reichste Milliarde auf 72 Prozent kommt sowie am Zugang zu Gesundheit, Wasser, Nahrung und Energie. Diese extreme und anhaltende Ungleichheit besteht nicht nur zwischen dem globalen Norden und dem afrikanischen Kontinent, sondern in zunehmendem Maße auch innerhalb der afrikanischen Länder.

In den vergangenen fünfzig Jahren mussten wir uns immer wieder dasselbe Mantra anhören: Afrika ist reich an Ressourcen, die Volkswirtschaften des Kontinents wachsen entgegen dem weltweiten Trend, und wenn Afrika seine Bodenschätze und sonstigen natürlichen Ressourcen vernünftig nutzt, kann es seine Bevölkerung aus der Armut herausführen. Nach Angaben der Afrikanischen Union lagern in Afrika 38 Prozent der weltweiten Uranvorkommen, 42 Prozent des Goldes, 73 Prozent des Platins und 88 Prozent der Diamanten. Andere Quellen verweisen außerdem auf über 80 Prozent der bekannten Coltanvorkommen, 57 Prozent des Kobalts, 39 Prozent des Mangans, 31 Prozent der Phosphate und 9 Prozent der weltweiten Bauxitreserven. Dennoch liegen 32 der 48 Länder, die von den Vereinten Nationen als am wenigsten entwickelt eingestuft werden, auf dem afrikanischen Kontinent. Und die meisten von ihnen sind reich an Bodenschätzen.

Afrikas Anteil an den globalen Exporten hat im Lauf der letzten Jahrzehnte nicht etwa Fahrt aufgenommen, sondern ist dramatisch gesunken, von 7,3 Prozent im Jahr 1948 auf 2 Prozent im Jahr 2009. Der African Economic Outlook Report stellt fest: „Afrikas Wirtschaftswachstum wird von den 4,8 Prozent im Jahr 2013 auf voraussichtlich 5,3 Prozent im Jahr 2014 steigen.“ Der Bericht zeigt, dass dieses Wachstum jedoch mit unzureichender Armutsbekämpfung, anhaltender Arbeitslosigkeit, wachsender Einkommensungleichheit und in manchen Ländern mit einer Verschlechterung in den Bereichen Bildung und Gesundheit einhergeht. „Afrikas Landwirtschaft, seine Bodenschätze und seine Energievorkommen könnten“, so das Fazit des Berichts, „das ökonomische Wachstum des Kontinents ankurbeln und den Weg für einen Durchbruch in der Humanentwicklung ebnen.“ Aber warum tritt diese Veränderung nicht ein?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst herausfinden, was für ein Konzept hinter dem Begriff Entwicklung steht und welche Ziele damit verbunden sind. Entwicklung – das suggeriert Fortschritt, Verbesserung und die Erfüllung der menschlichen Sehnsucht nach körperlichem, seelischem, gesellschaftlichem und intellektuellem Wohlergehen.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.
Namensnennung: Christopher T Cooper

Abgelegt unter Afrika, Umwelt, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Sie hatte eine Mission

Erstellt von IE am 16. Mai 2014

Erinnerung an Camille Lepage

BÜRGERKRIEG Die Fotojournalistin Camille Lepage wurde in Zentralafrika tot aufgefunden. Erinnerung an eine mutige Frau, die mit Herz und Kamera den Konflikt dokumentieren wollte

VON SIMONE SCHLINDWEIN

Als der Radiomoderator sagte, „eine französische Journalistin wurde in der Zentralafrikanischen Republik tot aufgefunden“, wusste ich es sofort: Es war Camille Lepage. Mein Herz stockte. Ich prüfte die Nachricht im Internet, ging auf ihre Facebook-Seite. Ich hatte recht. Kollegen posteten dort bereits: „Rest in Peace“. Ich weinte. Tränen tropften auf meine Computertastatur. Ihre Facebook-Wall war bislang ein von ihr sorgfältig geführtes Tagebuch eines brutalen Krieges, der da im Herzen des afrikanischen Kontinents unbemerkt vor sich ging. Jetzt wurde sie zum virtuellen Grabstein einer der mutigsten Fotografinnen, die ich kannte.

 Ihr letzter Facebook-Eintrag war vom 6. Mai. Sie schrieb aus einer Kleinstadt im Westen des Bürgerkriegslandes – mitten aus dem Niemandsland, wo sich bislang keine Nichtregierungsorganisation und nicht einmal die afrikanischen oder französischen Eingreiftruppen hinwagten. Camille war allein unterwegs, mit dem Motorrad. Sie schrieb, dass die muslimischen Séléka-Rebellen sich in den Büschen versteckten und Massaker begingen. Sie berichtete von einem Dorf, in welchem über 150 Menschen getötet worden waren. Gräueltaten, von welchen nicht einmal die UNO Kenntnis hatte. Camille war die einzige Zeugin, was dort im Busch tatsächlich vor sich ging. Wenig später war sie tot.

Man hatte ihre Leiche am Dienstag auf einem Lastwagen entdeckt. Zufällig. Ihre weiße Haut stach hervor. Sie lag da zwischen weiteren fünf Leichen. Darauf saßen eine Handvoll Kämpfer der christlichen Anti-Balaka-Milizen, die sich seit Dezember mit dem muslimischen Séléka-Rebellen einen blutigen Krieg liefern. Französische Soldaten hatten den Lastwagen gestoppt. Nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, aus welchem Camille das Massaker gemeldet hatte, rund 70 Kilometer nordwestlich von Bangui.

Sie war überall im Land bekannt

Es ist bislang nicht klar, wie sie getötet wurde. Es hatte Kämpfe gegeben in dieser Gegend. Sie war mit den Anti-Balaka-Milizionären „embedded“ unterwegs gewesen. War sie im Kugelhagel ausversehen getroffen worden oder hatte man sie gezielt ermordet? Es klingt makaber, dass ich mich in diesem Moment dafür interessiere, wie sie starb. Doch in einem Bürgerkrieg wie diesem, in welchem so viel bestialische Gewalt ausgeübt wird, macht dies einen Unterschied.

Camille hatte selbst so viele Fotos geschossen von Leichen mit verstümmelten Gliedmaßen, von jungen Männern, die mit abgetrennten Köpfen Fußball spielen, von Kannibalen, die in ein abgetrenntes Bein hineinbeißen wie in eine Schweinshaxe. So zu sterben wünscht man keinem, vor allem nicht der zierlichen Camille.

Sie war so jung. Gerade einmal 26 Jahre. Sie war hübsch, mit großen Augen, nicht zu bändigenden langen Locken und einem Lachen, das selbst in diesem Elend und Kriegsgebiet noch ansteckend war. Mit ihrer Lebensfreude und ihrer Kamera konnte sie ganze Kinderscharen im Flüchtlingslager zum Kichern und Glucksen bringen. Camille war überall im Land bekannt und auch sie kannte fast jeden.

Camille arbeitete seit Dezember als freie Fotografin in Zentralafrika. Die kleine Französin war gerade mit ihrem Journalismus-Studium fertig. Sie hatte sich auf die Fahnen geschrieben, diesen grausamen Konflikt von A bis Z zu dokumentieren. Sie hatte sich in Bangui fest einquartiert. Während wir Kollegen nach ein oder zwei Wochen wieder abreisten und wieder unserem normalen Leben nachgingen, blieb Camille. Ihre Kamera macht sie zur Zeugin von gewaltigen Verbrechen, gar von einem Völkermord. Sie hatte eine Mission.

Klick für Klick zählte sie die Toten

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Firmino Cachada

Diese Datei wird unter der Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ zur Verfügung gestellt.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik | Keine Kommentare »

Alltag – Todesstrafe

Erstellt von IE am 30. April 2014

Kommentar Justiz in Ägypten

Autor: Karim el-Gawhary

Massenhafte Todesurteile scheinen in Ägypten zum Alltag vor Gericht zu werden. Nach nur zwei Prozesstagen und praktisch ohne Beweisaufnahme verurteilte am Montag ein ägyptischer Richter 683 Menschen zum Tode, darunter Mohammed Badie, das Oberhaupt der Muslimbruderschaft. Derselbe Richter hatte bereits am 24. März in einem anderen Schnellverfahren 529 Angeklagte zum Tod durch Erhängen verurteilt. Auch wenn er jetzt nur 37 dieser im ersten Verfahren ausgesprochenen Todesurteile bestätigt und die übrigen in „lebenslänglich“ umgewandelt hat: In beiden Prozessen wurden die Angeklagten für schuldig befunden, Polizisten angegriffen und zur Gewalt aufgerufen zu haben. Sie sollen mit anderen eine Polizeistation im südlichen Oberägypten erstürmt haben am 14. August vergangenen Jahres, als Polizei und Militär Protestlager der Muslimbrüder und der Putschgegner in Kairo brutal aufgelöst hatten.

Urteile als Botschaften

Eigentlich gehört die ägyptische Justiz selbst auf die Anklagebank. Denn sie ist auf dem Auge der Herrscher und des Sicherheitsapparats vollkommen blind. So hat sich bis heute kein Gericht mit der blutigen Auflösung der Protestlager beschäftigt, die die Randale in Oberägypten erst ausgelöst hatte. Dabei kamen nach offiziellen Angaben 623, nach anderen Berichten aber weit über tausend Menschen ums Leben. Auch für die 840 Toten des Aufstands gegen Mubarak wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Anagoria

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Feuilleton | Keine Kommentare »

Tunesiens kleines Glück

Erstellt von IE am 18. April 2014

Subventionierte Nudeln für Touristen

Getreidespeicher (Ghorfas) in Medenine

von Serge Halimi

Nachdem die arabischen Revolten weder in Ägypten noch in Syrien oder Libyen eine glückliche Entwicklung genommen haben, ist Tunesien zum Zufluchtsort all derer in der Region geworden, die einen Grund zur Hoffnung suchen. Zwar haben sich auch in Tunesien die sozialen Bestrebungen vom Beginn des Aufstands im Dezember 2010 allesamt nicht erfüllt, und innerhalb eines halben Jahres, in dem das Land am Abgrund stand, sind zwei linke Abgeordnete ermordet worden. Doch nach der endlos langen Krise gibt es nun eine Technokratenregierung der nationalen Einheit und eine neue Verfassung, für die Ende Januar 200 von 216 Abgeordneten gestimmt haben. Die Spannungen haben deutlich nachgelassen, eine Schonfrist hat begonnen.

Die Gegner der islamistischen Ennahda hatten befürchtet, sie werde sich im Staatsapparat einnisten und den Grundstein für eine neue Diktatur legen. Am Ende haben die Islamisten die Macht genauso friedlich wieder abgegeben, wie sie sie errungen hatten, wobei sie vom Internationalen Währungsfonds (IWF), von Algerien, den westlichen Staaten, den Arbeitgebern, dem Gewerkschaftsverband, der revolutionären Linken, den rechten Zentristen und der Menschenrechtsliga höflich aufgefordert wurden, zu „verschwinden“.

Die Ennahda hat nicht zuletzt deshalb nachgegeben, weil sie begriffen hatte, dass ihre Bilanz wenig vielversprechend und das internationale Kräfteverhältnis für den politischen Islam ungünstig war, der in der Türkei unter Druck geriet und in Ägypten vom Militär aus der Präsidentschaft verdrängt wurde. Laut Artikel 148 der neuen Verfassung sollen bis Ende 2014 in Tunesien Wahlen stattfinden. Revolution steht nicht mehr auf der Tagesordnung. Aber das Land kann wieder an den Aufbau seines eigenen kleinen Glücks glauben, eine Hoffnung, die in der arabischen Welt sehr selten geworden ist.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia – Author Michel-georges bernard

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Regierung, Umwelt | Keine Kommentare »

Genozid in hundert Tagen

Erstellt von IE am 5. April 2014

Ruanda 1994: Genozid in hundert Tagen

Autor: Nando Belardi

„Der Völkermord in Ruanda 1994 sticht unter allen Episoden des einseitigen Massenmordes hervor, und etwas Ähnliches hat die Welt seither nicht mehr erlebt“, schreibt Steven Pinker in seiner monumentalen Studie „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“.Gerade weil die Vereinten Nationen dieser Tage vor einem neuerlichen Völkermord, diesmal in der Zentralafrikanischen Republik, warnen, gilt es, sich das Spezifische, aber vielleicht auch Exemplarische der Ereignisse vor zwanzig Jahren zu vergegenwärtigen.

Ab dem 6. April 1994 wurden in Ruanda innerhalb von 100 Tagen etwa eine Million Menschen ermordet. Dies war der gewaltigste Genozid in Afrika und der „schnellste“ Genozid in der Weltgeschichte. Doch der Massenmord an den Tutsi war keineswegs, wie es oft kolportiert wird, eine spontane Aktion oder ein afrikanischer Stammeskrieg, im Gegenteil: Der Völkermord war „das Ergebnis einer bewussten Entscheidung, getroffen von einer modernen Elite, die sich durch Verbreitung von Hass und Angst den Machterhalt zu sichern suchte“, so Alison Des Forges, die Historikerin des Genozids in Ruanda. „Diese kleine privilegierte Gruppe brachte zunächst die Mehrheit gegen die Minderheit auf, um der zunehmenden Opposition innerhalb Ruandas Herr zu werden.“ Im Gegensatz zum Genozid der Deutschen an den Juden gab es beim Genozid in Ruanda keine Klassifizierung der Opfer nach pseudowissenschaftlichen Kriterien oder eine langfristig geplante Deportation der Opfer an entfernte, geheime Orte – zur Vernichtung durch Arbeit oder zur sofortigen Ermordung. Es gab auch keine ausgebildeten Spezialeinheiten zur Ergreifung, Bewachung und Ermordung der Opfer. Sondern in Ruanda wurden die Morde von einer Elite binnen weniger Monate geplant und von kurzfristig darauf vorbereiteten Milizen durchgeführt, teilweise unter indirekter Hilfe bzw. Duldung Frankreichs. Zudem fanden die Morde direkt dort statt, wo man die Opfer angetroffen hatte.

Diese schiere Explosion der Gewalt ist allerdings nur durch die Geschichte der beiden traditionellen Gruppierungen – Hutu und Tutsi – zu erklären. Diese entpuppen sich bei genauem Hinschauen als soziale und nicht – wie oft fälschlich behauptet – als ethnische Gemeinschaften.

Sozial gemachte Ethnien

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber MSGT Rose Reynolds

Als amtliches Werk der Bundesregierung der Vereinigten Staaten ist dieses Bild gemeinfrei. [1]

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Schicksale | Keine Kommentare »

Völkermord mit Ankündigung

Erstellt von IE am 8. März 2014

Zentralafrikanische Republik

Autor: Marc Engelhardt

Die Berichte, die in diesen Tagen aus der Zentralafrikanischen Republik nach außen dringen, sind voll des Grauens. Zusammen zeichnen sie das Bild eines Landes, das außer Kontrolle geraten ist. Die Lage erinnere ihn an Ruanda oder Bosnien, sagt der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, John Ging. Auf dem Land hat er Bewohner eines Dorfes getroffen, die sich seit Wochen im unwegsamen Busch versteckt halten. Entweder sie bleiben dort und sterben, weil sie weder Nahrung noch Medikamente haben, sagt einer von ihnen. Oder aber sie kämen zurück ins Dorf und würden dort ermordet. Tod durch Hunger oder durch Gewalt – das ist eine der letzten Entscheidungen, die die terrorisierten Bewohner eines der ärmsten Staaten Afrikas noch treffen können.

Der Völkermord, vor dem Ging Mitte Januar nach seiner Rückkehr aus der Zentralafrikanischen Republik warnte, wird immer wahrscheinlicher. Manche sagen, er habe längst begonnen. In dem Konflikt kämpfen Muslime gegen Christen. Der Hass zwischen ihnen scheint derart gewachsen, dass selbst Pfarrer und Imame ihn nicht mehr eindämmen können. Kein Wunder: Die Religion ist nur ein Instrument in einem Kampf, bei dem es tatsächlich um Macht und Ressourcen geht. Geschürt wird der Hass von Mitgliedern der wenige hundert Zentralafrikaner umfassenden Elite, die den Reichtum des Landes seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 unter sich aufteilen.

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia- Urheber

  • hdptcar from Bangui, Central African Republic

Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Schicksale | Keine Kommentare »

Nelson Mandela

Erstellt von Uli Gellermann am 29. Januar 2014

Der lange Weg zur Freiheit

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 28. Januar 2014

Kaum zwei Monate ist es her, da waren sie am Grab des großen Mannes, die Staatsmänner des Westens und haben ihm ihr Beileid hinterher geworfen. Worte der Entschuldigung dafür – dass ihre Staaten mit dem Apartheid-System paktiert hatten, dass sie Nelson Mandela jahrzehntelang auf ihrer Terroristenliste hatten – fanden sie nicht. Im Gegenteil versuchten sie sich mit dem Leichentuch die Krokodilstränen abzuwischen und ein Zipfel von Mandelas Ruhm zu stehlen. Ein Ruhm, so erzählt es der Film „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“, der von einem klugen, bescheidenen und beharrlichen Mann auf dem Weg zur Freiheit mit dem Verlust seiner Freiheit erkauft wurde.

Die Regiearbeit von Justin Chadwick – warmherzigeTöne, warmes Licht – lässt keinen Zweifel zu, dass der Film auf der Seite von Nelson Mandela gedreht wurde: Das ganze Ensemble des Films, allen voran die Verkörperung Mandelas, der strahlende Idris Elba, begreift sich retrospektiv als Teil der südafrikanischen Befreiungsbewegung. „Dies ist eine südafrikanische Geschichte,“ sagte Mandela als seine Autobiografie vorlag, zum Filmproduzenten Anant Singh, „deswegen will ich, dass Du sie erzählst.“ Singh, der als indischer Einwanderer der dritten Generation von der Apartheidregierung als „nicht-weißer“ Bürger eingestuft wurde, war selbst Teil der Befreiungsbewegung.

So sehr der Film Nelson Mandela in den Mittelpunkt stellt, so erzählt er doch parallel einen wesentlichen Abschnitt der Geschichte des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) dessen Jugendorganisation Mandela gemeinsam mit Walter Sisulu gegründet hat. Sorgsam zeichnet der Film die historischen Linien der farbigen Bewegung gegen die Apartheid nach: Vom gewaltlosen Widerstand, den die Regierung mit brutalen Akten der Gewalt, mit Gefängnis und Folter zu brechen versuchte, über Sabotage bis zum bewaffneten Kampf gegen Armee und Polizei des Regimes. Der Film leistet hier, völlig unpathetisch, die Erklärung warum aus staatlicher Gewalt die Gewalt von unten resultiert.

Auch die privaten Momente in Mandelas Leben werden behutsam bebildert und lassen so einen Blick auch auf Winnie Mandela zu, der von der ersten schwarzen Sozialarbeiterin berichtet, von ihrer persönlichen Emanzipation, die mit der Befreiung des Volkes eng verbunden war. Die lange Gefängniszeit, 27 Jahre sperrte die Regierung Nelson Mandela weg, für ihn sind es Jahre der Reifung, der Prüfung und für seine Bewegung Jahre des unerbittlichen Kampfes. Es ist das große Verdienst des Films, dass der lange Weg zur Freiheit nicht als süßliche Story des Erfolgs über die Leinwand flimmert. Auch der Verzicht auf ein Heldenepos gibt der Arbeit jene Grundierung an Ehrlichkeit, die Voraussetzung für Erkenntnis und Nähe zugleich ist.

Der Film kommt am 30. Januar in die Kinos.

[youtube nu6t_TXvunw]

———————————————————————————————————————————–

Fotioquelle: Wikipedia

This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.
Attribution: South Africa The Good News / www.sagoodnews.co.za

Abgelegt unter Afrika, Bücher | Keine Kommentare »

Afrikas neue Kolonisierung

Erstellt von IE am 21. Januar 2014

Folgt von der Leyen ihren Kriegern nach Timbuktu

Sieben Kinder und eine Frau auf Reisen

Jetzt erfahren wir so langsam warum der Jubel nach Abschluss der GroKo so laut war. Diese macht es möglich Deutsche Politiker wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Für die Bevölkerung beginnt damit  jetzt das groKo, das große Kotzen und in den Schulen wird einmal mehr das Lied vom fliegenden Maikäfer angestimmt. Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg,…. Auf geht’s nach Afrika – dem Ruf des Wüstenfuchs muss Folge geleistet werden.

Wenn dann nach dem letzten Krieg gesagt wurde das vom Deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen darf, schicken wir unsere Krieger eben in andere Länder wo sie ihre gründliche Schulung unter Beweis stellen können. Dort werden dann die letzten Winkel durchforstet um nachzusehen ob denn wohl die letzten Gas- und Waffenlieferungen ihr Ziel erreicht haben.

Frankreich zur Seite springen will man dort, ohne realisiert zu haben das gerade Frankreich den wohl schlechtesten Ruf aller europäischen Nationen bei der afrikanischen Bevölkerung genießt, da die Grande Nation in einigen Ländern immer noch wie ein Kolonialherr auftritt. Das in verschiedenen Ländern immer noch soviel Militär stationiert ist um aufgrund der Waffenüberlegenheit jederzeit das Zepter wieder übernehmen zu können.

In was für einer kleinen Welt leben unsere Politiker wenn ihnen das einfachste Grundwissen über andere Kontinente fehlt. Ausgerechnet in einem deutsch-französischen Kriegsbündnis die beiderseitigen Beziehungen Wiederbeleben  zu wollen ist einfach zu grotesk um wahr zu werden.

Das mit dem Wechsel von Frau von der Leyen in das Kriegsministerium jetzt dort die große Unruhe einziehen würde, war nicht anders zu erwarten. Führt sie doch ihren bekannten Stil jetzt mit neuer Amtsübernahme wie gewohnt weiter fort. Viel Lärm um nichts möchte man hier William Shakespeare zitieren. Eine große Staubwolke, hastig und übereilt vorgetragene Vorschläge welche sich allesamt unter ihren gestenreichen Andeutungen in Luft auflösen. Doc-med. nix,  und alles was folgt noch weniger. Mag es ihr Traum sein in einer Sänfte in Timbuktu Einzug zu halten?

So hören wir dann auch wieder wie ernst die Lage ist. Wobei diese Redewendung angeführt wird wenn eine Sachlage nicht verstanden wird. Die Presse empfiehlt ihr Nachhilfeunterricht zu nehmen, eine Hilfe welche sie zuvor immer wieder den Besuchern der ARGEN aufschwatzen wollte. Vielleicht erfahren wir ja schon in Kürze wiedereinmal eindrucksvoll wo die Versager in diesem Land sitzen? Hoffen wir das viele ihrer Krieger den Dienst an der Waffe verweigern.

„Die Lage in Afrika ist ernst“

Die deutsche Außenpolitik ist vollkommen ahnungslos, wenn es um Afrika geht. Das war selten anders. Aber Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) brauchen dringend etwas Nachhilfe.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) will die Beziehungen zu Frankreich verbessern. Deshalb möchte er die französische Armee entlasten, die eigentlich gar nicht mehr der Gendarm in Afrika sein will, es aber trotzdem ist. Wenn Paris seine Soldaten im gefährlichen, weil schwer kalkulierbaren, Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik lässt, dann könnte die Bundeswehr die abziehenden Franzosen in Mali ersetzen, zumindest teilweise. So geht seine Rechnung. Und sie hat nichts mit den Notwendigkeiten in Mali oder der Zentralafrikanischen Republik zu tun.

Wenn Steinmeier meint, der Einsatz in Mali sei weniger gefährlich, und dann könnte auch die Bundeswehr zum Einsatz kommen, könnte er sich einfach irren. Seit September des vergangenen Jahres schon gibt es immer wieder neue bewaffnete Auseinandersetzungen mit Tuareg-Milizen, die mit der malischen Nach-Krisen-Ordnung nicht besonders zufrieden sind. Außerdem sind die mit Al Qaida verbündeten islamistischen Milizen im Norden Malis keineswegs von der Sahara verschluckt worden. Sie haben sich teilweise in den Süden Libyens zurückgezogen, zum Teil sitzen sie wohl auch in Algerien oder Mauretanien, sie verstecken sich aber auch weiterhin in Malis Norden, nämlich da, wo er besonders unübersichtlich und unwirtlich ist: in der Wüste.

Quelle: Der Tagesspiegel >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia -Author Ferdinand Reus from Arnhem, Holland

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Regierung | Keine Kommentare »

Krieg in Mali

Erstellt von Uli Gellermann am 20. Januar 2014

Schutztruppen im Goldrausch

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 20. Januar 2014

Wer deutsche Medien konsumiert, der entdeckt rund um den anhaltenden Mali-Bürgerkrieg die alten abgegriffenen Vokabeln: Die „Mission“ (SPIEGEL) ist wieder da, auch der neutrale „Einsatz“ (FAZ), der wohl leider „robust“ sein wird, feiert seine Auferstehung. Die extrem bescheuerte SÜDDEUTSCHE ZEITUNG lässt sogar den Begriff „Schutztruppe“ wieder aufleben. Weil die deutsch-französische Brigade bald nach Mali marschiert. Als wisse sie nicht, dass unter dem euphemistischen Namen „Schutztruppe“ schon einmal deutsche Mörderbanden in Afrika marodierend unterwegs waren. Und natürlich geht es, wie schon vor einem Jahr, als die französischen Truppen einen angeblich kurzen Rein-Raus-Krieg in Mali führen wollten, nur um eine „Sicherung“, das klingt wie Versicherung und kann nicht so schlimm sein. „Deutschland bereitet Afrika-Einsatz vor“ so lautet die durchgängige Schlagzeile. Und bestenfalls erfährt der Medienkonsument noch, dass die deutschen Truppen die französischen in Mali entlasten sollen, weil die gerade in der Zentralafrikanischen Republik beschäftigt sind. Vermutlich auch mit einer „Mission“.

Was man in den deutschen Medien nicht findet, ist das Wort „Gold“. Zwar haben mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Mali keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zwar liegt die durchschnittliche Lebenserwartung dort bei 48,1 Jahren. Aber in Mali gibt es jede Menge Gold. Nach Südafrika und Ghana hat Mali die drittgrösste afrikanische Goldindustrie: 2009 wurden bereits mehr als 51,3 Tonnen Gold produziert, Tendenz steigend. Natürlich bleibt von den enormen Gewinnen so gut wie nichts im Land. Es sind internationale Konzerne wie der US-Finanzinvestor Randgold Resources Ltd. mit dem Sitz im europäischen Steuerparadies Jersey, die sich die Taschen füllen. Unter den Konzernen ist ebenfalls die Pearl Gold AG mit Sitz in Frankfurt, die dort auch an der Börse notiert ist. Das deutsch-französische Unternehmen braucht die deutsch-französische Brigade dringend: Denn der Bürgerkrieg lässt die Ausbeutung der malischen „Kodieran-Goldmine“ stocken.

Auch das Wort Uran taucht in den vornehmen deutschen Medien nicht auf. Schon vor Jahren hat der französische Atomkonzern AREVA Uranvorkommen in Mali entdeckt. Auch die kanadische Rockgate Capital Corp. schürft in dieser Gegend. Über den Vertrag mit dem korrupten malischen Regime erfährt man keine Einzelheiten. Richtiges Pech hat die australisch-britische Oklo Uranium Ltd. Ihre Ausbeutungs-Stätten liegen im Gebiet der Tuareg-Rebellen. Ähnlich schlecht geht es der kanadischen Great Quest Metals Ltd., deren Aktienkurse seit dem Beginn des Bürgerkrieges 2012 auf ein Siebentel ihres bisherigen Wertes fielen. Nach der Nachricht über die französische „Intervention“ hat sich der Wert der Aktie allerdings fast verdoppelt. Sie alle können auf den „Einsatz“ der deutsch-französischen Brigade nicht verzichten. Ein Einsatz, der dann ganz sicher als Sicherung der Menschenrechte und der Demokraten verkauft werden wird. Schon bei den malischen Präsidentschafts-Wahlen Mitte des letzten Jahres, bei denen die jeweilige Wähler-Stimme für etwa 1,50 Euro gehandelt wurde, fanden deutsche Medien das Ergebnis durchweg demokratisch.

Das Wort „Tuareg“ kann man tatsächlich schon mal lesen oder hören. Mal werden sie nur als „Rebellen“ bezeichnet, dann gern auch pauschal unter dem Begriff „Islamisten“ geführt, um schließlich in die Schublade des „Terrorismus“ gesteckt zu werden. Sich die Geschichte der Tuareg anzusehen, das ist für den deutschen Redakteur einfach zu schwierig. Er müsste dann schreiben, dass die Tuareg im Ergebnis willkürlicher französischer Kolonialpolitik in Mali immer benachteiligt wurden. Und viele von ihnen als Elitetruppen Gaddafis in dessen politisches Nomaden-Konzept eingebunden waren, aber dann von den NATO-Streitkräften aus Libyen vertrieben wurden. Wenn er das schreibt, der Herr Redakteur, wie soll er angesichts des kaputten Libyens seine Kriegsbegeisterung von damals rechtfertigen? Und wie könnte er dann in diesen Tagen den von Frau Merkel erfundenen „Ertüchtigungs-Einsatz“ zugunsten der Regierungstruppen wohlwollend an den Medienkonsumenten weitergeben?

Natürlich werden die deutschen Truppen, die den französischen nur den Rücken für den Krieg in der Zentralafrikanischen Republik freihalten sollen, die malischen Truppen nur „ertüchtigen“, wie die deutschen Soldaten das höchst erfolgreich seit Jahren in Afghanistan tun. So erfolgreich, dass nichts gut ist in Afghanistan. Die französische Armee ist bei ihrem parallelen „Einsatz“ in der Zentralafrikanischen Republik in einem Land unterwegs, dessen Boden jede Menge Uran und Diamanten birgt. Der frühere Staatschef und selbsternannte Kaiser der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), Jean-Bédel Bokassa, ging mit diesen Diamanten großzügig um. Er verschenkte sie bei Staatsbesuchen als Gastgeschenk. Auch an den französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Wahrscheinlich rein zufällig betreibt der französische Atom-Konzern AREVA sein Urangeschäft ebenfalls in der ZAR. In den nächsten Tagen und Woche werden wir aus den deutschen Medien allerdings erfahren, dass es sich bei der „Operation“ in der ZAR um einen humanitären Einsatz handelt. Und dass unsere tapferen Truppen die malische Armee nur ertüchtigen, um dieser Humanitäterä zum Erfolg zu verhelfen.

——————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: This work has been released into the public domain by its author, Aramgutang at the English Wikipedia project. This applies worldwide.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, Umwelt, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Die Reisefreiheit der anderen

Erstellt von IE am 10. Januar 2014

Wie beantragt man eigentlich in Gambia ein Visum für den Schengenraum?

Autor:  Paolo Gaibazzi

Bei dem Begriff „undokumentierte Migration“ denkt man automatisch an Menschen, die in europäischen Ländern leben und üblicherweise mit dem bedenklichen Ausdruck „illegale“ oder „irreguläre“ Migranten belegt werden (in Frankreich nennt man sie sans-papiers).

Aber natürlich denken wir bei dem Wort unwillkürlich auch an Tragödien wie die vom 3. Oktober: den Untergang eines überfüllten Boots voller Flüchtlinge vor Lampedusa, bei dem mindestens 359 Afrikaner den Tod fanden. Die meisten von ihnen stammten aus Somalia und Eritrea und wollten in Europa politisches Asyl beantragen – wie die vielen anderen, die eine derart gefährliche Überfahrt riskieren, weil ihnen das Recht auf legale Einreise in die Europäische Union, und damit auf ein sichereres Transportmittel, verwehrt wird.

Aber ich will hier weder die schrecklichen Bilder dieser Tragödien abrufen noch auf die heftigen politischen Kontroversen eingehen, die solche Ereignisse immer wieder zur Folge haben. Hier geht es vielmehr um andere „undokumentierte“ Personen, die man „sans-visa“ nennen könnte: Menschen also, die sich nicht an den bewachten Eingangstoren Europas drängen, sondern in ihrer westafrikanischen Heimat direkt um ein Visum ersuchen. Wie schwer es ist, ein Visum für ein Schengenland (aber auch die anderen EU-Staaten) zu bekommen, zeigt sich ja bereits darin, dass es in Europa so viele „undokumentierte“ Migranten gibt.

Aber was Menschen tatsächlich erleben, wenn sie sich – meist vergeblich – um ein Schengenvisum bemühen, bleibt diesseits der europäisch-afrikanischen Grenzen weitgehend undokumentiert. Wir erfahren darüber bestenfalls durch persönliche Berichte von Bekannten, Partnern oder Kollegen, die sich erfolgreich durch das Labyrinth des Antragsverfahrens für ein Visum gekämpft haben. In Westafrika dagegen sind solche Geschichten – mit ihrem zumeist unguten Ende – völlig alltäglich.

In vielen westafrikanischen Regionen und nicht nur dort bedeutet ein Visum nicht nur ein Recht auf grenzüberschreitendes Reisen, sondern auch den Zugang zu einem künftigen Leben in Würde. Um nicht in Verallgemeinerungen zu verfallen, erzähle ich hier von den Verhältnissen in Gambia, wo ich mich aufgrund meiner Forschungsarbeit am besten auskenne.

Quelle: Le Monde Diplomatique >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Author David Monniaux

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 France license.

Abgelegt unter Afrika, Feuilleton | Keine Kommentare »

Libyen ist längst gescheitert

Erstellt von Uli Gellermann am 14. Oktober 2013

Wann scheitern die USA?

Bei manch Einen/r ändert sich nur die Kleidung und nicht der Inhalt

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 14. Oktober 2013

Wenn einem Staat oder dessen Bevölkerung von den USA Hilfe und Freundschaft angeboten werden, sollten die Grenzen schnell geschlossen, die Armee in Alarmbereitschaft versetzt und die Streitereien im Land sofort zugunsten eines Anti-USA Bündnis beendet werden. Die Menschen in Afghanistan, im Irak, in Libyen und Syrien wissen, was die Hilfe der USA im Ergebnis bedeutet: Kaputte Länder. Manchmal, wie im Irak, wird dem Land einfach aus irgendwelchen Gründen die Hilfe erklärt. Häufig finden die USA im jeweiligen Land Verbündete, die, zu Recht oder zu Unrecht, mit der aktuellen Regierung unzufrieden sind und die USA um Hilfe bitten. So war es vor mehr als zwei Jahren auch in Libyen.

Zwei Jahre nach dem Sieg einer von den USA geführten Allianz über den damaligen Regierungs-Chef und dessen Clan herrscht in Libyen das Chaos. Jüngst wurde der libysche Premier-Minister kurzzeitig entführt. Das Hotel in dem er residiert ist schon mal mit Raketen beschossen worden. Die Macht im Land haben unterschiedliche Milizen, deren Stärke auf insgesamt 250.000 Mann geschätzt wird. Sie werden von Stämmen und Clans gesteuert und von regionalen Warlords befehligt. Zwar liegt das Geschäft mit dem libyschen Öl inzwischen in der Hand westlicher Ölkonzerne. Aber während zu Zeiten Gaddafis noch 1,4 Millionen Fass Öl exportiert wurden, sind es jetzt nur noch 700.000. Kein Wunder, dass die Arbeitslosigkeit in Libyen bei 30 Prozent liegt.

Wer sich erinnern mag, der weiss noch wie sich die westlichen Medien zu Beginn des Libyen-Krieges Sorgen wegen des libysche Giftgas machten: Der „irrationale Diktator“, so war die allgemeine Meinung, könnte das Gas einsetzen. Von der „Washington Post“ bis zum „Spiegel“ wurde der Krieg auch mit den Tonnen von Senfgas begründet, die in Libyen herumlagen. Aber dann kam die scheinbar befreiende Meldung: Das Giftgas sei unter Kontrolle der Rebellen, jubelten BILD, der Westberliner „Tagesspiegel“ und viele andere. In Wahrheit ist das eine Nachricht zum Fürchten, keine zum Jubeln. Vielleicht haben die USA deshalb jüngst 200 Elitesoldaten auf ihren sizilianischen Stützpunkt Sigonella verlegt. Von dort aus sind die Truppen ruckzuck in Libyen, um die Kampfstoffe zu sichern. Natürlich weiß keiner, wie viel der libyschen Giftwaffen von den islamistischen Rebellen bereits an ihre Freunde in Syrien geliefert wurden. Vielleicht sollen die Marines aber nur das schwimmende Guantanamo vor der libyschen Küste schützen: Auf der USS San Antonio zum Beispiel inhaftieren die US-Streitkräfte Terrorverdächtige. Sie werden dort keinen Richter treffen. Das bisschen Recht spricht die US-Armee schon selbst.

Die deutsche Dauerkanzlerin Angela Merkel ist unbeirrt der Meinung: „Amerika (sie meint die USA) war und ist unser treuester Verbündeter“. Und auch das Auswärtige Amt droht mit dieser Position: „Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika verbindet eine vitale und tiefe Freundschaft.“ Wer solch einen Freund hat, der braucht keine Feinde mehr. Das mit den USA befreundete Rebellen-Libyen ist zu einem failed state, zu einem gescheiterten Staat geworden. Das befreundet Afghanistan ist auf dem Weg dorthin. Der von den USA „befreite“ Irak befindet sich im permanenten Bürgerkrieg. Die von den USA und ihren Freunden unterstützten Rebellen in Syrien führen ihren Bürgerkrieg schon im zweiten Jahr. Aber vielleicht können die Völker und Staaten demnächst aufatmen: Den USA droht die Pleite, sie sind selbst auf dem Weg zu einem gescheiterten Staat.

—————————————————————————————————————————–

Grafikquelle   :

This file is a work of a sailor or employee of the U.S. Navy, taken or made as part of that person’s official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain in the United States.
Seal of the United States Department of the Navy.svg
This file has been identified as being free of known restrictions under copyright law, including all related and neighboring rights.
Author U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 2nd Class Jesse B. Awalt/Released

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik | Keine Kommentare »

Afrika ist nicht was wir lesen

Erstellt von IE am 26. September 2013

Das falsche Afrika in den Medien

Panorama Nairobi

Seit einigen Tagen steht die Stadt Nairobi aus Kenia im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Angeblich haben Islamisten das Einkaufszentrum Westgate überfallen etlichen Geiseln genommen und ein Blutbad noch ungeahnten Ausmaßes angerichtet. Geschrieben wird von 72 Toten und rund 50 Menschen welche noch vermisst werden.

Laut Regierungsangaben wurden unterdessen sechs Geiselnehmer getötet und zu diesen Kidnappern soll auch eine Britin gehören. Die Britin als sogenannte „weiße Witwe“ bekannt, war mit einen der Selbstmordattentäter in der U-Bahn Londons aus dem Jahr 2005 verheiratet. Frau Samantha Lewthwaite wurde in den letzten Jahren häufiger in Kenia gesehen, einmal sogar festgenommen, aber sofort wieder freigelassen.

Unterstützung erhalten die Ermittlungsbehörden in Kenia nun auch aus Deutschland. So entsendet das Bundeskriminalamt sechs Spezialisten zur Spurensuche und Sicherung nach Nairobi. Kritisiert wird die allgemeine Art der Berichterstattung unterdessen von der Journalistin Bettina Gaus welche sich bekanntermaßen mehrmals im Jahr in Kenia aufhält.

Einkaufszentrum Westgate in Nairobi

Afrikaner? Arm oder korrupt!

Autorin :  BETTINA GAUS

STEREOTYPE Das von Terroristen überfallene Einkaufszentrum in Nairobi ist kein Spielplatz der Reichen, der Anschlag trifft alle Kenianer. Westliche Medien wollen das nicht wissen.

Ein großer Teil der Berichterstattung über die Terrorattacke in Nairobi ist verräterisch – nicht nur in deutschen Medien. Alte Stereotype schleichen sich ein, die wieder einmal ein Bild von Afrika zeichnen, in dem es nur entweder darbende Slumbewohner oder prassende Eliten gibt. Dieses Bild leugnet die Existenz einer breiter werdenden Mittelschicht. Es ist – wenn auch vermutlich ungewollt – rückwärtsgewandt und arrogant.

Wahr ist: Das Westgate war kein Ort der Armenspeisung. Aber die Standardformulierung „Shopping-Paradies für reiche Kenianer“ ist schlicht falsch. Der Ort des Terrorangriffs war genau deshalb so perfide klug gewählt, weil das riesige Einkaufszentrum mitten in Westlands, einem Stadtteil von Nairobi mit besonders hoher Bevölkerungsdichte, auch für viele Leute eine Anlaufstelle war, die nur einen schnellen Kaffee trinken, ein paar Lebensmittel kaufen oder mal eben Geld abheben wollten. Das waren im Regelfall keine Multimillionäre mit Konten in der Schweiz.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————–

Fotoquellen: Wikipedia

Panorama Nairobi: This work has been released into the public domain by its author, Jesse.S. This applies worldwide.

Einkaufszentrum in Nairobi: Author Rotsee

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Abgelegt unter Afrika, Kultur, Umwelt | Keine Kommentare »

Deutsche und Ägypter

Erstellt von IE am 14. August 2013

Oder die Suche nach den Unterschied !

Die Umstände sind uns eigentlich alle bestens bekannt. Die Demokratie ruft wiedereinmal, alle vier Jahre zu Wahlen auf, da haben wir als Volk einmal das Sagen, und anschließend ärgern sich alle darüber dass die gegebenen Versprechen nicht eingehalten wurden. Dieses alles in schöner Regelmäßigkeit, alle vier Jahre, hier in Deutschland.

Das die Bürger in Ägypten sich diese ständigen Betrügereien durch eine von ihnen gewählte Regierung, im Gegensatz zu den Deutschen, nicht gefallen ließen, spricht an für sich für das Demokratieverständnis der Bevölkerung. So wurde die direkte Konfrontation mit der Macht gesucht.

Zu dieser Art der Auseinandersetzung ist die Deutsche Bevölkerung nicht fähig oder willens. Diese lässt sich in Grüppchen spalten und streitet lieber untereinander: Die Hartz 4 er gegen die Arbeitenden, die Vielverdiener gegen die Geringverdiener, gegen die Behinderten, Kranken, Raucher, Nichtraucher, Vegetarier, Ausländer, Eingebürgerten usw. usw.. Was so weit geht das hier die Einen den Anderen die Häuser abbrennen oder ermorden. An der Spitze sitzt die Macht und amüsiert sich köstlich über die Dummheit ihrer Untergebenen.

Die Deutschen suchen und finden ihre Schuldigen immer in den Randgruppen der Gesellschaft. Diese Vorhaben, von der Macht angefeuert, basiert auf gemachte Erfahrungen und gelingt so gut als dass sie sogar die Opposition auseinandertreiben um diese sodann  unter den Begriff der Staatsräson in ihrer Machenschaften einzubinden.

So haben die Menschen in Ägypten verstanden das ein Neubeginn unter den gegebenen Vorzeichen nicht möglich war und entsprechend reagiert. Gleich wie wir mit dem Erhalt einer Ware umgehen welche wir nicht bestellt haben. Wir verweigern die Annahme oder geben sie zurück. Aber nur bei der Ware und es bleibt unverständlich warum sich Demokraten diese Behandlung von einer Regierung bieten lassen ?

Die Konfusion verstehen

Wir befinden uns in Woche sechs nach der neuen Revolution beziehungsweise dem Staatsstreich in Ägypten. Und die Geschichte, die sich jetzt dazu alle erzählen, geht so: Im Sommer 2012 gewannen die Islamisten die ersten demokratischen Wahlen des Landes. Nach nur einem Jahr an der Regierung wurden sie vom „tiefen Staat“, der sich mit den Medien verbündet hatte, schachmatt gesetzt und schließlich per Staatsstreich vom Militär gestürzt – da es auf die Unterstützung der Liberalen zählen konnte. Die von den Generälen eingesetzte Übergangsregierung, so heißt es weiter, katapultiere Ägypten direkt in die Zeiten Mubaraks zurück.

Loyalität als Falle

 Diese Erzählung ist so falsch wie deprimierend weit verbreitet. Im besten Fall beschreibt sie eine Art Skelett, denn es fehlt das Fleisch. Passiert ist nämlich folgendes: Im Laufe von zwölf Monaten haben Mursi und die Muslimbrüder in jedem Bereich der ägyptischen Gesellschaft die Unterstützung verloren – am Schluss waren nur noch sie selbst als Bündnispartner übrig. Der Regierung Mursi fehlte die politische Kapazität, die Weitsicht und der Wille, Machtpositionen mit qualifizierten Leuten zu besetzen. Stattdessen war Loyalität ihr einziges Kriterium.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia- Author S. Behn

This media is in the public domain because it is material provided by Voice of America, the official external radio and TV broadcasting service of the U.S. federal government.

Abgelegt unter Afrika, Kommentar, Regierung | Keine Kommentare »

Mursi hat versagt

Erstellt von IE am 20. Juli 2013

„Mohammed Mursi hat versagt“

Bildergebnis für nur Wikimedia Commons Bilder Mohammed Mursi

Autor Jannis Hagemann

Die „Muslimbrüder ohne Gewalt“ organisieren Widerstand gegen die Parteiführung. Sie haben Angst, dass die Organisation in den Abgrund schlittert.

taz: Herr Yayha, waren Sie erleichtert, als die Armee Anfang Juli nach Massenprotesten den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi entmachtete?

Ahmed Yahya: Ich hatte es erwartet. Wenn Mohammed Mursi auf die Forderung der Demonstranten gehört und Neuwahlen angekündigt hätte, wäre das Militär nicht eingeschritten. Dann wäre er jetzt noch Präsident des Landes, und uns wäre ein blutiger Konflikt erspart geblieben.

Hat er aber nicht.

Nein, und die Armee hat das ausgenutzt und ihn abgesetzt.

Seitdem verüben Bewaffnete fast täglich Anschläge auf Sicherheitskräfte, vor allem auf der Sinai-Halbinsel. Als Mitglied der Muslimbruderschaft haben Sie die Initiative „Muslimbrüder ohne Gewalt“ ins Leben gerufen. Befürwortet die Muslimbruderschaft Gewalt?

Nein, seit ihrer Gründung 1928 lehnt die Muslimbruderschaft Gewalt ab. Doch die derzeitige Führungsriege stachelt zu Gewalt an. Zum Beispiel Mohammed al-Beltagi, der erklärt hat, weiter auf dem Sinai zuzuschlagen, wenn Mohammed Mursi nicht freigelassen werden sollte. Wie kommt er denn auf diese Idee? Solche Äußerungen schaden der gesamten Muslimbruderschaft. Die Gewalt geht nicht von den Muslimbrüdern, also den normalen Leuten, aus, sondern ausschließlich von der Führung.

Auch in Kairo kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Mursi-Anhängern und dem Militär. Vor dem Sitz der Republikanischen Garde, wo Mursi festgehalten werden soll, eröffneten Soldaten vor zwei Wochen das Feuer auf Demonstranten. Was ist Ihrer Meinung nach dort passiert?

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Zum gleichen Thema:

Rutscht Merkel auch die Pyramide hinunter?

——————————————————————————————————————————

Grafikquelle      Mohammed Mursi im Präsidentschaftswahlkampf 2012

Abgelegt unter Afrika, Schicksale | Keine Kommentare »

Nur Mursis nicht Merkels Sturz

Erstellt von IE am 6. Juli 2013

Rutscht Merkel auch die Pyramide hinunter?

Würden die Volksabzocker dafür bezahlt – JA

War das ein Rauschen im deutschen Blätterwald und die Leser möchten glauben eine Welt stürze zusammen. Ziemlich einmütig waren sie sich wieder einmal in ihrer Beurteilung im Bezug auf den Sturz des  ägyptischen Präsidenten Mursi. Ob Westerwelle oder auch Merkel, in ihrer Aussage die Absetzung Mursis als einen Angriff auf die Demokratie zu sehen, darin waren sie sich alle rasch einig, darin ist sich Macht immer einig, geht es doch gegen einen der Ihren.

Zitieren wir doch dazu unser Grundgesetz worin geschrieben steht: „Alle Macht geht vom Volk aus“! Dort steht nicht geschrieben das Militär und Polizei als Schlägerbanden zur Unterstützung der Macht eingesetzt oder missbraucht werden dürfen, wie es auch hier im Land laufend geschieht, wo freie Demonstrationen im Keim erstickt, oder erst gar nicht zugelassen werden !! Was verbindet eigentlich die Worte Zulassung und Freiheit miteinander? In Ägypten hat das Volk entschieden das eine von ihr gewählte Regierung nicht das liefern wollte, oder konnte, was die Bevölkerung bestellt hatte, anders gesagt wofür sie gewählt wurde. Alternativlos – Basta!

Das Volk fühlte sich betrogen da die vor den Wahlen gegebene Versprechungen nicht eingehalten wurden und entschied sich, keine weitere Zeit damit zu verlieren, unfähige Politiker bis zum Ablauf der Legislaturperiode für eine schlechte Arbeit zu bezahlen und stillschweigend mitanzusehen wie das Land tiefer und tiefer an den Abgrund geführt wurde. In einer Freien Marktwirtschaft eine betriebswirtschaftlich, tagtäglich vorkommende Entscheidung.

So wäre es, Volkswirtschaftlich gesehen, für unsere Regierung einmal an der Zeit darüber nachzudenken  ob denn wohl die ägyptische Bevölkerung nicht weitaus klüger reagierte als unsere Einheimische? Haben Westerwelle und Merkel wohl davor Angst das auch hier im Land das Volk eines schönen Tages ihre Gehirne zum Nachdenken und dann die bestehenden Gesetze entsprechend nutzen könnten?

Natürlich war das Eingreifen des Militär nicht der Demokratisierung des Landes förderlich, nicht mehr oder weniger aber als die gestürzte Regierung. Vielleicht wartete man sogar auf die Aufstände aus der Bevölkerung um diese für ihre eigenen Interessen zu nutzen! Die Unruhen selber wurden aber ziemlich eindeutig durch die Unfähigkeit der Regierung ausgelöst und Trittbrettfahrer sind international immer vertreten.

Wie sehe die Wirklichkeit hier im Land eigentlich aus, wenn die Politik und Polizei endlich einmal ihren verfassungsgemäßen Auftrag nachkäme welcher da lautet „Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden“? Es ist nicht die Aufgabe der Polizei Teile der Gesellschaft zu bekämpfen. Weder mit Gas, da sind WIR, richtig Frau Merkel WIR, seit einigen Generationen Weltmeister, noch mit Schlagstöcke oder Wasserwerfer.

Die Zeiten der Gestapo sollten wir eigentlich endgültig hinter uns gelassen haben. Und es ist mir unverständlich das die Polizei bewaffnet ist. Ich erinnere mich in solchen Fällen immer gerne an eine Situation aus meiner Kindheit. An der Hand meines Vater gingen wir über die Straße und begegneten einen Polizisten. Mein Vater hielt an und sprach diesen mit Namen an. Zu mir sagte er: „Das ist unser Schutzmann“. Politik sollte einmal darüber nachdenken wie aus einen Schutzmann ein Bulle werden kann !

Wenn sich die Polizei mehr und mehr mit Radarpistolen bewaffnet und sich Wegelagerern gleich dazu benutzen lässt marode Staatskassen aufzuhübschen darf sie sich nicht wundern wenn von den Spruch: „Dein Freund und Helfer“ nicht mehr viel übrigbleibt. Das ist aber nur als ein ganz einfaches Beispiel zu sehen. Dann ist sie nicht besser als wir sie aus der Türkei oder Ägypten wahrnehmen.

Ein Vorfall wie der Polizeieinsatz am Neptunbrunnen in Berlin ist unter friedliebenden Menschen nicht zu akzeptieren. Was machte der Polizist in diesen Brunnen? Ist es humaner einen Menschen zu erschießen, anstatt ihn sich selber umbringen zu lassen? Auch wenn der Nackte nicht normal war, wovon man ausgehen möchte, muss es die erste Aufgabe sein andere Menschen vor solchen Zeitgenossen zu schützen. Es war wohl ein ausreichendes Aufgebot der Polizei anwesend um solch eine Eskalation auszuschließen. Gewalt geht für gewöhnlich immer von den Bewaffneten aus und Waffen gehören einfach nicht in Narrenhände. Sie sollten kein Spielzeug sein, auch in den Händen der Polizei nicht.

[youtube xcvhxhzhA8k]

—————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia

Author Ricardo Liberato

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Abgelegt unter Afrika, Kommentar, Schicksale | Keine Kommentare »

Mittelmäßige Muslimbrüder

Erstellt von IE am 10. April 2013

Das Schlagloch – Mittelmäßige Muslimbrüder

von Sahra Eltantawi

In Ägypten fehlen Visionäre, die den Niedergang des Landes aufhalten. Stattdessen wachsen Dummheit und Konformität.

Während ich dies schreibe, ist eine koptische Kathedrale in Kairo während einer Beerdigung von maskierten Bewaffneten angegriffen worden. Noch vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass ich jemals einen solchen Satz über Ägypten schreiben würde. Natürlich hat es seit langem Attacken auf religiöse Minderheiten gegeben – etwa den schrecklichen Angriff auf die Kirche in Alexandria an Silvester 2010. Aber maskierte Bewaffnete, die mit Schnellfeuergewehren während einer Beerdigung um sich schießen? Das waren Probleme, die wir bisher aus dem Irak nach der US-Invasion oder aus Pakistan kannten.

Der Haftbefehl gegen den berühmtesten Satiriker Bassem Youssef wegen der angeblichen Beleidigung von Präsident Mursi und dem Islam ist ein ebenso beunruhigendes Ereignis – nicht zuletzt, weil darin offenkundig wenig Unterschied zwischen beiden Anklagepunkten gemacht wird.

Was ist mit Ägypten geschehen, nicht einmal zehn Monate, nachdem die Muslimbrüder die Macht übernommen haben? Im Folgenden werde ich Erfolge oder Misserfolge der Muslimbrüder in wichtigen Feldern untersuchen. Es gibt zwar Beobachter, die dies für nicht besonders sinnvoll halten. Sie finden, es sei unrealistisch, dass eine Übergangsregierung angesichts der sich verschlechternden Wirtschaft in einem polarisierten Land viel erreicht haben könne.

So habe ich früher auch gedacht. Aber so unrealistisch es ist, anzunehmen, dass die Regierung die massiven Probleme Ägyptens gelöst haben könnte, ist es doch richtig aufzuschreiben, auf was sie sich konzentriert und was sie vernachlässigt hat.

Reform des Innenministeriums: Das Innenministerium ist die berüchtigste Institution von Mubaraks Polizeistaat. Dessen Folter und Gewalt waren einer der Hauptgründe der ägyptischen Revolution. Aber eine Reform des Innenministeriums ist ausgeblieben, Folter ist heute wohl ein größeres Problem als zuvor.

Wirtschaft: Die ägyptische Wirtschaft befindet sich im Chaos. Die Geldreserven sind nahezu aufgebraucht, weshalb die Regierung beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um ein Darlehen ersucht hat. Um den IWF-Forderungen nachzukommen, muss die Regierung Austeritätsmaßnahmen zustimmen. Dazu gehört auch die Reduzierung der Benzinpreissubventionen, was zu Unruhen führen wird.

Hass gegen Minderheiten

Meinungsfreiheit: Bereits Präsident Anwar as-Sadat hat sich auf Deals mit den Islamisten eingelassen, die die Meinungsfreiheit in Ägypten gefährdeten. Der wichtigste war die Verfassungsreform von 1981, welche die Scharia zur Quelle der Gesetzgebung machte. Da die Islamisten nun an der Macht sind, ist die Meinungsfreiheit noch mehr in Gefahr. Die Behandlung von Bassem Youssef und die steigende Zahl von Fernsehpredigern, die ironischerweise oft sehr vulgär die Kritiker des Präsidenten angreifen, sind in dieser Hinsicht nicht ermutigend.

Hass zwischen religiösen Gruppen: Der Hass zwischen religiösen Gruppen verschlimmert sich, und zwar sowohl wegen des Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung und der bösartigen Rhetorik einiger Salafistenprediger, die zu viel Sendezeit bekommen. Während Bassem Youssef vorgeladen wurde, sind Verbrechen gegen Kopten nicht verfolgt worden. Zudem hat die antischiitische Stimmung einen Höhepunkt erreicht – eine Spätfolge davon, dass Mubarak den sunnitischen Chauvinismus gefördert hat, um seine unpopuläre Unterstützung der antiiranischen Politik der USA, Israels und Saudi-Arabiens aufzufangen.

Politische Repression: Die Tatsache, dass die lange verfolgte Muslimbruderschaft heute selbst an der Macht ist, zeigt die größer gewordenen politischen Freiheiten. Unglücklicherweise hat die Opposition keinen Vorteil daraus gezogen. Sie versagt bis heute darin, sich am politischen Wettbewerb erfolgreich zu beteiligen. Die Muslimbruderschaft ist wie das alte Regime sehr schnell dabei, Demonstrationen gegen sich als „vom Ausland gesteuert“ zu diffamieren. Nichtregierungsorganisation sollen jüngsten Meldungen zufolge gezwungen werden, sich staatlich registrieren zu lassen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————————

Fotoquelle: Wikipedia

Author Holger Weinandt

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Abgelegt unter Afrika, Feuilleton, Kriegspolitik | 1 Kommentar »

Der Fall Oury Jalloh

Erstellt von IE am 13. November 2012

Unter Regie einer Menschen- verachtenden deutschen Politik?

Datei:Hans-Peter Friedrich 2012.jpg

Als ein besonderes Drama, geschrieben von deutschen Ermittlungsbehörden, aufgeführt von deutschen Juristen und das alles unter der Regie einer Menschen- verachtenden deutschen Politik?

So etwa ließen sich die Vorgänge um den Feuertod des Sierra Leoners Oury Jalloh erklären. Vielleicht auch  nur so?

Wir auf DL beobachten dieses Drama seit dem Jahre 2008 und berichteten in verschiedenen Artikeln über diesen typisch deutschen Justizskandal.

Skandal Urteil vom 09. 12. 2008

Rassismus vom 09. 12. 2008

Schweigen von Beamten 09. 01. 2011

Fratze des Staates 10. 01. 2012

Jetzt geht dieser Prozess angeblich in seine letzte Phase. Der Prozess in Magdeburg soll noch im Dezember dieses Jahres zu Ende gebracht werden. Es soll angeblich die letzte Chance sein, das mysteriöse Geschehen aufzuklären.

Kopfschüttelndes Unverständnis müsste darüber herrschen warum dergleichen Vorfälle nicht von neutralen Gerichten Überregional aufgeklärt werden können. So ein Vorfall gehört vor die Kommission für Menschenrechte in Europa und nicht auf die Bühne eines Provinztheaters, dort wo ein Jeder jeden kennt und die eine Hand die Andere wäscht. Daran müsste schon alleine die Politik interessiert sein, sollte sie denn den Rücken frei haben. So ist das Ganze zu einer typischen Schmierenkomödie verkommen.

Wäre es so abwegig diesen Vorgang mit den rassistischen Vorgängen der NSU, der von den Medien benannten Zwickauer Terrorzelle in Verbindung zu bringen? Es darf aber wohl in gewissen Kreisen nicht das gedacht werden, was diesen Grüppchen unangenehm aufstoßen würde.

Seit Montag belagert die Initiative Gedenken an Oury Jalloh die Staatsanwaltschaft in Dessau. Die 20 AktivistInnen gedenken bis zum kommenden Sonntag dort auszuharren. Mit Vehemenz fordern sie von der Staatsanwaltschaft eine neue Anklage, da die Frage nach der Todesursache bis heute ausgeblendet bleibt. Die Initiative verweist dabei auf ein Gutachten, welches besagt, dass an dem gefundenen Feuerzeug keine DNA Spuren oder Faserreste von Jalloh gefunden wurden, der sich an einer Liege gefesselt selber angezündet haben soll.

Besagtes Feuerzeug war damals bei der ersten Untersuchung nicht in der Zelle gefunden worden, sondern wurde nachträglich in der Asservatenliste eingetragen. Die Videobänder von der Zellendurchsuchung sind bei der Polizei verschwunden.

Die Oury Jalloh Initiative hat nun ein völlig neues Brandgutachten bei einem Sachverständigen bestellt. Diese 40.000 Euro teure Untersuchung wird über eine Spendenkampagne finanziert und soll den Brandverlauf komplett rekonstruieren. Das haben Gutachter bislang unterlassen.

Pressemitteilung Liga für Menschenrechte vom 12.11.2012

Aufklärung gescheitert –
eine rechtsstaatliche Kontrolle der Polizei findet nicht statt

Datei:Oury Jalloh.jpg

Nach 22 Monaten und kurz vor Ende des Strafprozesses ist auch der zweite Versuch gescheitert, die Umstände gerichtlich aufzuklären, die zum Verbrennungstod Oury Jallohs im Gewahrsam der Polizei am 7. Januar 2005 geführt hatten. Gericht und Staatsanwaltschaft halten kontrafaktisch an der Hypothese fest, dass nur das Opfer selbst das Feuer in der Gewahrsamszelle Nr. 5 des Dessauer Polizeireviers entfacht haben könne und weigern sich beharrlich, andere Möglichkeiten zum Ausbruch des Brandes in Betracht zu ziehen.

An den zurückliegenden Prozesstagen ist diese staatsanwaltliche Annahme erschüttert worden. Das Verfahren hat neue Einsichten zutage gefördert, die eine andere als die staatsanwaltschaftlich unterstellte und polizeilich behauptete Brandentstehung nahe legen.

Beide Organisationen, die den Prozess sowohl in der ersten als auch in der zweiten Instanz fortlaufend beobachtet haben, resümieren: Die Anklage der Staatsanwaltschaft – sie wurde bekanntlich erst nach sehr langer Zeit und nur auf öffentlichem Druck erhoben – hatte zu keinem Zeitpunkt das Ziel, die tatsächlichen Umstände aufzudecken, die zum Tod Oury Jallohs geführt hatten.

Dass der im Polizeigewahrsam verbrannte Oury Jalloh trotz zweifacher Leibesvisitation ein Feuerzeug in die Zelle hat „schmuggeln“ können, ließe sich, wäre das Gericht an tatsächlicher Aufklärung überhaupt interessiert, zuallererst als ein polizeientlastendes und von den zuständigen Aufsichtsbehörden zumindest gedecktes Konstrukt nachweisen. Aber daran ist weder dem Gericht noch der Staatanwaltschaft gelegen. Beide Justizorgane nutzen das Revisionsverfahren nicht dazu, den Verbrennungstod Oury Jallohs aufzuklären, sondern ihre Hypothese zu untermauern. Zuhauf lassen sich Ungereimtheiten in der abgestimmten Feuerzeugerzählung finden.

Wir fügen nur wenige noch einmal kursorisch an:

• Ein Feuerzeugrest befand sich erst zwei Tage später in den Asservatenbehältnissen.

• Ein brandsachkundiger Dessauer Polizeibeamte gab an, keine Feuerzeugreste, die mit dem Löschwasser in den Abguss der Zelle hätten gespült worden sein können, gefunden zu haben.

• Der angeblich unter dem Leichnam gefundene Feuerzeugrest enthielt weder DNA-Spuren Oury Jallohs noch Fasern der Matratze oder seiner Kleidung. Diese aber hätten gefunden werden müssen.

• Der geringer verbrannte Rücken des Toten ist von dem Videographen des polizeilichen Ermittlungsteams auf gesonderter Anordnung des Einsatzleiters gefilmt worden. Ein Feuerzeug ist dabei erst einmal nicht entdeckt worden. Diese Videosequenz ist allerdings bei den Polizeibehörden unerklärlicherweise gelöscht worden.

Das Verfahren hat noch viele weitere Widersprüche ans Tageslicht befördert. Da diesen Gericht und Staatsanwaltschaft nicht weiter nachzugehen gedenken, lässt sich im Ergebnis nur von einer Simulation gerichtlicher Aufklärung der Todesumstände Oury Jallohs sprechen. Auf diese Weise wird die Öffentlichkeit getäuscht. Indem Staatsanwaltschaft und Gericht entgegen allen offensichtlichen Widersprüchen an dem wenig plausiblen polizeilichen Konstrukt festhalten, schützen sie zuallererst die Dessauer Polizei.

Dieselbe, das ist im Magdeburger Landgerichtsverfahren überdeutlich geworden, hat ihr übertragenes staatliches Gewaltmonopol missbraucht: Feststellung der Identität, die Ingewahrsamnahme, Freiheitsentzug ohne richterliche Anordnung, Fesselung und Isolation Oury Jallohs waren widerrechtlich erfolgt. Allem polizeilichen Zwangs- und Gewalthandeln fehlte die Rechtsgrundlage. Zudem ist die damals gültige Gewahrsamsordnung fahrlässig missachtet worden. Der behördliche Rassismus im Dessauer Polizeirevier war darüber hinaus selbst den übergeordneten Behörden bekannt, ohne dass sie eingeschritten wären.

Staatsanwaltschaft und Gericht sind im Verlauf des Strafprozesses diesem für jeden leicht erkennbaren, polizeilichen Gewaltzusammenhang immer wieder ausgewichen. Entgegen ihrem Auftrag täuschen sie Aufklärung lediglich vor. So wird aus dem polizeibewirkten Tod Oury Jallohs ein selbstverschuldeter des Opfers. Damit aber hat eine rechtsstaatliche Kontrolle polizeilicher – und im Dessauer Revier schon gewohnheitsmäßiger – Gewaltanwendung versagt. Mit weitreichenden Folgen: Nicht rechtsstaatsgemäße Kontrolle und Einhegung polizeilichen Gewalthandelns finden statt, sondern sein Übermaß und seine Entgrenzung wie im Dessauer Polizeirevier werden zugedeckt. In Zeiten, in denen das breite „Versagen“ der Sicherheitsbehörden beklagt wird, für Bürgerinnen und Bürger ein wirklich beunruhigender Prozessausgang.

Dirk Vogelskamp, Prozessbeobachter des Grundrechtekomitees
Fanny-Michaela Reisin, Prozessbeobachterin der Liga

Quelle: BREAK THE SILENCE

——————————————————————————————————————————-

Grafikquellen    :  Hans-Peter Friedrichs

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert.
Flag of Germany.svg
Namensnennung: Henning Schacht

Unten :  —    Oury Jalloh

Quelle Eigenes Werk
Übertragen aus de.wikipedia nach Commons durch Sebastian Wallroth mithilfe des CommonsHelper.(Originaltext: Eigene Aufnahme)
Urheber Marek Peters http://www.marek-peters.com/

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Flucht und Zuwanderung, Regierung, Sachsen-Anhalt, Schicksale | 3 Kommentare »

Niebels Job

Erstellt von UP. am 18. Juli 2012

Ein fliegender Teppich und Dirk Niebel

Datei:Dirk Niebel.jpg

Wir glauben zwar, dass der noch einmal davongekommene fliegende Teppichhändler und Schi-Mützenträger Niebel lieber weiter mit Teppichen handeln würde, weil das einfach lukrativer ist und die Verwandtschaft gross, aber vielleicht fällt ihm ein, was sein wirklicher Job ist.

Liebe Freundinnen und Freunde in Deutschland,

Unbemerkt werden in einem von Deutschland unterstützten Naturreservat Elefanten gejagt und getötet. Doch eine von Avaaz-Mitgliedern gestartete Petition schlägt große Wellen in Berlin und Benin. Entwicklungsminister Dirk Niebel kann die Beniner überzeugen, die Wilderer zu stoppen und diese majestätischen Tiere zu retten — unterzeichnen Sie jetzt unsere Petition!

 

Es ist schockierend! Unbemerkt werden in einem von Deutschland unterstützten Naturreservat Westafrikas Elefanten gejagt und getötet, um deren Elfenbein teuer zu verkaufen. Doch als eines der größten Geberländer können wir gemeinsam Druck auf die Regierung in Benin ausüben und diese majestätischen Tiere vor dem sicheren Tod retten!

Das Pendjari-Reservat galt als Vorzeigeprojekt für nachhaltigen Artenschutz. Aber seit der beninische Umweltminister den Parkdirektor ohne Begründung feuerte und die Schutzvereinbarungen nicht mehr eingehalten werden, stehen Wilderei und Hetzjagden auf der Tagesordnung. Doch jetzt schlägt eine von Avaaz-Mitgliedern gestartete Petition große Wellen in Berlin und Benin — und mit unserer Hilfe können sie gewinnen!

Je länger wir warten, desto mehr Elefanten werden sterben. Wenn aber Avaaz-Mitglieder aus ganz Deutschland Alarm schlagen und den Entwicklungsminister Dirk Niebel auffordern, sich bei der beninischen Regierung zur sofortigen Wiederherstellung der vereinbarten Schutzmaßnahmen einzusetzen, können wir die Elefanten retten! Unterzeichnen Sie jetzt diese dringende Petition:

http://www.avaaz.org/de/petition/Stoppen_Sie_die_Zerstorung_des_PendjariNationalparks/?bwwYVab&v=16149

Durch die mit deutscher Unterstützung etablierte Zusammenarbeit von Staat und Bewohnern wurde das Pendjari-Reservat zu einem international anerkannten Modell für partizipatives Schutzgebietsmanagement. Seit November 2011 wird diese Zusammenarbeit jedoch infolge zweifelhafter Entscheidungen des beninischen Umweltministers systematisch zerstört — mit dramatischen Folgen: Die Fälle von Wilderei und Elfenbeinhandel, illegaler Beweidung und anderen Delikten nehmen massiv zu.

Die Bewohner des Pendjari-Reservats und der angrenzenden Gebiete kämpfen seitdem unermüdlich für eine Wiederherstellung und Einhaltung der vereinbarten Schutzmaßnahmen — und dank dieser Petition finden sie bereits Gehör im beninischen Parlament: Direkt nach Petitionsstart hat der beninische Umweltminister umgehend Gespräche mit den Bewohner der Parkregion angeordnet. Uns wurde mitgeteilt, dass die deutsche Entwicklungsbank bereits auf diese Petition antwortete und einen Brief nach Benin gesandt hat.

Jetzt liegt es an uns, den Druck aufrecht zu erhalten und die Elefanten zu retten. Setzen wir ein Zeichen und fordern Dirk Niebel dazu auf persönlich bei der beninischen Regierung Alarm zu schlagen! Unterzeichnen Sie unsere dringende Petition und leiten sie diese E-Mail an Ihre Freunde weiter:

http://www.avaaz.org/de/petition/Stoppen_Sie_die_Zerstorung_des_PendjariNationalparks/?bwwYVab&v=16149

Mit Entschlossenheit,

Alex, Stephanie, Christoph, Emma, Ricken, Pascal, Emily und das gesamte Avaaz-Team

P.S. Diese Petition wurde von den Freunden des Pendjari gestartet. Wenn Sie auch eine eigene Petition starten wollen um etwas zu verändern, dann können Sie das ganz einfach und schnell auf der neuen Avaaz Petitions-Seite: http://www.avaaz.org/de/petition/start_a_petition/?bv=16149

Weiterführende Informationen:

Warum das Schutzgebiet jetzt bedroht ist (deutsch):
http://pendjari-de.jimdo.com/bedrohung/

Benin: Regierung gefährdet Pendjari-Park (französisch): http://www.lanouvelletribune.info/index.php/politique14/11433-benin-le-gouvernement-met-en-danger-le-parc-de-la-pendjari

Der Pendjari-Nationalpark ist in Gefahr (französisch):
http://afrique-horizons.org/WordPress3/?p=1368

Naturschutz mit den Anrainern (deutsch / pdf):
http://www.bmz.de/de/zentrales_downloadarchiv/themen_und_schwerpunkte/biodiversitaet/projekt_benin.pdf

Unterstützen Sie das Avaaz Netzwerk!
Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und akzeptieren kein Geld von Regierungen oder Konzernen. Unser engagiertes Online-Team sorgt dafür, dass selbst die kleinsten Beträge effizient eingesetzt werden: Spendensiejetzt

 ———————————————————————————————————————————-

Grafikquelle   :

Quelle Eigenes Werk
Urheber Tomukas – Thomas Holbach

Lizenz

Ich, der Urheber dieses Werkes, veröffentliche es unter der folgenden Lizenz:
w:de:Creative Commons
Namensnennung Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

 

Abgelegt unter Afrika, Kriminelles, Umwelt, Wirtschaftpolitik | Keine Kommentare »

Dem Warlord auf der Spur

Erstellt von IE am 5. April 2012

Kony-Milizen marodieren in Zentralafrika

Chad (4584207681).jpg

Am 10. 03. 2012 berichteten wir in den Artikel „Wer kennt Joseph Kony“ über den Suchaufruf der Organisation „Invisible Children“ im Internet. Heute nun einen Bericht von Simone Schlindwein aus dem Kongo.

„Wir töten alle“, drohen die Kämpfer von Joseph Kony, all der internationalen Öffentlichkeit zum Trotz. Im Nordosten des Kongo entvölkert sich ein Dorf nach dem anderen.

Töpfe stehen noch auf der Feuerstelle, Wäsche hängt an der Leine. Doch keine Frauen kochen Essen, keine Kinder spielen, keine Männer schleppen Holz herbei. Diese Dörfer im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo sehen aus, als seien sie hastig verlassen worden.

Drei holprige Straßen führen im nordostkongolesischen Distrikt Dungu nahe der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik und Südsudan durch Regenwald – eine Region so groß wie Belgien. In diesem verlassenen Winkel gibt es kein Handynetz und kein Strom.

Die Hauptverkehrsachse zwischen den Kleinstädten Faradje und Dungu haben UNO-Blauhelme instand gesetzt. Alle paar Wochen wirbeln Lastwagenkolonnen mit Lebensmitteln Staub auf, begleitet von einem Konvoi marokkanischer Soldaten. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) wagt sich nur mit militärischem Begleitschutz diese Straße entlang. Täglich fliehen Kongolesen aus den abgelegenen Dörfern.

Die UNHCR-Mitarbeiter haben die Dschungeldörfer nach der Entfernung von Dungu gekennzeichnet: „Die Hütten auf Kilometer 7 wurden am 10. März angegriffen“, erklärt ein lokaler UNHCR-Mitarbeiter, als der Konvoi an leeren Häusern vorbeirauscht. Er zieht eine Liste hervor: Kilometer 23 wurde am 8. März angegriffen, Kilometer 55 am 10. und am 24. Februar. Die Liste ist fünf Seiten lang.

Allein im März wurden rund 70 Übergriffe gemeldet. Nach knapp einem Jahr relativer Ruhe sind die ugandischen Rebellen der LRA (Widerstandsarmee des Herren) des international gesuchten Warlords Joseph Kony seit Beginn dieses Jahres zurück im Nordosten des Kongo, aus dem sie 2009 Richtung Südsudan und Zentralafrikanische Republik geflohen waren. In kleinen Gruppen durchstreifen sie den Dschungel südlich des Garamba-Nationalparks.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————–

Grafikquelle    :    Chad

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik | Keine Kommentare »

Wer kennt Joseph Kony ?

Erstellt von IE am 10. März 2012

Wer kennt Joseph Kony ?

So wird seit einigen Tagen durch die US Organisation Invisible Children per Video international nach dem brutalen Führer der ugandischen LRA (Widerstandsarmee des Herrn) gesucht. Es ist das Ziel diesen brutalen Schlächter genauso berühmt zu machen wie Osama In Laden und Adolf Hitler. Das ist bereits heute gelungen, denn mit über 62 Millionen Klicks wurde dieses Video in wenigen Tagen entsprechend oft aufgerufen.

Es ist dieses der zweite Teil des Films „Invisible Children“, welcher 2006 von drei Hochschul-Kindern in Uganda gedreht wurde. Man traf zu damaliger Zeit auf Kinder welche sich nachts versteckten, damit sie von der LRA nicht zu finden waren. So näherten sich die Filmemacher der Rebellenarmee und ihren Anführer Joseph Kony, welcher per Haftbefehl vom internationalen Strafgerichtshof gesucht wird.

Die LRA ist eine der brutalsten Milizen Afrikas. Konys Kämpfer entführen seit Jahren systematisch Kinder, der weil man die Jungen zu Kindersoldaten trainiert, werden die Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht. Diese extrem brutalisierten Kindersoldaten werden dann mit dem Auftrag losgeschickt ihre eigenen Eltern und Verwandten zu töten. So werden ganze Dörfer ausgeräuchert und den zurückgebliebenen Menschen Lippen, Nasen und Ohren abgeschnitten. Von diesen Gräueltaten handelt der Film.

Das Ziel der Hochschulschüler und des Filmemacher Jason Russell war es immer Kony berühmt zu machen um auf diese Weise die amerikanische Regierung unter Druck zu setzen. So wurde bereits im Jahre 2010 ein Gesetz von Obama unterschrieben, das die USA verpflichtet bei der Jagd auf Kony zu helfen. Seit dem Oktober 2011 befinden sich 100 Militärberater mit voller Ausrüstung vor Ort, US Elitesoldaten welche Ugandas Truppen beraten, Kony dingfest zu machen.

Kritik an dieser Strategie kommt aber auch direkt aus Uganda. So wird in diesem Film eine Personifizierung des Krieges auf Joseph Kony gesehen, was so nicht richtig sei. Auch habe die LRA bereits 2005 Uganda verlassen und treibe nun im Kongo und im Süden Sudans ihr Unwesen, wovon die Milizen auch viele Jahre mit Waffen versorgt wurde. Es sei nicht einmal sicher das die LRA ohne Kony zusammen brechen würde.

[youtube Y4MnpzG5Sqc]

———————————————————————————————————–

Grafikquelle   :   2008 poster by Rafaela Tasca and Carlos Latuff

Abgelegt unter Afrika, APO, Friedenspolitik | Keine Kommentare »

Bilals Frömmigkeit

Erstellt von IE am 8. Februar 2012

Islam, arabische Kultur und Sklavenhandel in Afrika

File:Afrika savanne (4149769907).jpg

Bilals Frömmigkeit

von Charlotte Wiedemann

Der Islam hat den Ruf, frei zu sein von rassistischen Vorurteilen. Deswegen haben so viele Afrikaner darin eine Heimat gefunden – in einer Religion mit einem egalitären Menschenbild. Neben dem lichten Glauben steht, wie unverbunden, eine dunkle Herrschaftsgeschichte. Über Jahrhunderte haben arabische Sklavenhändler das islamische Ideal der Gleichheit verhöhnt und Afrikaner wie Ware exportiert. Aus dem muslimischen Selbstverständnis ist diese Vergangenheit heute verdrängt – und die Gründe dafür sind so komplex wie die Geschichte Islamisch-Afrikas.

Gorée und Sansibar. Zwei Inseln, die eine an der westlichen Flanke des afrikanischen Kontinents, die andere an seiner östlichen. Beide sind ein Symbol für den Sklavenhandel, nach Westen der europäische über den Atlantik, nach Osten der orientalische über den Indischen Ozean.

Doch nur die eine Insel spricht, die andere schweigt.

Gorée: Zwanzig Fährminuten von der Küste Senegals entfernt. Ein winziges Felseneiland mit sicherem Ankerplatz – so wurde Gorée zum Zwischenlager für den Sklavenhandel. Erst kamen die Portugiesen, 1445, damit begann die europäisch-afrikanische Beziehungsgeschichte; später Niederländer, Engländer, Franzosen. Am Hafen die einstigen Häuser der Sklavenhändler; eines ist das Museum Maison des Esclaves, in seinem Keller die berühmte „Tür ohne Wiederkehr“: eine steinerne Pforte zum Meer, durch welche die Sklaven auf die Schiffe gestoßen wurden. Ein ikonografischer Ort für ein Weltkulturerbe des Leids.

Die Erinnerung hat auf Gorée eine klare Ordnung: Opfer, Täter, Anteilnahme und eine Botschaft an die Nachwelt. Früher trafen sich auf Gorée Antiapartheidkämpfer, heute die Streiter für offene Grenzen.

Nun Sansibar: Zwei Stunden braucht das Schnellboot von Daressalam, vom tansanischen Festland. Tropische Schwüle liegt über den Gassen der Altstadt, mehr als fünfzig Moscheen auf einem knappen Quadratkilometer. Alles scheint hier diffuser, das Licht, die Erinnerung, die Konturen der Vergangenheit. Auf Sansibar begann, 500 Jahre früher als auf Gorée, gleichfalls eine Beziehungsgeschichte: die afrikanisch-orientalische. Der Islam kam im zehnten Jahrhundert mit Einwanderern aus Schiraz; sie brachten auch den Namen: Zangibar, Persisch für „die Küste der Schwarzen“. Dann kamen Jemeniten, später Omaner.

Das einstige Haus des bekanntesten Sklavenhändlers, Tippu Tip, ist nur mit Mühe zu finden; ein verfallendes weißes Gebäude, es gehört der Regierung, nun haben sich Wohnungslose hier einquartiert.

Unter ihrer Patina erzählt die Altstadt von der wirtschaftlichen Blüte im 19. Jahrhundert – es war die Blütezeit des Sklavenhandels. Pro Jahr wurden damals etwa 30 000 afrikanische Sklaven über Sansibar exportiert. Mindestens ebenso viele schufteten, mit hoher Todesrate, auf den örtlichen Nelkenplantagen. Omanische Händler hatten die Nelkenproduktion eingeführt; sie erwies sich als so lukrativ, dass der omanische Sultan seinen Sitz von Maskat nach Sansibar verlegte.

Quelle: Le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————

Grafikquellen  :

Savanne oben  —

Source Afrika savanne
Author Alias 0591 from the Netherlands
This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.
 This image, originally posted to Flickr, was reviewed on by the administrator or reviewer File Upload Bot (Magnus Manske), who confirmed that it was available on Flickr under the stated license on that date.

Festu8ng Sansibar  —  

Alte Festung

 

Abgelegt unter Afrika, Feuilleton, Umwelt | Keine Kommentare »

Software für Diktatoren

Erstellt von IE am 13. Januar 2012

Das DIP,  Deep Packet Inspection

von Antoine Champagne:

Netznutzer

Nach der Eroberung von Tripolis besichtigte die Journalistin Margaret Coker vom Wall Street Journal eine Geheimdienstzentrale in der libyschen Hauptstadt. Dort stellte sie fest, dass tatsächlich alles überwacht worden war: Internet, Handys und Satellitenverbindungen. In den Aufzeichnungen fand sie unter anderem E-Mails und Auszüge aus Onlinechats zwischen Gaddafi-Oppositionellen. An den Wänden des Spionagezentrums klebten Etiketten des Unternehmens, das die Überwachungsanlage installiert hatte: Amesys, eine Tochterfirma des französischen Computerkonzerns Bull.1 Das Satiremagazin Le Canard enchaîné enthüllte später, dass Libyen den französischen Nachrichtendienst DRM um Unterstützung bei der Ausbildung von Überwachungsleuten gebeten hatte.

In Syrien zensiert Baschar al-Assad das Internet mit US-amerikanischer Technik und ermittelt nach Belieben die Adressen und Passwörter der Bürger, um ihre Mailprogramme oder Facebook- und Twitter-Accounts auszuschnüffeln – und die Verbindungen zwischen Oppositionellen und deren in- oder ausländischen Unterstützern zu rekonstruieren.

Die verwendete Netzwerktechnologie trägt den harmlosen Namen Deep Packet Inspection (DPI). Wenn wir eine Mail abschicken, lösen sich dutzende Rechner ab, um sie bis zum Empfänger zu bringen. Sie sehen nur nach der Adresse, kümmern sich nicht um den Inhalt und übermitteln sie direkt an den nächsten Rechner. So gelangt die Mail zum Empfänger. Jonathan Zittrain, Harvard-Professor für Internetrecht, zieht zur Veranschaulichung den Vergleich mit einer Abendgesellschaft unter höflichen Menschen heran. „Wenn Sie weit weg von der Bar stehen und es sehr voll ist, bitten Sie Ihren Nachbarn, Ihnen ein Bier zu besorgen. Der bittet dann seinen Nachbarn, der etwas näher an der Bar steht und so weiter. Am Ende kommt Ihre Bestellung zur Bar, und irgendwann kommt das Bier tatsächlich bei Ihnen an. Da alle höflich sind, hat zwischendurch niemand aus Ihrem Glas getrunken.“

Mit DPI kommt ein anderer, weniger höflicher Stil ins Internet. Was würden Sie sagen, wenn Ihr Nachbar Ihre Bestellung analysiert und Ihnen eine Moralpredigt hält? Oder wenn er den Inhalt Ihres Glases gegen Wasser oder Schnaps austauscht? So ähnlich sind die Prozeduren, die dank DPI möglich werden: den Inhalt von Mails lesen, sie verändern oder an jemand anderen schicken.

Quelle: le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

———————————————————————————————————–

Grafikquelle    :    Rebellen auf einem Panzer in Bengasi

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik, P.CDU / CSU | Keine Kommentare »

Die Erde stirbt

Erstellt von UP. am 7. Dezember 2011

Mit zunehmender Geschwindigkeit zerstören wir die Erde

Liebe Freundinnen und Freunde,


Unsere Erde ist in höchster Gefahr. Währenddessen kontrollieren große Ölkonzerne entscheidende Länder und blockieren so einen Klimavertrag. Uns bleiben nur 3 Tage bis zum Abschluss der UN-Gespräche — rufen wir Europa, Brasilien und China dazu auf, ein Abkommen herbeizuführen und die Erde zu retten! Klicken Sie hier um die wichtige Petition zu unterzeichnen:

Unsere Meere sterben, unsere Luft verändert sich, und unsere Wälder und Weiden verwandeln sich in Wüsten. Ob Fische, Pflanzen, Wildtiere oder Menschen — mit zunehmender Geschwindigkeit zerstören wir die Erde, die uns am Leben erhält. Die wichtigste einzelne Ursache für die Zerstörung der Natur: der Klimawandel — und in den nächsten 3 Tagen könnten wir das Blatt wenden.

Das UNO-Klimaabkommen — unsere beste Hoffnung für notwendiges Handeln — läuft im nächsten Jahr aus. Doch eine von gierigen Ölinteressen angetriebene Koalition von Ländern, allen voran die USA, versucht, das Abkommen für immer zu begraben. Es ist kaum zu glauben, aber sie tauschen kurzfristige Gewinne gegen das Überleben unserer Natur ein.

Die EU, Brasilien und China sind alle noch unentschieden — sie sind nicht im gleichen Maße wie die USA von Ölkonzernen eingenommen, aber sie müssen mit einem riesigen Aufruf zum Handeln angestoßen werden, bevor sie tatsächlich finanzielles und politisches Führungsverhalten für die Rettung des UNO-Abkommens zeigen. Die ganze Welt kommt in den nächsten 3 Tagen auf dem Klimagipfel zusammen, um eine schwerwiegende Entscheidung zu fällen. Fordern wir unsere Politiker laut und deutlich dazu auf, den Ölkonzernen die Stirn zu bieten und den Planeten zu retten — ein Avaaz-Team wird unsere Botschaft direkt vor Ort überbringen:

http://www.avaaz.org/de/the_planet_is_dying/?vl

Die Situation wird immer verzweifelter — überall auf der Welt verursacht extremes Wetter Obdachlosigkeit und Hunger für Millionen. Wir bewegen uns eilenden Fußes auf den Punkt zu, an dem weitreichender Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist — uns bleibt nur bis 2015 um unsere Verschmutzung drastisch einzuschränken.

Doch trotz dieser Dringlichkeit hat die Welt es nicht geschafft, den von fossilen Brennstoffen eingenommenen USA die Stirn zu bieten. Sie haben nicht nur die Gespräche in Kopenhagen und das Kyoto-Protokoll sabotiert; jetzt arbeiten sie an einer Koalition von Klimakillern, um internationalen Verhandlungen in Afrika den Sargnagel einzuschlagen.

Unsere einzige Hoffnung liegt jetzt bei Europa, Brasilien und China — sie könnten ein Abkommen ermöglichen, aber müssen zusammenhalten, und da können wir eine Rolle spielen. Europa ist erschöpft, es hat lange und bitter fürs Klima gekämpft und braucht öffentliche Unterstützung. China hat sich schon zu bindenden Verpflichtungen bereiterklärt, legt Wert auf seinen internationalen Ruf, und könnte weiter Führungsverhalten zeigen, wenn wir ihm einem ermutigenden Schubs geben. Und Brasilien ist Gastgeber des UNO-Gipfels für Umwelt und Entwicklung im kommenden Jahr — und würde deshalb gern zu Erfolg im Klimabereich beitragen. Senden wir ihnen eine gewaltige weltweite Botschaft, um unsere Champions zu einem grünen Dream-Team zusammenzubringen. Unterzeichnen Sie die Petition jetzt und leiten Sie die Email weiter:

http://www.avaaz.org/de/the_planet_is_dying/?vl

Der kurzsichtige Fokus auf schnelle Gewinne, der Länder dazu bringt, Handeln in einer Klimakrise, die unser Überleben bedroht, zu blockieren und zu ruinieren, ist nicht zu tolerieren. Zum Glück hat unsere Bewegung die Macht, in diesen Prozess einzugreifen und Wandel zu verlangen. Halten wir zusammen und inspirieren wir andere, mit uns zu stehen — für eine sichere, menschlichere Welt.

Voller Hoffnung und Entschlossenheit,

Luis, Emma, Ricken, Iain, Antonia, Morgan, Dalia, Pascal und das ganze Avaaz-Team

Weitere Informationen:

China unter Bedingungen zu Klima-Abkommen bereit (Zeit)
http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-12/durban-klima-china

UN-Klimakonferenz in Durban: Chinesen überholen Kanzlerin (Süddeutsche)
http://www.sueddeutsche.de/politik/un-klimakonferenz-in-durban-chinesen-ueberholen-die-kanzlerin-1.1227379

Zerbrechliche Hoffnung in Durban (Deutsche Welle)
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6674208,00.html

Durban climate talks deadlocked as ministers haggle (AFP, auf Englisch)
http://www.canada.com/news/Durban+climate+talks+deadlocked+ministers+haggle/5817633/story.html

Unterstützen Sie das Avaaz Netzwerk!
Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und akzeptieren kein Geld von Regierungen oder Konzernen. Unser engagiertes Online-Team sorgt dafür, dass selbst die kleinsten Beträge effizient eingesetzt werden: Spendensiejetzt

Avaaz.org ist ein weltweites Kampagnennetzwerk mit 10 Millionen Mitgliedern, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Einfluss der Ansichten und Wertvorstellungen aller Menschen auf wichtige globale Entscheidungen durchzusetzen. („Avaaz“ bedeutet „Stimme“ oder „Lied“ in vielen Sprachen). Avaaz Mitglieder gibt es in jeder Nation dieser Erde; unser Team verteilt sich über 13 Länder und 4 Kontinente und arbeitet in 14 verschiedenen Sprachen. Erfahren Sie hier, etwas über einige der größten Aktionen von Avaaz oder folgen Sie uns auf Facebook oder Twitter

——————————————————————————————————————-

Grafikquelle    :     Müllproblem in Libreville, der Hauptstadt des Gabun, wo ein unzureichendes Abfallmanagement etabliert ist (2013)

 

Abgelegt unter Afrika, Umwelt | Keine Kommentare »

Humor statt Pfefferspray

Erstellt von IE am 26. November 2011

Ägyptischen Gesellschaft für Sarkasmus

Mit neugieriger Spannung und großen Erwartungen beobachten viele Millionen Menschen die in den letzten Monaten international stattfindenden Unruhen an den verschiedensten Plätze der ganzen Welt. Ob die Proteste des „Arabischen Frühling“ in Ägypten, Tunesien, Syrien, denen der  Occupy Bewegungen in den USA, Deutschland, Spanien, oder die Proteste gegen Stuttgart 21 und den Castor Transport nach Gorleben, um hier einmal nur einige Beispiele aufzuzählen. So unterschiedlich die Proteste  von ihren Ausgangspositionen her auch sind, sie zeigen generell die große Unzufriedenheit mit den politischen Regimes, egal welcher ideologischen Glaubensrichtung die dafür zuständigen Politiker auch immer angehören.

Die Internationale Einigkeit der herrschenden Klassen sind in allen Ländern ausschließlich gegen die Bevölkerung gerichtet und dienen einzig und allein der Festigung bestehender Mächte. Auch in Ihren Reaktionen gegenüber die zivile Bevölkerung wirken die Maßnahmen entweder durch wild gewordene Militärs- oder Polizei- Horden ziemlich gleich. An der unterschiedlichen Benutzung von harter oder weicher Munition lässt sich die Angst der Herrschenden vor den Verlust ihrer Macht ausmachen. Soll heißen, bei internationaler Gleichsetzung mit dem Verlust an Macht wäre auch die benutzte Munition gleich, egal in welchen Land, egal unter welcher Regierungsform, auch hier in diesem Land.

Die von den politischen Mächten ausgehenden Aktionen gegen die Proteste weisen in einer  gnadenlosen Offenheit auf die Dummheit und Hilflosigkeit des herrschenden Pack hin. Sie finden keine Argumente mehr gegen die offen vorgebrachten Kritiken an ihrer Arbeitsweise und greifen zu dem einzigen Mittel was ihnen bleibt. Der Gewalt. So macht sich Oben bezahlt was Unten in den Parteien trainiert wird: Die absolute Gehorsamkeit. Großkotz sagt etwas und der schweigende Pinscher führt es aus. Gleich wie beim Militär und der Polizei.

So stellt denn auch die Presse langsam fest, das hier etwas aus dem Ruder läuft. Das die Wut auf die brutalen Sicherheitskräfte Weltweit anwächst und es ist zu hoffen das die Protestierenden eine inhaltliche Front gegen diese Art des Machterhalt bilden. Den Militärs und der Polizei muss dringend  die Einflussnahme durch die Politik entzogen werden wenn sie dazu missbraucht werden eine korrupten  Politik-Mafia an die Macht zu halten.

So weiß denn der Spiegel folgendes zu berichten:

Der dunkle Rächer ist da: Batman, Comic-Legende und Kämpfer für das Gute, steht im Dunkeln und blickt auf den hell erleuchteten Tahrir-Platz im Herzen Kairos. „Er ist in der Nähe und passt auf #Cairo #Al-TahrirSquare #BatMan“ kommentiert „De_Abdi“ auf Twitter. Die Fotomontage, die den Fledermausmann in Ägyptens Hauptstadt zeigt, wurde vor wenigen Tagen von der „Ägyptischen Gesellschaft für Sarkasmus“ auf Facebook veröffentlicht.

Seitdem verbreitet sie sich wie ein Lauffeuer – wie auch Dutzende andere Bilder. Da taucht die Star-Wars-Figur Darth Vader inmitten der Ausschreitungen aus einer Wolke heraus auf. Ein anderes Mal steht ein großes hölzernes trojanisches Pferd auf dem Tahrir-Platz. „Das Innenministerium stimmt dem Waffenstillstand zu und beschließt, die Zusammenstöße zu stoppen und macht den Aufständischen auf dem Tahrir-Platz ein Geschenk“, ist darunter zu lesen. Das Bild ist im Design des TV-Senders al-Dschasira gestaltet. Menschen üben kreativen Protest.

Quelle: Spiegel >>>>> weiterlesen

[youtube 6AdDLhPwpp4]

———————————————————————————————————-

Grafikquelle    :     Demonstranten, die am 29. Januar 2011 auf einem Armee-Lastwagen in der Innenstadt von Kairo stehen

Abgelegt unter Afrika, APO | 2 Kommentare »

Quer durch Afrika

Erstellt von IE am 14. November 2011

Quer durch Afrika

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4e/Duna_dorada_en_Argelia_-_Guadalupe_Cervilla.jpg

Es ist ein uralter Traum der Anrainerstaaten von Wüstengegenden, ob nun die Gobi in Asien oder die Sahara in Afrika. Es geht um ein schützendes Band, um einen Grüngürtel, welcher das weitere Wachsen der Wüsten verhindern soll.

Besonders in der Zone südlich der Sahara macht sich der Klimawandel extrem bemerkbar. Die Hitze nimmt von Jahr zu Jahr zu und der beständige Wüstenwind treibt den Sand aus der Wüste immer weiter voran. So wurde bereits im Jahr 2007 mit den Anbau riesiger Wälder begonnen. Über die Schwierigkeiten aber auch Fortschritte befasst sich der folgende Bericht.

Quer durch Afrika

Am Anfang waren sich die Frauen nicht sicher, ob sie es machen können. Oder machen sollen. Viele im Dorf hatten ihre Zweifel: Löcher graben, Bäume pflanzen, die Führung übernehmen – ist das nicht Männersache?

„Alle sagten, wir sind verrückt“, erinnert sich Nakho Fall, eine stämmige, lebhafte Frau in rot-weiß gemustertem Kleid. Sie sitzt, zusammen mit einem Dutzend Nachbarinnen und deren Kindern, unter einem schattigen Baum in ihrem Dorf Koutal, das im Westen des Senegal liegt. Auf den sandigen Wegen, zwischen den Häusern laufen Ziegen und Hühner herum. Um elf Uhr morgens ist es schon glühend heiß.

Die Männer von Koutal konnten keine Bäume pflanzen, erklärt Nakho Fall, weil sie keine Zeit dafür hatten. Einige arbeiteten in der nahe gelegenen Salzfabrik. Sie wurden morgens mit schrottreifen Lastern abgeholt und abends nach Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause gekarrt. Andere waren auf der Suche nach Arbeit in die ferne Hauptstadt Dakar abgewandert.

Aber es musste etwas geschehen. In Koutal verschwanden die Bäume, und mit ihnen vieles mehr. „Wir hörten keine Vögel mehr singen“, sagt Nakho Fall. Keine der Frauen unter dem Baumschatten kennt den Begriff „Klimawandel“, aber alle erzählen, dass sich in Koutal seit einigen Jahren das Wetter stark verändert hat. Lange Dürreperioden haben den Boden trocken und hart gemacht. Und auch salziger.

Obwohl Koutal rund 80 Kilometer von der Atlantikküste entfernt liegt, greifen zwei „Meeresarme“ weit ins Hinterland und reichen bis zu ihrem Dorf. Die Regierung in Dakar hat keine genauen Daten über die Versalzung des Grundwassers, berichtet Adama Kone, ein landwirtschaftlicher Berater. Aber Bodentests lassen vermuten, dass es in die unterirdischen Süßwasseradern eingedrungen ist und die Böden zunehmend versalzen, was ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt. „Du brauchst nur einmal hinzuschmecken“, sagt eine Frau und steckt ihren Zeigefinder in die kalkweiße Erde, „dann merkst du, dass wir recht haben.“

Also entschlossen sich die Frauen von Koutal, allen Bedenken und Vorurteilen zum Trotz, für ihr Dorf zu kämpfen. Innerhalb von sechs Jahren schafften sie es, dank technischer Beratung seitens der senegalesischen Regierung und ausländischer Geldgeber auf 290 Hektar nacktem, verkrustetem Boden Setzlinge anzupflanzen und die Fläche in ein Waldreservat zu verwandeln. Heute können sie hier Holz schlagen, das sie auf den Märkten der Umgebung verkaufen. Daneben bauen sie natürlich weiter Hirse und andere Produkte für den eigenen Bedarf an. Damit ist die Produktion von Nahrungsmitteln erheblich gestiegen, also auch ihr Einkommen. Heute sehen die Frauen mit neuer Zuversicht in die Zukunft. „Wir sind sehr stolz, dass unsere Kinder von diesem Land etwas haben werden“, sagt Adam Ndiaye, eine strahlende Großmutter, „und sie werden sich erinnern, dass sie das der Arbeit der Frauen verdanken.“

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

——————————————————————————————————————-

Grafikquelle   :    Había una atmósfera especial aquel día y una extraña luz casi irreal en el desierto del Sahara, en Argelia. No está retocada ni trucada. La hice a finales de los 80 o principios de los 90, (con cámara analógica, no digital, claro) y la escaneé.

Abgelegt unter Afrika, Ernährungspolitik, Umwelt | Keine Kommentare »

Tunesisch Denken

Erstellt von DL-Redaktion am 13. November 2011

Wofür steht Tunesien heute

Jetzt wird sie wieder aufgebaut, die große Angst der Regierung vor den Religionen dieser Welt wobei das Hauptaugenmerk des Westens zur Zeit auf den Islam gerichtet ist. Das hier die Angst vor  wirtschaftlichen Einbußen an erster Stelle steht und die Religion als Argumentationskrücke benutzt wird ist nur allzu offensichtlich. So wird versucht den „arabische Frühling“ aus Angst vor finanzielle Verluste abwertend zu beurteilen.

Gerade für Deutschland, als einer der Weltweit größten Lieferanten auch von Kriegsmaterialien sind die wirtschaftlichen Interessen so wichtig. Nur durch eine Konzentration auf den Export, welcher die Großkonzerne bevorzugt, lässt sich die fehlende Wirtschaftlichkeit im eigenen Land kaschieren. Das Blendwerk der Zahlen ist wichtig um die eigene Bevölkerung ruhig zu halten.

So geht die Journalistin Charlotte Wiedemann einmal der Frage nach wofür denn Tunis heute steht.

Tunesisch Denken

Ganz im Ernst: Wofür steht Tunis nun? Auf der Terrasse des Grand Café du Théatre (einer modernistischen Bastion) mehren sich die Fragen. Etwa die nach dem einstigen Todesurteil für den Wahlsieger, den Vorsitzenden der Ennahda, Rachid Ghannouchi. Verhängt unter Bourguiba, jenem allzeit verehrten Habib Bourguiba, nach dem in Tunesien jede gerade verlaufende Straße benannt ist, natürlich auch die, an der wir gerade sitzen. Und nun hat ein Mann, den er vernichten wollte, das Vertrauen der Wähler gewonnen?

Nehmen wir noch den designierten Premierminister dazu, Hamadi Jebali, 16 Jahre Gefängnis im Lebenslauf. Kann man sich einen dramatischeren Bruch mit der Vergangenheit denken? Und warum wird das so wenig erwähnt? Die Islamisten haben kein Recht auf Rechte, so dachten viele Tunesier früher; heute denken sie das nicht mehr. Aber im westlichen Denken steckt das noch drin. Die Kerkerjahre der Islamisten wecken bei uns wenig Respekt: Das ist nicht Bekennende Kirche. Dabei gab es in den arabischen Diktaturen durchaus ein Äquivalent zu der Verhaftungs-und-Schweige-Spirale, die Martin Niemöller in seinem berühmten Zitat verewigt hat. Als das Regime die Islamisten holte, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Islamist. Und irgendwann war niemand mehr da, der protestieren konnte.

Die Anwältin Radhia Nasraoui, eine der mutigsten Frauen Tunesiens und nebenbei Kommunistin, gab im Frühjahr auf meine Frage, warum sie unter Ben Ali Islamisten verteidigt hat, die wunderbare Antwort: „Weil es mir egal ist, warum jemand gefoltert wird.“ Das ist Think tounsi.

Für die Frage, wer in der Ennahda-Partei etwas zu sagen hat, spielt die sogenannte legitimité carcérale eine große Rolle, die Kerkerlegitimität. Obwohl die Gefängniskarrieren in eine Zeit zurückreichen, als die Protagonisten noch von einer Radikalität waren, die sie inzwischen über Bord geworfen haben. Es gibt keinen Reuediskurs; für das Scharia-Kettenhemd von gestern muss sich nicht entschuldigen, wer nun den zivilen Anzug des moderaten Neoislamisten trägt. Eher halten die Geläuterten, mit neuem Selbstbewusstsein, der Gesellschaft vor, wie sie sich vom Regime die Vernichtung jeder Solidarität hat aufzwingen lassen.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

IE

———————————————————————————————————-

Grafikquelle   :  Durch die Gewerkschaft UGTT organisierte Demonstration am 21. Januar 2011

Abgelegt unter Afrika, Friedenspolitik | Keine Kommentare »

Humanität-Bitte mitmachen

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Oktober 2011

Manifest:

Für ein Europa der Humanität und Solidarität
Sechs Einsprüche gegen das Grenzregime

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Lampedusa_noborder_2007-2.jpg

I.

Das Mittelmeer wird zum Massengrab der namenlosen Flüchtlinge. Die Zahl der Ertrunkenen steigt. Die EU verschließt den Schutzsuchenden aus Nordafrika den Zugang, überlässt sie in unwirtlichen Wüstenlagern entlang der tunesisch-libyschen Grenze sich selbst.

Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres sind 1.674 Flüchtlinge im Kanal von Sizilien ertrunken. Berichte über unterlassene Hilfeleistung durch Militärverbände oder kommerzielle Schiffe mehren sich. Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer verschärft sich – und Europa schaut zu. Menschen, die ihnen in Seenot helfen, werden angeklagt. Selbst eine spanische NATO-Fregatte, die im Meer vor Libyen Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken rettete, durfte keinen europäischen Hafen anlaufen und wurde gezwungen, die unerwünschten Passagiere in Tunesien von Bord zu bringen.

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex steht für den Ausbau eines tödlichen Grenzregimes, das unsere „Welt der Freiheit und Demokratie“ vor dem Begehren der globalen Armen „schützen“ will. Dieses Grenzregime ist eine der größten direkten Menschenrechtsverletzungen, die im Namen der EU begangen wird. Der tägliche Tod an den europäischen Außengrenzen ist eine Folge davon. 60 Jahre nach dem JA zur Genfer Flüchtlingskonvention ist es höchste Zeit, die Solidarität mit den Schutzsuchenden zu erbringen, zu der sie uns verpflichtet. Das Sterben an den Außengrenzen muss aufhören.

Wir wollen ein anderes Europa. Ein Europa, das wirklich für die Ideen der Humanität und Freiheit aller Menschen steht.

II.

Staatschefs, die gestern noch Partner der EU waren, werden heute als Kriegsverbrecher und Folterer angeklagt. Als „Gendarmen Europas“ und „Garanten der Stabilität“ wurden sie hofiert, bezahlt und gestützt, ungeachtet ihrer längst offensichtlichen Verbrechen gegen die eigene Beölkerung. Die neuen enstehenden Strukturen sollen diese Komplizenschaft fortsetzen: Vor der diplomatischen Anerkennung des libyschen Übergangsrates in Bengasi durch die EU-Staaten stellten italienische Unterhändler sicher, dass die Rebellen das schon unter Gaddafi bewährte Abkommen zur Abwehr von Flüchtlingen erneuern. Dieses Vorgehen hat Tradition. Schon 1999 beschloss die EU, sich eine gemeinsame Asyl- und Zuwanderungspolitik zu geben. Vereinheitlicht hat sie dabei vor allem ihre Bemühungen, sich abzuschotten.

Länder weit jenseits ihrer Grenzen werden dabei zu Erfüllungsgehilfen gemacht; Entwicklungshilfe wird an die Bereitschaft gekoppelt, Flüchtlinge und (Transit-)migrantInnen zu stoppen. Die EU nimmt mit den sogeannten Drittstaatenabkommen zur gemeinamen Flüchtlingsabwehr Einfluß auf die Ausgestaltung der dortigen Innenpolitik. Durch den Aufbau einer Überwachungslogistik und den Verkauf modernster Sicherheitstechnik werden die repressiven Systeme (Polizei, Armee, Geheimdienste) dieser Staaten und deren Vertreter gestärkt. In Libyen und Tunesien zeigt sich, wie diese Hochtechnologie zur Flüchtlingsabwehr in Krisen gegen demokratische Bewegungen eingesetzt wird. Aber auch Grundrechte, wie die Ausreise und Bewegungsfreiheit werden durch erzwungene neue gesetzliche Regelungen in den „Partnerländern“ eingeschränkt und Verstöße hart bestraft.

Beharrlich hält die EU an solchen Komplizenschaften fest. Das muss aufhören.

III.

Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge der Welt kommt nach Europa; die übergroße Mehrheit bleibt in den Ländern des Südens. Daher sind die Bilder aus Lampedusa, aus dem griechischen Grenzgebiet oder Malta ein künstlich geschaffener Notstand. Populistische Politiker und Teile der Medien überhöhen die zur „Bedrohung“ von Sicherheit und Wohlstand dramatisierte „Massenflucht“ von Flüchtlingen und MigrantInnen weiter und schüren vorhandene Rassismen. So werden Ausgrenzungen und Aufrüstung legitimiert. Doch Flucht und Migration lässt sich nicht stoppen. Nicht sie sind ein Verbrechen, sondern wirtschaftliche und politische Verhältnisse, die die Menschen zwingen, sich durch Flucht über das Meer vor Not und Gewalt zu retten, und das Fehlen von legalen Einreiseperspektiven.

Schutzsuchende dürfen nicht instrumentalisiert werden, um künstliche Bedrohungsszenarien zu schaffen. Die EU muss ihre Grenzen abrüsten und den legalen und gefahrenfreien Zugang für Flüchtlinge ermöglichen.

IV.

Die sogenannte Dublin II-Verordnung regelt die Verantwortung für die Asylverfahren unter den Mitgliedsstaaten. Dieses europäische Gesetz hat die Verantwortung für die Aufnahme von Asylsuchenden extrem ungleich verteilt – zum Nutzen der Staaten ohne EU-Außengrenze, allen voran Deutschland. Diese Ungleichbehandlung trifft zuletzt die Flüchtlinge selbst, denen das Recht genommen wird, sich als Schutzsuchende ihren Aufenthaltsort selbst zu wählen. Die Dubliner Zuständigkeitsregelungen führen zu einer doppelten Verantwortungsverlagerung. Während sich die Kernländer der EU auf bequeme Art ihrer Verantwortung für eine humane Flüchtlingspolitik entziehen, wehren die EU-Mitglieder an den Außengrenzen vermehrt Flüchtlinge brutal ab.

Die unfaire und unsoldiarische Dublin-Regelung muss aufgehoben werden. Alle EU-Staaten müssen ihren gerechten Beitrag zum Flüchtlingsschutz leisten.

V.

Flüchtlinge und MigrantInnen suchen nicht nur Schutz. Sie kämpfen um ein besseres Leben, für gleiche Rechte, für Autonomie und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Die Bewegungen der Flucht und Migration innerhalb des afrikanischen Kontinents und entlang der südlichen Grenzregionen der Europäischen Union sind der Preis einer Globalisierung, die an den Ressourcen und Märkten des afrikanischen Kontinents, nicht an seinen Menschen interessiert ist. Dabei muss gerechte Entwicklung den Menschen des Südens auf der einen Seite das Recht auf Ausreise garantieren, gleichzeitig die sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen schaffen, dass Menschen in ihren Herkunftsländern bleiben können.

Entwicklungszusammenarbeit darf nicht zum Hilfsdienst für einen ausgelagerten Grenzschutz gemacht werden. Die Politik der EU und ihrer Mitgliedsländer muss kohärent auf eine global gerechte Entwicklung und die Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen weltweit ausgerichtet werden.

VI.

Europa beansprucht, ein „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ zu sein und beruft sich dazu auf seine Geschichte, auf Humanismus, Aufklärung, auf seine Revolutionen. Europäische Regierungschefs aber schämen sich nicht, Flüchtlinge als „menschlichen Tsunami“ zu diffamieren. Mit Enthusiasmus verfolgen wir die zivilgesellschaftlichen Aufstände in Nordafrika und in den Ländern des Nahen Ostens, vor allem das Streben der Menschen nach Freiheit und Gerechtigkeit. Die EU aber weigert sich, mit den neu errungenen Freiheitsrechten auch die Freiheit der Mobilität anzuerkennen. Doch muss eine Welt, die sich der Demokratie verpflichtet, daran messen lassen, wie sie mit der Migration umgeht.

Aufhebung von restriktiven Visabestimmungen, Unterstützung von Schutzsuchenden und eine reale Perspektive für sie, innerhalb der EU eine neue Heimat zu finden, wären Ausdruck der in der Charta der Grundrechte und in vielen Verfassungen der Mitgliedsländer übernommenen humanitären und demokratischen Verpflichtungen. Statt diese Freiheiten bei Bedarf populistisch wieder in Frage zu stellen, ist es höchste Zeit, dass sie für die EU auch außerhalb ihrer Grenzen Gültigkeit haben.


ErstunterzeichnerInnen:

* Pro Asyl, Frankfurt am Main
* medico international, Frankfurt am Main
* Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), Hamburg
* Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen
* Afrique Europe Interact
* Netzwerk MiRA – Kritische Migrationsforschung
* amnesty international, Berlin
* Brot für die Welt, Stuttgart
* borderline europe – Menschenrechte ohne Grenzen e.V., Potsdam
* Komitee für Grundrechte und Demokratie, Köln

_________________________________

Link zur Unterschriftsaktion:

Online-Aktion: Keine Grenzen für Menschenrechte

IE

—————————————————————————————————————–

Grafikquelle   :

Quelle http://www.flickr.com/photos/noborder/2495544558/
Urheber Sara Prestianni / noborder network
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei)
w:de:Creative Commons
Namensnennung
Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, APO | 1 Kommentar »

Freedom Theatre aus Jenin

Erstellt von DL-Redaktion am 31. August 2011

Das Freedom Theatre aus Jenin auf Tournee
Theaterschaffende rufen zur Unterstützung auf

Juliano Mer-Khamis

Pressemitteilung, 30.08.2011

Junge Studenten der Theaterschule des Freedom Theatre aus dem palästinen-sischen Flüchtlingslager Jenin gehen im September und Oktober 2011 auf Tournee durch Deutschland. Sie führen die Performance „Sho Kman?“ (Deutsch: Was noch?) auf, in der junge Palästinenser erkunden, wie Besatzung und Gewalt sich nach innen kehren und in einem brutalen endlosen Teufelskreis aus Fallen und Unterdrückung münden.

Diesem Teufelskreis der Gewalt ist auch Juliano Mer Khamis zum Opfer gefallen. Am 4. April 2011 wurde er direkt vor dem Theater, das er gegründet und geführt hatte, ermordet. Noch sind die Mörder nicht gefasst, und Flugblätter kursieren, die gegen das Freiheitstheater hetzen. Doch seine Gefährten setzen weiter auf die Ausstrahlungskraft des Theaters. „Sho Kman“ ist ein Zeichen für ihre Entschlossenheit weiterzumachen, gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit eben jener Realität, die in dem Mord an Mer Khamis kulminierte.

Unterstützung finden sie bei namhaften Theaterschaffenden, die zusammen mit medico dazu aufrufen, das Theater zu unterstützen als „einen Ort der künstlerischen und politischen Freiheit“, das für „grenzüberschreitende Solidarität im Zeichen der Besatzung“ steht.

Das Programm

SHO KMAN? – Was noch?

[youtube htb8vX1p6l8&feature=player_embedded]

„Sho Kman“ ist eine fiktive Performance, in der Eindrücke junger Palästinenserinnen und Palästinenser von der Welt, die sie umgibt, verborgen sind. Erkundet wird, wie Besatzung und Gewalt sich nach innen kehren und dort zum Chaos führen kann. Freundschaften und Familien werden zerstört, ebenso wie Gesellschaft und Staat. Es geht um einen brutalen endlosen Teufelskreis aus Fallen und Unterdrückung. Die Zuschauer folgen Träumen und Wünschen, Befürchtungen und Ängsten, dem Verbotenen und dem Verheimlichten.

„Wie sieht die Zukunft in einem Käfig aus? Wie kannst du Gefühle ausdrücken, wenn du nicht weißt, mit wem du sie ausdrücken kannst? Was bedeutet es, an einem Ort aufzuwachsen, an dem andere deine Zukunft immer kontrollieren? Ein Ort, an dem die Schwachen keinen Platz in der Gesellschaft haben und der einzige Weg zu überleben ist, Stärke zu zeigen? Wer sind wir?“

Die Performance nimmt das Publikum mit durch die Widersprüche der Realität in Jenin und in den Lebensrhythmus, der jungen Palästinensern, die im Flüchtlingslager von Jenin, der Stadt und den Dörfern leben, die Frage aufzwingt: Wer sind wir?

Ein wichtiger Meilenstein im Kampf, sich von den vielen Ketten zu lösen, die sie umschließen. – Mit dem Ziel, sich zu befreien. Die Performance basiert auf intensiver Körpersprache und zeigt ohne viele Worte Charaktere und Situationen des täglichen Lebens und der Geschichte Palästinas. Das Stück wurde für ein internationales Publikum entworfen.

Gespielt von Studenten von The Freedom Theatre
Idee & Regie: Nabeel Al Raee & Zoe Lafferty
Choreografie: Miceale Miranda
Licht Design: Mohammed Sadi
Sound-Design: Zoe Lafferty

Im Anschluss an die Aufführung hat das Publikum die Möglichkeit mit Schauspielern und Regisseuren über das Gezeigte zu diskutieren.

Die Tourneedaten / Kartenreservierung siehe  <HIER>

Quelle : Medico

IE

———————————————————————————————-

Grafikquelle    :  Juliano Mer-Khamis (2010)

Abgelegt unter Afrika, Friedenspolitik, Kultur | 1 Kommentar »

Freiheit statt Frontex

Erstellt von DL-Redaktion am 25. August 2011

Keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit

File:Lampedusa noborder 2007-2.jpg

Bericht der Afrique-Europe-Interact Organisation

Die Dynamik des arabischen Frühlings strahlt aus in die ganze Welt. Die Aufstandsbewegungen im Maghreb machen Mut und Hoffnung, nicht nur weil despotische Regime verjagt werden, die vor kurzem noch unüberwindbar erschienen. So offen die weiteren Entwicklungen bleiben, im Dominoeffekt der tunesischen Jasminrevolution meldet sich in atemberaubender Schnelligkeit die alte Erkenntnis zurück, dass Geschichte von unten gemacht wird. Die Kämpfe richten sich gegen die tägliche Armut wie auch gegen die allgemeine Unterdrückung, es geht gleichermaßen um bessere Lebensbedingungen wie um Würde, kurz: um „Brot und Rosen“.

Die unglaublichen Tage auf dem Tahrirplatz in Kairo stehen für die Suche nach neuen Formen der Selbstorganisierung und Basisdemokratie. Der Wunsch nach gleichen Rechten, nach Autonomie und Teilhabe am wirtschaftlichen Reichtum, spiegelt sich aber auch in den Booten Richtung Europa wieder: jetzt aus Tunesien, seit Jahren aus Nord- und Westafrika. „Exit“ – sich die Bewegungsfreiheit zu nehmen und zu migrieren, um ein anderes, besseres Leben zu finden, und „Voice“ – die Stimme zu erheben und den Kampf vor Ort zu führen, sind keine Gegensätze, sie stehen vielmehr in einem lebendigen Wechselverhältnis.

Das hatten – noch offenkundiger – bereits die Umbrüche 1989 gezeigt. Die Abstimmung mit den Füßen katalysierte damals die Protestbewegungen gegen das realsozialistische Unterdrückungsregime. Die Mauer ist auch deshalb gefallen, weil die Menschen ihre Bewegungsfreiheit durchgesetzt haben. Um so verlogener erscheint heute die Freiheitsrhetorik westlicher PolitikerInnen, die angesichts der Migrationsbewegungen aus und über Nordafrika einmal mehr das Bedrohungsszenario der Überflutung bemühen, gegen die nun die europäische Grenzschutzagentur Frontex in Stellung gebracht wird.

Die EU-Regierungen haben die nordafrikanischen Machthaber hofiert und gestützt und sich in den letzten Wochen zögerlich bis bremsend gegenüber den Aufstandsbewegungen verhalten. Dahinter stecken starke ökonomische Interessen, aber auch die gewachsene Kollaboration in der Migrationskontrolle. Despoten wurden umso wichtigere „Partner“, je effektiver sie als Wachhunde für ein vorverlagertes EU-Grenzregime fungierten. Migrationsbewegungen aus Afrika sollten um jeden Preis eingedämmt werden.

Tausendfacher Tod und Leid nicht mehr nur auf See, sondern auch in den Wüsten und Internierungslagern waren und sind die Folgen dieser schändlichen Komplizenschaft. Die subsaharischen MigrantInnen, die aktuell in Libyen Opfer pogromartiger Hetzjagden werden, sahen sich unter dem Gaddafi-Regime seit Jahren einer systematischen Entrechtung, Willkür und Misshandlungen ausgeliefert. Die EU hat dem libyschen Diktator Millionen gezahlt und Überwachungstechnik geliefert, eine ähnliche Kooperation gibt es mit dem marokkanischen Machthaber, und bis vor kurzem auch mit dem tunesischen Regime. Die arabischen Revolutionen markieren jetzt das mögliche Scheitern dieses brutalen Ausgrenzungsprojekts der EU im Mittelmeerraum.

Mit den gezielt medial gestreuten Befürchtungen über einen Kollaps der Migrationskontrolle wird nun die weitere Verschärfung und Militarisierung des EU-Grenzregimes legitimiert, verkörpert durch Frontex. Die europäische Grenzschutzagentur ergänzt und erweitert die nationalen Kontrollsysteme, die seit Jahrzehnten auf Abschreckung und Kriminalisierung der Migrationsbewegungen zielen. Frontex soll – wie bereits vor der westafrikanischen Küste oder an der griechisch-türkischen Grenze – nun auch verstärkt vor Nordafrika zum Einsatz gebracht werden.

Italien erhält die Federführung für diese „Operation Hermes“. Das ist konsequent und schockierend ehrlich: In Folge des Schulterschlusses zwischen Berlusconi und Gaddafi kam es in den letzten Jahren zu unzähligen unrechtmäßigen Rückschiebungen im Mittelmeer, der italienische Staat hat sich geradezu als Meister im Bruch aller Flüchtlingsskonventionen inszeniert. Und nicht zufällig wird kriminalisiert, wer das Leben der Boatpeople rettet. Das zeigen die Fälle der Cap Anamur oder der tunesischen Fischer, deren Prozesse in Italien noch immer andauern.

MigrantInnen suchen Schutz oder ein besseres Leben in Europa. Sie wandern gegen ein Reichtumsgefälle, das ganz wesentlich in den neokolonialen Dominanz- und Ausbeutungsverhältnissen zwischen Europa und Afrika begründet liegt. In Europa muss sich der universelle Anspruch auf Freiheit und Demokratie deshalb am Umgang mit denjenigen messen lassen, die auf dem Weg der Migration gleiche Rechte einfordern. Frontex steht für den Ausbau eines tödlichen Grenzregimes, für das in einer freien Welt kein Platz ist. Der Tod an den Außengrenzen könnte schon morgen Geschichte sein. Aber das ist politisch nicht gewollt. Stattdessen führen die EU-Verantwortlichen einen regelrechten Krieg an den Außengrenzen.

Innerhalb der EU gehören Entrechtung und Abschiebung zum rassistischen Alltag, in dem „Integration“ als Druckmittel der Anpassung und Ausbeutung in den Niedriglohnsektoren benutzt wird. Doch dieser selektive Umgang mit Migration ist mit Widerständigkeiten und Beharrlichkeiten konfrontiert, die das System der Ungleichheiten und Unfreiheiten immer wieder herausfordern. Nicht zufällig findet in dieser bewegten Zeit ein dramatischer Hungerstreik von 300 maghrebinischen MigrantInnen für ihre Legalisierung in Griechenland statt. Und verstärkt flackern Bleiberechtskämpfe und migrantische Streiks quer durch Europa auf, seit Sans Papiers – insbesondere aus Afrika – vor 15 Jahren in Paris mit der Forderung „Papiere für Alle“ in die Öffentlichkeit traten.

Der Aufbruch in Nordafrika zeigt, was alles möglich ist. Es geht um nicht weniger als um ein neues Europa, ein neues Afrika, eine neue arabische Welt. Es geht um neue Räume der Freiheit und Gleichheit, die es in transnationalen Kämpfen zu entwickeln gilt: in Tunis, Kairo oder Bengazi genauso wie in Europa und den Bewegungen der Migration, die die beiden Kontinente durchziehen.

Quelle: Afrique-Europe-Interact

Welcome to Europe

Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung

[youtube 1TQnmfWK9ug&playnext=1&list=PL049B2B6261BBF648]

IE

——————————————————————————————————

Grafikquelle   :

Source http://www.flickr.com/photos/noborder/2495544558/
Author Sara Prestianni / noborder network
Permission
(Reusing this file)
w:en:Creative Commons
attribution
This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Flucht und Zuwanderung, Regierungs - Werte | Keine Kommentare »

Zu Unruhen und Aufstände

Erstellt von DL-Redaktion am 25. August 2011

Der arabische Frühling

Die Aufstände in Arabien und Nord-Afrika sowie die Sozialproteste und Unruhen in Europa beleuchtet der Journalist Oliver Nachtwey im folgenden Artikel. Das alle diese Aufstände für die allgemeine Politik so überraschend kamen sollte an und für sich Hinweis genug sein, um zu erklären wie weit sich diese „Volksvertreter“ unterdessen von ihrer Bevölkerung, zumindest innerhalb der Demokratien in West-Europas, entfernt haben.

Die über ganz West-Europa zu hörende Unzufriedenheit weist vorrangig auf ein Versagen der Parteien hin, da es ihnen immer weniger gelingt die Unzufriedenen über eine längere Zeitdauer an sich zu binden. Dafür sind die Programme entweder zu gleich geworden, oder sie werden als zu theoretisch und damit als ideologische Utopien gewertet. Politik gleicht einem Kreisverkehr ohne Ausfahrt. In den Bericht lesen wir unter anderen, Zitat:

„Paradoxerweise geht die neue demokratische Politik an den etablierten linken Akteuren und Parteien zumeist vorbei. Diese werden von den Protestierenden weitgehend als Teil des Establishments und damit als Teil des Problems wahrgenommen.“

Siehe Bertelsmann und Bierbaum, Ernst und Porsche, Lafontaine in seiner Villa Hügel, usw., usw.. Ein Skandal folgt auf den anderen.

Weiter heißt es, erneut Zitat:

„Die westlichen Demokratien sind sich der Krise ihres eigenen Modells allerdings noch gar nicht wirklich bewusst. Die Gesellschaften des Westens und ihre Parteien waren in den vergangenen 60 Jahren auch deshalb so stabil, weil sie sozialen Aufstieg und soziale Integration ermöglichten. Diese Entwicklungsrichtung hat sich heute umgekehrt. Aus den Gesellschaften des Aufstiegs sind Gesellschaften des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. In fast allen OECD-Ländern ist in den letzten zwei Dekaden die Ungleichheit erheblich gestiegen.Die westliche, liberal-soziale Moderne erodiert somit genau an jener Stelle, an der sie in den letzten 50 Jahren so erfolgreich funktionierte: der freien Selbstbestimmung des Individuums. Erst der Sozialstaat der Nachkriegsjahre als „politischer Inhalt der Massendemokratie“ hatte den Staatsbürgern die positive Freiheit verliehen, individuelles Handeln unter Bedingungen der sozialen Absicherung zu entfalten.“

Wobei besonders vergessen wird, das mit einen Verlust, oder auch nur einer Einschränkung, der sozialen Sicherheiten gleichzeitig ein entscheidender Teil an Freiheit verloren geht. Denn es bringt nicht viel wenn zum Beispiel ehemalige Bürger der DDR zwar heute frei Reisen können, dafür aber  zum Teil das nötige Geld fehlt. Das sie dafür einst auf den Straßen nach Freiheit gerufen haben ist schwer vorstellbar. Wir warten also mit gespannter Neugier darauf,  in welchen Land als nächstes die Proteste aufflammen.

Hier nun der Bericht:

Die liberal-regressive Moderne

Niemand im Westen hat die arabischen Revolutionen kommen sehen, geschweige denn mit ihnen gerechnet – genauso wenig wie die Revolutionen in Osteuropa 1989/1990. Anthony Giddens, der wichtigste sozialdemokratische Theoretiker der letzten 30 Jahre, befand noch vor kurzem, dass Gaddafis Regime für ein Einparteiensystem „nicht besonders repressiv“ und der Diktator äußerst populär sei. Zufälligerweise studierte Gaddafis Sohn damals an der London School of Economics, deren Präsident Giddens bis 2003 war und die im Anschluss an das Studium eine beträchtliche Spende erhielt.

Die eigentliche Ursache dieser Blindheit liegt jedoch tiefer: In Politik und Politikwissenschaft ist man sich seit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukujama) weitgehend einig, dass Revolten und Revolutionen der Vergangenheit angehören. Wenn dann doch eine Revolution stattfindet, erscheint sie jedes Mal als „schwarzer Schwan“, die unvorhergesehene Ausnahme von der Regel.

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

IE

———————————————————————————————

Grafikquelle   :   Demonstranten am 15. Mai 2011 in Casablanca.

Abgelegt unter Afrika, Positionen, Sozialpolitik | Keine Kommentare »

Die Zeit der Revolten

Erstellt von DL-Redaktion am 19. August 2011

Ein paar Tage sichtbar sein

Gibt es Unterschiede zwischen den Aufständen in Nord Afrika und den arabischen Staaten oder den Unruhen in England und Berlin? Kehren wir in in die Zeiten der 68 ger zurück? A

Autor Georg Seesslen

Ein guter Aufstand hat ein Ziel und Ideale. Ein schlechter Aufstand hat Opfer und ist sinnlos. Der schlechte Aufstand ändert die Verhältnisse nicht, er zeigt wie sie sind.

Mit Verwunderung wurde bemerkt, dass der Aufruf „Empört euch!“ bei den Bürgern in der ökonomischen und sozialen Mitte viel mehr Gehör fand als bei den viel direkteren Verlierern von Neoliberalismus und Sozialabbau. Und nun „explodiert“ auch in Europa einmal das Ghetto.

Doch statt eines Aufstandes sehen wir in Großbritannien ein sonderbares Durcheinander von Hooliganismus, Terror, Kriminalität, eine hedonistische Masse wendet sich blitzrasch vom ersten Anlass der Empörung, dem Übergriff der Polizei, ab und einer Destruktions- und Plünderorgie zu. Diese „Revolte“, so scheint es, will nichts ändern, provoziert mit dumpfer Gewalt eine nicht weniger dumpfe Gegengewalt. Sie ist ein Schock, und sie ist, was zu erwarten war.

Ein guter Aufstand hat ein Ziel und einen Diskurs. Ein schlechter Aufstand bricht aus oder entzündet sich. Ein guter Aufstand benennt den Gegner und sucht nach Allianzen. Ein schlechter Aufstand kommt übers „Wir zeigen es denen“ nicht hinaus. Ein guter Aufstand formt in seinem Protagonisten Selbstbewusstsein, ein schlechter Aufstand erzeugt Rausch und Katzenjammer. Ein guter Aufstand hat Adressaten, ein schlechter Aufstand hat Opfer. In einem guten Aufstand geht es um Ideen und um Ideale, in einem schlechten Aufstand geht es um Randale, Flachbildfernseher und Schnaps. So einfach ist das?

Da ist der heroische, solidarische und kluge Aufstand der mittelständischen Jugend in der Arabischen Welt und in Israel. Und da ist der feige, materialistische und dumpfe Aufstand der Verwahrlosten. Da ist der gerechte Kampf einer Jugend, der man die Zukunft verweigern will, und da ist die sinnlose Brutalität von Kids, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben als den schnellen Kick. Gewiss, so viel werden noch die empörtesten Kommentatoren zugeben müssen: Die tieferen Ursachen für die „guten“ wie für die „schlimmen“ Aufstände (und wenn die Grenzen einmal nicht mehr so eindeutig sind, wissen wir, wer die Definitionsmacht hat, sie zu ziehen) sind miteinander verwoben.

Wie die alten Diktaturen, so übertreibt es auch der neue Kapitalismus bei der Erzeugung von „überflüssigen Menschen“, Menschen, die keine Zukunft aber sehr viel Energie haben. Und so, wie der bürgerliche Aufstand vor allem seine Bürgerlichkeit ausdrückt, drückt der Unterschicht-Riot seine Deplatziertheit aus. Dass man den eigenen Lebensort zerstört, ist nur konsequent, denn so wenig man Zukunft hat, so wenig hat man hier „Heimat“.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

IE

———————————————————————————————-

Grafikquelle    :   Demonstranten, die am 29. Januar 2011 auf einem Armee-Lastwagen in der Innenstadt von Kairo stehen

Abgelegt unter Afrika, Kommentar | Keine Kommentare »

S O M A L I A

Erstellt von UP. am 5. August 2011

Hungersnot in Somalia

Datei:Somali children waiting.JPEG

Liebe Freunde,

Mehr als 2000 Menschen sterben jeden Tag in Somalia, infolge einer Hungersnot die das Leben von 11 Millionen Menschen bedroht. Der Konflikt zwischen Al-Shabaab und der Welt verhindert den Zugang zu Hilfe, die den Hunger schlichten könnte. Einige Schlüsselstaaten könnten eine Einigung erzielen, um dem Leiden ein Ende zu setzen. Unterschreiben Sie die dringende Petition für einen humanitären Waffenstillstand und leiten Sie diese E-Mail weiter:

Im Moment sterben täglich 2000 Menschen in Somalia in einer Hungersnot die das Leben von 11 Millionen Menschen bedroht. Eine anhaltende Dürre zwang die ganze Region in die Knie, doch durch den totalen Zusammenbruch der staatlichen Strukturen und der internationalen Diplomatie wird die Hungerkrise zusätzlich verschärft. Aber wir können dem ein Ende setzen.

Am härtesten betroffen sind die Gebiete, in denen die Al-Shabaab-Milizen regieren – ein mit Terrorgruppen verknüpftes Regime. Die Isolation und der Konflikt zwischen Al-Shabaab, den lokalen Anführern und der internationalen Gemeinschaft behindert Hilfslieferungen und Handel, mit denen die Hungerkrise beenden werden könnte. Doch einige Schlüsselstaaten, einschließlich der Vereinigten Arabischen Emirate, treiben noch Handel mit Al-Shabaab — sie haben die Möglichkeit eine Einigung mit dem Regime zu treffen und und die Pattsituation, die das Leben von Millionen bedroht, zu durchbrechen.

Wir dürfen nicht zulassen, dass der Krieg gegen den Terror so viele unschuldige Menschenleben kostet. Es ist an der Zeit, dass sich die internationale Gemeinschaft und Al-Shabaab einigen, damit die notleidenden Menschen in Somalia mit Nahrung versorgt werden können. Der UNO-Sicherheitsrat trifft sich in wenigen Tagen – Appelieren wir für ein dringendes Handeln, damit die arabischen Handelspartner Gespräche mit Al-Shabaab aufnehmen, um die Hungersnot zu beenden und eine langfristige politische Lösung anzustreben:

http://www.avaaz.org/de/somalia_stop_the_famine_unsc/?vl

Somalias bisher stabilste Regierung wurde im Jahr 2006 im Zuge einer von den USA angeführten Invasion zerschlagen, weil man sich eine Islamisierung fürchtete. Aber diese Strategie schlug fehl und und radikale Gruppen wie die Al-Shabaab regieren nun weite Teile von Somalia mit eiserner Faust. Die internationale Gemeinschaft stützt eine korrupte Regierung, deren Kontrolle sich auf Teile der Hauptstadt begrenzt. Im Zuge des „Kriegs gegen den Terror“ wurde der Druck durch Isolation und Invasion erhöht, doch diese Politik hat niemandem geholfen und jetzt sterben Tausende von Somaliern jeden Tag. Es ist Zeit den Kurs zu ändern.

Die USA haben bereits angefangen die Anti-Terror-Gesetze zu lockern, welche Hilfslieferungen an die somalische Bevölkerung in den von Al-Shabaab besetzten Gebieten einschränken. Inzwischen gibt es offenbar zunehmend Risse bei den Aufständischen und vereinzelte Anführer sind bereit Hilfe einzulassen. Aber dies reicht nicht um die vom Hunger am schlimmsten betroffenen Menschen zu erreichen. Nur verstärkte internationale Diplomatie kann alle Parteien zur Verantwortung ziehen, um zu gewährleisten, dass die Unterstützung sicher bei den Hunderttausenden von verzweifelten Familien ankommt.

Eine von Al-Shabaabs grössten Einnahmequellen stammt aus der Abholzung von Akazien für Holzkohle, die illegal vor allem in die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Golfstaaten exportiert werden. Diese Länder können nun ihre wirtschaftlichen Verbindungen zu Al-Shabaab nutzen und eine entscheidende Vermittlerrolle einnehmen, damit der humanitäre Zugang zu den vom Hunger heimgesuchten Gebieten garantiert werden kann.

Wir brauchen dringend einen Kurswechsel für Somalia — Lassen Sie uns an den Sicherheitsrat appelieren, damit die Golfstaaten die Vermittlungsbemühungen anführen und sicherstellen, dass die Menschen in den Gebieten unter der Kontrolle der Al-Shabaab-Milizen mit lebensrettenden Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden können. Unterschreiben Sie jetzt und senden Sie diese E-Mail an alle, die Sie kennen:

http://www.avaaz.org/de/somalia_stop_the_famine_unsc/?vl

Gemeinsam haben Avaaz-Mitglieder dafür gesorgt, dass nach Naturkatastrophen dringende Nothilfe die Menschen in Burma, Haiti und Pakistan erreicht und tausende von Menschenleben rettet. Jetzt wo Menschen auf der ganzen Welt entsetzt die Bilder von unterernährten Kindern sehen, können wir die maßgeblichen Länder auffordern, die Führungsstärke zu zeigen die die somalische Bevölkerung so dringend benötigt. — Lassen Sie uns nun gemeinsam mithelfen die Tragödie in Somalia zu beenden.

Mit Hoffnung und Entschlossenheit,

Luis, Stephanie, Maria Paz, Emma, Ricken, Giulia, Iain and the whole Avaaz team

Weitere Informationen:

Islamisten verweigern Hungerhilfe (Deutsche Welle)
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15259137,00.html

Terrormiliz will Hungersnot allein besiegen (Spiegel) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776901,00.html

Der gescheiterte Staat (Tagesschau)
http://www.tagesschau.de/ausland/somaliahintergrund100.html

Hungersnot am Horn von Afrika (Spiegel)
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-70911.html

Feuerwehreinsatz für zwölf Millionen Menschen (Stern)
http://www.stern.de/panorama/hungerkatastrophe-in-ostafrika-feuerwehreinsatz-fuer-zwoelf-millionen-menschen-1710679.html

„Die Kinder können vor Schwäche nicht mal weinen“ (Spiegel)
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777336,00.html

Die Dürre zeigt Somalias Probleme (Tagesschau)
http://www.tagesschau.de/ausland/somalia322.html

Die Antwort der USA auf die Hungersnot – Auflockerung der Antiterrorgesetze (offizielle Quelle auf Englisch)
http://www.state.gov/secretary/rm/2011/07/168792.htm

Unterstützen Sie das Avaaz Netzwerk!
Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und akzeptieren kein Geld von Regierungen oder Konzernen. Unser engagiertes Online-Team sorgt dafür, dass selbst die kleinsten Beträge effizient eingesetzt werden: Spendensiejetzt


Avaaz.org ist ein weltweites Kampagnennetzwerk mit 9 Millionen Mitgliedern, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Einfluss der Ansichten und Wertvorstellungen aller Menschen auf wichtige globale Entscheidungen durchzusetzen. („Avaaz“ bedeutet „Stimme“ oder „Lied“ in vielen Sprachen). Avaaz Mitglieder gibt es in jeder Nation dieser Erde; unser Team verteilt sich über 13 Länder und 4 Kontinente und arbeitet in 14 verschiedenen Sprachen. Erfahren Sie hier, etwas über einige der größten Aktionen von Avaaz oder folgen Sie uns auf Facebook oder Twitter.

—————————————————————————-

Grafikquelle   :

Quelle http://www.dodmedia.osd.mil/ (http://www.dodmedia.osd.mil/DVIC_View/Still_Details.cfm?SDAN=DFST9301047&JPGPath=/Assets/1993/Air_Force/DF-ST-93-01047.JPG)
Urheber SSGT CHARLES REGER
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei)
Public domain Diese Datei ist ein Werk eines Mitarbeiters der Streitkräfte der Vereinigten Staaten oder des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten, aufgenommen oder hergestellt während seiner offiziellen Anstellung. Als amtliches Werk der Bundesregierung der Vereinigten Staaten ist dieses Bild gemeinfrei. [1]

 

Abgelegt unter Afrika, Traurige Wahrheiten | Keine Kommentare »

Eine Chronik des Sterbens

Erstellt von DL-Redaktion am 1. August 2011

Chronik eines angekündigten Sterbens
Zur Hungerkrise am Horn von Afrika

Manche deutsche Zeitungen haben entschieden, trotz aller anderen politischen Katastrophen jeden Tag ein Bild von der Hungerkrise am Horn von Afrika zu veröffentlichen. „Schaut hin, schaut endlich hin“ – das sollen uns die verzweifelten Bilder sagen. Wir Zuschauer betrachten die Bilder mit dem Wissen, dass das Wegschauen, das Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen der ostafrikanischen Katastrophe der Grund ist, warum Menschen zu Abertausenden sterben. Soviel Wissen ist da, dass nicht einmal die Meldung von der Ankunft der Hilfsflugzeuge beruhigen kann. Für die Überlebenden des Hungers, insbesondere für die Kinder, werden Hirnschäden bleiben, die irreparabel sind.

Ein Kind das verhungert, wird ermordet

Am unerträglichsten an der gegenwärtigen Hungerkatastrophe ist, dass sie sich seit 5 Jahren angekündigt hat, und trotzdem erst reagiert wird, wenn die Nachricht über das vielfache Sterben nicht mehr überhörbar ist. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler steht nicht allein mit seiner Haltung, dass ein Kind, das heute verhungert, eigentlich ermordet wird. Auf einer Konferenz zur globalen Gesundheit, die medico vor anderthalb Jahren organisierte, erklärte der angesehene Yale-Professor für Philosophie Thomas Pogge, die weltweite Armut und ihre Folgen – und dazu zählt der Hunger in Ostafrika – sei die größte Menschenrechrechtsverletzung der Menschheitsgeschichte: „Unter den gegebenen Weltwirtschaftsregeln sind für die meisten Menschen die Menschenrechte vorhersehbar nicht erfüllt.“

Die Hungerkatastrophe ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe sondergleichen, sondern auch eine Menschenrechtsverletzung, deren Verursacher vor Gericht gehören: Vom Warlord bis zum Agrarspekulanten. Denn es ist genug zur Versorgung aller vorhanden. Die Weltlandwirtschaft könnte zwölf Milliarden Menschen normal ernähren. Es ist eine Frage der Verteilung. Und das macht die Hungerkrise in Ostafrika zu einem unerträglichen Skandal. Warum gibt es in jedem Land der Welt Notvorräte, aber in Äthiopien, Somalia und Kenia nicht? Jean Ziegler antwortet darauf präzise: „Weizen und Reis kosten doppelt so viel wie vor einem Jahr, weil die Hedgefonds und Großbanken nach der Finanzkrise auf die Agrarrohstoffbörsen umgestiegen sind. Die machen damit legal astronomische Profite, aber die Äthiopier können sich, obwohl sie wissen, dass der Abstieg in die Agonie begonnen hat, keine Notvorräte leisten.“

Natürlich gibt es auch Regierungsversagen und interne Gründe für die Katastrophe in Ostafrika. Aber die Schreckensherrschaft der Warlords in Somalia ist für die durch Klimawandel ausgelösten Verwüstungsprozesse nicht verantwortlich. Und ihre ungebrochene Macht ist auch ein Ergebnis ausländischer Interventionen. Diese waren und sind geprägt von Anmaßung und Inkompetenz. Bei allen Interventionen geht es zu erst um die Wahrung eigener Interessen. Allein die militärische Bekämpfung der somalischen Piraten macht dieses paradoxe Geschehen deutlich. Mit ungeheurem Mitteleinsatz werden die Handelswege für die Globalisierung militärisch gesichert? Doch nichts wird getan, um den einstigen Fischern die Rückkehr zu ihren eigentlichen Überlebensformen zu ermöglichen. Somalia wurde spätestens seit den Attentaten vom 11. September nur noch unter dem Stichwort „Terrorbekämpfung“ betrachtet und ansonsten sich selbst überlassen. In der Folge hat sich die Schreckensherrschaft der Warlords mit jeder ausländischen Intervention, sei es durch Äthiopien oder durch private Sicherheitsfirmen, noch stärker ausgebreitet. In den aufwühlenden Reportagen der Journalistin Bettina Rühl, die sich immer wieder in Somalia aufhält, vergleichen die Menschen in Mogadischu ihr Überleben und Sterben jenseits der Weltwahrnehmung mit einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es ist kein gewagter Vergleich. Denn das unerschütterliche Desinteresse an den lange vor der Hungerkatastrophe schon unerträglichen Lebensbedingungen der Menschen in Somalia durch die internationale Politik korrespondiert mit der Weigerung, die eigene Verantwortung für diese Tragödie zur Kenntnis zu nehmen. Erst die Bilder der Hungernden haben diese Ignoranz stoppen können. Für Abertausende zu spät. Dass das somalische Leiden nicht nur die Kehrseite der neoliberalen Globalisierung ist, sondern auch eine ihrer Voraussetzungen, müssen wir zur Kenntnis nehmen und begreifen. Die Folgen der weltweiten Umverteilung des Reichtums von unten nach oben zeigen sich in den Hungerbildern aus Ostafrika. Ein menschengemachtes Verbrechen.

Aufstand des Gewissens

Wenn es nun darum gehen muss, so viele Menschen wie möglich zu retten, sind zugleich die Fragen nach den Ursachen der Katastrophe zu reflektieren und zu berücksichtigen. Zur Solidarität mit den Betroffenen, die sich in großer Spendenbereitschaft äußert, gehört auch die Erkenntnis, dass es eines „Aufstands des Gewissens“ (Ziegler) bedarf, eine solche Hungersnot nie wieder zuzulassen.

Daraus ergeben sich unter anderem folgende Fragen: Wie können Spekulationen auf Nahrungsmittelpreise (zum Teil mit künstlicher Verknappung erst ermöglicht) künftig gestoppt werden? Wie können die vorhandenen an die klimatischen Veränderungen angepassten Konzepte zur Förderung der Subsistenz in Agrar- und Viehwirtschaft in der Region nachhaltig gefördert werden? Welche globalen Maßnahmen, zum Beispiel Schuldenerlass für die ärmsten Länder, können die lokalen Regierungen in den Stand versetzen, ihre Handlungsmöglichkeiten zur Prävention von Hungerkrisen zu sichern? Wie können politische Konfliktlösungen für Somalia und das Horn von Afrika aussehen, die die Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort zum Ausgangspunkt nehmen? Und nicht zuletzt: wie kann eine wachsame internationale Öffentlichkeit dafür Sorge tragen, dass die vollmundig zugesagten Mittel zur Bewältigung der Hungerkrise auch tatsächlich gezahlt und weitere Mittel zur Prävention zur Verfügung gestellt werden?

Katja Maurer

Quelle: Medico International >>>>> Spenden

Pressemitteilung: Eine angekündigte Katastrophe

[youtube 088fQ_N8KRA]

IE

————————————————————————————-

Grafikquelle   :    Unterernährte vom Hunger geschwächte Kinder

Abgelegt unter Afrika, APO, Traurige Wahrheiten | Keine Kommentare »

Merkels große Afrikareise

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Juli 2011

Die Kolonisierung von Afrika kann beginnen

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Oxfam_Horn_of_Africa_famine_refugee.jpg

Der Onkel ging, die Mutti kam mit gleichen Gruss: Liebe Negerinnen und Neger !

Nach dem Panzerdeal mit Saudi Arabien machte sich eine Wirtschaftsdelegation unter Ihrer Chefaufseherin Merkel auf den Weg nach Afrika um auch dort die Klinken für den Verkauf deutschen Kriegsmaterials zu putzen. Motto dieser Urlaubsreise: Die Reisekosten zu Lasten des Steuerzahlers damit die Gewinne den Unternehmen Gut geschrieben werden können.

Als einer der größten Exporteure von Waffen in aller Welt kann sich das vorläufiges Ergebnis dieser Sommerreise sehen lassen, brachte es doch eine Lieferung von Kriegsschiffe in Höhe von runden 80 Millionen Euro nach Angola in Aussicht.

Die Ausreden der politisch verantwortlichen Waffenlobby werden dabei immer bunter und einfallsreicher, wobei die Argumentationen von der Bevölkerung mehr und mehr als zynisch und verlogen angesehen werden. Laut Umfragen verurteilen 94 % aller Bürger solcherart Geschäfte und die Erfahrung zeigt dass in den meisten Regionen der Welt wohin die  Waffen geliefert wurden auch Eskalationen in Form von Kriegen stattfinden.

Hatten wir in diesem Lande gedacht die Zeit der „Flintenweiber“ mit Ende des zweiten Weltkrieges hinter uns gelassen zu haben, stellen wir heute begeistert fest dass es Frauen gibt, welche sich auch im internationalen Waffengeschäft betätigen.

Die Deutsche Reisegesellschaft suchte sich ja auch nicht von ungefähr Angola als ein Ziel ihrer Reise aus. Ist Angola doch eines der wenigen reichen Länder auf diesen vergessenen Kontinent. Gerade die Westküste Afrikas von Angola bis hinauf nach Nigeria steht schon seit Jahren aufgrund seines hohen Ölvorkommens im Blickpunkt der USA und China, sowie einiger westlicher Industrieländer.

Länder welche sich nicht genieren arabische Brennpunkte mit ihren Waffen zu beglücken brauchen auch keine Skrupel vorgeben dergleichen in Afrika tätig zu werden. Wichtig ist allein das bei uns im Land der Frieden gewahrt bleibt, Afrikaner und Araber haben hier keine Wahlstimme.

Das nun von der Opposition ein solch lautes Geschrei veranstaltet wird, ist in der Politik, wo es gerade vor den Augen der Öffentlichkeit entweder nur Freunde oder Feinde gibt, politischer Alltag. Die heutigen Geschäfte mit Angola wurden bereits Anfang 2009, noch zu Zeiten der großen Koalition eingeleitet. Zu der Zeit saß Frank Walter Steinmeier noch mit Merkel an einem Tisch. Schon früher unter der rot-grünen Koalition wurden Waffen nach Angola geliefert. Rüstungsexporte im großen Stil, auch in Krisengebiete gehören zu den Normalitäten in dieser Republik, egal wer gerade in der Regierungsverantwortung steht.

Zusätzlich ist die SPD noch eine Schwesterpartei der einst marxistischen angolanischen Regierungspartei MPLA (Angolanische Volksbefreiungsbewegung) in der Sozialistischen Internationale. Die SPD hat es nicht gerne wenn das eigene Land von dieser guten Beziehung erfährt. So findet man in Angola heute den ehemaligen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke (SPD) wieder, welcher dort als Präsident der angolanischen Bank Banco Quantum tätig ist. Einer der Besitzer dieser Bank ist ein Sohn des angolanischen Präsidenten.

Ja, die lupenreinen Sozialisten haben ihre Regierungszeit gut ausgenutzt die Bürger mit Hartz 4 und sich selber mit gut dotierten Posten in aller Welt zu versorgen.

Schon heute gilt die Armee Angolas als eine der stärksten in Afrika. So hat diese Armee großen Anteil an die Installationen der Regierungen in der Demokratischen Republik Kongo und Kongo Brazzaville. Angola griff im Kongo mehrmals militärisch ein.

In Somalia verhungern zur Zeit aufgrund einer großen Dürrekatastrophe tausende von Menschen. Diese flüchten in ihrer Verzweiflung nach Kenia, dem ersten Land der Merkelschen Afrikareise. Der dortigen Regierung versprach man eine Millionen Euro zur Linderung der Not. Im Mittelmeer lässt man die Flüchtlinge absaufen. So sieht heute Europäische und Deutsche Politik aus. Früher galt der karitative Slogan „Brot für die Welt“. Er wurde von der westlichen Wertegemeinschaft mit Füßen getreten und sollte nun „Waffen für die Welt“ heißen.

Sarkastisch gesehen hat die Aktion ja auch etwas für sich. Denn das was sich gegenseitig abschießt braucht anschließend nicht mehr mit Brot versorgt werden. So warten wir mit Spannung auf die nächste große Reise der ehemaligen Volksgenossin, lauschen derweil dem alten schmachtenden Song „Es geht eine Träne auf Reisen“ aus dem Jahre 1968 welcher mit einigen Impressionen des gleichen Jahres unterlegt ist und fragen uns, besonders  wenn wir das Foto des Kindes aus Biafra sehen: Was hat sich an dieser Welt eigentlich verändert?

Volksgenossin, wenn Du eines Tages feststellst aus soviel Macht so wenig gemacht zu haben wirst Du Dich schämen und fragen müssen: „War ich das mir geschenkte Leben wert?“

[youtube JGloPNP2wDY]

IE

——————————————————————————-

Grafikquelle     :

Checked copyright icon.svg This image was originally posted to Flickr by Oxfam East Africa at http://flickr.com/photos/46434833@N05/5935741517. It was reviewed on by the FlickreviewR robot and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-2.0.
w:en:Creative Commons
attribution
This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Kriegspolitik | Keine Kommentare »

NORD – Sudan

Erstellt von UP. am 11. Juli 2011

Und dieser Schlächter, Sudans Präsident al-Bashir

Omar al-Bashir, 12th AU Summit, 090131-N-0506A-347.jpg

wurde vor ein paar Tagen als Staatsgast mit militärischen Ehren und grossem Pomp in Peking empfangen.
Rohstoffe und Erdöl sind für China wichtiger als Menschenleben – Tausende von Toten berühren diesen Staat nicht einmal peripher.

Red.DL/UP.

Liebe Freunde,

Sudans Präsident al-Bashir, der wegen jahrelangen Völker- und Massenmords angeklagt ist, hat schon wieder in brutalster Weise sein eigenes Volk angegriffen, indem er Dörfer bombardiert und seine Miliz von Tür zu Tür gehen lässt, um Familien zu ermorden. Genug ist genug – lassen Sie uns unsere politischen Führungskräfte auffordern, Bashir zu verhaften, seinem Regime strenge Sanktionen aufzuerlegen und die seit Langem leidende Bevölkerung des Sudans zu beschützen.

 

Sudans Präsident al-Bashir ist einer der gefährlichsten Massenmörder der Welt. Vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Völkermords angeklagt, hat er in den letzten 20 Jahren wiederholt ganze Gemeinden hinrichten lassen, die sein Regime infrage gestellt haben. Und es wird wieder passieren — wenn wir ihn nicht endgültig stoppen.

In diesem Augenblick bombardiert er Frauen und Kinder in den Nuba-Bergen, während seine Milizen von Tür zu Tür gehen und ganzen Familien die Kehle aufschlitzen. Jahrzehntelang haben die politischen Führungskräfte der Welt schändlicherweise al-Bashirs unfassbare Brutalität zugelassen, um ihren Zugriff auf die großen Ölreserven seines Regimes nicht zu verlieren. Doch diese Woche ändern sich die Dinge — der Sudan teilt sich, Inflation und Lebensmittelpreise werden in die Höhe getrieben und Bashirs Machteinfluss ist so schwach wie noch nie.

Lassen Sie uns eine energische Botschaft an unsere Führungskräfte schicken, mit der wir ihnen deutlich machen, dass die Grenze erreicht ist und sie dazu auffordern, ihre schockierende Tatenlosigkeit umgehend zu beenden: indem sie diesen Unmenschen verhaften, seinem Regime starke Sanktionen auferlegen und sich der Aufgabe verschreiben, die Menschen im Sudan vor dem Völkermord zu beschützen. Klicken Sie auf den untenstehenden Link um zu unterzeichnen und benachrichtigen Sie alle, die Sie kennen — wir werden die Petition Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates vorlegen, sobald wir 300.000 Unterschriften gesammelt haben.

http://www.avaaz.org/de/sudan_enough_is_enough/?vl

Die Nuba-Berge stehen unter Belagerung. Al-Bashir tötete dort in den 90er Jahren eine ganze Generation von Männern, Frauen und Kindern und nun ist er zurückgekehrt, um die Überlebenden zu terrorisieren. Doch der seit Langem leidende Südsudan hat endlich seine Unabhängigkeit erlangt und damit große Mengen des Erdöls mitgenommen, das al-Bashir dazu benutzt, sich internationale Komplizenschaft für seine Verbrechen zu erkaufen. Bashir ist darüber hinaus mit Protesten für die Demokratie, einer sich verschlechternden Wirtschaft und angespannten Beziehungen zu seinem langjährigen Verbündeten China konfrontiert. Dies ist unsere beste Gelegenheit seit Jahrzehnten, das internationale Handeln zu beeinflussen, um al-Bashirs brutales Regime zu beenden.

Strenge internationale Sanktionen, ein gemeinsamer globaler Plan um al-Bashir und andere, die vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt worden sind zu verhaften, sowie die Bereitschaft, das sudanesische Volk vor weiteren Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu beschützen, würden al-Bashir signalisieren, dass das Spiel eröffnet ist. Dies würde seine Position im eigenen Regime schwächen und dem sudanesischen Volk zeigen, dass er nicht länger Straffreiheit trotz seiner Verbrechen genießt. Die Sudanesen – im Süden, in Darfur, in Nuba und an vielen anderen Orten, haben bereits viel zu lange darauf gewartet, dass die Welt für Menschlichkeit und Gerechtigkeit eintritt. Lassen Sie uns ihnen jetzt beistehen:

http://www.avaaz.org/de/sudan_enough_is_enough/?vl

Es ist fast unmöglich, die Verzweiflung und die schreckliche Angst der Frauen und Kinder in Nuba jetzt oder vorher in Darfur zu begreifen. Es ist ein dunkler Fleck auf dem Gewissen der gesamten Weltgemeinschaft, dass wir nicht getan haben, was nötig war, um al-Bashirs Terrorherrschaft zu beenden. Lassen sie uns diese Herrschaft jetzt beenden, mit einem energischen Aufruf an unsere Regierungen, endlich zu handeln.

Hoffnungsvoll,

Stephanie, Nicola, Ricken, Alice, Morgan, Rewan und der Rest des Avaaz-Teams

QUELLEN:

Hunderttausende Zivilisten ohne Schutz
http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/hunderttausende-zivilisten-ohne-schutz/

Tausende auf der Flucht vor der Gewalt
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764365,00.html

(auf Englisch):

Ethnische Tötungen durch die Armee in sudanesischen Bergen gemeldet
http://www.nytimes.com/2011/06/21/world/africa/21refugees.html

Truppenkonzentration im Ölstaat Sudan, UN-Mitarbeiter blockiert
http://ca.reuters.com/article/topNews/idCATRE7651FB20110706

Ehemalige Rebellen beschuldigen Sudans Präsident al-Bashir, den Waffenstillstand aufzuhalten http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5iyJsfG6FSMuxPnglbOHwQ68xpKcA?docId=CNG.4a21d5c02922f58d59a33b03ef8a2b83.361

Der Kampf um den Südsudan
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/jul/04/south-sudan-hope-aid-policy

Welche Auswirkungen wird die Unabhängikeit des Südens auf den Sudan haben?
http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-14019051


Unterstützen Sie das Avaaz Netzwerk! Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und akzeptieren kein Geld von Regierungen oder Konzernen. Unser engagiertes Online-Team sorgt dafür, dass selbst die kleinsten Beträge effizient eingesetzt werden — Spenden Sie hier.

———————————————————————————–

Grafikquelle   :  Omar Hassan Ahmad al-Bashir, the president of Sudan, listens to a speech during the opening of the 20th session of The New Partnership for Africa’s Development in Addis Ababa, Ethiopia, Jan. 31, 2009.

Abgelegt unter Afrika, Kriminelles | Keine Kommentare »

Todeszone Mittelmeer

Erstellt von DL-Redaktion am 18. Mai 2011

Todeszone Mittelmeer

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Lampedusa_noborder_2007-2.jpg

Um die Selbstverständlichkeit der Ersten oder auch Zweiten Hilfe geht es in diesem Artikel. Vor allen Dingen aber um die Kaltschnäuzigkeit mit der europäische Politiker genau diese Hilfe verweigern und damit dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Zum Einen im Umgang mit der Eigenen hier im Land lebenden Bevölkerung zum Zweiten mit den Ertrinkenden im Mittelmeer. Es ist passend das in diesem Zusammenhang immer die christlichen Werte des Abendlandes erwähnt werden. Wie gesagt, sie werden erwähnt, wohl wissend das diese auch innerhalb der christlichen Gemeinden lange in Vergessenheit geraten sind. Wäre dem anders würden unsere Straßen von tausende und abertausende protestierer Gutmenschen übervölkert.

Falsch ist natürlich das die Journalistin an den gesunden Menschenverstand der Politiker appelliert, denn diesen haben sie schlichtweg nicht, da sich Verstand und Politik augenscheinlich nicht miteinander verbinden lassen. Wäre es anders lebten wir in einer anderen Welt. Hier der Artikelvon Hilal Sezgin:

Die Moralphilosophie unterscheidet gemeinhin zwischen negativen und positiven Pflichten. Die ersten sind bindend, die zweiten nicht. Man darf nicht lügen, muss aber nicht überall herumlaufen, um irgendwelche Wahrheiten zu verkünden. Man darf nicht stehlen, schenken muss man nicht. Diese meist auf Kant zurückgeführte Unterscheidung, so intuitiv einleuchtend sie ist, kann in der Empirie schnell in Zwickmühlen führen, weil ja der Status quo, in dem wir leben, kein idealer ist. Was zum Beispiel, wenn entscheidende Güter bereits ungerecht unfair verteilt sind: Haben Bewohner ärmerer Länder keinen Anspruch auf „Wohltätigkeit“ seitens der anderen, die sich bereits mehr als genug gesichert haben?

Zu dieser Frage gibt es inzwischen natürlich zuhauf Literatur pro und contra, aber bei einer einzigen positiven Pflicht sind sich so ziemlich alle, inklusive Stammvater Kant selber, einig: dass man zur Hilfe verpflichtet ist, wenn sich jemand in Lebensgefahr befindet und man ihn leicht retten könnte. Die in der Moralphilosophie allseits beliebten Beispiele skizzieren hier meist die Situation eines Ertrinkenden. Ihm müssen wir helfen. Welch bittere Ironie des Schicksals. Aus der Moralphilosophie ist das Beispiel nämlich unvermittelt ins echte Leben ausgewandert. Seit Wochen und Monaten bereits schaut Europa auf ein ganzes Meer voller Ertrinkender, voll unsicherer kleiner Boote. Teils droht noch stärker der Durst als das Ertrinken, Eltern strecken kleine Kinder in die Höhe, damit darüber hinweg fliegende Hubschrauber sie sehen mögen. Wir helfen nicht.

Kaltschnäuzige Europäer

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

IE

————————————————————————————-

Grafikquelle  : Flüchtlinge erreichen im August 2007 die italienische Insel Lampedusa

Source http://www.flickr.com/photos/noborder/2495544558/
Author Sara Prestianni / noborder network
Permission
(Reusing this file)
w:en:Creative Commons
attribution
This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Abgelegt unter Afrika, Medien, Traurige Wahrheiten | Keine Kommentare »

Das neue Afrika

Erstellt von DL-Redaktion am 17. Mai 2011

Von der Abhängigkeit zur Vernetzung

Datei:Gambia - multifunctional taxi.jpg

Begleiten wir den Journalisten Dominic Johnson auf seiner eindruckvollen Reise durch das heutige Afrika. Eine hervorragende Beschreibung von Land und Leute.

Wenn gegenwärtig Tag für Tag Boote mit afrikanischen Flüchtlingen an den Küsten Europas landen, ist das alte Bild wieder allgegenwärtig: das Bild eines Afrikas, das unfähig ist zu politischer Autonomie und ökonomischer Selbstversorgung. Dabei gibt es heute längst ein neues Afrika. Ein Afrika, das sein Schicksal selbst gestaltet. Dieses Afrika ist eine Herausforderung für das klassische Afrikabild sowohl im weißen Ausland als auch auf dem Kontinent selbst.

In der klassischen europäischen Sicht des Kolonialismus ist Afrika ein Kontinent ohne Geschichte. Afrika war nichts, bevor die Europäer kamen; es wurde von europäischen Forschern entdeckt, dann unter europäischen Kolonialmächten verteilt, und seitdem wartet es auf die Erschließung seiner unermesslichen Reichtümer, damit es endlich zu seiner eigentlichen Blüte und Bestimmung finden kann. Die Afrikaner sind dabei keine handelnden Personen ihrer eigenen Geschichte. Sie befinden sich im Dornröschenschlaf und warten, ohne es zu wissen, auf den Kuss des Prinzen oder der Prinzessin. Sie sind Teil der Fauna ihres Kontinents, Sehenswürdigkeiten oder auch Ungeziefer, aber nie Herr über ihr eigenes Schicksal, denn das verstehen sie nicht.

Die klassische Gegensicht des afrikanischen Nationalismus bekämpft dieses Bild des passiven, bewusstseinslosen Afrikas und übernimmt es zugleich. In den radikalen Analysen panafrikanischer Denker und Historiker aus den Zeiten der antikolonialen Befreiung war Afrika zum Zeitpunkt der europäischen Eroberung längst zugrunde gerichtet. Früher, ja, da war Afrika stolz und mächtig, aber Jahrhunderte des Sklavenhandels und des Imperialismus hatten den Kontinent ausgeblutet, entvölkert, ausgeplündert, seiner besten Elemente beraubt. Nur dadurch war die koloniale Inbesitznahme überhaupt möglich. Die Afrikaner sind auch in dieser Sichtweise keine handelnden Personen ihrer eigenen Geschichte. Sie sind, wie bei Frantz Fanon, die Verdammten dieser Erde, die Opfer von Entrechtung, Ausbeutung, Rassismus, Knechtung, Versklavung, Unterdrückung, Völkermord. Sie warten darauf, dass eine erleuchtete Avantgarde, die den Intellekt besitzt, die Unterdrückungsstrukturen des Kolonialismus zu durchschauen und zu verstehen, ihnen den Weg zur Freiheit weist.

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

IE

—————————————————————————

Grafikquelle  :

Diese Bilddatei wurde ursprünglich auf Flickr durch Ferdinand Reus in http://flickr.com/photos/72092071@N00/130098051 hochgeladen. Sie wurde am 19-12-2007 durch den FlickreviewR-Bot geprüft und die Lizenzierung der Datei unter den Bedingungen von cc-by-sa-2.0 wurde bestätigt.
Quelle Gambian Movers
Urheber Ferdinand Reus from Arnhem, Holland
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei)
w:de:Creative Commons
Namensnennung Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Afrika, Medien | Keine Kommentare »