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Wege in den Extremismus

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 1. November 2019

Wo kommen nur all die Rassisten her?

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Und woher kam diese Knalltüte ? Natürlich aus einer politischen Partei, wie viele andere der völkischen Stimmungsmacher auch ! Das ist das Feld auf dem die Pflanzen groß gewählt werden.

Eine Kolumne von

Viele glauben, dass Deutschland seit 2015 einen Rechtsruck erlebe, aber das ist Quatsch. Den Grundstein für den Erfolg der AfD haben andere gelegt. Wir haben das Gelaber vom Aussterben der Deutschen viel zu lange zugelassen.

Menschen haben ja unterschiedliche Zeitrechnungen. Wir leben nicht nur im Jahr 2019 nach Christus, im Jahr 70 der Bundesrepublik oder 30 nach Mauerfall. Wir, die Menschen mit Kanakenhintergrund, wir zählen auch das Jahr zehn nach Sarrazin, kurz n. S.

Vor zehn Jahren gab Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Finanzsenator in Berlin, der Kulturzeitschrift „Lettre International“ ein Interview mit dem Titel „Klasse statt Masse“ und plädierte, so kann man das lesen, unterm Strich für eine Einwanderungspolitik auf erbbiologischer Grundlage. Er machte so krude Aussagen wie: „70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin“ lebten vom Staat und produzierten „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“. Und Türken würden Deutschland per Geburtenrate „erobern“. Da seien ihm „osteuropäische Juden mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ lieber.

Nach der Veröffentlichung gab es eine wochenlange, bundesweite Debatte darüber. Das Absurde daran: Man war sich – trotz genetisch bedingter Intelligenzzuschreibung und kriegerischer Überfremdungsrhetorik – nicht einig, ob man das schon als „rassistisch“ bezeichnen kann. Noch mal: Man war sich nicht einig, ob das Rassismus ist. In Deutschland. 2009.

Wir angeblich Schlechtintegrierten mussten fassungslos mit ansehen, wie manche das als berechtigte „Polemik“ abtaten. Wir lasen nüchterne Faktenchecks zu den steilen Thesen und erfuhren die genaue Geburtenrate des Einwandererstammes der Türken. Ich arbeitete beim „Tagesspiegel“ und las in meiner Zeitung, Sarrazin habe „mindestens in der Tendenz recht“, was die Geburten angeht.

Die Debatte markiert eine Zäsur, weil sich damals zum ersten Mal zeigte, dass das Gerede von Überfremdung und „Islamisierung“ keine rote Linie überschritt. Sarrazin blieb damals ein gern gesehener Gast in Talkshows.

2010, im Jahre eins n. S., erschien das Buch „Deutschland schafft sich ab“. Es trug die Überfremdungsthese mal eben in die bürgerliche Mitte und machte Sarrazin zum Millionär. Und alles kreiste um die Frage: Wie viele „von denen“ verträgt unser Land.

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Von den Talkshows wanderte der Rassismus auf die Straße: 2013 traten erst die „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa), 2014 die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“ (Pegida) auf den Plan. Obwohl die Beziehungen von Pegida ins rechtsextreme Milieu bald offenkundig waren, war der Mythos vom „besorgten Bürger“ geboren. Zeitgleich zog die AfD ins Parlament: Im Jahr fünf nach Sarrazin holte sie bereits zehn bis zwölf Prozent der Stimmen bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen.

Ich zähle das alles auf, damit klar wird: Uns, die Mitbürger mit Kanakenkontext, haben die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland 2019 nicht überrascht oder schockiert. Wir stehen unter Dauerschock. Seit zehn Jahren.

Quelle        :         Spiegel-online               >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen         :

Oben         —           Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009

Unten       —        Der Struwwelpeter: Die Geschichte von den schwarzen Buben Tafel 4

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