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Archiv für Mai 19th, 2020

Urbanität in der Krise

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

Die Stadt nach Corona

Bern Covid-19 im öffentlichen Raum 5.jpg

Von Doris Kleilein und Friederike Meyer

Die Pandemie hat das Leben in rasender Geschwindigkeit verändert. Könnte das Virus die klimaneutrale Stadt beschleunigen?

Fotografien verwaister Metropolen sind ein beliebtes Sujet, um die Auswirkungen der Pandemie zu illustrieren: der Markusplatz, der Times Square, die Champs-Élysées – noch vor Kurzem voller Leben, heute Leerstellen inmitten eng bebauter Städte. Je dichter die Bebauung, so könnte man diese Bilder lesen, desto schneller breitet sich Covid-19 aus. Vor hundert Jahren haben die unhygienischen, beengten Verhältnisse in Europas Städten die moderne Stadtplanung eingeläutet: Aufgelockerte Bautypologien wie Gartenstädte und Zeilenbauten entstanden. Heute geht die Gleichung Dichte = Gesundheitsgefahr, zumindest in Europa, nicht mehr auf. Entscheidend für die schnelle Ausbreitung ist eher die globale Ökonomie mit Geschäftsreisenden und Touristen.

Ein Zurück zur Suburbia oder gar zur funktionsgetrennten, autogerechten Stadt ist in Zeiten des Klimawandels ohnehin nicht mehr angezeigt. Dichte und Mischung, wie sie 2007 in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt gefordert wurden, sind nach wie vor die Antwort auf das globale Dilemma, dass sich immer mehr Menschen die knapper werdenden Ressourcen und Flächen teilen müssen. Die Stadt kleinteilig nach innen und in die Höhe entwickeln, bloß keine weiteren Flächen zersiedeln – diese Maximen leiten auch in Deutschland die Stadtentwicklung.

Aus ökologischer Sicht ist weniger Dichte schlecht: Aber wer wünscht sich gerade nicht mehr Platz und mehr Grün? Ist das Einfamilienhaus mit Garten vielleicht doch nicht so übel? Von einer Krise der Stadt sind wir zwar weit entfernt, doch die Pandemie könnte ländlichen Räumen durchaus eine gewisse Renaissance bescheren: Die Arbeit im Homeoffice macht das Leben überall möglich, wo es Netzanschluss gibt, und viele Kommunen würden sich über Zuzug und mehr Steuereinnahmen freuen. Man könnte Dorfkerne wiederbeleben, Schulen, Kindergärten, Läden und die soziale Versorgung erhalten.

Der Exodus aufs Land ist ein verführerischer Gedanke, doch ohne Förderprogramme für den Umbau könnten die alten Fehler wiederholt werden: Die Kommunen greifen in die Mottenkiste der Planung und weisen neues Bauland aus. Die Zersiedelung geht weiter.

Die Stadt bietet im Prinzip alles, um Quarantänezeiten zu überstehen – wenn man sie konsequent weiterplant. Idealerweise sähe das so aus: Jede Wohnung hat einen Balkon oder eine Terrasse, flexible Räume zum Arbeiten, schnelles Internet, öffentliche Grünflächen in Laufnähe, kurze Wege zum Einkaufen und zum Arzt – und Gemeinschaftsräume, die man in Absprache mit der Nachbarschaft nutzen kann, sei es für Kinderbetreuung, Quarantäne oder Notfälle wie häusliche Gewalt. Jüngere Genossenschaften wie die Züricher Kalkbreite oder die Münchner wagnisART mit ihrer Mischung aus verschiedenen Wohnformen, Gemeinschaftsräumen, Büros und Gewerbe sind Alternativen zum Einfamilienhaus und Vorboten der Zukunft. Und auch außerhalb der Gründerzeitquartiere ist Luft nach oben, das zeigen Sanierungen des Sozialen Wohnungsbaus der Nachkriegsmoderne, wie sie etwa das französische Architekturbüro lacaton & vassal umsetzt – mit Grundrissänderungen und breiten Loggien, auf denen Platz ist, um Gemüse anzubauen und die Yogamatte auszurollen.

Die Coronakrise offenbart aber auch die Folgen ungenügender oder nichtexistenter Planung. In informellen Siedlungen und Notunterkünften weltweit fehlt die Möglichkeit, Hygieneregeln einzuhalten oder sich im Krankheitsfall zu isolieren. Städte brauchen Wohnmodelle, die nicht nur auf die Mittelschicht zugeschnitten sind, und auch hier gibt es Beispiele: das VinziRast-mittendrin im Zentrum Wiens, wo Studierende mit ehemaligen Obdachlosen leben und arbeiten, oder die Star Apartments in Los Angeles, ein Wohnkomplex mit 120 Mikroapartments und Gemeinschaftsräumen, der für Langzeitobdachlose entwickelt wurde. Coronahilfsfonds sollten auch in Projekte wie diese fließen.

Covid-19 zwingt die Welt zur Neudefinition des Krisenmodus. Niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand anhalten wird. Die Gesellschaft muss sich auf unbestimmte Dauer auf wechselnde Routinen einstellen: Schulen und Kitas werden, wenn überhaupt, in Schichten besucht, Sportereignisse und Konzerte kurzfristig ins Internet verlegt, Unternehmen schicken Mitarbeiterinnen ins Homeoffice und holen sie wieder ins Büro. Kommunen müssen ihre Katastrophenschutzpläne überarbeiten, Kapazitäten müssen schnell hoch und auch wieder heruntergefahren werden. Schwimmende Krankenhäuser wie die USNS Comfort oder rollende Intensivstationen wie der umgebaute TGV sind spektakuläre Beispiele der Katastrophenhilfe. Modulare Isolationseinheiten und mobile Teststationen könnten bald zur Pandemie-Grundausstattung von Städten gehören.

File:Closed playground in Eilenriede (Hannover, Germany) during COVID-19 pandemic.jpg

Wie plant man Städte für den On-off-Modus? Die klassische Stadtplanung ist bisher eine langfristige Angelegenheit. Von der Projektidee bis zur Fertigstellung vergehen Jahre, manchmal Jahrzehnte. Die prozessorientierte Stadtentwicklung, wie sie an Urban-Design-Lehrstühlen weltweit gelehrt wird, wird künftig an Bedeutung gewinnen. Städte entwickeln sich vor allem dann positiv, wenn die Bevölkerung an Prozessen teilhaben kann und die Probleme als ihre eigenen wahrnimmt. Nach der kollektiven Erfahrung der Krise braucht es das kollektive Wissen, um auf immer neue Situationen reagieren zu können.

Städtische Landwirtschaft auf Freiflächen

Quelle         :        TAZ         >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben        —         Bern (Schweiz): Covid-19-Verhaltenshinweise im öffentlichen Raum, Kornhausplatz

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Unten     —           Geschlossener Spielplatz in Eilenriede (Hannover, Deutschland) während der COVID-19-Pandemie.

Author Michał Beim

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Pandemie Kriegstagebücher

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

We don’t need education — Another Brick in the Wall

File:2020 coronavirus task force.jpg

Quelle     :          untergrund-blättle CH.

Übersetzung und Vorwort von Sebastian Lotzer

Denn die Wissenschaft, der neue Götze, war immer einen sichere, verlässliche Grösse, so schien es zumindestens. Wenn man nicht so genau hinschaute. Überhaupt, das Weltbild, das man sich in den letzten Wochen so mühsam aufgebaut hat, oder sollte man sagen, dass man all die Jahre schon in sich trug. Nur sich und die anderen über den wahren Charakter täuschend (Wobei es unter den Gelehrten strittig ist, was die grössere Kunst sei: Die Anderen oder das Selbst grundsätzlich über das eigene Wesen zu täuschen).

Und nun? Drosten lobt Streek, Lauterbach nun auch noch, was mag als nächstes kommen? All die Entbehrungen, all die Stunden auf der Couch, der mit so viel Hingabe gebastelte Mundschutz nicht lebensrettend? Die Alten sterben trotzdem? Und alles nicht ganz anders, aber doch verwirrend widersprüchlich. Der Leiter der Rechtsmedizin des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der 2001 den Einsatz von Brechmitteln gegen mutmassliche Dealer billigte, was zum Tod von Achidi John führte, weigerte sich den Vorgaben des Robert Koch Institut zu folgen und fing an die Leichen der an und mit Covid 19 gestorbenen Menschen zu obduzieren.

Was zu der Erkenntnis führte, dass Thrombosen eine grosse Rolle bei den tödlich verlaufenden Fällen spielen. Ergo, der blosse Einsatz von Beatmungstechnik an genau dieser Tatsache so rein gar nichts ändert. Notwendig sind bildgebende Verfahren (MRT), aufgrund der Ergebnisse diese Untersuchungen können dann zielgerichtet blutverdünnende Medikamente eingesetzt werden. Mittlerweile wird dies weltweit praktiziert, Pech hatten nur die unzähligen Menschen, die man mit fiebersenkenden Mitteln in die häusliche Quarantäne geschickt hatte, wo es dann eben zu Komplikationen aufgrund von Blutgerinnsel in der Lunge kam. Stay the fuck home bekommt da auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

Aber das sind alles Verwirrungen und komplizierte Angelegenheiten, die dieser Tage, da die Affekte das Handeln bestimmen, nur unnötige Unruhe stiften. “Folgen sie den Anweisungen des Personals”. Das Personal aber wird aufgespalten in Gut und Böse, in dieser Dichotomie kennt sich die Linke nur allzu gut aus. Das Problem ist nur, dass die Gemengelage, mit der wir es zu tun haben, kein Gut und Böse kennt. Es geht hier nicht um Sympathien und das gute alte Bauchgefühl, die Fragen, die zu verhandeln sind, sind nicht mit likes und peergroup Attitüden zu lösen. (Sonst würde ja auch der charmante, schwule Kosmopolit Streek in der Gunst der Linken ganz vorne liegen und nicht der alte weisse Mann und Misanthrop Lauterbach.)

Worum es eigentlich geht, ist die Notwendigkeit, das derzeitige Geschehen der Deutungshoheit sowohl der modernen Medizinmänner als auch der politischen Eliten und ihren medialen Bänkelsänger zu entreissen. Wenn wir es nicht tun, wird es die diffuse Masse tun, die derzeit unter reger Beteiligung von Faschisten und Verschwörungstheoretikern von Woche zu Woche zunehmend auf der Strasse ist, während die Linke immer noch Zuhause hockt und ernsthafte Debatten darüber führt, ob es gefährlich sei, sich mit Mitte Zwanzig und physisch kerngesund wieder aus dem Haus zu wagen.

2018-06-09 Bundesparteitag Die Linke 2018 in Leipzig by Sandro Halank–102.jpg

Aber genug der Klagen und Polemik, kommen wir zu handfesten Angelegenheiten. Einer historischen Einordnung des gegenwärtigen Pandemie Ausnahmezustandes, die uns daran erinnert, dass alles Menschliche zuallererst eine soziale Frage, eine Angelegenheit der Beziehung zu den Anderen und der Welt beinhaltet. Vielleicht lässt sich darin ein wenig Abstand und Ruhe finden, um sich mit der notwendigen Intervention in der realen Situation, die wir derzeit vorfinden, zu befassen.

Was war die „Phase 1“ des Coronavirus-Notfalls? Ein Historiker wirft einen ersten Blick zurück

Piero Purich * auf dem Blog des Wu Ming Kollektivs

Was haben wir von Ende Februar bis Anfang Mai 2020 erlebt?

Inwiefern unterscheidet sich der Umgang mit dem Coronavirus-Notstand von der Art und Weise, wie in der Vergangenheit mit grossen Epidemien umgegangen wurde?

Ich versuche, einen ersten rückblickenden Blick aus meiner Sicht, die die eines Historikers ist, zu werfen. Im Wesentlichen werde ich versuchen, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der Eindämmungspolitik von Covid-19 und den Reaktionen auf die Massen Infektionen, die im Laufe der Geschichte aufgetreten sind, zu finden.

Ich möchte sagen, dass dieser Beitrag leider zwei grundlegende Handicaps hat:

  • Die Dokumentation beschränkt sich auf die Bücher, die ich zu Hause habe, auf mein Gedächtnis und auf das, was ich im Internet nachprüfen konnte, da die Bibliotheken noch geschlossen sind
  • Ich befasse mich hauptsächlich mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Zeitraum, in dem Epidemien das Leben der Menschheit wahrscheinlich weniger beeinträchtigt haben – mit der bekannten Ausnahme der Spanischen Grippe von 1918-20

Das sind die Handicaps. Auf der anderen Seite hat die Analyse dieses Arguments des „zwanzigsten Jahrhunderts“ auch einen Vorteil: Das zwanzigste Jahrhundert ist der Zeitraum, in dem Techniken entwickelt und verfeinert wurden, die einen sehr engen Zusammenhang mit dieser Pandemie haben: die Techniken der Propaganda und der sozialen Konditionierung.

Epidemien sind eine Konstante in der Geschichte der Menschheit. Bazillen und Viren leben seit jeher mit dem Menschen zusammen, und periodisch kommt es zu explosionsartigen Ausbrüchen von Morbidität – Pest, Pocken, Typhus, Cholera, Influenza -, die einige gemeinsame Merkmale aufweisen: hohe Ansteckungsgefahr, hohe Sterblichkeit, Fähigkeit, das damalige Sozialsystem tiefgreifend zu verändern, sowohl wegen des hohen Anteils an Opfern als auch wegen der durch die Epidemie ausgelösten Panik in der Bevölkerung selbst. Covid 19 weist in gewisser Weise Ähnlichkeiten mit den Krankheiten der Vergangenheit auf, doch löste es eine sehr eigenartige Reaktion aus, die mehr Ähnlichkeiten mit der Dynamik der Selbstverteidigung totalitärer Regime zu haben scheint als mit den zuvor beschlossenen Gesundheitsmassnahmen.

Lassen Sie uns die Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit den grossen Ansteckungen der Vergangenheit überprüfen.

1. Panik in der Bevölkerung

Es ist die offensichtlichste psychologische Reaktion. Als die grossen Seuchen in der Vergangenheit eine ungewöhnlich hohe Zahl von Opfern zu fordern begannen, breitete sich in der Bevölkerung die Angst vor Ansteckung und Tod aus. Die Länder isolierten sich selbst und weigerten sich, Waren und Rohstoffe mit anderen Ländern und Städten zu handeln, da sie befürchteten, dass die Händler oder sogar die Waren selbst die Ansteckung übertragen könnten. Das ist eine Dynamik, die wir auch im Fall von Covid 19 gesehen haben, als – vor allem im Januar und Februar – alles, was aus China kam, mit Argwohn betrachtet wurde – ein auffälliger Fall: die Masken, die just in Wuhan hergestellt wurden.

Die Selbstisolierung wurde nicht nur von den Dörfern, sondern auch von aristokratischen und bürgerlichen Eliten praktiziert. Der bekannteste Fall ist sicherlich der der fröhlichen Jugendbrigade, die sich während der Pest von 1348 auf das Land ausserhalb von Florenz zurückzog, eine Situation, die den Schauplatz von Boccaccios Dekameron bildete. Der ähnlichste Fall war Berlusconis überstürzte Flucht nach Nizza zu Beginn der Pandemie.

Wie wirksam diese Isolationsmassnahmen waren, ist nicht bekannt, da im Falle der Pest die Infektion nicht durch ein Virus, sondern durch einen von Flöhen übertragenen Bazillus übertragen wurde, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Objekte ebenfalls infiziert wurden, höher war als bei einer Virusinfektion. Wahrscheinlich befand sich ein sich selbst versorgendes Dorf in einer relativ sichereren Situation als eine Gruppe isolierter Aristokraten, die mit der Aussenwelt Handel treiben mussten, um Nahrung und andere Nahrungsmittel zu erhalten.

Interessant war der Fall von Papst Clemens VI., der beschloss, Avignon – wo allein in den ersten drei Tagen der Ansteckung 1.800 Tote zu beklagen waren – nicht zu verlassen, da er befürchtete, sich während der Übersiedlung mit der Krankheit anzustecken, und es vorzog, sich im Palast der Päpste zu verbarrikadieren, der völlig isoliert und von riesigen Feuern umgeben war – deren Hitze vielleicht verhinderte, dass die Flöhe den Pontifex erreichten.

Auffällig am aktuellen Paniksyndrom ist jedoch das Ausmass der Angst im Verhältnis zur Grössenordnung der Todesfälle: Bei den alten Plagen war die Zahl der Opfer enorm und für alle sichtbar. In Bezug auf die Pest von Athen im Jahr 430 v. Chr.: Thukydides und später Lukrezius heben hervor, wie viele Athener angesichts einer Krankheit, die eine beeindruckende Zahl von Opfern unter den Bürgern forderte, in der Überzeugung, dass sie bereits zum Tode verurteilt waren, begannen, eklatant gegen die Gesetze zu verstossen, ohne mögliche Sanktionen in Betracht zu ziehen (die im Übrigen angesichts der hohen Sterblichkeit unter den Ordnungshütern selbst nicht anwendbar waren), oder ihr gesamtes Hab und Gut auszugeben, so dass es keine Zukunft gab, für die es sich lohnte, sie zu verschonen.

Die Dimensionen der „historischen“ Epidemien sind definitiv nicht mit denen der Covid-19-Pandemie vergleichbar. Es wird geschätzt, dass Venedig während der Schwarzen Pest von 1348-49 60% seiner Bevölkerung verloren hat (siehe William Naphy, Andrew Spicer, The Plague in Europe, Il Mulino, Bologna 2006). Während der Pest von 1630 lag die geschätzte Sterblichkeitsrate in einigen Städten Venetiens bei 60% und in Mailand sogar bei 75%. In der Epidemie von 1665-1666 starb ein Fünftel der Londoner Bevölkerung. Im Jahr 1679 verzeichnete allein Wien 76.000 Opfer und 1681 hatte Prag 83.000. Nach der jüngsten historischen Analyse gab es weltweit mindestens 50 Millionen Todesfälle bei der “spanischen Grippe”. Zahlen, die sowohl in relativen als auch in absoluten Zahlen weit über die Coronavirus-Mortalität hinausgehen.

Um das Missverhältnis zu erkennen, genügt ein einfacher empirischer Beweis: Wenn man die Lombardei ausgeklammert – wo das Virus aufgrund schwerwiegender Fehler und krimineller Fahrlässigkeit der politischen und wirtschaftlichen Macht echte Beutezüge gemacht hat -, wie viele Coronavirus-Tote kennt persönlich jeder von uns? In historischen Epidemien breitete sich Panik durch direkte Erfahrung aus, weil man sah, wie die eigene Familie, die Nachbarn, die Bewohner der eigenen Stadt starben. In diesem Fall verbreitete die Panik die Informationen.

2. Isolationsmassnahmen

Während vergangener Epidemien waren Isolationsmassnahmen praktisch die einzige Reaktion auf eine Ansteckung. Wir haben bereits über die freiwillige Selbstisolierung gesprochen. Hier werden wir jedoch über die erzwungene Isolation von Infizierten oder potenziellen Infektionsträgern sprechen.

Es scheint, dass es die Seerepublik Dubrovnik war, die als erste Vorschriften über die Zwangsisolierung von infizierten oder vermutlich infizierten Personen erlassen hat. Der Zeitraum, in dem die Besatzungen von Schiffen, auf denen eine Ansteckung im Gange war, vor Anker oder auf isolierten Riffen bleiben mussten, mit der einzigen Möglichkeit, Nahrung und Wasser vom Festland zu erhalten, wurde Trentino genannt, weil er einen Monat dauerte.

Die Republik Venedig perfektionierte das System, indem sie es um zehn Tage verlängerte. Dieselben Quarantänebedingungen – etwa vierzig auf Venezianisch – und das Lazarett wären in Venedig geboren worden: Die Serenissima war der erste Staat, der offiziell ein Lazarett auf einer Insel in der Lagune einrichtete, die physisch vom Rest des Markus-Herrschaftsgebietes isoliert war, wahrscheinlich wegen der Unmöglichkeit, während besonders weit verbreiteter Ansteckungen zu viele Schiffe in der Lagune zu halten (siehe Gaetano Cozzi, Storia della Repubblica di Venezia, Torino, UTET, 1986). Es ist nicht klar, ob die Insel Lazzaretto Vecchio ihren Namen von dem Institut der Isolation übernommen hat oder umgekehrt.

Lazarette, d.h. isolierte Orte, an denen Kranke eingesperrt waren und als gefährlich galten, sind historisch noch viel früher bezeugt (man denke nur an die in der Bibel erwähnten Leprosarien), aber Venedig war das erste Land, das sie per Gesetz eingerichtet hat. Das Lazzaretto Vecchio – das später durch das Lazzaretto Nuovo ersetzt wurde – verfügte über ein Krankenhaus (das eher wie ein Hospiz für Kranke funktionierte) und einen grossen Wachposten, der später in eine Kaserne umgewandelt wurde, um sicherzustellen, dass die Infizierten nicht versuchten zu fliehen. Dies zeigt, wie Isolationsmassnahmen immer von gewaltsamem Zwang begleitet waren.

Quarantäne und Lazarette wurden dann während der Epidemien der Neuzeit und der Gegenwart auf verschiedene Weise genutzt: Fast alle Städte, allen voran die Häfen, richteten isolierte Quarantänestationen ein, wo die Besatzungen der Schiffe, die mit der gelben Flagge (die später durch eine gelb-schwarz karierte Flagge ersetzt wurde) an Land gingen, was auf die Anwesenheit infektiöser Personen an Bord hindeutete.

Was die aktuelle Epidemie jedoch anomal macht, ist das im Vergleich zu den historischen Epidemien umgekehrte Prinzip: Während in der Vergangenheit die Zwangsisolation denjenigen vorbehalten war, die mit Sicherheit infiziert oder mutmassliche Ansteckungsträger waren, wurde im Falle des Coronavirus die Isolationspflicht auf die Gesunden ausgedehnt, die gleichzeitig mit den Infizierten oder sogar zusammen mit ihnen eingesperrt wurden. Angesichts des hohen Prozentsatzes asymptomatischer oder leicht symptomatischer Positivbefunde war nicht bekannt, wer positiv war und wer nicht, und statt in die Analyse – die berühmten „Abstriche“ – zu investieren, wurden diese erst gemacht, wenn sich der Zustand der Personen verschlechterte.

Die Sparsamkeit beim Abstreichen wurde mit der Tatsache gerechtfertigt, dass „Abstriche Geld kosten“. Aber kosteten die Abriegelung, die wirtschaftlichen Sofortmassnahmen, der massive Einsatz der Strafverfolgungsbehörden, der Einsatz von Hubschraubern zur Überwachung und Einschüchterung der Bürger weniger?

Interessant ist auch der Vergleich mit der schwersten Umweltkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der Explosion eines der Reaktoren von Tschernobyl, bei der die in der Nähe des Kraftwerks lebende Bevölkerung vollständig evakuiert wurde, aber kein Ausreiseverbot für die Bewohner der Gebiete jenseits der sogenannten “ Todeszone“ verhängt wurde.

3. Untote

In der Geschichte der Berüchtigten Säule erzählt Manzoni das tragische Schicksal von Guglielmo Piazza, der als Gesalbter von der Inquisition untersucht wird. Nach der Zunahme der Pestfälle in Mailand wurde Piazza verhaftet, gefoltert und vor Gericht gestellt. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Geschichte in einem Crescendo der Grausamkeit entwickelt, von einer natürlichen Geste (Piazza schützte sich vor dem Regen, aber die Geste wurde als eine Ausbreitung der Ansteckung durch die übliche Delatrice interpretiert) über die Denunziation bis hin zur Verhaftung, die Furcht und die Angst, die durch das völlige Fehlen von Informationen über die Gründe ihrer Verhaftung hervorgerufen wurden, die Panik angesichts der Folter, die Erpressung der Namen von Komplizen (Piazza hat einen weiteren unschuldigen Mann, Gian Giacomo Mora, bei dem Versuch, der Folter zu entgehen, verleumdet), die Verurteilung der beiden, die Hinrichtung und sogar die Zerstörung ihrer Häuser.

Manzoni erklärt in Anlehnung an seinen Grossvater Cesare Beccaria, dass die Tragödie der angeblichen Täter vor allem dank der Unkenntnis der Bevölkerung über die Ursachen der Pestübertragungen durchführbar war.

Die Figur des Untoten ist der typische Sündenbock einer Epidemie: In einem Kontext, in dem der Einzelne nicht in der Lage ist, zu verstehen, was geschieht, ist er bereit, jedes verdächtige Verhalten auszuspionieren. Und so wurden die Juden, das „Andersartige“ schlechthin der mittelalterlichen Welt, zu den Salbern der Schwarzen Pest, was zu den grausamen Massakern von Strassburg und Köln führte.

Die Figur des Gesalbten taucht auch in der Erzählung über Covid 19 immer wieder auf: der Jogger, der alte Mann, der spazieren ging, das Paar, das ohne Maske Hand in Hand ging, wurden als potentielle Auslöser der Ansteckung betrachtet, auch wenn ihr Abstand zu den anderen grösser war als der im Supermarkt oder der, den die Polizisten im Auto oder bei Kontrollen zwischen sich hielten.

Wie in der Geschichte der Berüchtigten Säule enthüllt der Informant, der Carabiniere oder der diensthabende Politiker (man denke nur an die Aufforderung der M5S-Regionalräte Ilaria Dal Zovo und Cristian Sergo, Förster zu beauftragen, um durch die Wälder und Berge von Friaul-Julisch-Venetien zu patrouillieren und diejenigen aufzuspüren, die sich nicht an die Anordnungen gehalten haben) seine Unwissenheit über die Mechanismen der Übertragung des Virus und beschuldigt den Abweichler als solchen, nicht weil er seine eigene Gesundheit und die anderer gefährdet.

4. Das (Verschwinden der) Religion

Bei den Epidemien der Antike wurden die Ursachen der Ansteckung auf göttliches Eingreifen zurückgeführt, auf den Zorn dieser oder jener Gottheit, auf die Tatsache, dass sich die Götter auf die Seite der einen oder anderen Fraktion stellten. Die Ilias beginnt mit dem Lager der Achäer, die durch eine von Apollon verursachte Seuche aufgewühlt wurden, weil Agamemnon sich hartnäckig weigerte, den Gefangenen Criseid an seinen Vater Crise, den Priester des Gottes, zurückzugeben.

Thukydides und Lukrez, beide zu „rationalistisch“, um zu glauben, dass die Krankheit ein göttlicher Ausdruck ist – Lukrez ist im Übrigen der erste Autor der Antike, der praktisch als Atheist definiert werden kann – beschreiben die Wahrnehmung des durchschnittlichen Atheners, der durch die Katastrophe, die er um sich herum sieht, verstört ist: Diejenigen, die sich fromm verhalten haben, verstehen nicht, warum er genauso betroffen ist wie diejenigen, die gottlos und blasphemisch waren, der Zweifel, den falschen Gott gewählt zu haben, schleicht sich ein, andere denken, dass die Götter Athen verlassen haben oder dass das Schicksal die Zerstörung der Stadt ist (in der griechischen Welt ist das Schicksal, Ananke, eine Kraft, der sich nicht einmal die Götter widersetzen können), wieder andere stellen sich vor, dass die Götter Sparta begünstigen, gegen das die griechische Stadt im Peloponnesischen Krieg kämpfte.

Auch in der jüdischen Welt ist die Epidemie ein Ausdruck der Göttlichkeit: Unter den zehn Plagen Ägyptens, die im Buch Exodus erzählt werden, können mindestens drei der Unglücke, die das Volk des Pharaos trafen, weil sie die Juden an der Rückkehr nach Palästina hinderte, als virulente Ansteckungen interpretiert werden: der Tod von Rindern, die Ausbreitung von Pusteln und Geschwüren in der Bevölkerung, der seltsame Tod aller erstgeborenen männlichen Ägypter.

Mit dem Aufstieg des Christentums werden Pestilenzen oft als eine göttliche Strafe angesehen, vor der die einzige Verteidigung darin besteht, einen christlicheren Lebensstil anzunehmen, Busse zu tun und für seine Sünden Wiedergutmachung zu leisten. Und so ist die Antwort sowohl in mittelalterlichen als auch in modernen Epidemien die Entstehung von Bussbewegungen, Flagellanten, Sekten, die Selbstkasteiung praktizieren, die in Wirklichkeit Europa durchqueren und die Ansteckung noch weiter verbreiten.

Und in ähnlicher Weise sind auch die Lösungen der Pest Gott (besser: den der Volksreligiosität näher stehenden Gottheiten wie der Gottesmutter oder den Heiligen) anvertraut, so dass Er beim Vater Fürsprache einlegt, um die Krankheit zu beenden. Und um für das Ende der Krankheit zu danken, werden zu Ehren Unserer Lieben Frau von der Gesundheit Kirchen, Basiliken und Heiligtümer in San Rocco, San Sebastiano usw. gebaut.

Der Aberglaube wurde sogar zur Literatur, als es dem ehemaligen Aufklärer und gebürtigen Volterraer Manzoni (inzwischen ein glühender Katholik) gelang, 1630 in der Pest in Mailand ein unergründliches Zeichen der göttlichen Vorsehung zu finden, das am Ende die Mühen von Renzo und Lucia beim Triumph der Gerechtigkeit und bei der Beseitigung oder Bekehrung der Bösen abflachte.

Die letzten religiösen Regurgitationen (zumindest was Italien betrifft) angesichts von Epidemien sind im Fall der Cholera in Neapel 1973 zu finden (die jedoch nicht mehr als zwanzig Opfer forderte), die durch das Scheitern der Verflüssigung des Blutes von San Gennaro vorhergesagt wurde.

Die Religion hingegen ist der grosse Abwesende in dem Panorama, das durch die aktuelle Pandemie geschaffen wird: keine Prozessionen mehr, kein göttlicher Zorn, keine Gebete, keine Danksagungen, ex voto, und die kirchlichen Hierarchien, die im Prinzip gehorsam dem Diktat der Politik unterworfen sind. Nur ein Papst, der fast allein die Osterriten feiert, wird in die Welt “hinaus geschickt”.

5. Wissenschaft“ als Religion

Die Religion verblasst und wird durch die Wissenschaft ersetzt. Aber es ist eine Wissenschaft mit starken religiösen Elementen. Epidemiologen, Ärzte, Virologen, Wissenschaftler, Forscher und Statistiker gelten als die Hüter der Wahrheit und weisen Analogien zu Theologen des Mittelalters auf. Sie drücken sich in einer Fachsprache aus, die in der Regel für den Volksmund unverständlich ist (wie das Latein des mittelalterlichen Plebejers), der alles glaubt, was sie sagen. Die Menschen, die nicht über die technischen Fähigkeiten verfügen, um zu verstehen, wovon sie sprechen, glauben den Wissenschaftlern mit einem Glaubensakt: „Ein Virologe im Fernsehen hat es gesagt“; „Ein Epidemiologe aus Floris hat es gesagt“; „Ich habe es im Internet gelesen“.

Quando Napoli sconfisse il colera nel 1973 - 7.jpg

Noch schlimmer wird es, wenn Politiker und Techniker auf der Grundlage sogenannter „Experten“ völlig unlogische und irrationale Entscheidungen treffen mit der Begründung, dass „Wissenschaftler uns das sagen“. Schade, dass Wissenschaftler sehr oft anderer Meinung sind: Maske ja, Maske nein; Outdoor-Aktivitäten ja, Outdoor-Aktivitäten nein; vollständige Abschottung, leichte Abschottung usw. Und dass, wenn die Uneinigkeit mit der wissenschaftlichen Mainstream-Gemeinschaft total ist, Formen der Ächtung von Häretikern, der Medienzensur und der persönlichen Diskreditierung mit einer Dynamik ausgelöst werden, die – abgesehen von der Verbrennung und, im Moment, dem Gefängnis – der Behandlung ähnelt, die Giordano Bruno, Jan Hus oder Galileo Galilei von der Inquisition erlitten haben.

Und doch hat diese Wissenschaft, abgesehen von der Verwendung von Atemschutzgeräten, keine anderen Heilmittel finden können als die, die bereits im 13. Jahrhundert verwendet wurden: Isolierung, Quarantäne, Lazarette, Ärzte in Plastikoveralls statt der langen Brechstange, die während der Schwarzen Pest verwendet wurde, und Gesichtsmasken aus Zellulose statt der Maske voller Kräuter und Gewürze, die damals als Filter dienten.

6. Irrationale Massnahmen

Im Namen des Kampfes gegen das Coronavirus sind normale Aktivitäten wie Gehen, Joggen, Händchenhalten mit dem Partner plötzlich zu Verbrechen geworden. Die Bürger wurden nicht als Individuen betrachtet, die dem Gesetz unterliegen, sondern als potentielle Kriminelle. Die Schuldvermutung wurde von der Polizei auf sie angewandt. Im Recht wurde die totale Schizophrenie geschaffen: Die Selbstzertifizierung – die im Rechtssystem als Instrument zur Vereinfachung des Lebens des Bürgers geboren wurde – wurde so restriktiv wie möglich angewandt. Es wurde eine Art ständige Ausgangssperre ausgelöst, gegen die nur aus schwerwiegenden und dokumentierten Gründen verstossen werden konnte.

Diese Massnahmen zeigten eine geringe Achtung vor der Intelligenz und dem Überlebensinstinkt der Menschen. Der Bürger wurde als Schwachkopf behandelt, als ein Individuum, das unfähig ist, die Gefahr für sich und andere einzuschätzen, für die der Staat zu sorgen hat. Aber das ist die typische Dynamik von Diktaturen, von totalitären Ländern: In diesen Ländern wird das Leben des Einzelnen durch Verpflichtungen, durch Zumutungen geregelt und muss vom Staat gelenkt und gesteuert werden. Der Bürger eines freien Landes hingegen sollte ein Subjekt sein, das nach seiner Ethik und Moral wählt, entscheidet, was mit seiner Existenz zu tun ist, sich entsprechend seiner Ethik und Moral etabliert.

“Savona, Ostersonntag 2020, der Hubschrauber der Guardia di Finanza nimmt einen Bürger mit, der allein an einem verlassenen Strand spazieren geht. Eine einzige Flugstunde eines Polizeihubschraubers würde nach diesem Artikel aus dem Jahr 2013 den Steuerzahler 6000 Euro kosten. Andererseits kostet ein „Abstrich“ etwas mehr als 50 Euro, einschliesslich der Kosten für die Sammlung und Analyse. Ein serologischer Test kostet knapp über 6 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Wenn diese Daten korrekt sind, hätten mit dem Geld, das für eine einzige Flugstunde mit einem einzigen FDO-Hubschrauber ausgegeben wurde, 120 Abstriche oder tausend serologische Tests durchgeführt werden können. Multiplizieren wir es mit Hunderten von Hubschraubern, die – auf Patrouillen von sehr zweifelhaftem Nutzen – wochenlang in ganz Italien im Einsatz waren, und wir werden die Grösse dessen haben, was nur eine der vielen Verschwendungen während der „Phase 1“ war.”

Die soziale Kontrolle hat sich der allgegenwärtigen Polizei auf den Strassen, der Überwachung durch elektronische Ortung, des Einsatzes von Drohnen und Hubschraubern und – was noch schlimmer ist, weil es das Konzept der Solidarität zwischen den Menschen völlig untergräbt – der Denunziation bedient. Technologie und Spione: Dieselben Techniken, die vom faschistischen Regime, dem Dritten Reich, Stalin, der Stasi eingesetzt wurden.

7. Die Form des Krieges

Die während der Pandemie verbreitete Medienpropaganda hat den üblichen Gepflogenheiten einer patriotischen Rhetorik Platz gemacht, die – wenn auch seit mehreren Jahrzehnten in nuancierter Form – mit all ihrer geschmacklosen national-populären Aufrüstung zum Vorschein gekommen ist. Fahnen auf Balkonen, aus Fenstern gesungene und gespielte Hymnen, mit der Trikolore beleuchtete Gebäude, ständiges Hämmern und Propaganda im Fernsehen, Inflation des Begriffs „Held“ und Kriegsmetaphern.

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Woher kommt dieser Gebrauch des Krieges als Sprache zur Erklärung der Notstandssituation?

Ich würde sagen, dass alles auf den Einsturz der Zwillingstürme zurückgeht, als der Journalist Tom Brokaw von NBC mit der Aussage „Es hat eine Kriegserklärung von Terroristen an die Vereinigten Staaten gegeben“ herauskam. Der Ausdruck war besonders wirkungsvoll: Die Bush-Administration – auch zur Rechtfertigung des anschliessenden Angriffs auf einen Irak, der in keinerlei Zusammenhang mit den Anschlägen stand – verwendete immer wieder den Begriff „Krieg“, und der Satz „Wir befinden uns im Krieg mit dem Terrorismus“ wurde dann von Blair, von Valls, von Macron bis zu Grillo und Casaleggio, die 2011 ein Buch mit dem Titel „Wir befinden uns im Krieg“ schrieben, unterschiedlich verwendet.

Der italienische Journalismus übernahm den Begriff, indem er ihn auf verschiedene andere Bereiche anwandte: „Wir befinden uns im Krieg mit dem Klima“, „Dies ist ein Krieg“ (bezogen auf das Erdbeben in Mittelitalien im Jahr 2016), „Der Kampf gegen die hydrogeologische Instabilität ist ein langer und anstrengender Krieg“… Titel wie diese haben den Missbrauch des Begriffs „Krieg“ generalisiert, der in Zeiten der Abriegelung dazu diente, das Gefühl der Unsicherheit zu verstärken und ein Gefühl der nationalen Einheit, der gemeinsamen Anstrengung gegen einen gemeinsamen Feind zu schaffen. Das Zitat aus Mameli’s Hymne „Stringiamci a cohort“ war unerträglich, aber der Sinn ist folgender: Wir sind eine Nation, wir finden den Stolz, Italiener zu sein, und wir kämpfen. Wie? Indem Sie die Einschränkungen respektieren.

Eine Vorschrift zu respektieren, bedeutet nicht im Entferntesten, sich im Krieg zu befinden. Eine solche Argumentation wäre sogar komisch, wenn sie nicht einen tragischen Aspekt implizieren würde: Wer die Regeln nicht einhält, ist ein Feind, denn wir befinden uns im Krieg. In Wirklichkeit ist der Feind also nicht der Virus, sondern der Abweichler. Und es geht zurück zur alten Figur des Gesalbten.

Der letzte alarmierende Fall einer Pockenepidemie in Europa war der Fall der Pocken, die 1972 knapp 200 Menschen im Kosovo infizierten und 35 Opfer forderten. Jugoslawien reagierte darauf mit der Verhängung medizinischer Absperrungen um die Dörfer, Strassensperren, einem Verbot öffentlicher Versammlungen, der Möglichkeit, sich aus den infizierten Gebieten nur mit einem Sonderausweis und einem Abzeichen in Sichtweite zu bewegen, einem Verbot aller nicht lebensnotwendigen Aktivitäten, der Beschlagnahmung von Hotels zur Unterbringung der Kranken, einer pauschalen Impfung der 18 Millionen jugoslawischen Bürger.

Die Quarantäne betraf etwa 20.000 Menschen: Es ist die Situation, die dem am nächsten kommt, was wir heute erleben, aber die Autonome Provinz Kosovo und die Behörden in Belgrad haben einfach eine Reihe von gesundheitlichen Sofortmassnahmen erlassen, um ihre Bürger so wenig wie möglich zu beunruhigen (Vgl. Bogdan Vučković, Epidemija variole vere u Jugoslaviji 1972: između vlasti i javnosti, Univerzitet u Beogradu, Filozofski fakultet, Odeljenje za istoriju, 2018 – Die Epidemie der variola vera in Jugoslawien 1972: zwischen Behörden und Öffentlichkeit, Universität Belgrad, Fakultät für Literatur und Philosophie, Fachbereich Geschichte, 2018). Tito träumte nie davon, die Epidemie zu einem Krieg zu machen, und zu dieser Zeit trat er nie im Fernsehen auf, um sich mit der Frage der Epidemie zu befassen, und überliess das Wort medizinischen Experten.

In Wirklichkeit ist die Ausrufung eines Krieges, ohne ihn zu formalisieren, eine sehr bequeme Wahl: Sie erlaubt es, die Form beizubehalten und die Substanz zu modifizieren. Die Willkür der Ordnungskräfte ist absolut, ohne dass sie die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Um nur ein Beispiel zu nennen: In einer Kriegssituation ist für den Umzug von einem Ort zum anderen ein Pass erforderlich, ein Dokument, das dem Bürger die Gewissheit gibt, reisen zu können, nachdem er die Gründe für seinen Umzug erläutert hat.

Die während des Coronavirus-Notfalls verhängte Selbstzertifizierung ist weitaus weniger sicher: Keine Behörde kann einen Pass ausstellen, der von jedem Kontrollpunkt aus, an dem man sich trifft, als definitiv gültig gilt, andererseits kann die Polizei nach eigenem Ermessen die in der Zertifizierung angegebenen Gründe als ungültig erachten und hohe Geldstrafen oder sogar Festnahmen verhängen. Hinter jeder Handlung steht also keine Rechtssicherheit, sondern nur ein Ermessensspielraum.

Wenn also die Covid-19-Pandemie hinsichtlich der Ätiologie und des Ausmasses der Ansteckung nur begrenzte Analogien zu den grossen Epidemien der Vergangenheit zu haben scheint, so ähneln die Strategien zur Eindämmung der Pandemie denen, die bei den Plagen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit angewandt wurden (wenn auch mit der bereits erwähnten Anomalie, die Gesunden zusammen mit den Kranken unter Quarantäne zu stellen). Auf der anderen Seite, und viel mehr im Einklang mit dem Propagandaapparat des Kriegsapparates und totalitärer Staaten, die Entsendung von Streitkräften, um eine soziale Konditionierung durchzusetzen und einen Konsens der Bevölkerung über die Einschränkung der Freiheiten zu erreichen.

* Piero Purich, Historiker, wurde 1968 in Triest geboren. Im Jahr 2017 übernahm er seinen Familiennamen, der während des Faschismus zu „Purini“ italienisiert worden war. Er promovierte an der Universität Klagenfurt in Österreich. Sein wichtigstes Werk ist die “Ethnische Metamorphose. Bevölkerungsveränderungen in Triest, Gorizia, Rijeka und Istrien. 1914-1975” (KappaVu, 2014). In der Doppelrolle des Historikers und Musikers schuf er das Stück “Den Krieg ablehnen. Pazifisten, Deserteure, Deserteure, Meuterer. Der Erste Weltkrieg auf der Seite derer, die versuchten, ihn zu vermeiden”. Er schreibt in Giap und Internazionale.

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Copyleft (Public Domain) Lizenz.

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Grafikquellen          :

Oben    —            2020 Italian government task force to face coronavirus outbreak.

Author Governo Italiano
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2.) von Oben             —          Bundesparteitag Die Linke 2018 in Leipzig

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3.)       von Oben      —        Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

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4.) von Oben         —            Quando Napoli sconfisse il colera nel 1973

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Unten      —        Terroranschläge am 11. September 2001. Einschlag des zweiten Flugzeugs in WTC 2 gesehen von Greenwich Street

Author Hans Joachim Dudeck

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Martin Luthers Liste

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

Der Reformer als Garanten für den Holocaust

File:Luther, M. Reformatorengruppe n. Cranach.jpg

LUTHERS LISTE – Der Reformator und seine Kirche als Garanten für den Holocaust. Eine Einführung in das neue Buch –

von Stefan Weinert

Schon zu Lebzeiten Luthers  gab es in Kirche und Staat einen bereits 1.400 Jahre alten  Antijudaismus. Durch seine theologische Interpretation und heilsgeschichtliche auf Jesus Christus bezogene Herangehensweise an die „Judenfrage“, ließ der Reformator den Antijudaismus zum religiösen Antisemitismus“ werden. Weil die Juden Jesus nicht als ihren Messias akzeptieren, sind sie verdamm und verloren. Weil sie verdammt sind, sind sie des Teufels. Weil sie des Teufels sind, ist in ihnen rein nichts Gutes zu finden und selbst ihr Wille zur christlichen Taufe, ist ein Täuschungsmanöver. Das war dann nicht mehr nur religiös begründet, sondern auch schon rassistisch.  Luther hat seine Aussagen wider die Juden nachträglich nie in frage gestellt und auch nie widerrufen, sondern diese bis vier Tage vor seinem Tod öffentlich gepflegt. Ich bin beileibe nicht der Erste, der dies feststellen muss. Viele Autoren vor mir haben den Sockel, auf den Luther seit 1517 gehievt wurde, abgetragen und den Lack der übermächtigen Figur Schicht für Schicht entfernt. Martin Luther hatte nicht „eben auch ein paar Schattenseiten“, wie seine Verehrer und Verteidiger bis heute meinen, sondern durch sein gesamtes öffentliches Leben (Reden, Handeln, Schreiben) von 1505 bis zu seinem Tod 1546 konterkarierte er das, was er ins Deutsche übersetzt hatte. Die Bibel. Ihnen möchte ich mit diesem Buch  erneut eine Stimme geben möchte. Der Titel des Bandes und sein Cover mögen provozierend und für manchen evangelischen Christen gar blasphemisch sein. Doch die folgenden Seiten werden zeigen, dass ein Luther-Denkmal (denk mal nach) nicht nur nach Worms und Wittenberg gehört, sondern auch und gerade nach Dachau, Treblinka, Ravensbrück  und Auschwitz!

Um auf Luthers letzte Predigt zurückzukommen. Im Januar 1546 kam Luther von Wittenberg nach Eisleben, um einen Streit in der Mansfelder Familie zu schlichten, was ihm auch gelang. Da es ihm aber gesundheitlich nicht gut ging, blieb Luther in Eisleben, wo er am 14. Februar 1546 einen Gottesdienst abhielt. Während der Predigt erlitt Luther einen Schwächeanfall, so dass er die Predigt abbrach und nur noch eine „Vermahnung wieder die Juden“ verlesen konnte. Der Predigttext war aus Matthäus 11: „Kommt her zu mir (Jesus) alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Und welch ein Widerspruch, welch eine Konterkarierung der schönsten aller Jesus Worte m Neuen Testament, wenn Martin Luther nun der Gemeinde folgende Worte vorträgt: „Wollen sich die Juden zu uns [nicht „zu Jesus“] bekehren und von ihrer Lästerung, und was sie sonst getan haben, ablassen, so wollen wir  (dito) es ihnen gerne vergeben: wo aber nicht:, so wollen wir sie auch bei uns nicht dulden, noch leiden.“ (zitiert bei Andreas Pangnitz,  „Luthers Judenfeindschaft“).

Schon längst  hätte ich mich mit dem Antisemitismus des Dr. Dr. Martin Luthers intensiv beschäftigen müssen. Spätestens ab dem Zeitpunkt wo klar war, in welcher prunkvollen (Qualität) und ausführlichen (Quantität) Weise die evangelische und christliche Welt gedachte, den großen Reformator 500 Jahre nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen in Wittenberg zu feiern. Und nicht nur das Jahr 2017 sollte und musste für dieses „Hochamt“ herhalten, sondern die gesamten zehn Jahre zuvor wurden als „Jubeldekade für Luther“ ausgerufen und gefeiert. Das heißt, dieses Buch hätte schon vor zehn Jahren erscheinen sollen. Vielleicht aber waren die Zeit und auch ich dafür noch nicht reif.

Bei meinen ausführlichen Recherchen zu diesem vorliegenden Band tat sich mir im wahrsten Sinne des Wortes die „Hölle“ auf, so dass ich den Arbeitstitel des Manuskriptes immer wieder änderte und verschärfte. Luther schickte nicht nur das Hab und Gut der Juden seiner Zeit und darüber hinaus, sondern auch sie selbst – vom Kleinkind bis zum Familienvorstand – in das Feuer. Und das, was nicht brennbar war, sollte mit Sand zugeschüttet werden. Geistig behinderte Kinder und  Erwachsene waren für ihn nur ein „seelenloses Stück Fleisch“, das ebenso ins Feuer gehörte. So tat es denn auch Joseph Mengele 400 Jahre später, als er im Konzentrationslager Auschwitz ein gerade entbundenes Kind unter der Bettdecke der Mutter, die das Baby verbergen wollte, hervorzog, und direkt lebendig ins Feuer warf.

Sie alle – Juden und Behinderte – schrieb Luther dem Teufel zu, sie selbst alle waren für ihn Teufel. Das Wort  „Teufel“ benutzte Martin Luther  im Laufe seines Lebens sehr häufig. Und zwar all denjenigen gegenüber, die nicht mit seiner persönlichen theologischen, politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen d’accord gingen. Vom Juden, der sich nicht auf den „dreieinigen Gott“ taufen lassen wollte, sondern an dem Einen, an „G’tt Jahwe“ (Jehova ist eine falsch vokalisierte Übersetzung)  festhielt, über die Bauern samt ihrem Führer Thomas Müntzer, den Behinderten, bis hin zum Papst, waren sie alle – wie ich oben schon bemerkte – des Teufels Kinder und Teufel selbst, die auf das Ärgste und mit allen Mitteln zu bekämpfen und auszumerzen seien.

File:Leipziger-Disputation.jpg

„Beliebt ist der Hinweis darauf, dass die schlimmsten antisemitischen Ausfälle Luthers aus seinen letzten Jahren stammen, so dass man zwischen einem judenfreundlichen frühen Luther, dem eigentlichen Reformator, und dem alten, verbitterten Judenfeind unterscheiden müsse. Diese Erklärung läuft jedoch darauf hinaus, die Katastrophe psychologisierend zu verharmlosen.“ (Andreas Pangritz in „Luthers Judenfeindschaft“, Seite 1)

Die Relativierung und Verharmlosung eines – wie ich feststellen muss – bis heute tödlichen Virus’ ging mir einfach zu weit, und ich begann mit meinen Nachforschungen. Und wie gesagt. Es war wesentlich schlimmer als geahnt. Unter der Prämisse meines Ergebnisses,  hätte ein „Lutherjahr“ mit diesem „Jubelkonzept“ und eigener Briefmarke, niemals stattfinden dürfen. Und die davor liegende Dekade hätte vielmehr dazu genutzt werden sollen, nicht nur die Parallelität, sondern vor allem die Kausalität zwischen Luthers Antisemitismus’ und dem Holocaust“ herzustellen, es zuzugeben und aufzuarbeiten.

 Die Evangelische Kirche (DEK) damals, wie heute die EKD, hat es nie vermocht, sich von Luther und seinem Antisemitismus bei gleichzeitiger Anerkennung von großer Schuld, zu distanzieren. Luthers Verdammung der Juden fand nicht erst in seinen „letzten“ Jahren statt, sondern – wenn auch noch nicht so plakativ, offen und schonungslos wie 1543 – theologisch und christologische verpackt. Der EKD tut es vielmehr Genüge (Synode 2000), sich von dem Antisemitismus Adolf Hitlers und dem Versagen ihrer Kirche von 1932 (Reichstagswahlen im Juli und November) bis 1945 abzugrenzen, blendet jedoch aus, dass ohne Luthers Judenhass, den seine Kirche bereits in der Weimarer Republik weiter transportiert hatte, Hitler und die NSDAP niemals an die Macht gekommen wären, und somit die Shoa und der Holocaust gar nicht hätten stattfinden können.

 „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute  zu sehen beginnen.“  (Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, von Dietrich Eckart, München 1924; S. 34). Diese einst von Adolf Hitler geäußerte Ansicht war deckungsgleich mit der Sicht der Evangelischen Kirche während und zum Ausgang der Weimarer Republik. Martin  Luther war für sie ein  von Gott gesandter Jesus 2.0, und ebenso war es nun auch Adolf Hitler, der von Gott gesandt war,  um den Gläubigen den rechten Weg zu weisen und um das Deutsche Volk zu retten. Vor allem, die sich aus der Evangelischen Kirche rekrutierenden „Deutschen Christen“ (DC) sahen  Jesus – Luther – Hitler in einer Reihe.

Weiterlesen :     http://rath-aus-ravensburg.mozello.com/produkte/

Von Stefan Weinert © 2019 – Nachdruck und Vervielfältigung  – außer zur privaten Verwendung – jedweder Art nicht erlaubt. – Wiedergabe von Auszügen und Behandlung des Textes im Rahmen des Schulunterricht etc. nur mit Quellenangabe

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Grafikquellen        :

Oben       –

Artist

Deutsch: Luther, Martin; Reformator; 1483–1546.Reformatorengruppe (v. li. Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon).

Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach d. J. (ehem. Nordhausen, St. Blasius-Kirche).

Wittenberg, Lutherhaus.

Date 1927
References Cranach Digital Archive

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Unten        —        Die Leipziger Disputation kolorierter Holzschnitt 1557

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Impulse der Corona-Krise

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

für eine zukünftige linke Politik


 File:Drei-finger-regel-linke-hand.png

Quelle        :         Scharf  —   Links

Von Franz Schneider, Saarbrücken

Grundlegende Erkenntnisse, die sich aus der Corona-Krise aufdrängen, dürften vor allem linker Politik neue Impulse geben. Bei den anderen politischen Formationen bin ich da eher skeptisch.

Die Krise macht überdeutlich, dass eine Wirtschaft ein riesiges Kooperationssystem ist. Innerhalb der Marktwirtschaft funktioniert es sicherlich sehr produktiv nach dem Prinzip individueller Gewinn geht vor Gemeinwohl. Die Schwachen und die Armen fallen einfach durch den Rost. Die Corona-Krise zeigt nun, dass wir mehr als Kooperation brauchen. Wir brauchen eine Form der Zusammenarbeit, innerhalb der Menschen bereit sind, Verantwortung für das Gesamtgebilde Gesellschaft zu übernehmen. Nicht die Suche nach eigenen Vorteilen stellen diese Menschen in den Vordergrund, sondern den persönlichen Beitrag zum Allgemeinwohl. Sie haben verstanden, dass funktionierende Kooperation ohne die Kraft des Vertrauens und die Verantwortungsübernahme für einen anderen nicht möglich ist. Der Schwächere kann dem Stärkeren vertrauen, dass dieser ihm hilft, wenn er der Hilfe bedarf. Und ganz besonders, wenn er in eine solche Situation ohne eigenes Verschulden gerät.

Eine moderne Gesellschaft bedarf der wirtschaftlichen Kooperation. Auch Wirtschaften ist eine Form des Kooperierens. Seit Jahrzehnten erleben wir die weltweite Wirtschaft im Dauerzustand des Krisenmodus. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Kooperationskrise. Es fehlt die Bereitschaft zur Einsicht, dass es auch in der Wirtschaft stärkere und schwächere Teilnehmer gibt. Heiner Flassbeck1 weist immer wieder auf die sträfliche Missachtung der Leistungsbilanzgewichte zwischen unterschiedlich starken Volkswirtschaften aus makroökonomischer Perspektive hin. Ohne die Herstellung eines Ausgleichs zwischen Starken und Schwachen erzeugt jedes System Kollateralschäden mit unkontrollierbaren Auswirkungen.

Das Konkurrenz- und Wettbewerbsprinzip, dem das egoistisch handelnde Individuum zugrunde liegt, hat sich als unfähig erwiesen, dort ein System vertrauensvoller und verantwortungsvoller Kooperation herzustellen, wo der einfache Warentauschgedanke nicht mehr ausreicht. Weder verantwortungsvoll gegenüber dem sozial und finanziell Schwächeren, noch verantwortungsvoll gegenüber der Umwelt.

Ich möchte dies am Beispiel des Kredits verdeutlichen. Innerhalb wirtschaftlicher Kooperation ist der Kredit (in seinen vielfältigen Formen) ein ganz wesentliches Element. Der dem Kredit eigentlich zugrunde liegende Solidargedanke ist verschwunden hinter Gewinnerzielung und Besitzsteigerung. Deshalb bedarf der Kredit einer neuen Form der Kooperation. Hinter dem Wort Kredit verbirgt sich bei näherem Hinsehen ein geradezu paradoxales Verhalten. Kredit bedeutet „Vertrauen“. Die Wirtschaftsakteure „erinnern“ sich durchaus dieser Tatsache. Sie haben jedoch in ihrer Erinnerung die fundamentalen Voraussetzungen, die Vertrauen ausmachen, gelöscht. Mit Unterstützung der Rechtsprechung. Schauen wir uns an, wie der Vertrauens- und Verantwortungsbegriff in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem durch die Rechtsprechung pervertiert und systemkonform umfunktioniert wurde.

Kredit ist Kooperation auf Zeit. Durch den Kredit wird – theoretisch – eine verantwortungsvolle Vertrauensbeziehung zwischen zwei Menschen hergestellt. Der eine vertraut dem anderen eine schon erbrachte Leistung an, und der andere verspricht, dieses Vertrauen durch eine noch zu erbringende Leistung zu erwidern. Kredit kann vielfältige Formen annehmen. Wenn Eltern ihre Kinder aufziehen, dann ist das auch ein Kredit. Er kann, in welcher Form auch immer von den Kindern „zurückbezahlt“ werden. Kredit lässt sich eben nicht nur auf die Kategorie des Geldes reduzieren. Genau das geschieht im Kapitalismus. Geld kann aber nicht das Ziel des Kredits sein. GELD IST LEDIGLICH EIN MITTEL ZUR BEGLEICHUNG DES VERTRAUENSVORSCHUSSES.

Wir haben es mit einer Deformierung und Umfunktionierung des Vertrauensbegriffs zu tun. Man muss sich bewusst machen, dass der eigentliche Zweck des Kredits darin besteht, das „gute Leben aller“ zu erreichen. In der Kredit-Kooperation ist die Vertrauensbeziehung jedoch zu einer Geldbeziehung geworden. Kredit ist zu Geldkredit geworden. Mit der Zurverfügungstellung eines Darlehens oder den Zinseinnahmen und der Rückzahlung wird nur die Illusion des guten Lebens aller geschaffen. Diese Illusion muss zerstört werden, um die Dinge in der Kredit-Kooperation wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Möglich wurde das dadurch, dass aus dem Kredit eine privatrechtlich-vertragliche Angelegenheit und aus dem öffentlichen Gut „Geld“, das der Staat hoheitlich emittiert und garantiert, Privatgeld wurde. Der staatliche Gesetzgeber hat sich aus der Sinnbestimmung des Geldes zurückgezogen. Der arbeitslose Kreditschuldner bekommt diesen Rückzug des Staates in aller Härte zu spüren. Der Kreditgeber ignoriert die unverschuldete Notsituation des Schuldners. Er sieht seine Aufgabe durch die Vergabe des Kredits als schon erfüllt an. Die Funktion des Staates reduziert sich nur noch auf die des Sanktionierenden. Im Falle des Zahlungsverzugs kommt zuerst die Mahnung, dann der Gerichtsvollzieher, und schließlich schlägt die Zwangsvollstreckung brutal zu. Der Rückzug des Staats aus seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung lässt den Vertragsschwächeren allein zurück. Dieser ist ungeschützt dem Vertragsstärkeren ausgeliefert.

Das Übelste an der Sache ist, dass der zahlungsunfähige Schuldner moralisch diskreditiert wird. Die Vertragsgleichheit wird zwar im privatrechtlichen Vertrag aufrechterhalten. Die tatsächlich schwächere Position des Kreditnehmers ist jedoch das Ergebnis einer Umfunktionierung des Risikos. Aus einem objektiven Kreditrisiko wurde eine subjektive menschliche Schwäche konstruiert. Aus einem Schuldner ist ein Schuldiger geworden, wenn er seinen Kredit nicht mehr bedienen kann.

Kreditgeber und Gerichte haben die eigene Verantwortung für die Verwertung des Geldes ausgelagert und zu einer Informationspflicht des Kreditnehmers herabgewürdigt. Diesem wird die Aufgabe übertragen, Unverantwortliches im Bankenverhalten zu erkennen. Womit er schlichtweg überfordert ist. Es ist ein Leichtes, ihm „nachzuweisen“, dass er sich nicht richtig informiert habe.

Ob die Hinderungsgründe für die Zahlung selbst verschuldet wurden oder ob sie ohne eigenes Zutun eingetreten sind (Kündigung der Arbeit, Krankheit, Tod des Partners etc.) spielt keine Rolle. Traurige Konsequenz dieses Kreditsystems ist, dass die Diskriminierung des Kreditempfängers umso stärker ist, je riskanter seine Zahlungskraft angesehen wird, aber auch je weniger er in der Lage ist, das Informationsangebot intellektuell zu bewältigen. Hier fällt einem schnell der Konsum(enten)kredit ein, häufigste Ursache der privaten Verschuldung.

Die Subjektivierung der Schuld unter dem Deckmantel der Eigenverantwortung entbindet die Bank davon, sich mit diesen „Störungen“ der Geldbeziehung zu befassen. Zur Klarstellung sei gesagt, dass Eigenverantwortung selbstverständlich menschliches Handeln bestimmen muss. Es wird aber dann problematisch, wenn sich die Verantwortung für etwas dem persönlichen Verantwortungsbereich entzieht. Halten wir also fest: In einem Finanzsystem, das in seiner logischen Konsequenz auf ein individualistisches Tauschsystem ausgerichtet ist, das soziale Not als Kreditrisiko verwettet, braucht man das Risiko nicht mehr zu verstehen. Es wird nicht mehr verhandelbar gemäß dem Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Die Kritik am Kreditystem muss aber noch tiefer ansetzen, um an den Kern des Problems zu gelangen. Weder gute Beratung, noch gute Informiertheit genügen, um die gesellschaftsschädlichen Auswirkungen des Kredits wirksam zu entschärfen. Denn sowohl beim Beratungsmodell als auch beim Informationsmodell bewegen wir uns im Rahmen einer Verhaltensaufsicht. Diese kann nicht verhindern, was schon vorher bei der Konstruktion der Kreditprodukte zum Schaden des Kreditnehmers „übersehen“ wurde. An Wucher grenzende Zinsen beim Dispositionskritik, windige und teure Restschuldversicherungen, ungerechtfertigt hohe Vorfälligkeitsentschädigungen sind Auswüchse, die schon durch die der Verhaltensaufsicht vorgelagerte Bankenaufsicht (BaFin) hätten beseitigt werden müssen. Forderungen einer linken Politik – von anderer Seite werden sie kaum erhoben werden – müssen immer wieder in diese Richtung zielen.

Die in der Korona-Krise zu beobachtenden Stundungen von Kreditzahlungen verdeutlichen zumindest eines. Der Kredit ist immer ein Kooperationsversuch. Er verbleibt aber in all diesen Fällen auf der Stufe eines Almosens. Das reicht nicht. Die Forderungen bleiben ja bestehen. Wir werden erleben, wenn die aufgelaufenen Forderungen beglichen werden müssen, dass der Kreditmarkt die Not der Schuldner systematisch ausbeutet. Was also ist zu tun?

Das Fehlverhalten der Banker muss wieder juristisch (an)greifbar werden. Denn der Betrugsvorwurf ihnen gegenüber entfaltet praktisch keine Wirkung mehr. Er macht sich unangreifbar hinter der juristischen Person (das Bankunternehmen), in deren Auftrag er handelt. Und für die gilt wiederum das finanzsystemkonforme Verhalten als oberste Maxime. Auch die Gerichte scheinen das mittlerweile so zu sehen. Der Vorwurf der Untreue, der für das Fehlverhalten des Bankers noch übrigbleibt, bewahrt ihn vor einer wirksamen Strafe und endet entweder in einer mühelos bezahlbaren Geldstrafe, wenn überhaupt, oder in einem Freispruch.

Wir haben uns weit entfernt von einem Vertrauensbegriff, der genährt wird von der gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme für persönliche Notsituationen, die den Rahmen der Eigenverantwortung übersteigen. Die Krankenschwester, die den Banker als Corona-Patienten gesundgepflegt hat, hat aber genau das getan. Wir haben uns entfernt von der Verantwortungsübernahme des Stärkeren für den Schwächeren. Der durch äußere nicht von ihm zu vertretene Umstände zahlungsunfähig gewordene Kreditnehmer wird alleine seinem Schicksal überlassen.

Wenn unsere Gesellschaft aus dem Dauerkrisenmodus, d.h. aus der umeltzerstörenden, soziale und menschliche Beziehungen zerstörenden Logik herauskommen will, dann muss sie ihr Verhältnis zu Kredit und Zinsen neu bestimmen. Wir müssen begreifen, dass die großen Probleme, die uns alle betreffen werden, nur zu lösen sein werden, wenn wir alle solidarisch miteinander kooperieren. Und das heißt wiederum, dass wir die historische Fehlannahme einer Möglichkeit endlosen Wachstums über Bord werfen müssen2. Funktion und Handhabung des Kredits in einem solchermaßen „geläuterten“ Wirtschaftsmodell müssen von Grund auf neu bestimmt werden.

Um die angestrebten Veränderungen hin zu einem kooperativen Wirtschaftsmodell zu bewerkstelligen, reichen auch solche Vorschläge nicht aus, wie sie etwa Thomas Piketty („Das Kapital“) macht. Seine Vorschläge zur Umverteilung des Geldvermögens sind zwar dringend notwendig, sie reichen aber nicht aus, um aus der Wachstumsspirale herauszukommen. Sie verlagern nur die Möglichkeiten von Konsumtion und Reinvestition bestimmter Bevölkerungsteilen zu anderen Bevölkerungsteilen.

Welche Möglichkeit bleibt also? Die Antwort von Udo Reifner3, auf dessen Überlegungen sich dieser Artikel stützt, lautet folgendermaßen: „Die Diskussion um arm und reich gehört in die Realwirtschaft. Dort wird am leichtesten zu begreifen sein, dass in einer kooperativen Wirtschaft jede Arbeitskraft zählt und zwar unabhängig von der individuellen Leistungsfähigkeit, wenn nur der Beitrag des einzelnen für das Ergebnis des Kollektivs wichtig ist und der individuell Arme zum Reichtum der Gruppe wird. Die Menschheit würde einen großen Schritt nach vorne machen, wenn sie die Diskussion von reich und arm vom Geldschleier befreien und sich auf die Teilhabe aller an Arbeit, wirtschaftlicher Gestaltung, Bildung, Gesundheit, Kultur u.a.m. konzentrieren würde. Reichtum wäre dann Ausdruck des Anvertrauens von Mitteln der Wirtschaft einer Gesellschaft, die so zu benutzen sind, dass es »zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dient«. (Art. 14 GG)“ (Bd 2, S. 74)

1) Heiner Flassbecks Positionen zur privaten Geldschöpfung, zur Geldschöpfung der EZB, zu den Zielen von Nachfrage und zur Wachstumslogik bedürfen aus meiner Sicht einer kritischen Hinterfragung.

2) Beispielhaft sei hier auf Helge Peukert (2013, 5. Aufl.) verwiesen: Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise, S. 607.

3) Udo Reifner (2017) Das Geld

Band 1: Ökonomie des Geldes – Kooperation und Akkumulation

Band 2: Soziologie des Geldes – Heuristik und Mythos

Band 3: Recht des Geldes – Regulierung und Gerechtigkeit

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Author Alexander Fuf

 

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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

Trump, Spargel, Querfronten

Roter Faden Hannover rote Zusatzmarkierung.jpg

Durch die Woche führt Johanna Roth

Ich habe mir immer schon gerne vorgestellt, wie es wäre, wenn ich in der Zeit zurückreisen und einem früheren Ich von der Gegenwart berichten könnte. Wo ich inzwischen lebe, in wen ich mich verliebt habe (und wer sich in mich), was ich alles gelernt habe und was sich als vollkommen überflüssig erweisen wird (ein Abschluss in Politikwissenschaft).

In letzter Zeit spiele ich dieses Spiel immer öfter und mit zunehmender Ernsthaftigkeit. Nicht nur, weil ich plötzlich sehr viel Zeit zum Nachdenken habe. Ich bilde mir zumindest ein, dass die Gegenwart leichter zu verstehen ist, wenn man sie sich vorstellt, als gäbe es sie noch gar nicht.

Also erzähle ich dem früheren Ich: „Stell dir mal vor, auf den Straßen wären plötzlich viel weniger Menschen unterwegs als sonst. Und die, die unterwegs wären, trügen alle Masken vorm Mund wie auf diesen Fotos aus der U-Bahn in Tokio. Als wäre es ein hervorragend inszenierter Flashmob, nur dass er nicht inszeniert ist, weil eine ansteckende Viruserkrankung sich auf der ganzen Welt verbreitet, gegen die es noch keinen Impfstoff und keine Medizin gibt. Stell dir vor, alle Restaurants wären geschlossen, und Berlin wäre ab acht Uhr abends stiller als das niedersächsische Kaff, in dem du aufgewachsen bist.

Stell dir mal vor, in Frankreich dürften die Menschen nur mit Passierschein raus, und in Spanien wären alle Kinder wochenlang zu Hause eingesperrt. Stell dir mal vor, in New York würden sie Leichensäcke in Kühllastern stapeln, weil die Menschen einfach zu schnell und zu zahlreich sterben, und in Michigan würde ein Sicherheitsmann erschossen, weil er eine Kundin auf die Maskenpflicht im Supermarkt aufmerksam gemacht hatte.

Stell dir mal vor, der amtierende US-Präsident würde dazu anregen, Desinfektionsmittel zu trinken und schwerbewaffnete Protestierende, die in den Amtssitz einer Gouverneurin eindringen, noch anfeuern. Stell dir mal vor, binnen acht Wochen wären über 36 Millionen Menschen in den USA arbeitslos geworden, und anstatt ewigen Wachstums hätten wir plötzlich hier wie dort ein schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt. Eine Weltwirtschaftskrise, vermutlich noch heftiger als die vor einem Jahrhundert, was wiederum alle politischen Zukunftsängste, die man angesichts von Rechtspopulisten im Parlament so haben könnte, eher noch befeuern dürfte.

Hypnotoad (5919725708).jpg

Stell dir vor, die Deutschen würden derweil darüber diskutieren, wer ihnen jetzt den Spargel erntet, den sie pünktlich zum Frühsommer auf ihrem Teller erwarten: Osteuropäische Erntehelfer*innen, von denen dann halt mal einer stirbt? Studierende, die plötzlich keinen Job mehr haben, dafür aber gern einen zinsfreien KfW-Kredit aufnehmen dürfen? Stell dir vor, der Bundesarbeitsminister wollte bei den prekären Arbeitsbedingungen von Schlachthofbeschäftigten so richtig,aufräumen‘, denn es könne nicht sein,,dass da Menschen ausgebeutet werden aus Mittel- und Osteuropa‘, stell dir aber auch vor, dass ihn das in diesem Ausmaß erst umtreiben würde, wenn eine Coesfelder Fleischfabrik schließen müsste, in der sich 260 Arbeiter*innen mit dem Virus infiziert hätten.

Quelle       :         TAZ       >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben        —       Roter Faden in Hannover mit beschriftetem Aufkleber als Test für einen möglichen Ersatz des auf das Pflaster gemalten roten Strichs

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DL – Tagesticker 19.05.2020

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

Direkt eingeflogen mit unseren Hubschrappschrap

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Haben sich die Volksverdummer aus den „Oberen Etagen“ nicht schon immer für etwas Besseres gehalten ? Wären der Anstand nicht viel wichtiger als der Abstand? Aber so etwas werden Menschen welche aus den schmutzigsten Gossen entstammen, nie lernen, wenn es nicht von Kindheit an, Teil ihrer Erziehung war und für die selbsternannte Nomenklatura schon immer als Luxusware gehandelt wurde. 

Ohne Maske, ohne Abstand

1.) Politiker-Fehltritte in der Corona-Krise

Abstand halten, Maske tragen und trotz der Lockerungen nicht leichtsinnig werden – die Vorgaben der Politik sind eindeutig, doch auch nach knapp zwei Monaten im Corona-Ausnahmezustand fällt es den wenigsten leicht, sich daran zu halten.  Täglich geht die große Mehrheit der Politikerinnen und Politiker mit gutem Beispiel voran. Ab und zu passiert ihnen aber doch ein Fauxpas, der zeigt, dass die Situation auch für sie gewöhnungsbedürftig ist. JENS SPAHN: Offenbar fällt es selbst dem Gesundheitsminister nicht immer leicht, Distanz zu wahren. So auch Mitte April, als ein Foto des CDU-Mannes gemeinsam mit anderen Politikern in einem vollen Aufzug eines Gießener Krankenhause für Aufsehen sorgte. Spahn sagte im Nachhinein einsichtig, selbst wenn man Mundschutz trage, sei es wichtig, Abstand zu halten. Alle hätten sich vorgenommen, nicht gleichzeitig in den Aufzug zu steigen – «und dann passiert es halt manchmal doch». Es seien genau die Dinge des Alltags, «wo wir eben alle miteinander die nächsten Wochen und Monate diszipliniert bleiben müssen». CHRISTIAN LINDNER:

Zeit-online

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Vom Kurzen Söhnchen aus Österreich ist auch schon  Widerspruch gegen Väterchen Macron und seiner alternden Deutschen Diva laut geworden! Die Rosinenpickerei der Reichen hat begonnen und der Süden wird zu spät realisieren das in der Wirtschaft von der Politik, noch nie Geschenke verteilt wurden !

Merkel-Macron-Plan:

2.) Der Süden frohlockt, der Norden blockt

Um notleidenden EU-Staaten nach der Corona-Krise aufzuhelfen, wollen Deutschland und Frankreich ein europäisches Hilfspaket mit einem Volumen von 500 Milliarden Euro schnüren. Wenn es nach Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geht, soll es dafür eine massive Schuldenaufnahme über den EU-Haushalt geben.Krisenstaaten wie Italien oder Spanien könnten Zuschüsse bekommen. Merkel sagte am Montag, dies sei eine „außergewöhnliche, einmalige Kraftanstrengung“ – Berlin hatte sich lange gegen gemeinsame Schulden über den EU-Haushalt gesträubt. Coronabonds lehnt Merkel nach wie vor ab.

Sueddeutsche-Zeitung

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Nicht nur Journalisten – auch Bürger-Innen. Besonders dann wenn sie der Willkür aus Parteien durch entsprechende Besetzungen der Richterposten ausgesetzt sind !

Klage gegen BND-Gesetz:

3.) „Journalisten sind schutzbedürftig“

Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen erklärt, warum sich Journalisten gegen weltweite Überwachung durch den Bundesnachrichtendienst wehren.

taz: Herr Mihr, warum klagen gerade Journalisten gegen das BND-Gesetz? Zielt Überwachung durch den Bundesnachrichtendienst besonders auf Medienleute?

Christian Mihr: Nein, die anlasslose Überwachung der globalen Internetkommunikation durch den BND kann jeden im Ausland treffen. Journalisten sind aber besonders schutzbedürftig.

Weshalb?

Weil Journalisten darauf angewiesen sind, dass sie vertraulich mit ihren Quellen kommunizieren können. Der Schutz von vertraulichen Informanten gehört zum Kern der Pressefreiheit.

Können die Kläger nachweisen, dass sie vom BND überwacht wurden?

TAZ

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Wer ist denn ein Freund von Rechts- oder Links- Populisten ? Alles wiederholt sich aber im Laufe der Jahre ! Bei den Grünen in den 70-gern, den Linken in den 05-ern und jetzt bei der AfD. Ist der Spruch von  Martin Niemöller  zu den Nazis schon wieder in Vergessenheit geraten ? Könnte vielleicht alles,  was den Etablierten entgegen spricht, auch ein Gegner von Demokratie sein,  wie sie von echten Demokraten gewünscht wird? Lässt sich dieses Land nicht ganz sacht in eine Ein-Parteien-Regierung schaukeln ?

„Letzte Wort ist nicht gesprochen“:

4.) Nach Kalbitz-Rauswurf eskaliert Streit in AfD

Freitagabend wurde die Parteimitgliedschaft von Andreas Kalbitz durch den AfD-Bundesvorstand beendet. Nach viel Kritik an dieser Entscheidung aus den eigenen Reihen verteidigt der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen den Rausschmiss: „Wir müssen geschlossen stehen, wir müssen aber eine klare Abgrenzung zu rechtsextremen Positionen haben.“ Der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen hat die Beendigung der Parteimitgliedschaft des Brandenburger Landes- und Fraktionschefs Andreas Kalbitz verteidigt. Der Vorstand habe eine intensive Diskussion auf Basis der Aktenlage geführt, sagte Meuthen am Samstag im RBB-Inforadio. Dies sei keine politische Diskussion gewesen, „sondern eine rechtliche über die Frage, ob die Mitgliedschaft nichtig gestellt werden muss, weil bei der Parteiaufnahme wichtige Tatsachen verheimlicht wurden“.

Focus

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Das Verfassungsgericht korrigiert die politischen Schwätzer :

Bundesverfassungsgericht entscheidet

5.) BND-Gesetz zur Auslandsüberwachung verstößt gegen Grundrechte

Das Bundesverfassungsgericht gibt einer Klage gegen das BND-Gesetz statt. Die geltenden Vorschriften zur Auslandsüberwachung seien unzureichend. Der Bundesnachrichtendienst (BND) muss seine Kommunikationsüberwachung im Internet besser kontrollieren lassen. Das hat das Bundesverfassungsgericht am Dienstag entschieden und damit den Verfassungsbeschwerden unter anderem von Reporterinnen und Reportern aus dem Ausland stattgegeben. Der BND arbeitet als Auslandaufklärung für die Bundesregierung und Parlamentarier und hat seinen Sitz in Berlin. Verschiedene Bestimmungen zur Regelungen der Internet-Aufklärung sind nach den Worten des Gerichtspräsidenten Stephan Harbarth nicht mit den Grundrechten vereinbar. Die Vorschriften gelten jedoch vorübergehend weiter bis längstens zum 31. Dezember 2021. Die Regelungen seien sowohl formell wie inhaltlich verfassungswidrig, sagte Harbarth bei der Urteilsverkündung. Auch Ausländer im Ausland seien durch das deutsche Grundgesetz geschützt.

Tagesspiegel

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Die SPD – das unerkannte Sozialwesen verteidigt den Staatsfunk !

Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen

6.) SPD-Politiker warnt CDU vor Nein zur Erhöhung der Rundfunkgebühren

Unionspolitiker haben gegen die Erhöhung des Rundfunkbeitrags protestiert. Nun macht sich die SPD für den neuen Beitrag von 18,36 Euro stark – und warnt die CDU davor, gemeinsam mit der AfD zu stimmen. Die SPD hat die CDU davor gewarnt, die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrages gemeinsam mit der AfD in einem oder mehreren Landtagen scheitern zu lassen. „Die Abstimmung über den Rundfunkbeitrag wird in allen Ländern ein Lackmustest dafür werden, wie ernst es der CDU mit der Abgrenzung ist“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, der „Saarbrücker Zeitung“. Einige CDU-Landesverbände in Ostdeutschland „wackeln schon längst in Richtung AfD“, warnte der SPD-Politiker.
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Was wir* über den Koch der Köche wissen und (vor allem) was nicht.

7.) Paul Bocuse – das muss kesseln!

Hände wie Bratpfannen und ein Herz so groß wie das Elsass: das war Paul Bocuse, der Zeit seines Lebens eine eiskalte Konkurrenz mit seinem älteren Bruder Paul Bofrost pflegte. Um sich von dessen Konzept der proletarischen Massenversorgung mit vorgefertigter Kost abzugrenzen, kreierte er Nobelgerichte wie „Reiche Ritter“, „Richtiger Hase“ und „Goldener Löffelbiscuit“. Aufsehen erregte er 1964, als er im Gastronomenjournal „L’appétite petite“ vorschlag, eine weitere Strophe für „Wir lagen vor Madagaskar“ zu texten. Nach anfänglichem Zuspruch („Klasse Idee! Kochmütze ab, Monsieur Bocuse!“, „wollte das gute Lied schon immer mal weitersingen als die bisherigen läppischen 3 Strophen“) wurden mit der Zeit die kritischen Stimmen lauter („schon angefangen mit der Betextung?“ „Was dürfen wir denn jetzt beim Rühren, Backen, Kneten weiter vor uns hinträllern?“) und führte letztlich zu bitterer Ablehnung in der Gastro-Szene („kein Interesse mehr“, „konnte Seemannslieder noch nie leiden“, „Schande für Zunft“). Heute ist seine Idee einer zusätzlichen Strophe nahezu vergessen.

Titanic

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Anregungen nehmen wir gerne entgegen

Treu unserem Motto: Es gibt keine schlechte Presse, sondern nur unkritische Leser

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