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Archiv für Juli 9th, 2020

Offene Wunde Srebrenica

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

25 Jahre nach dem Massaker herrscht der Wunsch nach Versöhnung. 

Srebrenica landscape.JPG

Von Erich Rathfelder

Doch wie soll das gehen, wenn die Täter bis heute ungestraft ihre Verbrechen leugnen? Das Eingeständnis von Schuld wird von den Tätern als Schwäche angesehen. Lieber stellt man sich als Opfer dar.

Die ältere Frau mit dem ländlichen Kopftuch, die unweit der Markala in Sarajevo frisch gepflückte Pfifferlinge verkauft, gehört zu den Zehntausenden Frauen, die aus Srebrenica in die bosniakischen Gebiete Bosniens deportiert worden sind. Ihr altes Haus in den Bergen oberhalb Srebrenicas wurde damals im Juli 1995 von serbischen Soldaten niedergebrannt. Sie war unter den Zehntausenden, die in Potocari Hilfe bei den UN-Soldaten suchten. Sie weinte und schrie, als ihr Mann und ihre älteren Söhne von ihr und den beiden kleinen Kindern getrennt wurden und dann versuchten, vor den serbischen Exekutionskommandos zu fliehen. Sie wurden sechs Jahre danach in einem Massengrab gefunden, durch DNA-Analysen identifiziert und 2011 auf dem Gelände der Gedenkstätte in Potocari beerdigt. Ihre Tochter und der kleinste Sohn sind jetzt erwachsen.

Man kann sich schon jetzt vorstellen, was am Gedenktag, dem 11. Juli, alles über Srebrenica gesagt werden wird. 25 Jahre danach. Von manchen Religionsvertretern, von Menschenrechtlern, Schriftstellern und Politikern wird durchaus berührend gesprochen werden. Manche werden sich auch an den Ausspruch des Generals Ratko Mladić nach der Eroberung der Stadt erinnern. Er wollte „Rache an den Türken“. Er meinte Rache für die verlorene Schlacht der Serben gegen die osmanischen Eroberer 1389, also 606 Jahre zuvor. Bosnische Muslime sind ethnisch Südslawen, wie Mladić selbst, in seinen Augen aber Feinde, Türken, die es zu eliminieren gilt. Welch eine primitive und doch bis heute bei serbischen Nationalisten gängige Geschichtsauffassung.

Exhumation Site in Čančari valley.jpg

Entscheidend aber ist, was bei den Gedenkfeiern nicht ausgesprochen wird. Auch Gutmeinende, von den Ereignissen Erschütterte, haben die Tendenz, die Dinge zu beschönigen. Man hofft, doch noch zur Versöhnung beizutragen. Man scheut sich, Ross und Reiter klar zu benennen.

Und das trotz aller Erkenntnisse über die Rolle Serbiens schon 1992. Der größte Teil der Verbrechen in Bosnien blieb ungesühnt. Über 50.000 Menschen fielen den planmäßig durchgeführten ethnischen Säuberungen zum Opfer, über zwei Millionen wurden vertrieben, Zehntausende Frauen vergewaltigt. Srebrenica 1995 war nur der Wurmfortsatz dieser Geschichte. Serbien aber wurde vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag völkerrechtlich faktisch freigesprochen und aus der Verantwortung entlassen.

Die Verbrechen der ethnischen Säuberungen fielen nicht vom Himmel. Sie folgten dem politischen Konzept, das in Belgrad entworfen wurde. Die multinationale Gesellschaft in Bosnien und Herzegowina war nach dem Zerfall Jugoslawiens die Antithese zum serbischen und kroatischen Nationalismus. Eine Nation ein Raum, hieß die Devise. Bosnien musste zerstört und zerstückelt werden, beide Mächte wollten einen Brocken für sich.

Es gab zwar das Internationale Tribunal gegen Kriegsverbrechen der Vereinten Nationen in Den Haag und den Internationalen Gerichtshof. Zwar hat das UN-Tribunal mit Ratko Mladić und Radovan Karadžić als Hauptverantworliche verurteilt, doch es fällt auf, dass es nur bosnische Serben sind, die wegen Srebrenica verurteilt worden sind. Kein Funktionsträger aus Serbien ist bisher für die ethnischen Säuberungen in Bosnien, für das politische Konzept dahinter, verurteilt worden.

Srebrenica Massacre - Exhumed Grave of Victims - Potocari 2007.jpg

EU-Politiker schweigen dazu, man fordert lieber von den Opfern, sich mit den Tätern zu versöhnen. Wie kann das aber gehen, wenn die Täter ungestraft die Verbrechen leugnen? Wenn sie Kriegsverbrecher als Kriegshelden bejubeln. Wenn sie die Überlebenden von Srebrenica verhöhnen, die bereit sind, ihre Hand zur Versöhnung auszustrecken.

Quelle        :       TAZ         >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben       —      Srebrenica landscape

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2.) von Oben       —     Photo Exhibit used in ICTY Srebrenica Cases: Exhumation site in Čančari valley

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Unten       —      An exhumed mass grave in Potocari, Bosnia and Herzegovina, where key events in the July 1995 Srebrenica Massacre unfolded. July 2007.

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Deutsche «Schweinereien»

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

 entlarven «Freiheiten» der WTO und EU

Datei:Toennies Fleisch.jpg

Quelle           INFOsperber    CH. 

Von Niklaus Ramseyer / 09. Jul 2020 –

Der deutsche Schweine-Skandal entlarvt Sklaverei, Tierquälerei und Umweltzerstörung . Es sind fatale Folgen von (De)-Regulierungen.

Einige wenige gewinnen. Tausende leiden und verlieren. Regional verankerte Wirtschaftszweige und die Umwelt gehen kaputt. Das ist kurz zusammengefasst das Fazit der «Schweinereien», welche die Corona-Krise in Gütersloh und anderen Orten mit riesigen Schlachtfabriken in Deutschland jetzt ans grelle Tageslicht gebracht hat. Der grösste Gewinner heisst Clemens Tönnies. Der Spiegel (Nr. 27 vom 27.6.2020) schätzt seine angehäuften Profite aus dem «Schweinesystem» auf gegen zwei Milliarden Euro. Und wenn Tönnies, der in seinen Fabriken jährlich fast 17 Millionen Tiere «verarbeiten» lässt, sich selber feiert, klotzt er lieber, als zu kleckern: An seinem Geburtstag liess er auch schon mal den Schlager-Superstar Helene Fischer («Die Hölle morgen früh ist mir egal!» auftreten.

«Freiheiten» der WTO und der EU voll ausgenützt

Der Mann, der nebenbei auch noch den Fussballklub Schalke 04 präsidiert hat (nun aber zurückgetreten ist), war in kurzer Zeit zur hässlichen Fratze des Fleisch-Skandals geworden. Doch er ist nicht das Problem: Das Problem ist das System – das «Schweinesystem», wie der Spiegel doppeldeutig titelt. Schon 2016 ist zum Thema auch ein Buch erschienen: «Das Schweine-System, Wie Tiere gequält. Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden» (von Matthias Wolfschmidt bei S. Fischer für 18 Euro). Seither ist alles nur noch grösser, schneller und schlimmer geworden.

Tönnies wie auch andere «Fleisch-Barone» oder «Kotelett-Könige» und ihre Hintermänner nutzen dabei nur die deregulierten «Regeln» aus, die transnationale Organisationen, wie die Welthandelsorganisation (WTO) oder die Europäische Union (EU) einigen Profiteuren gewähren – Millionen betroffener Werktätigen jedoch aufoktroyieren. Dass diese Regeln uns politisch auch noch als «Freiheiten» verkauft werden, grenzt an Hohn. Für 7000 rumänische Tönnies-Schlachtereiarbeiter in Verl-Sürenheide gilt das besonders. Mit ihrer «Freiheit» ist es vorderhand ganz vorbei: 1500 von ihnen haben sich angesteckt und sind jetzt «dem Corona wegen» hinter Gitterzäunen eingesperrt. Die anderen sonst in Quarantäne. Der Spiegel schreibt es kurz und klar: «Arme Schweine, die arme Schweine zerlegen.»

Freihandels-Fachleute betonen derweil, die EU habe die Nationalstaaten nicht gezwungen, ein mit Lohndumping exportorientiertes Wirtschaftsmodell zu etablieren. Brüssel habe aber nicht die Kompetenz dieses Modell zu verhindern. Die «Grundfreiheiten» liessen aber Raum für harmonisierende Arbeitsmarkt-Regulierungen im EU-Binnenmarkt. Auch im weltweit wirksamen WTO-Regelwerk gäbe es doch Ausnahmebestimmungen zu Mensch, Tier, Natur und Gesundheit.

Freiheiten für wenige werden im «kranken System» zu Zwängen für viele

Gäbe es. In der deregulierten, faktischen Realität nützt dies ausgebeuteten Wanderarbeitern im EU-Raum ebenso wenig, wie vertriebenen oder gar getöteten Urwaldbewohnern in Lateinamerika. An dieser Realität sind Gewerkschaften näher dran, als Vertragsfachleute in Brüssel (EU) oder in Genf (WTO). Der Schweizer Gewerkschafter Andreas Rieger stellt in der Unia-Zeitung «work» (26. 6. 2020, s.3) zum «Schweinesystem» denn auch fest: «Und all das ist EU-rechtlich abgesegnet von der transnationalen Dienstleistungsfreiheit. Sie macht Ketten-Werkverträge möglich, endlose Temporärarbeit sowie falsche Selbständigkeit.» Rieder schreibt: Diese «Freiheit» sei in Brüssel erfunden worden «zur Umgehung der sozialen Rechte der Arbeitenden – ein krankes System».

Das System beginnt schon vor der «Dienstleistungsfreiheit». Mit dem «freien Verkehr der Kapitalien» nämlich. Da können einige Grossinvestoren aus Dänemark, den USA und gar aus China in schwach geführten EU-Ländern wie Rumänien «frei» investieren – in riesige Schweinfabriken etwa mit mehreren 100 000 Tieren. Es gibt dort kaum Tierschutz (Muttersauen als Ferkelproduktions-Maschinen eingezwängt in Metallkäfige ohne Einstreu), kaum Umweltschutz (Schweinejauche fliesst oft irgendwohin), Arbeiterrechte schon gar nicht (Gelände bewacht durch private Sicherheitskräfte). Kontrolliert wird fast nichts und niemand. Dafür maximaler Profit für die ausländischen Kapitaleigner. Lokale Landwirtschaft und Gewerbe hingegen werden ruiniert.

Zwang zum «freien» Personenverkehr

Die Folge: Armut und Arbeitslosigkeit nehmen zu. Und jetzt kommen die «Unterakkordanten» oder «Subunternehmer» (oft auch «moderne Sklaventreiber» genannt) und bieten den verzweifelten Menschen im Rahmen des «freien» EU-Personenverkehrs (Personenfreizügigkeit) Arbeit in ausländischen Fleischfabriken an. Sie verfrachten die Leute ins ferne Deutschland und leihen sie dort an «Kotelett-Könige» wie Tönnies aus. Für erbärmliche Behausungen knöpfen sie den personenfreizügig entwurzelten Wanderarbeitern Wuchermieten (300 Euro für einen Schlafplatz im Mehrbett-Zimmer) ab. Für Transport zum und vom Arbeitsort oft auch noch 100 Euro pro Monat. Da bleibt nicht viel vom kargen Lohn von nicht mal 10 Euro pro Stunde. Selber aber wohnen diese Zwischenhändler der «freizügig» EU-weit herumgeschobenen «Arbeitskraft» teils in schamlos protzigen Villen.

Ruinöser «freier» EU-Warenverkehr und tödlicher WTO-Welthandel

Und als ob damit des «kranken Systems» (Rieger) noch nicht genug wäre, wird nun unter dem Regime des (Zoll)-«freien» EU-Warenverkehrs ein Teil des konkurrenzlos dreckbilligen Qual-Fleisches (2 bis 3 Euro pro Kilo) auch noch in die armen EU-Länder exportiert. Chancenlos gegen diese transnationale Konkurrenz, gehen dort immer mehr kleinere, lokale Mastbetriebe und Metzgereien erst recht Konkurs. Und schon haben die Subunternehmer wieder neue, verzweifelte Arbeitslose, die sie nach Deutschland verfrachten können. «Wir suchen keine Leute», wird einer dieser zynischen Zwischenhändler im Spiegel zitiert: «Die Leute kommen zu uns.»

Bleibt die Frage, wie die traurigen Tiere in den Riesenmästereien gefüttert werden. Das hat der deutsche Abgeordnete (MDB) und Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag Anton Hofreiter (ein Biologe und Tropenfachmann) in der TV-Sendung «Lanz» dargelegt: Zu guten Teilen komme das Futter (Soja, Mais) über Tausende von Kilometern hertransportiert aus Lateinamerika. Dort jedoch würden einheimische «Kleinbauern vertrieben oder gar ermordet» und der Regenwald zerstört – nur um grossflächig Futtermittel für die Qual-Mästereien weltweit produzieren zu können. Alles im Rahmen der WTO-Freihandels-Regeln.

Und der Schweizer Bundesrat will derlei üble «Freihandelsverträge» noch weiter ausdehnen. Sie werden meist klammheimlich ausgehandelt.

Verantwortungslose EU-Freiheiten – nein danke!

Unia-Rieger nennt das alles «organisierte Verantwortungslosigkeit». Er schreibt: «Das kranke System (der Unterakkordanten) existiert auch auf dem Bau, in der Logistik und weiteren Branchen.» (Infosperber hat darüber berichtet.)

Rieger warnt: Jetzt forderten süddeutsche Politiker, die Schweiz müsse sich mit dem von Brüssel rabiat verlangten «Rahmenabkommen» dem kranken System und den laschen EU-Standards «anpassen». Die Antwort des Gewerkschafters ist klar. «Da können wir nur sagen: Organisierte Verantwortungslosigkeit auch in der Schweiz? Nein danke!» Befürworter des Abkommens hoffen derweil auf neue «EU-Entsenderegeln» (theoretisch gleicher Lohn für gleiche Arbeit überall in Europa). Mit wieviel «Verantwortung» derlei Regeln konkret in Deutschland durchgesetzt werden, hat die ARD soeben in einem Dokumentarfilm gezeigt.

File:2018-08-17 1. FC Schweinfurt 05 vs. FC Schalke 04 (DFB-Pokal) by Sandro Halank–059.jpg

Doch Rieger braucht sich so oder so nicht zu sorgen: Vor dem Volk wird das umstrittene, und für die Schweiz unnötige bis gefährliche «Rahmenabkommen» kaum Chancen haben. Für die üble weltweite Dimension des «Schweinesystems» könnte derweil ein Ja zur «Konzernverantwortungsinitiative» (KVI) schon bald ein wenig Remedur schaffen.

Billige Polemik gegen getäuschte KonsumentInnen

Wenig hilfreich ist hingegen die nun wieder erhobene Schelte an die Adresse der Fleisch-KonsumentInnen: Sie wollten ja auch nur das billigste Fleisch kaufen. Da werfen Medienleute mit gegen 10’000 Euro Monatslohn (wie neulich im Spiegel Nr. 27, s. 21) Betroffenen der Hungerlohnpolitik von SPD und Grünen in Deutschland (Hartz IV/Aufstocker) die mit nicht mal 1000 Euro leben müssen, den Kauf von Billigfleisch bei Aldi vor («Gier des Publikums»). Das ist billige Polemik. Insbesondere auch, weil ja die KonsumentInnen im EU-Raum (wie auch in der Schweiz) systematisch darüber hinweg getäuscht werden, unter welchen Bedingungen genau das Fleisch produziert und verarbeitet wurde: Koteletts und Filets liegen unter Fantasienamen («Landjunker» oder «Swiss Garantie») und hinter Heilewelt-Bildern auf der Verpackung in den Regalen. Für das transnationale «kranke System», das die Politik mit ihren Richtlinien erlaubt (oder nicht verhindert), sind die Konsumierenden erst recht nicht «verantwortlich». Dass dieses System keine Zukunft hat, ist offensichtlich. Ändern müssten es jedoch jene MachthaberInnen, die meist immer noch in der Marktideologie gefangen sind. Oder indirekt gar vom «Schweinesystem» profitieren: Tönnies etwa ist grosszügiger Parteispender der in Deutschland machthabenden (und nun auch in der Brüsseler EU tonangebenden) CDU.

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Grafikquellen      :

Oben         —           Rheda-Wiedenbrück, Tönnies Fleischwerk im Stadtteil Rheda. Aufgenommen am 14. Januar 2006 von Daidalus.

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

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2.) von Oben       —       Hausschweine in Kastenständen mit Fütterungsautomatik

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Jair Bolsonaro hat Covid-19

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

Der Todeswunsch als politische Kontaktanzeige

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Eine Kolumne von Sascha Lobo

Todeswünsche an prominente Reizfiguren in sozialen Medien verraten mehr über den Absender als über die Adressaten. Und auch wenn sie Hassspiralen in Gang setzen, ist das etwas anderes als die Ankündigung, jemanden zu töten.

„Hoffentlich stirbt Bolsonaro an Covid-19“, so ähnlich schallt es durch die sozialen Medien. Manchmal ist der Todeswunsch verschmitzt oder doppeldeutig formuliert, etwa: „Ich wünsche ihm ein kurzes Leiden“. Manchmal offen fordernd, nicht selten verachtungsvoll. Wenn prominenten Hassfiguren Leid geschieht, ist das Netz ein noch interessanterer Ort als ohnehin. Dann zerschellen sorgsam gepflegte Images der unverhandelbaren Menschenfreundlichkeit, dann implodieren Hohepriesterschaften der Moral, dann kämpfen in vielen Köpfen Hass und Haltung. Öffentlich sichtbar wird eher, wenn der Hass gewinnt. Denn manchmal ist Haltung vor allem die Haltung der Schnauze.

Die Nachricht, dass Jair Bolsonaro an Covid-19 erkrankt sei, muss mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Seine Präsidentschaft ist auf Lügen und Medieninszenierungen ohne Realitätsbezug aufgebaut, seine WhatsApp-Kampagnen haben so gnadenlos wie erfolgreich mit erfundenen Nachrichten gearbeitet. Für Rechtsextreme gehören Lügen zum selbstverständlichen Machtwerkzeug, aber für die Reaktionen im Netz ist die faktische Wahrheit zunächst nicht ausschlaggebend, daher möchte ich hier annehmen, der brasilianische Präsident habe sich tatsächlich infiziert.

Jair Bolsonaro ist ein Faschist, der mit einer Militärdiktatur liebäugelt. Er trägt seine Menschenverachtungen von Rassismus bis Homophobie offen zur Schau. Er hat die Pandemie kaum ernst genommen, die Gegenmaßnahmen sogar torpediert. Zwei Gesundheitsminister hat er dabei verschlissen und Brasilien zum Land mit den zweitmeisten Fällen gemacht, mehr haben nur die USA. Bolsonaros Erkrankung ist für viele Leute eine Gelegenheit, um gleichzeitig die Abscheu vor rechtsextremen Antidemokraten zu zeigen und der Schadenfreude öffentlich Lauf zu lassen. Auf Todeswünsche folgen verlässlich harsche Reaktionen, auf die wiederum rüde reagiert wird, es setzt sich in Gang: eine Hassspirale.

0. Leid der Hassfigur

Die Hassfigur leidet oder stirbt. Zusatzhitze entsteht bei Feindkontakt – beispielsweise, als Osama Bin Laden von US-Truppen erschossen wurde. Im Fall Bolsonaro entsteht eine Fallhöhe der Sorte „Ironie des Schicksals“ durch sein Herunterspielen der Pandemie. Diese Ironie ist wie ein Pass vor das leere Tor der Schadenfreude, und der Social-Media-Sturm versenkt den Ball zuverlässig.

1. Todeswunsch

Bei prominenten Reizfiguren ist ein Todeswunsch nicht immer ein echter Todeswunsch. Das gilt nicht nur für Bolsonaro, sondern natürlich auch für politische Weltfiguren wie Merkel, Trump oder den Papst. Je bekannter eine Person, desto eher wird sie auch als Symbol betrachtet. Einem Symbol den Tod zu wünschen, ist nichts, wofür man eine Ethikprofessur bekommt – aber es ist kommunikativ etwas anderes, als einem Menschen das Lebensrecht abzusprechen. Gewaltvolle Kommunikation kann eine Vorstufe physischer Gewalt sein, aber es muss kommunikativ weiter differenziert werden: Der Wunsch, jemand möge an einer Krankheit sterben, ist etwas anderes als die Ankündigung, eine Person zu töten. Auch juristisch. Todeswünsche haben oft den Charakter eines Stoßgebets an das Schicksal, vergleichbar mit einer Fürbitte an Gott, die Feinde zu strafen. Im Fall Bolsonaro allerdings gibt es nicht wenige Linke, die es über das Symbol hinaus ernst meinen und das auch so verargumentieren: Sein Tod verringere das Leid anderer.

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2. Moralappell

Ein Moralappell verhält sich zur Moral etwa wie ein Schrei nach Ruhe zur Ruhe. Diese Antwort auf den Todeswunsch einer Hassfigur basiert meist auf der Feststellung, dass in einer liberalen Demokratie auch das Leben von politischen Gegnern schützenswert sei. Das ist richtig, aber auch plump argumentiert. Die absichtliche Tötung ist – vielleicht außerhalb von Kriegen und Diktaturgefahr – kein irgendwie akzeptables, politisches Instrument für liberale Demokratien, aber das heißt nicht, dass man jeder Person immer alles Gute wünschen muss. Als Osama Bin Laden starb, war ich beinahe so traurig wie an dem Tag, als mir ein gebrauchter Pappteller neben den Mülleimer fiel, und mir waren die Leute suspekt, die ausgerechnet bei einer solchen Person ihre Menschlichkeit nicht nur entdecken, sondern auch öffentlich hervorheben mussten. Denn jeder Moralappell zeigt automatisch auch an, wo man Appelle nicht für nötig hielt.

Quelle       :      Spiegel-online          >>>>>            weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben      —       (Brasília – DF, 17/06/2020) Presidente da República Jair Bolsonaro, durante execução do hino Nacional Brasileiro. Foto: Alan Santos/PR

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Deep Lobbying:

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

„Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt…“

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Quelle      :         Scharf   —  Links

Von Hannes Sies

Wie oft setzen uns die Mainstream-Medien jedes Jahr die Ergebnisse von Konzern-Stiftungen (allen voran Bertelsmann) oder anderen Lobby-Think-Tanks vor? Es wird dabei stets so getan, als wären dies neutrale wissenschaftliche Erkenntnisse, vergleichbar solchen, die an staatlichen Universitäten entstanden sind. Doch der Hintergrund ist oft ein anderer: Deep Lobbying.

Die Bertelsmann Stiftung gehört zu den einflussreichsten neoliberalen Denkfabriken im Land. Wirkmächtig propagiert sie die Privatisierung von staatlichen Bereichen, eine „effizientere“ Gesundheitspolitik, die Digitalisierung der Bildung und vieles mehr. Im Geiste des Neoliberalismus vertritt sie Marktgläubigkeit, in dem sie den „fairen“ Wettbewerb (bei dem einige immer bessere Startchancen haben) auf allen Ebenen der Gesellschaft fördern will. Die Stiftung ist Haupteigentümerin der größte und mächtigste Medienkonzern Deutschlands und Europas, die Bertelsmann SE. Zwar sind die Konzernstiftung und die Bertelsmann SE zwei formal getrennte Einheiten, faktisch sind sie jedoch über Aktienbesitz und zentrale Personen miteinander verflochten und werden beide von der Unternehmerfamilie Mohn kontrolliert. https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung

Was ist Deep Lobbying?

Bei deep lobbying handelt es sich um eine weitgehend unbekannte Form von Lobbyismus. Auf deutsch lässt sie sich am ehesten als erweiterte Lobbyarbeit bezeichnen. Deep lobbying zielt darauf ab, mit langfristigen Strategien die Einstellungen, Stimmung und Diskurse in der Bevölkerung und der politischen Elite zu beeinflussen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Politische Entscheidungen werden also indirekt über die Einflussnahme auf Öffentlichkeit und Wissenschaft beeinflusst. Damit geht deep lobbying über Einflussnahme auf einzelne Gesetzesverfahren hinaus.

Deep lobbying verursacht in der Regel keine direkten Lobbyerfolge, sondern legt die Grundlage für erfolgreiche Lobbyarbeit. Daher sollte deep lobbying auch nicht als einzelne Maßnahme, sondern als Teil großangelegter und langfristiger Lobbystrategien betrachtet werden.

Deep lobbying ist durch seine Intransparenz ein besonders problematisches Lobbyinstrument. Oft ist nur schwer zu erkennen, wer hinter scheinbar wissenschaftlichen Studien steht oder Stimmungskampagnen finanziert. Eine kritische Auseinandersetzung mit deep-lobbying-Kampagnen wird so erschwert. Deep lobbying über die Förderung bestimmter Denkfabriken oder Institute erfordert nicht zwangsläufig, dass der Initiator oder Geldgeber Einfluss auf konkrete Forschungsprojekte nimmt. Es reicht aus, dass Organisationen oder Wissenschaftler mit einer passenden Ausrichtung gefördert werden und ihnen damit mehr öffentliches Gewicht verliehen wird. Dieses Vorgehen wird auch als agenda setting bezeichnet.

Der Journalist William Greider sieht in deep lobbying eine Gefahr für die Demokratie: „Es ist eine weitere Scheindemokratie – ein System, das alle Merkmale eines freien und offenen politischen Diskurses aufweist, aber auf einer sehr tiefen Ebene von den Ressourcen der mächtigsten Interessen geprägt und geleitet wird .“[1]

Herkunft des Begriffs deep lobbying

Der US-amerikanische Journalist William Greider nutzte 1992 in seinem Buch „Who will tell the people“ als einer der ersten den Begriff deep lobbying. In dem Buch beschreibt Greider die Superfund-Debatte 1986.[2] Darin ging es um die Frage, wie stark sich die verantwortlichen Unternehmen an der Reinigung von verseuchten Gebieten, sogenannten Altlastenflächen, finanziell beteiligen müssen.

Industrie- und Finanzinteressen verloren die Schlacht um die Superfund-Debatte überraschend, da sie den öffentlichen Druck unterschätzt hatten. Als Reaktion auf diese Niederlage gründeten sie eine Superfund Coalition um die öffentliche Debatte zu beeinflussen. „The Superfund Coalition ilustrate a sophisticated form of political planing that might be called deep lobbying.“

Ziel dieser deep-lobbying-Strategie war es, mit Hinblick auf eine nächste Debatte in fünf bis sechs Jahren, die öffentliche Meinung so zu beeinflussen, dass dann ein politischer Sieg möglich wäre. Vor allem uninformierte sollten durch Studien und Veröffentlichungen davon überzeugt werden, dass das Gesetz nicht funktioniere. Da Äußerungen von Unternehmen von großen Teilen der Bevölkerung zunehmend kritisch gesehen wurden, konnte ein solcher Stimmungswechsel jedoch nicht mit den bisherigen PR-Methoden erreicht werden. Daher suchten sich die Unternehmen Verbündete: In der Industrie, im Kongress, in der Verwaltung, an den Universitäten, in den Medien, in Denkfabriken und auch unter ausgewählten Umweltschützern, die sich an der Superfund Coalition beteiligten.

Ende 1991 erreichten die beteiligten Unternehmen wie General Electric oder Dow Chemical ihr Ziel. In der öffentlichen Debatte wurde zunehmend Experten zitiert, die das Gesetz in Frage stellten und damit die Debatte prägten. „That is the purpose of deep lobbying – to draw boundaries around the public argument.“

Strategien der Tabaklobby

Eingesetzt wurden ähnliche Strategien jedoch schon sehr viel länger. Als Anfang der 1950er Jahre Rauchen mit Lungenkrebs in Verbindung gebracht wurde, begann die Tabakindustrie gezielt Zweifel an diesen wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen zu streuen.[3] So wurde im Januar 1954 eine Anzeige zeitgleich in 448 Zeitschriften in 258 Städten veröffentlicht, in der von vielen möglichen Gründen für Lungenkrebs die Rede ist und Rauchen als nicht gesundheitsschädlich bezeichnet wird.[4]

Lobbyismus an Schulen

Deep lobbying zielt darauf ab, die öffentliche Meinung langfristig in eine bestimmte Richtung zu lenken. Schulen sind dafür ein besonders geeigneter Ort, denn – so die Hoffnung der Lobbyisten – die Beeinflussung von Kindern wirkt ein Leben lang. Schulen sind in diesen Fällen nur Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel ist die Politik, denn diese lässt sich einfacher für Konzern-Belange einspannen, wenn das Unternehmen auf Zustimmung in der Bevölkerung und seinen guten Ruf verweist.[5]

Als Beispiel können die Schulaktivitäten von RWE genannt werden.[6] Mit Schulkooperationen, Unterrichtsmaterial und Schulsponsoring versucht das Energie-Unternehmen Schülerinnen und Schülern den Nutzen von Braunkohle für die Gesellschaft zu verdeutlichen und seinen Ruf zu verbessern. Unter dem Deckmantel von Bildungsförderung zielen die Aktivitäten darauf ab, kontroverse Diskussionen über die Zukunft von Braunkohle zu beeinflussen.

Gorbatschow in Gütersloh 1992.jpg

In Kooperationsvereinbarungen zwischen RWE und zwei Schulen im rheinischen Braunkohle-Revier in NRW heißt es: „Den Schülern soll die Bedeutung und der Nutzen der Braunkohle für die Gesellschaft, besonders auch für die Region, verdeutlicht werden.“ Um dies zu erreichen, nutzt RWE weitere Zugänge. Der Konzern verschenkt kostenlose Brotdosen an Erstklässler, finanziert Sportfeste und Schul-Wettbewerbe und veröffentlicht fragwürdiges Unterrichtsmaterial.

https://lobbypedia.de/wiki/Deep_lobbying

Verglichen mit den schulbezogenen Aktivitäten von Bertelsmann-Konzern und -Stiftung muten die RWE-Propaganda-Maßnahmen freilich amateurhaft an. Aber RWE ist ja schließlich auch kein Verlag der Schulbücher verkaufen will bzw. Digitalkonzern, der im Internet Bildung vermarktet. Bei diversen „Bertelsmann-Studien“ zur Bildung kam daher nicht ohne Grund die Frage auf, ob dies nicht unter Marketing fällt, womit die Gemeinnützigkeit der Deep Lobby-Farce fraglich wäre (ähnlich im Bereich Gesundheit, wo Bertelsmann bis tief ins Bundesministerium hinein Lobbyeinfluss ausübte, wie Lobbypedia belegt -mit Hilfe des maßgeblich von den Grünen in der Regierung Schröder/Fischer lancierten Lobby-Förderprogramms „Seitenwechsel“; dessen Ziel war ganz offiziell, Firmenmitarbeitern Zugang zu Ministerien zu verschaffen).

Kritik an Bertelsmanns Status der Gemeinnützigkeit

Die Bertelsmann Stiftung gilt offiziell als „gemeinnützig“ und genießt dadurch Steuervergünstigungen. Die Juristen Lindner, Krämer, Priehn stellen in einer Expertise 2009[30] die Gemeinnützigkeit der Bertelsmann Stiftung in Frage. Sie fragen, ob der Tatbestand der Gemeinnützigkeit iSv. §§ 52 ff. Abgabenordnung (AO) erfüllt ist:

·         Die Bertelsmann Satzung lässt entgegen der Rechtsprechung des BFH nicht erkennen, dass die Stiftung ausschließlich selbstlose steuerbegünstigte Zwecke verfolgt.

·         Die Satzung enthält eine Art „Änderungsvorbehalt“. Der Stiftungszweck ist de facto nach dem Stifterwillen beliebig änder- und erweiterbar. Das steht im Widerspruch zu §§ 52, 60 AO.

·         Zwischen der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann AG sowie deren Tochterunternehmen bestehen vielfältige personelle Verflechtungen. Diese Gemengelage widerspricht dem Ausschließlichkeitsgebot § 56 AO, demnach eine Stiftung nur ihre steuerbegünstigten satzungsmäßigen Zwecke verfolgen darf.

·         Insbesondere die Dienstleistungen der Politikberatung zugunsten der Bertelsmann AG und deren Tochtergesellschaften sind in der Stiftungssatzung nicht einmal im Ansatz erwähnt. Es ist sichtbar, dass deren angestrebte Ziele gerade nicht „selbstlos“ iSv. § 55 AO sind und darum nicht der Allgemeinheit dienen, sondern dem Stifter, seiner Familie und dem Konzern durch die Steuerersparnis für privatnützliche politische Aktivitäten zugute kommen.

Das Ergebnis der Expertise ist, dass es sich um eine sog. politische Stiftung handelt, die nicht gemeinnützig ist. Die Förderung politischer Zwecke (Beeinflussung der politischen Meinungsbildung, Förderung politischer Parteien, Marktuntersuchungen für die zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Unternehmungen und dergleichen) ist kein gemeinnütziger Zweck.

https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung

Urheberrecht
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Grafikquellen        :

Oben      —       Corporate headquarters of the Bertelsmann Group in Guetersloh, Germany

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Unten     —        Mikhail GorbachevReinhard Mohn and Liz Mohn in the foyer of the Bertelsmann Foundation

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Der Mord an Oury Jalloh ?

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

Ministerium blockiert Aufklärung

Oury Jalloh Aktion 2017 05.jpg

Von Christian Jakob

Juristen sollen Ermittlungsfehler im Fall Oury Jalloh prüfen. Jetzt wurde bekannt: Das Justizministerium Sachsen-Anhalt behindert die Experten dabei.

Das CDU-geführte Justizministerium von Sachsen-Anhalt blockiert die Aufarbeitung des Falles Oury Jalloh. Staatssekretär Josef Molkenbur lehnt es ab, dass Staatsanwälte frei und unbeaufsichtigt mit zwei Sachverständigen sprechen, die der Landtag von Sachsen-Anhalt eingesetzt hatte, um die Ermittlungen in dem Fall zu überprüfen. Der Spiegel hatte zuerst darüber berichtet.

Die beiden Juristen sollen klären, ob bei den Ermittlungen in dem Fall des 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Sierra Leoners Oury Jalloh Fehler gemacht worden sind. Obwohl alle Indizien auf eine Tötung Jallohs hindeuten, waren die Mordermittlungen eingestellt worden.

Bei den Sachverständigen handelt es sich um den Grünen Jerzy Montag und den konservativen Juristen Manfred Nötzel. Sie hatten in den vergangenen Monaten bereits mit PolizeibeamtInnen gesprochen, ohne dass das zuständige Innenministerium Einwände erhoben hätte.

Das Justizministerium erklärte nun, es habe „nicht die geringsten Vorbehalte“ gegen die beabsichtigten Befragungen der StaatsanwältInnen – allerdings nur in Sitzungen des Rechtsausschusses und somit im Beisein von Mitgliedern der Landesregierung. Fragen sollten vorab geschickt werden. Alles andere sei nicht mit der Landesverfassung vereinbar.

„Schwere Beeinträchtigung unserer Arbeit“

Montag lehnt dies ab: Die JustizbeamtInnen nur in einem solchen Setting befragen zu können sei „eine schwere Beeinträchtigung unserer Arbeit für das Parlament“ schrieb er in einer Mail an Molkenbur. Er bitte „dringlich“ darum, die Entscheidung zu überdenken.

Es geht insgesamt um Gespräche mit sieben JustizbeamtInnen, darunter wohl mindestens drei StaatsanwältInnen: Neben Sachsen-Anhalts Noch-Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad dürfte dies der langjährige Leitende Oberstaatsanwalt in Dessau, Folker Bittmann sein. Der hatte, nach 12 Jahre währenden Ermittlungen, im April 2017 erklärt, er gehe von einer Tötung Jallohs aus. Bittmann hatte dabei einzelne Beamte aus dem Dessauer Revier als Tatverdächtige benannt.

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Aufklärung im Fall Oury Jalloh:

Die unendliche Blockade

Oury Jalloh over Berlin 2.jpg

Kommentar von Christian Jakob

Die Angst der Behörden, was im Fall Oury Jalloh noch zur Sprache kommen könnte, legt den Schluss nahe: Es muss schlimm sein.

Es ist eine unendliche Geschichte. Wer Buch darüber führen will, mit wie vielen Volten Polizei und Justiz in Sachsen-Anhalt Aufklärung im Fall Oury Jalloh erschwert haben, hat viel zu tun.

Seit dem Tag des Brandes, bei dem vor über 15 Jahren der gefesselte Sierra Leoner im Keller des Dessauer Polizeireviers verbrannte, reiht sich Merkwürdigkeit an Merkwürdigkeit. Jetzt ist eine weitere hinzugekommen: Die beiden Juristen, die im Auftrag des Parlaments von Sachsen-Anhalt den Fall aufarbeiten sollen, werden in ihrer Arbeit blockiert – und zwar vom CDU-geführten Justizministerium in Magdeburg.

Das will partout unterbinden, dass die beiden ohne Aufsicht vertrauliche Gespräche mit den beteiligten StaatsanwältInnen führen können. Angeblich sei eine solche Befragung verfassungswidrig, beschied ein frisch ins Amt gekommener Staatssekretär. Nur die Landesregierung selbst müsse dem Parlament Rede und Antwort stehen, nicht aber ihre Beamten. Es ist eine höchst überraschende Feststellung. Denn als die beiden Sachverständigen eingesetzt wurden, war das Justizministerium beteiligt – und hatte keine Einwände.

Quelle         :      TAZ          >>>>>         weiterlesen

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Weitere Berichte über diesen brisanten Behördenfall :

Eine vernichtende Aussage über die Unfähigkeit des Staates

05. 01. 2018 Der abgewiesene Zeuge

13. 11. 2012   Der Fall Oury Jalloh

10. 01. 2012   Die Fratze des Staates

09. 01.2011    Schweigen von Beamten

09. 12. 2008   Polizei Rassismus in Dessau

9. 12. 2008  Skandal-Urteil in Dessau

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Grafikquellen      :

Oben      —       Aktion zum Tod von Oury Jalloh 2017 in Sachsen durch Black Rose an der Leipziger Straßenbahnhaltestelle H.-Liebmann-/Eisenbahnstraße (auf Höhe der Eisenbahnstraße 83).

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Unten        —     Part of “Unsanctioned” a self declared event of the 7th Berlin Biennale for Contemporary Art (2012),

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DL – Tagesticker 09.07.2020

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2020

Direkt eingeflogen mit unseren Hubschrappschrap

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Arbeiteten Wissenschaftliche Institute wie das RKI nicht immer schon gerne mit führenden Laien-Politiker-Innen zusammen wenn es darum geht, ein wenig mehr als die Portokassen auf zu füllen? Endlich kann das Volk erneut den Moritaten von Afrikanischen Sklavenmärkten lauschen.

Corona-Pandemie:

1.) Grüße vom Neandertaler

Zeit ist relativ. In der Corona-Krise ist das nicht anders. Während manchen Menschen sechs Monate Seuchenzug schon wie eine Ewigkeit vorkommen mögen, ist ein halbes Jahr für die Forschung eigentlich ein Witz. Nur selten treten in solchen Zeiträumen bedeutende neue Erkenntnisse zutage. Und so kann man froh sein ob der wichtigen Einblicke, die zu dem Virus, zur Übertragbarkeit, zum Krankheitsverlauf und zu möglichen Medikamenten und Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 in so kurzer Zeit schon gewonnen wurden. Doch sie kommen in einem Strom ständig neuer, halbfertiger und eilig vorveröffentlichter Corona-Studien aus allen nur erdenklichen Feldern der Forschung daher. Und in diesen Tagen schwimmt ganz oben auf dem Strom ein Papier, das allein schon wegen eines Autorennamens übergebührliche Aufmerksamkeit erfährt. Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einer der bekanntesten Paläogenetiker der Welt, berichtet gemeinsam mit seinem Leipziger Kollegen Hugo Zeberg auf dem Preprint-Server bioarXiv.org, dass der „wesentliche genetische Risikofaktor“ des Menschen für Covid-19 vom Neandertaler stammt.

Sueddeutsche-Zeitung

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Sollten die Beobachter eine Zusammenarbeit mit IMI dem Stotterbärtigen  als eine Beleidigung oder ein Lob auffassen? Höchst wahrscheinlich aber verneigt sich hier die Not vor dem Elend ?

Verfassungsschutz-Chef Haldenwang

2.) Viel Lob – und viele wunde Punkte

Seit November 2018 steht Thomas Haldenwang an der Spitze des Verfassungsschutzes. In seiner Amtszeit hat das BfV den Druck auf die rechtsextremistische Szene erhöht – doch zentrale Probleme sind noch ungelöst. Heute stellt Haldenwang gemeinsam mit Innenminister Seehofer den Verfassungsschutzbericht vor. Glaubwürdigkeit wiederherstellen – so lässt sich die Mission von Thomas Haldenwang zusammenfassen. Seit November 2018 ist er Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). Noch zu Beginn seiner Amtszeit gab es Bedenken: Haldenwang war bis dato Stellvertreter von Hans-Georg Maaßen, der seinen Posten nach Kritik an seinen Äußerungen zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz räumen musste. Wie könne jemand das Bundesamt umkrempeln und neu aufstellen, der zuvor selbst an der Spitze mitgewirkt hat, hieß es etwa aus der Linkspartei.

Diese Bedenken konnte Haldenwang erstaunlich schnell zerstreuen. Einerseits gelang ihm dies durch seine zurückhaltende Art. Öffentliche Provokationen etwa gegenüber dem Parlament, wie sein Amtsvorgänger sie liebte, waren plötzlich nicht mehr zu hören. Bei den wenigen öffentlichen Auftritten wirkt er unaufgeregt. Andererseits setzt Haldenwang neue Schwerpunkte: Er leuchtet vor allem die rechtsextremistische Szene gründlicher aus, als dies zuvor der Fall war – ohne dabei den Islamismus oder Linksextremismus aus den Augen zu verlieren.

Tagesschau

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Parteien Clan Misswirtschaft gibt es nicht nur in Schland, sie wird in Italien nur Mafia genannt ! Wir berichteten schon 2018/19 über diesen mutigen  Bürgermeister !

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Aufstehen auf Italienisch

Flüchtlingshilfe-Süditalien

Die Paul Grüninger Story

Ex-Bürgermeister Mimmo Lucano hilft Geflüchteten und wurde dafür verfolgt

3.) Das portrait

Nein, Mimmo Lucano ist nicht Chef einer kriminellen Vereinigung. Der frühere Bürgermeister des süditalienischen Dorfs Riace, das für seine Flüchtlingsintegration berühmt geworden ist, muss nicht zurück in Haft. Das entschied das Gericht von Reggio Calabria am Dienstag. Held oder Schurke? Seit 2017 wird der 62-jährige Lucano von der Justiz verfolgt. Schenkt man den Staatsanwälten Glauben, hat er eine kriminelle Vereinigung ins Leben gerufen, sich bei der Verwaltung von Staatsgeldern des schweren Betrugs schuldig gemacht, Unregelmäßigkeiten bei der Ausschreibung der Müllabfuhr zu verantworten und die illegale Einwanderung gefördert. Alles begann im Jahr 1998, als der Chemielehrer am Strand spazieren ging. Er sah ein Schiff mit kurdischen Flüchtlingen – und beschloss zusammen mit Freunden, sie im Dorf aufzunehmen. Ein Jahr später gründeten die Freunde einen Verein, der die zahlreichen leerstehenden Häuser ihres Orts als Unterkünfte für Migrant*innen herrichtet.

TAZ

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Das hörten wir doch schon des Öfteren von den Privatversicherungen ! Wer diesen Gangstern auf dem Leim geht ist gewöhnlich  auch selber Schuld. Es gibt Dinge – davon lässt man die Finger !

Shootingstar ist insolvent Absturz von Wirecard:

 4.) Wie ein Rentner fast 450.000 Euro durch den Betrug verlor

Viele Anleger haben durch die Insolvenz von Wirecard viel Geld verloren. Einer der Betroffen sprach mit FOCUS Online und erzählt, wie er durch den Bilanzskandal fast 500.000 Euro verloren hat. Er geht auch mal gerne Risiko. Wolfgang Sundern (Name geändert) macht keinen Hehl aus seinem Faible für das Börsenparkett. Wenn der ehemalige Steuerberater aus Berlin über seine Einsätze am Aktienmarkt erzählt, schwirren Zahlen, Kurswerte, Namen renommierter Unternehmen durchs Telefon. Zurzeit läuft es allerdings überhaupt nicht für den 80-jährigen Privatier. Erst die Corona-Krise: „Ich habe Lufthansa-Papiere, die liegen wie Blei in meinem Depot.“ Am meisten aber ärgert sich Sundern im Gespräch mit FOCUS Online über sein finanzielles Engagement beim abgestürzten Finanzdienstleister Wirecard .

Focus-online

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Ach –   welche Penner wurden denn dort aus ihren (Beamten) Tiefschlaf gerissen? Das alles war seit vielen Jahren jeden bewusst, der sich dafür interessierte. Sind das  die Unfähigkeiten aus Staat und Verwaltung, welche jetzt nicht einmal um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen ?

Knapp 1.900 Mängel in Unterkünften für Fleischarbeiter festgestellt

5.) Nordrhein-Westfalen

Schimmel, Ungeziefer, Einsturzgefahr: Die Unterbringung von Arbeitern in der Fleischproduktion in NRW ist prekär. Das haben Kontrollen der Behörden ergeben. In Nordrhein-Westfalen haben die Behörden Unterkünfte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Fleischindustrie auf Schäden und Risiken untersucht. Dabei wurden fast 1.900 Mängel festgestellt, die von fehlendem Desinfektionsmittel bis hin zu Schimmel, Ungeziefer, undichten Dächern, Einsturzgefahr und Brandschutzmängeln reichten. Das geht aus einem Bericht des NRW-Arbeitsministeriums hervor, der nun dem Landtag vorgelegt wurde. Insgesamt seien zum Stichtag 29. Mai rund 650 Unterkünfte kontrolliert worden, in denen mehr als 5.300 Menschen leben. Vier Wohnungen hätten wegen Baumängeln und Gesundheitsgefahren geräumt werden müssen. Zwei davon befänden sich in Gütersloh, je eine in Espelkamp und Bochum.

Zeit-online

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Auch in Schland ist das Beamtentum um Polizei und Militär der Vorreiter zur widerspruchlosen Gehorsamkeit. Adenauers Erben – so geht Demokratie.

George Floyd flehte mindestens 20 Mal um Luft zum Atmen

6.) Transkript von Polizeieinsatz veröffentlicht

Polizeikameras filmten aus nächster Nähe, wie brutal George Floyd bei seiner Festnahme im Mai von den Beamten behandelt wurde. Die „New York Times“ veröffentlicht nun Transkripte, die dokumentieren, wie der 46-Jährige um Atemluft flehte – und wie die Polizisten reagierten. George Floyd hat die Polizisten, die ihn am 25. Mai in Minneapolis festnahmen und brutal am Boden fixierten, offenbar etliche Male um Atemluft angefleht. Das belegt ein 82-seitiges Transkript, aus dem die „New York Times“ umfänglich zitiert und das auf den Aufnahmen einer Bodykamera beruht, die einer der Polizisten bei dem Einsatz trug. Der Beamte Thomas Lane hat die Aufnahmen bei einem Gericht in Minneapolis eingereicht, offenbar um zu erreichen, dass die Anklage gegen ihn fallen gelassen wird. Der Polizist, der im Fokus steht, ist sein Kollege Derek Chauvin. Er war es, der sein Knie auf den Hals des am Boden liegenden Floyd drückte und ihm die Luft abschnitt. George Floyd starb qualvoll und flehte immer wieder um Luft.

Spiegel-online

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7.) Das Lyrik-Eckchen

Hippokritischer Ei
von Patric Hemgesberg

Der Sekretär schreibt Protokoll
Ein Meuchelmörder meuchelt
Mein Arzt macht nicht das, was er soll
Sein Fachgebiet: Er heuchelt.

Er predigt Abstinenz und frönt
Als wie ein Loch dem Klaren
Und meint, wenn er von Frühsport spricht
Zur Arbeit Porsche fahren.

Mahnt selbst die kleinste Plauze an
Beim sterbenskranken Siechen
Und mästet seinen kranken Darm
Mit rotem Fleisch vom Griechen.

Was ein Arzt lehrt, ist sehr von Wert
Für Kinder und Patienten:
Raucht Filterlose wie ein Pferd
Und brennt an beiden Enden!

Ach, möcht ich wie ihr Heuchler sein!
Als Wrack moralisch glänzen
Im Fachjargon heißt das gemein
Schlicht: Ärsche ohne Grenzen.

Titanic

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Anregungen nehmen wir gerne entgegen

Treu unserem Motto: Es gibt keine schlechte Presse, sondern nur unkritische Leser

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Grafikquellen          :        DL / privat – Wikimedia

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