DEMOKRATISCH – LINKS

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RENTENANGST

Archiv für Juni 2nd, 2018

Kolumne – MACHT –

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

Ukrainisches Schmierentheater

Maischberger - 2016-12-14-7439.jpg

Autorin : Bettina Gaus

Die Inszenierung des Mordes am russischen Journalisten Arkadi Babtschenko ist widerlich. Sie schadet vor allem politischen Gefangenen weltweit.

Selbstverständlich lügen Geheimdienstler, das ist ihr Job. Auch Regierungen lügen, sogar demokratisch gewählte, oder zumindest einige ihrer Mitglieder. Deren Job ist das allerdings nicht. Unter anderem deshalb bestand bislang weltweit Einigkeit darüber, dass es besser ist, sich beim Lügen nicht erwischen zu lassen. Jedenfalls war das in den letzten paar tausend Jahren so. Gerade ändert sich das offenbar.

Stolz wie Bolle präsentierte sich der vermeintlich ermordete russische Journalist Arkadi Babtschenko auf einer Pressekonferenz. Hach, was ist ihm und seinen Mitverschwörern da für ein Coup gelungen! Schuljungen können nach einem erfolgreichen Streich nicht glücklicher sein. Erstaunlich, dass Babtschenko und ukrainische Regierungs- und Geheimdienstvertreter sich nicht öffentlich auf die Schenkel geschlagen haben.

Angeblich war das Schmierentheater der einzige Weg, den Täter und die Hintermänner eines Mordkomplotts gegen den regimekritischen Journalisten dingfest zu machen. Ob das stimmt und ob es dieses Komplott überhaupt gab, das kann die Öffentlichkeit nicht beurteilen. Anderes kann sie beurteilen.

File:Arkadiy Babchenko.jpg

Zum Beispiel: Der Kreml wird es künftig leichter haben als bisher, Vorwürfe zurückzuweisen. Jedem Foto eines ermordeten Regimekritikers kann künftig die Aufnahme des angeblich getöteten Babtschenko entgegen gehalten werden. Das gilt übrigens nicht nur für Russland.

Haben Babtschenko und die mit ihm verbündeten Idioten – Entschuldigung, ich habe lange nach einem weniger umgangssprachlichen Ausdruck gesucht, aber mir ist keiner eingefallen – , haben diese Idioten wenigstens zwei Minuten darüber nachgedacht, dass es Tausende von Familien gibt, die nach verschwundenen Angehörigen suchen? Fast überall auf der Welt? Denen jetzt höhnisch gesagt werden wird, dass diese sich vermutlich an einem karibischen Strand sonnen – und nicht etwa getötet wurden oder in einem Kerker schmachten?

Quelle    :     TAZ        >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen    :

Oben   —     Maischberger, Sendung vom 14. Dezember 2016. Produziert vom WDR. Thema der Sendung: „Wutbürger gegen Gutmenschen: Verliert die Demokratie?“ Foto: Bettina Gaus („taz“-Journalistin)

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Algorithmen ohne Kontrolle

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

Der Handel mit persönlichen Daten zerstört Existenzen

File:Fsa09, Datenkrake.jpg

Ein Plädoyer für strikte Regulierung

von Frank Pasquale

Ein Datenhändler hat das Leben von Catherine Taylor aus dem US-Bundesstaat Arizona auf den Kopf gestellt. Das Unternehmen ChoicePoint, eine der vielen tausend Firmen, die Konsumentendaten sammeln und verkaufen, verzeichnete fälschlich eine Strafanzeige wegen „Herstellung von Methamphetaminen mit Verkaufsabsicht“ in Taylors Datendossier. Das digitale Stigma verfolgte Taylor, wenn sie sich um Jobs bewarb, und schreckte Arbeitgeber ab. Sie erhielt nicht einmal mehr einen Kredit für eine neue Waschmaschine.

ChoicePoint korrigierte zwar den Fehler, nachdem die Firma darauf hingewiesen worden war, aber viele andere Unternehmen, an die ChoicePoint Taylors Daten weiterverkauft hatte, taten dies nicht. Catherine Taylor zog schließlich sogar vor Gericht. Die unkontrolliert herumschwirrenden falschen Daten raubten ihr die Nerven. „Ich kann doch nicht dauernd den Wachhund spielen“, klagte sie gegenüber dem Reporter der Washington Post, der über ihre Geschichte berichtete.1 Nachdem die Fehlinformation aufgetaucht war, dauerte es über vier Jahre, bis Taylor einen Job fand, aber eine neue Wohnung bekam sie nicht. Schließlich zog sie ins Haus ihrer Schwester. Der ganze Stress habe ihre Herz­pro­bleme verschlimmert, sagt sie.

Auf eine Catherine Taylor, die immerhin wusste, dass ihre Daten sie verleumdeten, kommen Tausende, die keine Ahnung davon haben, dass sie digitalem Stalking und Profiling ausgesetzt sind. Dieselben Firmen, die ausgeklügelte Algorithmen verwenden, um zu überwachen und zu manipulieren, berufen sich auf das Geschäftsgeheimnis, wenn sie Auskunft geben sollen.

Journalisten und Whistleblower ermöglichen dennoch immer wieder Einblicke in die Blackbox der neuen Digitalwirtschaft. Ihnen sind die schockierenden Enthüllungen über Facebook und Cambridge Analytica zu verdanken, die weltweit die Aufmerksamkeit auf den Umgang mit Daten gelenkt haben.

Die Politiker, die an neuen Datenschutzgesetzen arbeiten – oder zumindest daran, vorhandene Bestimmungen besser durchzusetzen –, brauchen aber auch eine mentale Orientierungshilfe, wenn sie mit den riesigen Dateninfrastrukturen konfrontiert sind. Beim Gang durch dieses Labyrinth ist es hilfreich, sich zunächst grundsätzlich vor Augen zu führen, dass die Firmen personenbezogene Daten sammeln, diese analysieren, um Schlüsse zu ziehen, und schließlich die Analysen verwenden, wenn sie Entscheidungen fällen müssen. Dabei wirft jede dieser Etappen spezifische Probleme auf.

Wenn Bürgerinnen und Bürger Einsicht erhalten in die digitalen Dossiers, die Google und Face­book über sie angelegt haben, erleben sie unangenehme Überraschungen: Sie stoßen dann nämlich auf viele Stunden Videomaterial, intime Chats und Bilder, die sie vermeintlich schon lange gelöscht haben, die aber vollständig und dauerhaft in Archiven gespeichert sind. Auch minutiöse Bewegungsprofile tauchen auf. Über Smartphones mit dem Betriebssystem Android hat Google zudem klammheimlich Anruferdaten gesammelt. Da die Sensoren von Mobiltelefonen immer besser werden, könnten die Internetkonzerne versucht sein, immer noch mehr Informationen zu fischen. Am Ende steht ein lückenloses Profil, das die wunden Punkte, Wünsche, Schwächen und womöglich dunklen Geheimnisse der betreffenden Person enthüllt.

Für Firmen ist es ein Leichtes, Listen mit Menschen zu erstellen, die ständig Diät halten oder die „neurotisch“ oder „hilfsbedürftig“ sind. Der Vizepräsident eines Unternehmens aus der Gesundheitsbranche sagte einmal: „Anhand von Kreditkartendaten, der Angabe darüber, was für ein Auto jemand fährt, und von noch ein paar anderen Hinweisen zum Lebensstil ergibt sich für uns eine sehr genaue Vorstellung davon, ob die betreffende Person das Krankheitsbild hat, nach dem wir suchen.“

Üblicherweise erfährt die Öffentlichkeit von dieser Datensammelei nur dann, wenn Unternehmen unbeabsichtigt etwas preisgeben. Eine US-Firma schickte einmal aus Versehen ein Schreiben an „Mike Seay, Tochter gestorben bei einem Autounfall“. Seays Tochter war tatsächlich knapp ein Jahr zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Warum aber diese Information für Werbetreibende von Interesse sein soll, bleibt der Fantasie überlassen. Das Unternehmen sagt jedenfalls nichts dazu. Es gibt auch nicht preis, woher es die Information hat. Datenhändler können ihre Kunden vertraglich verpflichten, sie nicht als Quelle zu nennen.

Datensammler, -analytiker und -händler verhökern manchmal nur harmlose Informationen, zugleich aber haben sie auch ein gänzlich neues Niveau erreicht, wenn es um das Aufstellen zynischer Klassifizierungen geht. So wurden Listen von Menschen erstellt, die Opfer sexueller Übergriffe geworden sind oder von anderen willentlich mit sexuell übertragbaren Krankheiten angesteckt wurden. Es gibt Listen von Menschen mit Alzheimer, Demenz und Aids, Listen von Impotenten und Depressiven. Diese werden üblicherweise für ein paar Cent pro Name verkauft – meistens an Werbetreibende, zunehmend aber auch an Finanzinstitute, die potenzielle Kunden durchleuchten wollen, und Arbeitgeber, die mehr über Stellenbewerber erfahren wollen.

Je weiter die Privatsphäre der Einzelnen schrumpft, desto verschwiegener werden auch diese zwielichtigen Meister der industriellen Datensammlung und Datenauswertung. Der Staat sollte daher verlangen, dass Unternehmen offenlegen müssen, was sie über Personen speichern. Er sollte den Einzelnen auch die Möglichkeit geben, den Firmen die Sammlung nur bestimmter Daten zu untersagen, anstatt lediglich Alles-oder-nichts-Vereinbarungen vorzuschreiben. Nutzer wollen beispielsweise vielleicht nicht, dass Facebook eine vollständige Übersicht über ihre Krankenhausaufenthalte besitzt. Facebook an der Sammlung solcher sensiblen Informationen zu hindern, würde das Vertrauen der Nutzer stärken.

Die Aufsichtsbehörden sind bereits dabei, sich ein Bild von diesen Praktiken zu machen; doch der Handel mit Gesundheitsdaten ist schwer zu überblicken, da Millionen digitaler Akten verschlüsselt und per Mausklick verschickt werden. Vielleicht lassen sich Spuren von Datenverkäufen finden, aber was, wenn die Transaktionen per Handschlag abgewickelt werden? Für die Behörden ist es schon schwer, Unternehmen in der analogen Welt zu kontrollieren; die Ausbreitung von Datenfirmen überfordert sie vollends. Solange diese nicht verpflichtet sind, zu dokumentieren, woher ihre Daten stammen und wohin diese gehen, kann man sich weder einen Eindruck vom Umfang des Datenmissbrauchs verschaffen noch gegen illegale Transfers vorgehen.

Der Gesetzgeber sollte verbieten, dass bestimmte Informationen ohne ausdrückliche Erlaubnis weitergegeben werden, und dieses Verbot auch durchsetzen. Ein positives Beispiel in dieser Hinsicht ist die Praxis in vielen US-Bundesstaaten, in denen Arbeitgeber Beschäftigte und Bewerber nicht nach den Passwörtern für ihre Konten in sozialen Netzwerken fragen dürfen. Aber was, wenn Jobsuchende die Passwörter freiwillig preisgeben, weil sie sich davon einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern erhoffen? Dann bleiben all jene auf der Strecke, denen ihre Privatsphäre wichtig ist, weil die Unternehmen womöglich Anwärter bevorzugen, die unbegrenzt Einblicke in alle Bereiche ihres digitalen Lebens gewähren, unabhängig davon, wie die Rechtslage aussieht.

File:Datenkrake.jpeg

Das Sammeln von Informationen steht allerdings nur am Beginn des gesamten Datenschutzproblems. Firmen analysieren nämlich die Daten auch und ziehen Schlüsse aus diesen Analysen. Die Soziologin Mary Ebeling beispielsweise hatte am Anfang einer Schwangerschaft, die mit einer Fehlgeburt endete, online ein paar Formulare ausgefüllt. Während sie noch trauerte, bombardierten Unternehmen sie mit Werbung für Babyprodukte. In zahllosen, nicht nachvollziehbaren Datenbanken war sie als junge Mutter registriert. Sie schrieb ein Buch darüber, wie sie versuchte herauszufinden, wie ihre Privatsphäre in Sachen Gesundheit verletzt worden war – aber es gelang ihr nicht, dem Ursprung der Werbesendungen und Anzeigen auf den Grund zu gehen, die sie noch Jahre nach der Fehlgeburt erreichten.

Wieder andere Algorithmen entscheiden über den Ruf von Personen als Kreditnehmer, Studierende, Mieter und Beschäftigte. Viele Kreditvermittler im Netz arbeiten heute mit Daten, die bisher nicht bei der Vergabe von Darlehen an Konsumenten und Kleinunternehmen verwendet wurden. Ein Bericht von Privacy International zeigte kürzlich, dass Finanzdienstleister, die digitale Technologien einsetzen – sogenannte Fintechs –, bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Kunden bereits folgende Faktoren berücksichtigen: politische Aktivitäten, Telefongespräche und Chats, von dem Kunden auf dem Smartphone installierte Apps, Standortdaten und ausgefüllte Formulare.

Außerdem entwickeln selbstlernende Systeme immer weitergehende Methoden, um die Kreditwürdigkeit oder Faktoren, die diese beeinflussen, zu bewerten. In einem kürzlich veröffentlichen Paper wird behauptet, dass es möglich sei, allein aus den Gesichtszügen einer Person auf ihre Neigung zu Kriminalität zu schließen. Forscher, die sich mit maschinellem Lernen beschäftigen, treffen mittlerweile auch Aussagen über die sexuelle Orientierung und Gesundheit einer Person allein anhand ihres Porträtfotos – und ein solches ist über Google oder Facebook leicht zu beschaffen.

Quelle    :    Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle    :

Oben   —     Plastische Darstellung eines Datenkraken (Spannweite ca. 18 Meter) auf der Demonstration „Freiheit statt Angst“ 2009. Gebaut und koordiniert von dem Künstler Peter Ehrentraut für den FoeBuD e. V. (seit 2012: Digitalcourage e. V.

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Unten   —   Die Datenkrake Octupus Observationis Schaeublii namens „Otto“ auf der Demonstration „Freiheit statt Angst“ des Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung in Berlin am 22. September 2007. Gebaut von Peter Ehrentraut für den FoeBuD e. V.

Source http://graph-ix.net/images/misc/ak-vorrat/demo-berlin/index.html
Author Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung

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Das Recht auf Wohnen

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

Wir sind alle Wilhelm-Raabe-Straße 4

File:Photo Flug Heslach Hasenberg.JPG

Von Minh Schredle

Weil sich reiche Immobilieneigner um ihren Profit sorgen, setzt der Staat zwei junge Familien auf die Straße. Mit einem Großaufgebot räumten Polizei und Gerichtsvollzieher am Montagmorgen die Wilhelm-Raabe-Straße 4 in Stuttgart-Heslach.

Wehret den Anfängen“, zitiert die dpa den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU), der am Montagmittag routiniert in die Phrasenkiste griff. Wieder einmal darf und wird es in Baden-Württemberg keine „rechtsfreien Räume“ geben, und „da haben wir heute in Stuttgart ein klares Zeichen gesetzt.“ Tatsächlich handelten Staat und Sicherheitsbehörden mit Signalwirkung: Der Schutz von Privateigentum und Profit hat in der Güterabwägung einen höheren Stellenwert als soziale Verpflichtungen und menschliche Würde.

Vier Wochen lang waren zwei Wohnungen in der Wilhelm-Raabe-Straße 4 besetzt. Am Montag wurde nun zwangsgeräumt. Das Haus im Stuttgarter Süden befindet sich im Besitz einer englischen Familie. Keine armen Schlucker, die jeden Euro dreimal umgedreht haben, um sich ein Dach überm Kopf zu finanzieren, sondern durchaus wohlhabend: Einer der drei Eigentümer war nach Recherchen von Kontext Präsident einer internationalen Investmentbank.

Aber ein bisschen mehr Kohle in der Kasse kann ja nicht schaden. Das Angebot der Besetzer war für die Eigentümer offenbar nicht ausreichend: 650 und 700 Euro Kaltmiete wollten sie für die zwei Wohnungen zahlen. Das sei „für Stuttgarter Verhältnisse einigermaßen human, aber gleichzeitig an der Obergrenze des für uns Leistbaren“, berichtet Besetzerin Adriana. Der 25-jährigen Mutter ging es nie darum, sich etwas zu erschnorren. Sondern darum, einen Lebensraum zu finden, der ihrem einjährigen Kind gerecht wird. Schon in der Schwangerschaft habe sie mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung angefangen. Bis heute ohne Erfolg.

In den „Stuttgarter Nachrichten“ darf der Anwalt der Eigentümer nun behaupten, man habe sich „bis gestern Abend (27. Mai, d. Red.) um eine Lösung ohne Gerichtsvollzieher mit kirchlichen Vertretern und Stadträten bemüht“. Ob ein ernstes Interesse an einer gütlichen Einigung jemals vorhanden war, darf allerdings bezweifelt werden. Tatsache wurde den BesetzerInnen auf dem Papier zugesprochen, bis zum vergangenen Sonntag, 18 Uhr, ein Angebot zu unterbreiten. Dem kamen die BesetzerInnen fristgerecht nach. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Eigentümer allerdings schon längst einen Eilantrag auf Zwangsräumung gestellt und vom Verwaltungsgericht Stuttgart genehmigt bekommen.

15 Stunden später rückten also Polizeikräfte und nagelten in einem symbolträchtigen Akt die Wohnungstüren mit Holzbrettern zu. „Wie das mit dem Angebot zusammenpasst, ist uns schleierhaft“, kommentiert Besetzerin Rosevita, die nun zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn in einem kleinen Zimmer bei ihrer Schwester unterkommt. Wie bereits in den vergangenen Monaten werden die beiden Wohnungen in der Wilhelm-Raabe-Straße nun leer stehen, und, wie die verbleibenden Bewohner in der Nachbarschaft berichten, erst einmal aufwändig modernisiert.

Eine Modernisierung wäre nicht nötig – steigert aber den Wert

Quelle     :    KONTEXT – Wochenzeitung        >>>>>       weiterlesen

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Grafikquelle  :

Stuttgart Heslach von einem Sportflugzeug aus aufgenommen – mit unserem Schickhardt Gymnasium im Vordergrund und den als Höhenlinien erkennbaren Straßen: Gebelsbergstraße, Wannenstraße (über dem Schwabtunnel), und der Hohentwielstraße mit unserem Elternhaus in „HHL“ und der sich in Bildmitte in die Rebenreute (Anfahrt zum ehem. Haltepunkt Heslach der Gäubahn – im Volksmund auch „Panoramabahn“) teilt, und entlang des „Grates“ des Hasenberges die Hasenbergsteige hinauf zum (Überrest) des Hasenbergturmes mit dem Höhenrestaurant Waldhaus und dem Ausblick auf die Gäubahn/ Haltepunkt Heslach; im Hintergrund die Hasenbergsteige die Stuttgart Süd/ Heslach vom Stutgarter Westen im rechten Hintergrund trennt; das war meine „heile Welt“ über 30 Jahre: von 1961-bis Mitte der 90er Jahre, als im Ländle die Welt noch heile war, ohne S-21 und Feinstaub Debatten – Those were the days !

Source Own picture taken on board of a light type aircraft Photoflight over our house in Stuttgart Heslach 1996 Gert D. Geissler
Author Karayaglobal
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Unsystematisches Denken

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

 zum ‚Geschlechterverhältnis‘ und zu #Me too

Quelle   :   Scharf – Links

Von systemcrash

Eigentlich begann es als Scherz. Bei facebook postete ich ein Bild mit einem super-dicken Buch mit dem imaginären Titel ‚Frauen verstehen‘ (und einem super-dünnen Buch namens ‚Männer verstehen‘). Natürlich war mir bewusst, dass es sich um ein (klassisches) Geschlechter-Klischee handelt; und aber genau dieses Klischee den Witz-Effekt auslöst. Und als psychoanalytisch interessierter Mensch weiss man eben auch, dass in jedem Witz zumindest ein Körnchen Wahrheit steckt (oder etwas bescheidener: Widerspiegelung gesellschaftlicher [soziobiologischer?] Verhältnisse und Zustände).

Der thread entwickelte sich dann auch mehr oder weniger auf dieser ’Scherz‘-Ebene weiter, garniert mit ein paar Zitaten von Freud und Einstein und Comics von Loriot. Aber zumindest wurden ein paar Eigenheiten der Kommunikation zwischen den Geschlechtern skizziert, die zwar immer noch lustig gemeint waren, aber bei mir den Gedanken anschubsten, dieses Thema in einem eigenen Text zu vertiefen (oder sagen wir lieber: zu versuchen, zu vertiefen).

Zusätzlich wurde dieser Gedanke dadurch bestärkt, dass ich mir eine Diskussion vom ‚philosophischen Stammtisch‚ (eine Sonderveranstaltung der Sternstunde Philosophie [1]) zum Thema ‚me too‘ angeschaut habe, deren Verlauf für mich zwar nicht wirklich neue Erkenntnisse brachte, aber viele interessante Ansätze für einen thematischen Zugang angerissen wurden, die es meines Erachtens wert sind, etwas systematischer dargestellt zu werden. Meine Interpretationen der verschieden Debattenansätze ist aber eher subjektiv (und ‚zu-fällig‘), was schon allein aus der Komplexität des Themas heraus gerechtfertigt erscheint (falls eine ‚Rechtfertigung‘ für eine Textproduktion überhaupt notwendig ist).

Macht, Herrschaft und (soziale) ‚Struktur‘

Das erste Problem, welches ich habe, der eher von einem marxistisch geprägten Standpunkt an dieses Thema herangeht (trotz meiner ‚heterodoxen‘ [integralen] Offenheit für andere Denkschulen), ist, dass ich nicht weiss, ob das ‚Geschlechterverhältnis‘ ein Herrschafts– oder ein ‚Machtverhältnis’ ist. Ja, ich weiss nicht einmal, ob man überhaupt von einem ‚Geschlechterverhältnis‘ (im Singular) sprechen kann. Oder ob sich nicht vielmehr in jeder gemischt-geschlechtlichen ‚Begegnung‘ jeweils völlig ‚individuelle‚ Geschlechterverhältnisse sich herausbilden. Letztere Unterscheidung ist/wäre insofern wichtig, um die Reproduktion von Klischees, die gesellschaftlich ohnehin schon existieren, nicht auch noch in der me too-Debatte zu wiederholen (und damit zu verstärken). Teilweise scheint mir diese Gefahr in der Debatte schon Wirklichkeit zu sein. (In diesem Zusammenhang müsste man auch die Kritik erwähnen, dass die me too-Debatte ein ‚Opfer-diskurs‘ sei. Zumindest teilweise scheint mir das eine berechtigte Kritik zu sein; würde aber eine eingehendere Diskussion erforderlich machen, der ich hier nicht nachgehen möchte. Bei der Diskussion im philosophischen Stammtisch hat Svenja Flaßpöhler [„Die potente Frau“] diese Argumentation gut und nachvollziehbar dargestellt. Auf der anderen Seite beginnt aber jeder Widerstand zunächst einmal aus einer Position der Unterlegenheit. Man darf nur nicht aus dem ‚Opfer‘-Status auch noch eine [moralische] Tugend machen wollen.)

Aber bleiben wir erst mal bei der Unterscheidung von Macht und Herrschaft. Soweit ich das überblicken kann, dürfte unabhängig von der ‚Denkschule‘ soweit Einigkeit bestehen, dass jede ‚asymmetrische‘ Beziehung als ‚Machtverhältnis‘ beschrieben werden kann. Dieser Begriff von Macht hat nicht zwangsläufige eine negative Konnotation, wird aber (umgangssprachlich) häufig so verwendet (insbesondere im eher linken politischen Spektrum).

Ein Lehrer hat gegenüber einem Schüler eine ‚Machtposition‘. Ein (guter) Lehrer nutzt seine ‚Macht‘ (kommt von machen [können]), um seinem Schüler wichtige Dinge beizubringen.

Foucault sagt sogar: „Macht ist ein produktives Prinzip in der gesellschaft. sie bringt Wissen hervor, erschafft durch ihre Kontrolle das Individuum und ganze Institutionen und Techniken.“

In dieser [aus dem Kontext gerissenen] Form ist das Zitat vlt etwas einseitig und überspitzt formuliert, da der Machtbegriff zu unkritisch-affirmativ erscheint. Aber Foucault ist auch schliesslich der Vater der Diskurstheorie, und so weiss er: “Der Wert einer Aussage bestimmt sich nicht durch die Wahrheit. Das, was sich durchsetzt, wird zu Wahrheit.”

Nun ist der Begriff ‚Wahrheit‘ philosophisch äusserst diffizil und ich will mich nicht zu lange mit erkenntnistheoretischen Spitzfindigkeiten aufhalten. Aber zumindest so viel kann man sagen, ohne sofort in irgendein grösseres (theoretisches) Fettnäpfchen zu treten: die Wahrheitsfindung ist auch abhängig von den gesellschaftlich-historischen Bedingungen. nur ein kleines (aber bedeutendes) Bespiel: vor Galileo Galilei war es nicht schlimm, wenn man glaubte, die Sonne drehe sich um die Erde und die Erde sei eine Scheibe. Nach ihm zeigte es schon einen Mangel an rationaler Einsicht oder Einsichtsfähigkeit. Der Begriff ‚Einsicht‘ hat hier aber allein die Bedeutung von vermittelbarem [Schul]Wissen; niemand von uns hat die Erfahrung, dass die Erde tatsächlich um die Sonne kreist und keine Scheibe ist. Es sei denn, unter den Lesern befinden sich Leute mit Erdumrundungen und Raumausflugserfahrungen. [siehe auch Fußnote1]

(Die Unterscheidung von absoluter und relativer Wahrheit können wir in diesem Zusammenhang vernachlässigen).

Wenn wir dieses kleine Beispiel auf unser Problem des ‚Geschlechterverhältnisses‘ übertragen wollten, dann müsste man doch sagen: es ist absurd, anzunehmen, man könne ein Geschlechterverhältnis für die gesamte Menschheitsgeschichte unterstellen (laut wikipedia ist Homo sapiens seit 300.000 jahren fossil belegt). Aber selbst wenn wir das Geschlechterverhältnis auf das sog. ‚Patriarchat‘ beschränken wollten (was angeblich seit [mindestens] 5000 Jahren existiert), dann haben in diesen 5000 Jahren so viele gesellschafliche Veränderungen stattgefunden, dass es ebenfalls nicht sinnvoll wäre, von einem (spezifischen) Geschlechterverhältnis zu sprechen: nämlich einem ‚patriarchalen‘. ob man jetzt die ‚Patriarchate‘ nach Sklavenhaltergesellschaft, asiatischer Produktionsweise, Feudalismus oder Kapitalismus unterscheiden muss (die Thematik der der [vorgeschichtlichen] ‚Urgesellschaften‘ klammere ich hier aus), ist für mich eigentlich eine uninteressante frage. Mir erscheint der Begriff insgesamt nicht sinnvoll zu sein, da er ein einheitlich strukturiertes Geschlechterverhältnis unterstellt, was es historisch so niemals gegeben haben kann. Menschen sind zwar auch das Produkt der gesellschaftlichen Strukturen, in die sie hineingeboren werden, aber eben trotzdem immer auch ‚individuell‘. (Der begriff ‚Individuum‘ ist natürlich auch ein historisch bedingter, aber eine gewisse ‚Eigenwilligkeit‘ der einzelnen Gattungsmitglieder von Homo sapiens kann man sicherlich  überhistorisch unterstellen).

Was man also feststellen kann, ist, dass es in unterschiedlichen Gesellschaften gewisse Ausformungen männlicher Dominanz gegeben hat und immer noch gibt (rudimentär haben sich auch noch matrilineare und matriarchale Elemente erhalten). Diese ‚Dominanz‘ war aber eher gewissen Zwängen der ökonomischen Arbeitsteilung (die aber auch eine Strukturierung nach Geschlecht aufweist) geschuldet als einer systematischen ’subalternen Stellung‘ der Frauen. Man kann also bestenfalls von vorhandenen ‚Machtstrukturen‘ (asymmetrische Verhältnisse, die aber in allen Gesellschaften existieren, existieren müssen) sprechen, aber den begriff ‚Herrschaft‘ würde ich für das [‚patriarchale‘] ‚Geschlechterverhältnis‘ nicht anwenden wollen. Und zwar deshalb — zumindest, wenn man immanent marxistisch argumentiert — , weil die ökonomische Ausbeutung (die dem marxistischen Herrschafts-Begriff inhärent ist) über die Klassenstruktur der Gesellschaft realisiert wird, nicht über das Geschlechterverhältnis. [2]

Allerdings, um einer gewissen einseitigen (’Nebenwiderspruchs-Theorien‘) Argumentation von vornherein eine Absage zu erteilen, die Klassenstruktur beruht tatsächlich auf dem gesellschaftlich vorherrschenden ‚Geschlechterarrangement‘.[3] Die Existenz menschlicher Gesellschaften würde ohne die Gewährleistung der Generationenfolge nicht allzu viel Sinn machen. 😉

Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung.“ (Friedrich Engels)

File:I love you, do you love me too^^ rose-ringed parakeet (Psittacula krameri), also known as the ring-necked parakeet (Halsband parkiet) at Amsterdam in a park - panoramio.jpg

Geschlechtspezifische ‚Subjektbildung(en)‘ und Anfälligkeit für Gewaltförmigkeit

Wenn wir unterstellen (und ich tue das), dass mit der biologischen Konstitution auch gewisse (geschlechtsspezifische, die nicht zwangsläufig hierachisch bewertet sein müssen) psychische Dispositionen verbunden sind, dann muss man davon ausgehen, dass es ‚männliche‘ und ‚weibliche‘ ’Subjektformen‘ gibt, die sich nicht allein auf ‚Kultur‘ reduzieren lassen. [4] Ich grenze mich daher explizit vom ’starken Dekonstruktivismus‘ ab, der die Geschlechterdifferenz allein als soziales Problem auffasst.

Allerdings, und das ist zugegebenermassen ein riesiges methodisches Problem, eine exakte Unterscheidung zwischen ’Natur‘ und ‚Kultur‘ ist beim Menschen nicht möglich. De facto haben wir es immer mit einer Natur/Kultur-Verschränkung zu tun. [5]

Da asymmetrische Machtkonstellationen immer auch die Gefahr des Mißbrauchs von vornherein mit beinhalten, dürfte der Zusammenhang von Macht und ’struktureller Gewalt‘ evident sein. Die Frage stellt sich aber, warum Menschen, die sich ohnehin schon in einer untergeordneten Position befinden (was ja der Begriff ’strukturelle Gewalt‘ beinhaltet: die Ungleichheit der Machtstellungen ist die strukturelle Gewalt) noch mal zusätzlich mit anderen ‚Gewaltformen‘ konfrontiert sind. Eine Vergewaltigung (das Thema, was ja die me too-Debatte ursprünglich ausgelöst hatte) kann man nicht allein aus der ‚untergeordneten Stellung‘ von Frauen (dass es auch männliche Opfer gibt, klammer ich hier mal aus) in der Gesellschaft ableiten. Hinzu muss eben (mindestens) auch noch eine bestimmte ’Subjektkonstitution‘ des Täters hinzukommen, bei der sehr wahrscheinlich in seiner Entwicklungsgeschichte das eine oder andere mächtig schief gelaufen ist. Richtig ist aber, dass diese strukturelle Gewalt (die auch als Alltagssexismus bezeichnet wird) die Wahrscheinlichkeit für gewaltförmiges Handeln vermutlich erhöht.[6] Den [feministischen] Begriff rape culture halte ich hingegen für eine unterkomplexe [polemische] Überspitzung, und damit für kontraproduktiv. (Insgesamt dürfte die Ursachenforschung bei ’sexueller Gewalt‘ wesentlich komplexer sein, als dass in den (ver)öffentlich(ten)en Debatten gespiegelt werden kann.)

Um uns dem tieferen Zusammenhang von Geschlechterverhältnis und struktureller Gewalt (die auch zu manifester Gewalt ausarten kann) zu nähern, müssen wir — leider — einen kleinen, kulturgeschichtlichen Exkurs einlegen. Ich sage leider, weil Geschichte nicht wirklich meine starke Seite ist. Ich muss mich daher auf ein paar allgemeine und kursorische Anmerkungen beschränken, die aber zumindest zeigen sollen, wie ich in dieser Angelegenheit argumentieren möchte.

Meines Erachtens liegt der Kern der ganzen Problematik in bestimmten ‚Trennungen‘ in der abendländischen Geistesgeschichte, die bis unsere Zeit weitertradiert wurden. [7] Diese ‚Trennungen‘ sind ‚Gefühl und Verstand‘ und ‚Körper und Geist‘. Und diese Trennungen sind — und das ist entscheidend! — geschlechtlich konnotiert.

Um es mal ganz platt zu sagen, aber dafür prägnant: Frauen sind für Gefühl und Körper (Sexualität) zuständig und Männer für Verstand und Geist. Natürlich hat es diese Trennungen in dieser extremen Reinkultur niemals gegeben und es kann sie nicht geben. Aber als gesellschaftliche und kulturelle Tendenz sind sie vorhanden; und in einigen Bereichen sogar besonders stark ausgeprägt (Werbung, populäres Kino, TV, yellow press, Modeindustrie, aber auch gewisse Arbeitsteilungen in der Erwerbsarbeit, die stark nach geschlechtlichen Kriterien strukturiert werden etc.) und diese Trennungen sind als gesellschaftliches ‚Bild‘ (Klischee) oder ’Narrativ‘ mit gewissen Anerkennungsformen, festgelegten (Rollen)Erwartungshaltungen und/oder [kulturell verankerten] Abwertungen/Erniedrigungen (Demütigungen, Scham) verbunden.

Um mal ein ganz kleines Beispiel für diese unterschiedliche geschlechtliche Konnotierung anzuführen, die im oben erwähnten facebook-thread (eigentlich wohl mehr ‚zu-fällig‘) Eingang fand, ist das total harmlose Wort ‚merken‘.

Ich gebe hier den thread-Verlauf zum diesem Punkt komplett wieder:

M: […] Zudem reden Männer viel weniger. Man muss als Frau also zusätzlich telepathische Fähigkeiten haben 

B: …und darf ja nicht in ihr Schweigen zuviel hinein interpretieren…

M: Haha genau! Außerdem muss man alles merken, auch wenn es nicht ausgesprochen wird. „liebst du mich?“ – „was soll die Frage?“ „ja, du sagst es ja nie“ -„das kannst du doch auch so merken“ 

B: Auf die Frage seiner Frau „Liebst du mich?“ hat ein österr[eichischer] Kabarettist gemeint: “ Wenn es sich geändert hat, erfährst du es von meinem Anwalt“…

M: Der ist echt gut, muss ich mir merken

Ich weiss nicht, ob es der Diskutantin selbst aufgefallen ist oder ob es unbewusst war, aber sie hat das Wort ‚merken‘ in einer zweifachen Bedeutung verwendet. Einmal als intuitive Einfühlung (das psychologische Merkmal des ‚Weiblichen‘, was meines Erachtens – neben sicher noch anderen vorhandenen Faktoren — mit der starken Beschäftigung mit der Kindererziehung zusammenhängt [8]) und ‚merken‘ als harte Konfrontation mit der Wirklichkeit (wobei ‚Wirklichkeit‘ als das angesehen wird, was ein männlich definierter ‚Geist‘ dafür hält).

Spekulative Schlussüberlegungen

Ich bin mir nicht wirklich sicher, aber ich vermute, dass man diese geschlechtliche Ambivalenz in der Sprache durchgängig (oder zumindest häufiger) findet. Diese ambivalente Sprachstruktur hat natürlich auch Auswirkungen auf die Kommunikation der Geschlechter. Ab hier muss ich jetzt spekulieren, aber meine Vermutung geht ganz stark dahin, anzunehmen, dass Fauen permanent (oder jedenfalls häufig) zwischen der ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Bedeutung der Wörter wechseln [müssen] (schon um sich unterschiedlichen sozialen Umgebungen anzupassen [9]. Ob das bewusst oder unbewusst geschieht, weiss ich nicht; es ist aber auf jeden Fall ein erhöhter pychischer Energie-Aufwand). Während Männer sich solide auf die ‚männliche Bedeutung‘ der Wörter verlassen können und die weibliche Bedeutung nur im Bedarfsfalle verwenden, wenn sie meinen, es gereiche ihnen zum ‚Vorteil‘. Natürlich will ich damit nicht unterstellen, dass das alle Männer so machen (und schon gar nicht als bewusste Strategie zur Übervorteilung, was es aber auch durchaus geben mag), aber tatsächlich wäre dann die Sprache (also ihre semantische Struktur) selbst ein Mittel, um Machtdifferenzen (zwischen den Geschlechtern) beständig zu reproduzieren, ohne dass dies den Beteiligten unbedingt bewusst sein müsste.
Aber eine ‚Machtstruktur‘, die den Beiteiligten selbst nicht bewusst ist, ist nur (sehr) schwer in Frage zu stellen und dementsprechend anzugreifen.

Die ‚grosse Frage‘, die sich mir dabei stellt, die ich aber nicht abschliessend beantworten kann, lautet: Haben Männer (im gesellschaftlichen Durchschnitt) im ‚Geschlechterkampf‘ tatsächlich mehr zu verlieren als Frauen zu gewinnen haben?

Ich hoffe, dass sich als Antwort ein ‚Nein‘ herausschälen wird. Aber dieses ‚Nein‘ hätte eine (sehr) schwere Geburt vor sich.

[1] In der Diskussion beim ‚philosphischen Stammtisch‘ hat der einzige männliche Teilnehmer (ein Philosophie-Professor), die Bemerkung fallen lassen, als Mann verstehe er eh nur die Hälfte der Diskussion. Später stellte er klar (auf Nachfrage von der Moderatorin Barbara Bleisch in Bezug auf die Probleme der Schwarzen aus der Sicht von ‚Weißen‘), dass diese Bemerkung ‚ironisch‘ gemeint gewesen sei. Die Vernunft würde dazu führen, dass jeder Mensch jedes menschliche Problem verstehen könne. („Nichts menschliches ist mir fremd“. War ja auch eine Maxime von Marx.)
Nun habe ich für diesen Standpukt eine starke Sympathie, aber man darf dabei nicht vergessen, dass dieser Vernunftbegriff eine Idealvorstellung darstellt. De facto ist es doch so, dass dieses hohe Verständnis für die Probleme anderer eher die Ausnahme als die Regel ist (man braucht nicht mal unbedingt auf die ‚Migrationsdebatte‘ zu verweisen).
Und für mich ist es keineswegs klar, dass sich die unterschiedlichen Erfahrungswelten der Geschlechter auf ‚Vernunft‘ (wie immer man sie definieren mag) reduzieren lassen. Kein Mann kann je die Erfahrung machen, wie es ist, eine Frau zu sein (und ich vermute [stark], das gilt auch für ‚Transidentitäre‘, da ihre ‚Identität‘ eben was ‚Drittes‘ ist; aber das wäre eine Spezialdebatte, die ich nicht weiter verfolge) und umgekehrt ist es natürlich genauso. Aber ein Vernunftwissen kann niemals die gleiche ‚Qualität‘ haben, wie eine lebendige Erfahrung (aus Betroffenheit). Dieser Unterschied von (wissen-schaftlichem) Wissen und existentieller Erfahrung scheint mir im rationalistischem Vernunft-Begriff eleminiert zu sein. (vergl. auch: https://systemcrash.wordpress.com/kierkegaard-und-der-geist/)

(Man stelle sich vor, ein Archäologe würde sein ganzes Wissen aus Büchern beziehen und hätte nicht einmal in seinem Leben die [sinnliche] Erfahrung gemacht, wie es ist, selbst etwas ‚Wertvolles‘ aus der Erde herauszubuddeln. So ein Wissen würde man doch als ‚blutleer‘ ansehen, oder?!)

Die einzig wirkliche Annäherung der Geschlechter kann daher nicht (allein) über die ‚Vernunft‘ erfolgen, sondern durch das Bemühen um ein ‚intuitives Einfühlen‘ (also eine ‚weiblich‘ konnotierte psychische Fähigkeit) in den anderen. Das setzt aber voraus, dass man zumindest ähnliche Lebenserfahrungen (sinnlich und existentiell) gemacht hat, um ‚verstehen‘ zu können, im Sinne von ‚für sich selbst nachvollziehen können‘.

Es ist in der Liebe – wie bei allem, was menschlich wertvoll ist – absurd, nach Maßstäben der ‚erwachsenen Leute’ Zeit ‚sparen’ und gewissermaßen die Frucht vor dem Aufblühen und Reifen ernten zu wollen. Jede Hast, jedes Drängen, jede Voreiligkeit kann der Liebe nur schaden, denn gerade die scheuesten und sensibelsten unter den Liebenden, die am meisten Sehnsüchtigen, die am meisten Schamhaftigen, die Leidenschaftlichsten unter ihnen bedürfen der langsamen Bewegungen der Nähe, die ihnen die Angst vor den ‚Jägern’ nimmt und sie allmählich an die Gegenwart des anderen, des täglich vertrauter Werdenden, gewöhnt. Man kann sich die Zuneigung, das Vertrauen, die Zärtlichkeit, die traumerfüllte Gegenwart eines Menschen, den man herzlich liebhat, nicht erkaufen.
Aber man kann nach und nach die Sprache seiner Augen, den Ausdruck seines Mundes und die Geste seiner Hände verstehen lernen – etwas unendlich Kostbares, Einmaliges und unvergleichlich Wertvolles beginnt sich darin mitzuteilen.
Man kann die Seele der Geliebten in den verborgenen Zeichen ihres Gesichtes durchschimmern sehen und sie mit jedem Anblick im Schimmer der eigenen Augen heller ins Licht heben. Man kann nach und nach den Sinn ihrer Worte verstehen lernen, denn anders verknüpfen sich in ihrer Sprache dieselben Worte als in der eigenen – sie verweisen auf Felder fremder Erinnerungen –, und folgt man ihren Andeutungen, so werden sie zu Wegen, die zum Herzen der Geliebten führen; und je mehr man die Sprache des anderen selber zu sprechen lernt, desto mehr erschließen sich den eigenen Augen die Türen eines geheimnisvollen Schlosses, deren jede zu einer Kammer voller Schätze und Kleinodien führt“
(Eugen Drewermann)

[2] In der ‚bürgerlichen‘ Soziologie scheint die Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft hingegen zu verschwimmen, oder zumindest unscharf zu sein. So heisst es bei wikipedia: „Dieter Nohlens Lexikon der Politik definiert Herrschaft als „asymmetrische soziale Beziehung mit stabilisierter Verhaltenserwartung, wonach die Anordnungen einer übergeordneten Instanz von deren Adressaten befolgt werden.“ Mit dieser Definition ist aber eine Unterscheidung von Macht und Herrschaft gar nicht (mehr) möglich, da die Begriffe inhaltlich identisch sind. Im übrigen ist diese ‚Definition‘ rein deskriptiv und nicht [Struktur]analytisch.

Es gibt auch ‚Theorien‘, die die Geschlechter als ‚Klassen‘ ansehen, aber dann würde man den ‚Klassenbegriff‘ völlig ad absurdum führen und damit überflüssig machen.

[3] „Aber der ‚Verkauf der Ware Arbeitskraft‘ hat selbst wiederum Voraussetzungen, die der ‚Kapitalismus‘ nicht ‚geschaffen‘ hat und die ‚ihn‘ auch nicht (weiter) interessieren. Und auch in Marx‘ Kapitalanalyse sind diese ‚ausserkapitalistischen‘ Faktoren nicht (oder nur ungenügend) eingeflossen. Neben der ‚kapitalistischen Produktionsweise‘ müsste man daher mindestens noch die ‚Hauswirtschaft‘ als Produktionsweise ansehen, auf die die kapitalistische basiert. Dass die Hauswirtschaft historisch überwiegend die ‚Domäne‘ des weiblichen Geschlechts war und ist, müsste daher als ‚Problemzusammenhang‘ in die Frage der ’Subjektbildung‘ in der ‚bürgerlichen‘ (hier muss man ‚bürgerlich‘ berechtigt in Anführungszeichen setzen!) Gesellschaft aufnehmen. Dies ist der ‚geschlechtsblinde‘ Fleck in der ‚marxistischen‘ Theorie.“ (Gedanken zum ‚revolutionären Subjekt‘)
Zum begriff ‚Hauswirtschaft‘ würde ich gerne noch die gesamten Care-, Pflege-, Erziehungs- und ‚Beziehungs‘-Tätigkeiten mit hinzufügen.

[4] Was psychische Mischungsverhältnisse  natürlich nicht ausschliesst. Im Gegenteil, wenn sie (die ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Anteile) sich nicht mischen könnten, gäbe es keine Empathie (zwischen den Geschlechtern). Aber auch Mischungsverhältnisse stehen in der Regel nicht im Widerspruch zu einer gefestigten geschlechtlichen Identität, die aber dann tatsächlich stark kulturell gestützt ist und wird.

[5] Auch wenn die Begriffe ‚gender‘ und ’sex‘ zu beginn der feministischen Debatten einen Erkenntnisfortschritt gebracht haben mögen, so stossen sie genau an diesem Punkt der Ununterscheidbarkeit (jedenfalls in letzter Instanz) von ’natürlichem‘ und ‚kulturellem‘ Verhalten an ihre Grenze.

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“
(Marx, ökonomisch-philosophische Manuskripe; herv. v. systemcrash)

[6] Die Abgrenzung von ‚Belästigung‘ zum ‚harmlosen Flirt‘, die ja die mee too-Debatte stark prägt, kann meines Erachtens nur ‚fallabhängig‘ entschieden werden und nicht als allgemeine political Correctness des Sexualverhaltens. Grenzüberschreitung gehört zum Wesen des erotischen Spiels (und macht ja gerade seinen Reiz aus). Hingegen versuchen meines Erachtens viele Vertreter einer (vermeintlichen) political Correctness, statt eines gesellschaftlichen Diskurses, eine (moralische) Stigmatisierung (eines vermeintlichen ‚Gegners‘) zu bewerkstelligen. In letzter Instanz müsste die political Correctness des Sexualverhaltens zu seiner totalen Verrechtlichung führen. Einige nordeuropäische Länder haben da schon recht abstruse Initiativen für entwickelt (Verträge für Einwilligung in den Geschlechtsverkehr. Könnte man sicher auch als Verhütungsmethode anwenden 😉 ). Die Abgrenzung zur ‚Tugenddiktatur‘ wird da auch immer schwieriger.

[7] Ich beschränke mich auf den ‚euröpäischen Kulturkreis‘ — ohne auf die Problematik dieses Begriffes weiter einzugehen –, erstens, weil er mir am vertrautesten ist und, zweitens, weil die ‚(ost)asiatischen Kulturen‘ ein paar Besonderheiten aufweisen, die für uns ‚Westler‘ nicht so ohne weiteres nachvollziehbar sind.

[8] Der Zusammenhang von Schangerschaft und Kinderaufzucht ist evidenter (ich vermute auch in psychischer Hinsicht) als der zusammenhang von Zeugung und Kinderaufzucht. Das soll aber beileibe keine Rechtfertigung dafür sein, dass Männer ihre Vaterpflichten verletzen. (Rechtlich ist es ja sogar so, dass Vätern häufig weniger Rechte ‚am Kind‘ zugestanden wird als den Müttern. Aber natürlich spiegelt sich darin auch die geschlechtshierachische Arbeitsteilung wider, aber eben nicht nur. Das ‚Kindeswohl‘ wird eben häufiger an der Mutter festgemacht, und das scheint mir in der Tendenz nicht ganz ungerechtferttigt zu sein.)

Es bedeutet nur, dass es für Männer unter Umständen schwieriger sein kann, eine Beziehung zum Kind aufzubauen als (in der Regel) für Mütter, wo ja quasi schon eine pränatale Beziehung existiert.

[9] Die meisten zentralen ‚Leitstellen‘ in Politik und Wirtschaft sind immer noch überwiegend männlich besetzt. Und geben dem entsprechend ihre Vorgaben nach ihren Maßgaben und Vorstellungen an alle anderen weiter. Den Frauen bleibt daher vorderhand erst mal nichts anderes übrig, als sich diesen Bedingungen anzupassen (daher die Notwendigkeit des Wechselns in den ‚geschlechtlichen‘ Bedeutungen). Ob das dann zur ‚Einwilligung‘ und (‚freiwilligen‘) Kooperation führt (so eine Art sekundäres ‚Stockholm-Syndrom‘; sekundär, weil nicht aus einer unmittelbaren Gewalt-Erfahrung entstanden, sondern aus ’strukturellen‘ Gründen) oder eine ‚Widerstands‘-Haltung entwickelt wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab, die man nicht von vornherein ‚bestimmen‘ kann. Manchmal können auch (scheinbare) Zu-Fälle zu (sehr) großen Veränderungen im Leben führen.

Die Zukunft bleibt jedenfalls, trotz aller (grossen) Schwierigkeiten, ‚offen‘.

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Grafikquellen  :

Oben    —      Women’s March on Washington, Februar 2017

 

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Unter Linken

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

Am kommenden Wochenende trifft sich die Linke zum Parteitag.

Die Linke Weltpremiere Der junge Karl Marx Berlinale 2017.jpg

Aus Köln und Berlin Martin Reeh

Seit Monaten streiten sich Kipping-Anhänger und Wagenknecht-Freunde – vor allem wegen der Flüchtlingspolitik. Eine Zeitreise hilft, diesen Konflikt zu verstehen.

Am Ende dieses grauen Apriltages wird Katja Kipping ein Foto twittern, auf dem sie scheinbar vor voll besetzten Reihen in der Kölner Universität spricht. Es geht um Flüchtlingspolitik. Der Bildausschnitt ist geschickt gewählt, tatsächlich war der 188 Plätze fassende Hörsaal mit der Nummer VIII vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Aber das Foto ist ein Signal im innerparteilichen Machtkampf: „Was Kipping und Riexinger, deren Publikumsresonanz bei Veranstaltungen sich in der Regel in engen Grenzen hält – dazu berechtigt, den Versuch zu unternehmen, die Spitzenkandidaten zu demontieren, ist eine offene Frage“, hatte Frak­tions­chefin Sahra Wagenknecht in einem Brief an die Fraktion geschrieben. Seht her, sagt das Foto, auch ich, Katja Kipping, kann Säle füllen.

Wagenknecht gegen Kipping, Kipping gegen Wagenknecht, so geht das seit Monaten. Für offene Grenzen, gegen offene Grenzen, für eine Sammlungsbewegung oder dagegen. Rücktrittsdrohungen, Intrigen, Machtkämpfe. Der Hass aufeinander ist auch bei den Mitarbeitern zu spüren, von denen manche in vertraulichen Gesprächen kaum mal die eigenen Chefs loben, sondern stattdessen die jeweilige Gegenseite madigmachen.

Was ist das? Ein Streit zwischen zwei Frauen, die nicht miteinander können? Ein inhaltlicher Streit?

Kipping redet in diesen Wochen vor dem Parteitag beim Katholikentag in Münster, in Dresden über das bedingungslose Grundeinkommen, in Berlin beim Karl-Marx-Kongress der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sie kann Small Talk, spricht gerne mit Genossen und Abgeordneten, gilt als begabte Netzwerkerin. Sie wirkt, als wäre sie in der Partei zu Hause.

Sahra Wagenknecht. Hannover 2017.jpg

Auftritte von Wagenknecht gibt es im Frühjahr nur wenige. Zweimal sagt sie erkrankt ab, eine Lesung in Erfurt ebenso wie die Fraktionsklausur im März. Auf dem Flur vor dem Fraktionssaal lästern ihre Gegner: Zeit für Interviews fände sie immer, die Sitzung lasse sie sausen. Auch zu den Parteivorstandssitzungen erscheine sie nicht. Das Geschäft einer Fraktionsvorsitzenden – Abgeordnete einbinden, Kompromisse aushandeln – ist nicht ihre Stärke. Persönlich wirkt sie immer etwas unnahbar. Dennoch ist ausgerechnet Wagenknecht zur populärsten Politikerin der Linken geworden. Im letzten Jahr sprach sie mit der Bunten über Privates („Geständnis: Sie hätte so gerne Kinder gehabt!“), im Mai trat sie in der Vox-Kochshow „Grill den Profi“ auf, dort bereitete sie Schnee-Eier zu.

Wagenknechts Mann Oskar Lafontaine versucht den Konflikt als von Missgunst getrieben darzustellen, ausgehend von Kipping. Auf Facebook schreibt er vom „Neid auf andere, die ähnlich populär oder populärer als man selbst“ seien.

Wenn man den Streit in der Linken wirklich begreifen will, muss man zwei Zeitreisen machen. Die eine führt ins Jahr 1990, dazu später. Die andere führt ins Jahr 2012. Damals, am Ende des Göttinger Parteitags, stehen Delegierte in einer Ecke der Halle und skandieren: „Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren!“ Damit verhöhnen Linke normalerweise Nazi­de­mons­tra­tio­nen. Hier ist mit „Krieg“ die Auseinandersetzung zwischen dem Lager der Reformer aus dem Osten um Dietmar Bartsch und der Parteilinken um Oskar Lafontaine gemeint.

Bartsch fällt in Göttingen bei der Wahl zum Parteichef durch, knapp gewählt wird der eher unbekannte Stuttgarter Gewerkschafter Bernd Riexinger, den das Lafontaine-Lager ins Rennen geschickt hat. Seine Ko-Vorsitzende wird Katja Kipping, deren Strömung Emanzipatorische Linke damals nur eine geringe Hausmacht hat. Aber von vielen wird sie zu den Reformern gerechnet, sie stammt wie Bartsch aus dem Osten. Deshalb hat der Ostler und Reformer Bartsch schlechte Karten, als Kipping den Frauenplatz in der Doppelspitze besetzt. Das begründet den Hass des Bartsch-­Lagers auf Kipping.

In Göttingen steht die Zukunft der Linkspartei auf der Kippe. 2005 hatte alles so gut angefangen: Gregor Gysi und Oskar Lafontaine riefen zur Gründung der Linkspartei aus PDS und WASG auf. Eine neue, linkssozialdemokratische Partei sollte entstehen und dem Sozialabbau von Rot-Grün Einhalt gebieten. Aber die Wirklichkeit war komplizierter: Der Reformerflügel aus der PDS etwa war als Teil der rot-roten Berliner Landesregierung mit dabei, als dort Wohnungen privatisiert und Sozialhilfen gekürzt wurden. Viele Lafontainisten hielten die Bartsch-Anhänger für Wiedergänger des rechten SPD-Flügels.

Aus der SPD wechselten nur wenige in die Linke. Prominente wie Rudolf Dreßler und Ottmar Schreiner blieben Sozialdemokraten. So war Lafontaine im innerparteilichen Machtkampf auf ein Bündnis mit Linksradikalen angewiesen. Etwa mit der trotzkistischen Gruppe Linksruck.

2017-09-24 Katja Kipping und Bernd Riexinger by Jenny Paul - (01).jpg

Nach der Wahl von Kipping und Riexinger ist der Krieg vorbei, vorerst. Nun setzt die Guerillataktik ein. In die Medien sickern bald kleine, schmutzige Leaks aus dem alltäglichen Parteikampf. 2013 berichtet die Welt über ein „Liederbuch für fröhliche Bartschisten“, das Stücke wie „Auf, auf zum Bartsch“ enthält. Textprobe: „Die roten Haare werden wir ihr roden, der Hexe Kipping verweigern wir die Hand.“

Trotzdem geschieht 2015 ein kleines Wunder: Der Lafontaine-Flügel und die Bartschisten schließen Frieden, Bartsch und Wagenknecht beerben Gregor Gysi als Fraktionschef. Gemeinsam, als Doppelspitze. Beide haben Vertrauen in der gemeinsamen Arbeit als stellvertretende Fraktionschefs gewonnen. Das sogenannte Hufeisen ist geboren: das Bündnis von Parteilinken und Parteirechten, die Mitte um Kipping und Riexinger behält den Parteivorsitz. Es hätte Frieden in der Linken herrschen können, wenn nicht gerade zu diesem Zeitpunkt mehrere Hunderttausend Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wären.

Damit beginnt die zweite Zeitreise, sie geht weiter zurück – bis 1990: Die Mauer ist gefallen, Oskar Lafontaine SPD-Kanzlerkandidat und Ministerpräsident im Saarland. Schon im Juli haben fast 100.000 Flüchtlinge einen Antrag auf Asyl gestellt. In der saarländischen Kleinstadt Lebach sind rund 1.400 Romaflüchtlinge aus Rumänien untergebracht. Diebstähle sollen sich häufen. Bürger demonstrieren: „Lebach wird zur Geisterstadt/weil’s so viel Zigeuner hat“, heißt es auf einem Transparent. Ein Aufmarsch ins Flüchtlingslager kann gerade noch verhindert werden.

Bundesarchiv B 145 Bild-F079284-0010, Münster, SPD-Parteitag, Lafontaine.jpg

Lafontaine zieht daraus einen Schluss: „Das Asylrecht muss so gestaltet sein, dass die Be­völkerung es akzeptiert“, sagt er. Ohne die Änderung des Grundgesetzes sei das „leider“ nicht zu haben. Noch blockt die SPD. Doch zwei Jahre, ­Hunderttausende Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-­Jugoslawien, rechtsradikale Brandanschläge auf Migranten und einige Wahlerfolge der Republikaner später ist es so weit: Die SPD beschließt die sogenannte Petersberger Wende und verstümmelt mit der Union des Asylrecht. Es bleibt im Grundgesetz verankert, gilt aber nur noch für jene, die nicht über einen sicheren Drittstaat kommen. Also für fast niemanden mehr. Das Problem wird auf die EU-Grenzstaaten verlagert: auf Italien, Spanien, Griechenland.

Die Asylbewerberzahlen gehen massiv zurück, die Anschläge und Wahlerfolge der Rechtspopulisten auch. 1998 gewinnen SPD und Grüne die Bundestagswahl. Asyl spielt keine Rolle im Wahlkampf, Themen der sozialen Gerechtigkeit dominieren. Lafontaine hat der SPD mit der Petersberger Wende den Wahlsieg 1998, das Ende von Kohl und damit die Hoffnung auf eine sozialere Politik in Deutschland ermöglicht – die aber ausbleibt, weil Lafontaine Schröder die Kanzlerkandidatur überlassen hat und nach einem halben Jahr als Finanzminister hinwirft.

Quelle     :     TAZ        >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen     .

Oben   —    Vertreter der Partei Die Linke bei der Weltpremiere von Der junge Karl Marx bei der Berlinale 2017: v.l.n.r. Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Katja Kipping, Petra Pau und Kristian Ronneburg

3.) von Oben    —    Katja Kipping und Bernd Riexinger auf der Wahlparty der LINKEN zur Bundestagswahl 2017 in der Arena Berlin

Unten    —    Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat. Diese kann allerdings fehlerhaft, tendenziös, überholt oder politisch extrem sein. 30.8.-2.9.1988 SPD-Parteitag in Münster, Halle Münsterland

 

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DL – Tagesticker 02.06.18

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juni 2018

Direkt eingeflogen mit unseren  Hubschrappschrap

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Was will dieser zerstrittene Haufen dritt- und viertklassiger Politiker, -welche nur immer an das Nehmen denken, und die soziale Einigung total zur Seite schoben. – in der Realität machen? Es sind doch genau genommen nur zwei, drei Leitnationen, der Rest läuft hinterher und wartet auf die Krumen welche von der Tafel fallen. Über Jahre hin haben sie den Laden doch immer und immer wieder vor die Wand gefahren und allein viele Jahre dafür benötigt, eine einstmal krumme Gurke wieder gerade zu biegen. Nur das, steht unter dem Strich! Und sonst, – alles viel zu gut bezahlte Großmäuler welche sich nie über die Nationalregierungen erhoben. Trump lacht doch nur über solche Stümper ! In die Fresse – nur das haben sie verdient, so würde es Nahles sagen.

Für EU, Mexiko und Kanada:

1.) US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium in Kraft

Die von den USA auf Einfuhren von Stahl und Aluminium aus der EU verhängten Strafzölle sind in Kraft getreten. Auf die Importe werden nun Zölle in Höhe von 25 Prozent bei Stahl und zehn Prozent bei Aluminium fällig. Gleiches gilt für Einfuhren aus Mexiko und Kanada – dem größten Stahllieferanten der USA. US-Präsident Donald Trump hatte am Donnerstag eine entsprechende Proklamation vorgelegt.

Zeit-online

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Früher wurde von Freddy gesungen: „Unter fremden Sternen“. Die Vereinigung der PolitikerInnen singt heute: „Unter vielen Schweinen“! Die Wahrheiten muss sich jeder selber suchen!

 „Ich hatte echtes Schweineblut“

2.) Babtschenko schildert inszenierte Ermordung

Drei Schüsse sollen ihn getötet haben – doch der russische Journalist Arkadi Babtschenko lebt. Seine Ermordung war nur vom ukrainischen Geheimdienst vorgetäuscht. Nun beschreibt der Kremlkritiker, wie die Inszenierung ablief. Zwei Tage nach dem vorgetäuschten Mord in der Ukraine hat sich der kremlkritische russische Reporter Arkadi Babtschenko für die Inszenierung gerechtfertigt. Babtschenko sagte vor Journalisten in Kiew, ihm sei es angesichts der Drohungen gegen ihn darum gegangen, „am Leben zu bleiben“ und seine Familie in Sicherheit zu wissen. Darüber hinaus berichtete er, wie die Mord-Inszenierung ablief: mit echtem Schweineblut.

n-tv

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Das ganze Land singt Bamf – die Politik macht Mampf. Denn die Restrampen der allgemeinen Parteienvertretungen weisen auf einen unerträglich, aber alltäglichen  Behördenalltag hin. Auf einen Zustand im Krampf. Heute mit Flüchtlingen – seit Jahren mit den Bürgern! Die Zeit eines Schützen Arsch im letzten Glied, vergisst niemand. Auch wenn diese später von den Parteien in ungeahnte Höhen gehievt werden. Arsch wird nie Gesicht werden – bleibt immer nur die zweite Seiten des Körpers.

BAMF-Affäre

3.) Anwalt nennt Vorwürfe „ein Stück aus dem Tollhaus“

Den Vorwurf, dass die ehemalige Leiterin der BAMF-Außenstelle Bremen gegen Vorschriften verstoßen habe, nennt ihr Anwalt ein „Stück aus dem Tollhaus“. Eine Regel, die sie missachtet haben soll, habe es zu dieser Zeit nicht gegeben. Der Anwalt der ehemaligen Leiterin der Bremer BAMF-Außenstelle hat die Vorwürfe gegen seine Mandantin erneut zurückgewiesen. Der von der BAMF-Innenrevision erhobene Vorwurf, seine Mandantin habe bei ihren Entscheidungen das Vier-Augen-Prinzip missachtet, sei „ein Stück aus dem Tollhaus“, sagte der Jurist Erich Joester den Sendern Radio Bremen und NDR sowie der „Süddeutschen Zeitung“. Das Vier-Augen-Prinzip sei von der Bamf-Zentrale erst Anfang September 2017 in Kraft gesetzt worden. Die überprüften Fälle bezögen sich aber auf den Zeitraum von März 2013 bis August 2017.

Die Welt

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Die heutigen Gipfel – besuchten früher nur Flittchen?

Gipfel in Singapur

4.) Trump will Kim jetzt doch treffen

Jetzt also doch: Der zwischenzeitlich abgesagte Gipfel von Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un soll am 12. Juni stattfinden. Dies kündigte der US-Präsident nach Gesprächen mit einem Gesandten aus Pjöngjang an. Der Gipfel zwischen Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un wird nach Angaben des US-Präsidenten nun doch am 12. Juni stattfinden. Das sagte Trump am Freitag in Washington nach einem Treffen mit dem nordkoreanischen Unterhändler Kim Yong Chol. „Ich denke wir werden ein Verhältnis aufbauen und das wird am 12. Juni beginnen“, sagte Trump.

Spiegel-online

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Und schon befassen wir uns wieder mit der EU – vergleiche unter 1.)

Siebenjahrespan der EU-Kommission

5.) Die Umwelt ist egal

Die EU will ihre „Gemeinsame Agrarpolitik“ moderner gestalten. Die bekommt aus verschiedenen Gründen Kritik von allen Seiten. Es geht um die Verteilung von 365 Milliarden Euro: Die EU-Kommission hat am Freitag ihren Siebenjahresplan vorgestellt, mit dem sie die Landwirtschaft und ländliche Gebiete in Zukunft unterstützen will. Mit den Vorschlägen verspricht Agrarkommissar Phil Hogan, die „Gemeinsame Agrarpolitik“ (GAP) „moderner und einfacher“ zu machen.

TAZ

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Typisch, deutsche Überheblichkeit und Arroganz. Populisten sind überall gleich – ob in den Regierungen oder Opposition. Egal – ob aus Rom, München oder auch Silwingen!

Gespannte Blicke nach Rom

6.) Italien: Populistische Regierung kann starten

Nach Vereidigung der ersten europakritischen Regierung in Rom warten Italien wie die EU gespannt auf die ersten Schritte des ungleichen Bündnisses aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega. Staatspräsident Sergio Mattarella nahm den Amtseid des Kabinetts unter Führung des Juristen Giuseppe Conte ab. Die Zusammenkunft der Anti-Establishment-Partei Fünf Sterne und der fremdenfeindlichen Lega ist ein absolutes Novum: Erstmals könnte ein EU-Gründerstaat auf Distanz zur Staatengemeinschaft gehen.

Saarbrücker-Zeitung

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Kruzifix-Pflicht wirkt:

7.) Alle Bayern plötzlich wieder Christen

Preiset den Herrn! Nur wenige Stunden nach Inkrafttreten des Kruzifix-Erlasses in Bayern, der Kreuze im Eingangsbereich jeder staatlichen Behörde vorschreibt, sind alle ehemals ungläubigen Einwohner des Freistaates geschlossen zum Christentum konvertiert. Damit ist Bayern wieder komplett christlich-abendländisch geprägt.

Der Postillon

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Hinweise und Anregungen nehmen wir gerne entgegen

Treu unserem Motto: Es gibt keine schlechte Presse, sondern nur unkritische Leser

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Grafikquelle:   Oben —  DL / privat – Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0

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