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RENTENANGST

Archiv für Mai 21st, 2018

In Globalitätsgewittern

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Die Neuerfindung des Fremden und des Eigenen
im Zeitalter des kosmopolitischen Nationalismus

View from the city walls, Khiva (4934484894).jpg

Von Alem Grabovac

Man wird, wohin man auch reist, dem Eigenen nicht entkommen. Das Eigene ist in und um uns herum, ist in Städten und Landschaften, die man noch nie gesehen oder bereist hat. Das Eigene und das Fremde, wie wir sie bislang kannten, sind eine Fata Morgana, ein Blendwerk, eine vergangene Glaubensvorstellung, die auf den Märchenerzählungen verunsicherter Zeitgenossen basiert.

Die nächste Reise führt einen vielleicht in die Oasenstadt Chiwa im Nordwesten Usbekistans. Fremder geht es kaum, denkt man. Chiwa ist über 2.500 Jahre alt, liegt am Rande der Kysylkumwüste und war ein wichtiges Handelszentrum der historischen Seidenstraße. Die Moscheen und Minarette, die von einer mächtigen Befestigungsanlage umrahmt werden, flimmern gleißend in der Mittagssonne. Bärtige alte Männer in breiten Gewändern flanieren durch die Altstadtgassen. Aus den Innenhöfen der Häuser hört man das Blöken der Ziegen und Schafe. Eine Stadt am Ende der Welt, ein Seidenstraßen-Märchenland-Traum wie aus 1001 Nacht.

Doch dann, am Abend, geht man in sein Hotel mit freiem WLAN. Man liest auf dem Smartphone die neuesten Nachrichten, sieht im Mail-Account ein Video von seinem Kind, das zeigt, wie es vor ein paar Stunden mit einem Kita-Kumpel in einem Berliner Park Ameisen gezählt hat und verabredet sich mit einem Freund via Facebook für nächsten Dienstag zum Abendessen in einem syrischen Restaurant in Neukölln. Danach schaltet man den Hotelfernseher ein und es läuft das Spiel Bayern München gegen Borussia Dortmund. Live. Mit deutschem Kommentator. Mitten in Usbekistan.

Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, jenes Eigene im Fremden, findet sich in nahezu allen Bereichen des globalisierten Lebens. Ich war in New York und in Kalifornien, ohne jemals dort gewesen zu sein. Mein T-Shirt hat eine Näherin in Bangladesch fabriziert, die deutsche Telefonauskunft sitzt im südindischen IT-Standort Bangalore und in der Innenstadt von Tiflis befinden sich, wie in nahezu allen anderen Städten der Welt, die immer gleichen Markenfilialen der globalen Handelsketten. Das Fremde hat unsere Haut, unsere Mägen und Gehirne erobert, ist in seiner Pluralität zu unseren Eigenheiten geworden.

Früher waren das Fremde und das Eigene noch klar definiert. In vormodernen Zeiten, in dörflichen Gemeinschaften, war das Sein übersichtlich und vorherbestimmt: Das Fremde begann für diese Gemeinschaften an ihrer Dorfgrenze. Gewiss gab es damals auch weitverzweigte Handelsbeziehungen. So wurden auf der Seidenstraße Waren über Tausende Kilometer transportiert. Auf jenen Handelsstrecken verbreiteten und vermischten sich Religionen und Kulturen. Der Buddhismus gelangte bis nach China und Japan; Papier, Gewürze und Schwarzpulver zogen von Osten nach Westen. Die Araber brachten das Dezimalsystem vermutlich bereits im 10. Jahrhundert nach Europa. Im Gegensatz zu heute breiteten sich die Kultur- und Technologietransfers langsam aus, über Jahrhunderte. Das Fremde berührte die lokal gewachsenen Strukturen meist nur peripher.

File:Marina Bay Sands in the evening - 20101120.jpg

Das Fremde, wie wir es kennen, ist hingegen eine Erfindung des modernen Industriezeitalters. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat in seinem Klassiker der Nationalismusforschung „Die Erfindung der Nation“ dargelegt, dass erst die Ausdehnung des Buch- und Druckmarktes es Menschen ermöglichte, sich über größere Räume hinweg als vorgestellte Gemeinschaften zu definieren. Nationen sind mediengeborene Kollektive, in denen zusammenwächst, was gemeinsam liest, hört, sieht und neuerdings im Internet gemeinsam chattet.

Auf dem Gebiet heutiger Nationen gab es viele verschiedene Sprachen, Traditionen, Ethnien und Kulturen, die erst durch die Einführung einer nationalen Schulpflicht, die Standardisierung von Landessprachen und die Mythologie einer nationalen Geschichtsschreibung seit dem 18. Jahrhundert zu modernen Nationalstaaten wurden. Das Fremde wurde in das Eigene eingeschrieben: Millionen von Menschen, die sich nie im Leben sehen oder begegnen werden, begriffen sich nunmehr als homogene Nationalgesellschaften. Das Fremde begann jetzt an den Schlagbäumen nationaler Landesgrenzen.

Im 21. Jahrhundert wird uns die Nation selbst zur Tradition: Das Fremde ist nur noch einen Mausklick weit entfernt, die globalen Nachrichtenströme und die Macht der Imagination möglicher Leben lassen sich nicht mehr durch nationalidentitäre Machtcontainer kontrollieren. Die Verdichtung der Welt durch globale Migrations- und Tourismusbewegungen, die zunehmende Interdependenz der Weltwirtschaft, die Gleichzeitigkeit möglicher Lebensentwürfe in den digitalen Netzwerken: All das macht aus dem Fremden das Eigene und aus dem Eigenen das Fremde.

Quelle    :        TAZ         >>>>>      weiterlesen

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Grafikquellen  .

Oben   —     View from the city walls, Khiva  / Blick von der Stadtmauer, Khiva – Usbekistan (Seidenstraße)

Unten     —         Marina Bay Sands, Singapore        /   Blick auf den Hafen von Singapore am Abend

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Author Someformofhuman
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Weltweiter Rassismus

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Rassismus, Kunst und Klassenfrage

von Walter Benn Michaels

Im August 1955 wurde der 14-jährige Emmett Till aus Chicago in Mississippi, wo er zu Besuch bei Verwandten war, totgeprügelt. Die beiden Täter wurden wenig später gefasst und vor Gericht gestellt; die Geschworenen kamen nach einer Stunde zu ihrem Urteil – nicht schuldig.

Dieser erschreckende Mord war damals nichts Ungewöhnliches. Das oberste Gericht der Vereinigten Staaten hatte 1954 die Rassentrennung mit dem Civil Rights Act beendet, gegen den sich seither ein breiter (und oft gewalttätiger) Widerstand formierte. Ungewöhnlich war, dass Emmett Tills Mörder überhaupt vor Gericht kamen.

Zu einem Ereignis von nationaler Bedeutung wurde der Fall erst dadurch, dass Emmetts Mutter sich für eine Trauerfeier am offenen Sarg entschied. Als der Bestatter ihr erklärte, sie wolle doch bestimmt nicht sehen, wie man ihren Sohn zugerichtet habe, erwiderte sie, nicht nur sie selbst, sondern „alle sollen zu sehen bekommen, was sie meinem Jungen angetan haben“ – und so verbreitete sich das Foto von Emmetts bis zur Unkenntlichkeit entstelltem Gesicht im ganzen Land.

Im März 2017 wurde auf der Whitney Biennale das Gemälde „Open Casket“ (Offener Sarg) der Malerin Dana Schutz ausgestellt. Ein Kritiker beschrieb das Bild als „eine starke künstlerische Reaktion auf das berühmte Beisetzungsfoto des entstellten Emmett Till“. Und trotzdem wurde das Bild nicht als ein weiterer Beitrag zum Kampf gegen den Rassismus goutiert, sondern selbst als eine Form von Rassismus kritisiert. Die britische Künstlerin Hannah Black forderte in einem offenen Brief, es aus der Ausstellung zu entfernen, während im Museum gegen das Gemälde demonstriert wurde.

In St. Louis kam es zu ähnlichen Protesten gegen ein Kunstwerk, das Fotos von schwarzen Demonstranten benutzte, die 1965 in Selma von der Polizei niedergeknüppelt worden waren; und in Minneapolis wurde eine Installation kritisiert, die an die willkürliche Hinrichtung von 38 Dakota-Indianern im Jahr 1862 erinnerte. Ausläufer dieser Proteste kamen sogar in Frankreich an: Als Parker Bright, einer der Demonstranten gegen Dana Schutz, im Februar feststellte, dass der Künstler Neïl Beloufa ein Foto, das ihn auf der Whitney Biennale zeigt, für ein Kunstwerk benutzt hatte, das im Pariser Palais de Tokyo ausgestellt war, legte er Beschwerde ein. Er startete eine Crowdfunding-Kampagne, die ihm den Flug nach Paris finanzieren sollte, wo er sein Bild zurückfordern wollte. Daraufhin zog Beloufa sein Werk zurück.

Während es 1955 noch darum ging, möglichst vielen Menschen Emmett Tills Foto zu zeigen, soll heute möglichst niemand das Gemälde von Emmett Till zu sehen bekommen. Dabei richten sich die Proteste nicht gegen die Art der Abbildung, sondern gegen die Person, die sie gemacht hat.

„Weiße Künstler und Künstlerinnen schlagen Profit aus schwarzen Traumata, schwarzen Toten und schwarzem Leid“, klagte Zeba Blay in der Huffington Post1 , und die Konzeptkünstlerin Hannah Black sekundierte, Tills Mutter habe das Gesicht ihres Sohns „den Schwarzen gegeben, zur Inspiration und Mahnung. Nichtschwarze müssen begreifen, dass sie diese Geste niemals verkörpern und verstehen können. Das ist einfach nicht das Thema von Schutz.“ Mit anderen Worten: Schwarzes Leid gehört ausschließlich schwarzen Künstlerinnen und Künstlern.

Das angeblich Rassistische an Dana Schutz ist also nicht, dass sie die Ermordung von Emmett Till verteidigt oder rechtfertigt – das würde heute sowieso niemand mehr tun. Vorgeworfen wird ihr vielmehr, dass sie damit Kasse macht – wenn nicht direkt (sie hat erklärt, dass ihr Bild unverkäuflich sei), so doch indirekt. Schließlich besetzt das Bild in einer vornehmen Insti­tu­tion wie dem Whitney einen Raum, an dem sonst schwarze Künstlerinnen und Künstler ausgestellt werden könnten.

Parker Bright ärgert sich über das „Gerede von der Rassenungleichheit in der Kunstwelt“, während er zugleich „als schwarzer Künstler“ von einem nichtschwarzen Künstler für eine Ausstellung im Palais de Tokyo „in Besitz genommen“ werde. Mit anderen Worten: Nachdem „elitäre, meist weiße Institutionen“ endlich begonnen hätten, sich für antirassistische Arbeiten einzusetzen, sollten sie den Opfern des Rassismus auch ihre „Ressourcen“ überlassen. Wenn vom Leid der Schwarzen überhaupt jemand profitieren dürfe, dann seien es wohl Schwarze.

Solche Kämpfe zeugen zum einen von der fortschreitenden Privatisierung aller Lebensbereiche. Zum anderen klingt in ihm ein altes Thema an: die Forderung nach gleichem Zugang zu den Institutionen der Eliten. Sie hatte in der Bürgerrechtsbewegung von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt.

Das Ergebnis war, dass eine überschaubare Anzahl von schwarzen Menschen den Aufstieg, wenn nicht in „die Elite“, so doch in mittlere bis obere Einkommensklassen geschafft hat. Fast 11 Millionen US-Amerikaner schwarzer Hautfarbe leben aber in Armut.2

Es geht hier weniger um den offensichtlichen Umstand, dass der Zugewinn der wenigen den vielen nichts nutzt, als vielmehr darum, dass der Zugewinn der wenigen Teil eines Prozesses ist, der vielen schadet. Den Leuten wird Rassengleichheit und afroamerikanische Solidarität nur vorgegaukelt, als wäre der Aufstieg einiger weniger Schwarzer (die im Whitney ausstellen und Elitehochschulen besuchen) ein Fortschritt für die große Mehrheit. Die Absurdität dieser Vorstellung wird offenbar, sobald man sie umdreht und auf Weiße anwendet: Fühlen sich weiße Künstler, deren Arbeiten nicht in der Whitney Biennale gezeigt werden, durch diejenigen repräsentiert, die dort ausstellen? Natürlich nicht. Die Tatsache, dass einige Weiße reich, sehr viele jedoch arm sind, ist nicht die Lösung, sondern das Problem.

Und dieses Problem machen Autorinnen wie Black unsichtbar, indem sie behaupten, Weiße könnten nicht verstehen, was für ein Opfer Emmetts Mutter gebracht hat. Das zeige sich schon daran, dass „weiterhin schwarze Menschen von weißen Rassisten ermordet werden, dass unweit des Museums, in dem dieses wertvolle Gemälde hängt, weiterhin schwarze Gemeinden in entsetzlicher Armut leben“.

Von Emmett Till zu Bernie Sanders

Quelle    :     Le Monde4 diplomatique        >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen   :

Oben    :      Lynchmord des schwarzen Will Brown in Omaha durch einen weißen Mob, 1919

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Killerspiele erlernen

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Killer spielen auf der Messe

Bahnhof Stuttgart Flughafen/Messe

Von Minh Schredle

Nehmen Sie Platz im virtuellen Panzer. Und eliminieren Sie per Sturmgewehr digitale Terroristen. Alles machbar auf der Militärmesse Itec, wo sich Rüstungsindustrie und Videospielhersteller vernetzen. Auch die Nato ist mit einem Stand dabei.

Schon der Zutritt ist schwierig. JournalistInnen, die über die Itec berichten wollen, werden in Akkreditierungsverfahren gezwungen, die Wochen dauern können. Denn der Veranstalter, die Londoner Firma Clarion Events, möchte es ganz genau wissen. Etwa, für welche Themenfelder sich der Berichterstatter interessiert, zum Beispiel elektronische Kriegsführung oder Waffentraining. Oder auch auf welche Kontinente die Organisation, für die man arbeitet, in näherer Zukunft expandieren möchte. Wenn diese Daten übermittelt sind, kommt die nächste Hürde: Der Zugang könne „nur bei einem Nachweis regelmäßiger Berichterstattung in Medien über Verteidigungs- und Sicherheitsthemen oder verwandten Themenfeldern erteilt“ werden, heißt es Tage später per E-Mail. Wider Erwarten werden Kontext-Mitarbeiter zugelassen und können die Ausstellung in der Stuttgarter Landesmesse betreten.

Blickfang ist ein eigentümlicher Apparat. Die massive Konstruktion erinnert an einen Galgen, an einem gekrümmten Arm aus Eisen ist eine Weste befestigt. Getragen wird sie von einem erwachsenen Mann mit Stoppelschnitt, der wild um die eigene Achse rotiert. Er steht in einer konkav gekrümmten Kuhle, die seinen Füßen keinen Halt verleiht: Wie ein Pinguin auf dem Eis watschelt er mit schnellen, kleinen Schritten auf der Stelle, während er sich mit gefletschten Zähnen und angespannter Gesichtsmuskulatur an eine Gewehrattrappe klammert. „Yeah!“, ruft der gute Herr freudig erregt, als er den Abzug betätigt und authentische Schusslaute erschallen. Ein digitaler Terrorist sackt blutend auf dem Bildschirm zusammen. Er stirbt ohne Schreie.

Hier auf der Militärmesse Itec in Stuttgart sind am frühen Dienstag Mittag, kurz nach der Eröffnung, vor allem die virtuellen Realitäten ein Besuchermagnet. Verschiedene Simulatoren ermöglichen es Interessierten, Kampfjets zu steuern, mit Leopard-Panzern auf Gebäude und Fahrzeuge zu feuern und als Soldat mit Sturmgewehr oder Panzerfaust feindliche Ziele zu eliminieren. „Real wirkt das Erlebnis nicht“, sagt einer, der seit sechs Jahren Videospiele herstellt, „aber immersiv“. Es habe eine riesige Sogwirkung und man steigere sich schnell hinein. Und das spart nicht nur Kosten für echte Munition.

Drohnen Uschis Lieblingsspielzeug

Digitales Töten erleichtert den Übergang von Theorie zu Praxis

Immersives Training könne „Lernenden helfen, die Lücke zwischen einem akademischen Umfeld und der realen Welt zu überbrücken“. Das erfährt der geneigte Gast am ansonsten eher unspektakulären Nato-Stand. Das transatlantische Bündnis ist auf der Itec als einer von gut 120 Ausstellern vertreten, was dem Messeveranstalter Clarion Events geradezu zwingend scheint. Schließlich seien seine Sicherheitsevents „anerkannt als das weltweit führende Forum, auf dem sich ranghohe Regierungsmitglieder und leitendes Militärpersonal näherkommen“. Und dieses Podium nutzt die Nato für den expliziten Ratschlag, Schüler durch die Verwendung von Gaming-Elementen in Beschlag zu nehmen („engage students by using gaming elements“). Die Trainingssimulatoren dienen demnach dazu, den Übergang von Theorie zur Praxis zu erleichtern. Und Videospiele als ein Türöffner.

Quelle   :      KONTEXT-Wochenzeitung       >>>>>      weiterlesen

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Grafikquellen    :

Oben   —    Bahnhof Stuttgart Flughafen/Messe

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Nächstes Jahr Jerusalem?

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Next Eurovision Song Contest in Algier!

File:Dome of Rock, Temple Mount, Jerusalem.jpg

Quelle   :     Rationalgalerie

Autor U. Gellermann

Nächstes Jahr in Jerusalem. Darf man das denn sagen? Das ist doch antisemitisch, wie man aus der Debatte um eine Karikatur mit diesem Spruch von Dieter Hanitzsch in der SÜDDEUTSCHEN weiß. Nach dem neuen Deutschen Reinheitsgebot – „Wer Antisemit ist, bestimmt der Antisemitismus-Beauftragte“ – wurde der Karikaturist dann auch prompt gefeuert. Es ging um den nächsten Eurovision Song Contest (ESC). Den hatte eine Israelin in diesem Jahr gewonnen und so forderte der Chef des israelischen Gottes-Staates, Benjamin Netanyahu: Die nächste Austragung des ESC solle gefälligst in Jerusalem stattfinden. Zwar will die Mehrheit der Nationen Jerusalem, eine Stadt, die eigentlich unter internationaler Kontrolle sein müsste, immer noch nicht als Hauptstadt Israels anerkennen. Aber Donald Trump wünscht es unbedingt. Also sind auch Guatemala und Paraguay dafür. Und der schlaue Netanyahu kann rechnen: Weltweit hatten sich etwa 200 Millionen Zuschauer den diesjährigen ESC angesehen: Fände der nächste in Jerusalem statt, wäre das doch eine prima Reklame für die völkerrechtswidrige Hauptstadt Israels.

„Nächstes Jahr in Jerusalem“ lautet der traditionelle Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends, dem Vorabend und Auftakt des Pessach-Festes. Millionen Juden haben sich schon an diesem Fest – zur Erinnerung an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten – diesen Wunsch zugerufen. Antisemitisch? Ja, äh: Die Gesichtszüge Netanyahus, barmen die üblichen Antisemitismus-Wächter, seien in der Karikatur arg jüdisch geraten. Woher weiß einer denn, dass ein anderer jüdisch aussieht? Manchmal liegt der Antisemitismus im Auge des Betrachters. Kann sich noch jemand an Jassir Arafat den Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO erinnern? Dieser Semit sah tatsächlich wie ein Semit aus! Und karikiert wurde er auch oft und gern. – So geraten in der herrschenden Antisemitismus-Hysterie nicht nur die Maßstäbe für Rassismus durcheinander. Auch die wirklichen Antisemiten, Netanyahu und Trump, die mit ihrer Jerusalem-Hauptstadtentscheidung den Israelis eine neue Welle der Gewalt beschert haben, verschwinden im Nebel der Begriffs- und Sinn-Verwirrung.

„Ani lo buba“ singt die diesjährige Gewinnerin des ESC, Netta Barzilai, „Ich bin keine Puppe“. Und meint es irgendwie gut. Der ESC ist ein echter Höhepunkt der Popkultur. Er wird regelmäßig von der „Europäischen Rundfunkunion“ veranstaltet. Dieser Zusammenschluss von 72 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens ist eine Medienmacht. Er begründete 1953, mit einer internationalen Livesendung der Krönung von Königin Elisabeth II, jene schwer erträglichen Adels-Schmonzetten, die bis heute für die romantische Verkleisterung der Gehirne zuständig sind. „Kate bringt Sohn zur Welt“ staunt die deutsche „Tagesschau“ über eine Geburt im englischen Königshaus noch heute. Was hätte es denn sein sollen? Ein Pudel? Aber diese Frage gilt als fast so unanständig wie die Frage „Nächstes Jahr in Jerusalem?“

Unter den 72 Rundfunkanstalten der „Europäische Rundfunkunion“ ist auch „Radio Algérienne,“, die staatliche Hörfunk-Anstalt Algeriens. Fraglos wäre „Radio Algerien“ ein guter Gastgeber für den nächsten Eurovision Song Contest. Anders als in Israel herrscht in Algerien kein ständiger Bürgerkrieg. Auch besetzt die algerische Armee nicht das Territorium einer anderen Nation. Die Gesichtszüge seines Präsidenten, Abd al-Aziz Bouteflika, sind nicht so ausgeprägt semitisch, dass sie Karikaturisten in Gefahr bringen könnten. Aber vor allem: Algerien ist ein laizistischer Staat. Anders als im israelischen Gottesstaat, in dem der Sabbat ein heiliger Ruhetag ist, könnte der Contest in Algier problemlos stattfinden. Denn um Zuschauerquoten zu generieren wollen die ESC-Betreiber ihre Finalshow unbedingt an einem Samstagabend zur besten Fernsehsendezeit starten. Doch schon dem angeblichen israelischen Staatsgründer Moses soll Gott befohlen haben, einen Mann, der am Sabbat Holz gesammelt hatte, zu steinigen. Auch der Contest muss als Arbeit gelten. Eine Steinigung würden die Sänger, Kameraleute und Techniker des ESC kaum durchhalten. Es kann nur einen Ausweg geben, wenn der Wettbewerb wieder in Vorderasien stattfinden soll: Einen Standort in Algerien zu wählen.


Grafikquelle :  Dome of Rock, Temple Mount, Jerusalem

Source Own work
Author idobi

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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Von der Jogginghose und der Kontrolle über das Leben

Roter Faden Hannover rote Zusatzmarkierung.jpg

Durch die Woche mit Robert Misik

Lagerfeld

Der schrille Schneider Karl Lagerfeld sagte unlängst einem französischen Blatt: „Ich hasse Merkel.“ Irgendwie für ihre Flüchtlingspolitik, aber vor allem, weil diese Flüchtlingspolitik Nazis in Parlamente gebracht hätte.

Vielleicht hasst er ja die Nazis und die Anti-Nazis, was weiß man. Wenn man Freude am Hassen hat, dann umso besser, wenn man eine ganze Armada an Hassobjekten hat. Schnell wurde herausgefunden, dass es derselbe Lagerfeld war, der einmal sagte: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kon­trolle über sein Leben verloren.“

Spiegel-Kollege Hasnain Kazim stichelte daraufhin auf Twitter: „Wenn ein Modemacher anfängt, dummes Zeug über Dinge zu reden, von denen er nichts versteht, hat er die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Da ich die Eigenart habe, bei solchen Debatten schnell von der Hauptsache zu den Nebentönen abzuschweifen, begann ich mir sofort Gedanken über diese seltsame Wendung zu machen: „… die Kontrolle über das eigene Leben verloren.“ Wie kommt es, dass die Wendung zur Verächtlichmachung taugt?

Messers Schneide

Das Sprachbild vom Kontrollverlust geistert ja durch viele Debatten. Im neoliberalen Kapitalismus, in dem stets alles auf Messers Schneide steht, in dem man nie langfristig auf etwas bauen kann, in dem Karrieren, Jobprofile, Arbeitsstellen, Mietverträge und Lebenspartnerschaften stets nur befristet und mit Ablaufdatum (aber eben keinem exakten) versehen sind, empfinden die Menschen Kontrollverlust. Auch an der „Flüchtlingswelle“ haben viele Menschen, so wird jedenfalls behauptet, vor allem die Bilder vom „Kontrollverlust“ als verstörend erlebt. Und die Brexit-Befürworter in Großbritannien gewannen ihre Kampagne mit der Parole, es gelte „die Kontrolle zurückzugewinnen“. Soll heißen: Statt Spielball supranationaler Kräfte und undurchschaubarer Institutionengeflechte zu sein, soll wieder nationalstaatliche Kontrolle zurückgewonnen werden. In einer zunehmend unkontrollierbaren Lebenswelt die Kontrolle zu behalten oder zurückzugewinnen – das scheint gerade ein Thema zu sein.

Robert Misik

Nationalstaat

Nun stellt sich natürlich die Frage, was das überhaupt sein soll: „Kontrolle.“ Völlige Kontrolle haben wir nie und hatten die Menschen auch nie. Selbst wer im scheinbar stabilen Wohlstand lebt, der hat das Wissen darüber (ein Wissen, das wir natürlich gerne verdrängen), dass das Unwägbare jederzeit in die Stabilität einbrechen kann. Trennung, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, eine Feuersbrunst, ein Autounfall, irgendetwas, was uns aus der Bahn wirft. Aber der Verdacht, dass alles nur auf Messers Schneide steht, scheint dennoch heute mehr zu grassieren, sich in das Leben vieler hineinzufressen.

Auf der Mikroebene des persönlichen Lebens, aber auch auf der Makroebene der „Weltrisikogesellschaft“, und die verschiedenen Sphären der Kontrollverlusts-Diagnose scheinen sich gegenseitig aufzuschaukeln. Globalisierung heißt auch, dass die Welt als Netzwerk von Kräften wahrgenommen wird, als Kraftfeld, in dem unzählige Vektoren wirken, die schlichtweg niemand unter Kontrolle haben kann. Die Kontrollfantasie, die man im Nationalstaat noch haben konnte, erscheint auf globaler Ebene nur mehr als irreale Wahnidee. Die schwindende Kontrolle, die man über die eigenen Lebenspraxen empfindet, und die schwindende Kontrolle, die man den politischen Eliten attestiert, kumulieren zu einer Art Gesamtpanorama.

Quelle    :       TAZ       >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen  :

Oben    —    Roter Faden in Hannover mit beschriftetem Aufkleber als Test für einen möglichen Ersatz des auf das Pflaster gemalten roten Strichs

 

 

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DL – Tagesticker 21.05.18

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2018

Direkt eingeflogen mit unseren  Hubschrappschrap

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Diese Wahl ist  doch Hinweis darauf, wie tief das Ansehen  der Politiker auch International in den Keller gesunken ist.  Politiker des Volkes – wo gibt es die noch. Alles dient doch nur dem reinen Selbstzweck.

Wahl in Venezuela

1.) Maduro tanzt vor den Hungernden

Der venezolanische Präsident Maduro inszeniert sich bei der Wahl als großer Erneuerer, obwohl er mitverantwortlich ist für die Hungerkrise im Land. Das Dilemma der Menschen zeigt sich in einem kleinen Café. Rosas Hoffnung ist ein Motorrad, Marke Empire Keeway, orange-schwarz. Ein Blinker fehlt. „Mein Sohn kann sich davon hoffentlich mal etwas kaufen“, nickt sie in Richtung der Straßenmaschine, die hier in ihrem Café steht. Das Lokal in Caracas‘ Zentrum ist so klein, dass kaum ein Tisch hineinpasst. 400 US-Dollar hat die Mutter für das einheimische Fabrikat hingeblättert. Eine unfassbare Summe in Venezuela, wo die Hyperinflation alles auffrisst, was keinen Sachwert hat. Während Rosa spricht, wandert ihr Blick häufig zur großen Avenida Bolívar hinaus, dort, wo heute keine Autos fahren, weil Präsident Nicolás Maduro seinen Wahlkampfabschluss feiert. Rosa trägt eines seiner weißen Wahlkampf-Shirts.

n-tv

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Es braucht keine allzu große Schlitzohrigkeitt, um die Naivlinge Europäischer Politik über den Tische zu ziehen. Die meisten schieben sich liebend gerne selber darüber.

Erdoğan-Auftritt vor Auslandstürken  

2.) „Seid Ihr bereit, eine osmanische Ohrfeige zu geben?“

In Bosnien-Herzegowina hat der türkische Präsident tausende Auslandstürken um ihre Unterstützung gebeten. Die anstehende Präsidentenwahl sei eine Entscheidung für „das nächste Jahrhundert unseres Landes“. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat Türken, die im Ausland leben, aufgefordert, ihn zu unterstützen. „Seid Ihr bereit, den Terrorganisationen und ihren lokalen und ausländischen Handlangern eine osmanische Ohrfeige zu verpassen?“, rief er Tausenden Anhängern in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo entgegen. „Seid Ihr bereit, mich mit einer Rekordzahl an Stimmen in der Präsidentenwahl zu unterstützen?“ Die Wahl würde, so Erdoğan, über „das nächste Jahrhundert unseres Landes“ entscheiden.

T.-online

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Das ist typisch für die Politik. Jemand welcher schon die ARGEN zur einer Skandaltruppe hinunter gewirtschaftet hat, brauchte sich auf seinen neuen Posten nicht anzustrengen. Das alles wird natürlich politisch unter den Teppich gekehrt. Wie gut das die Gesellschaft wenigstens nicht schläft.

Bamf-Skandal:

3.) Interne E-Mails belasten Bundesamt

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge soll schon früh von dubiosen Vorgängen in seiner Bremer Außenstelle gewusst haben. Die Behörde wies die Vorwürfe zurück. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) soll laut Medienberichten bereits vor über einem Jahr über Unregelmäßigkeiten in seiner Bremer Außenstelle informiert worden sein. Laut NDR und Süddeutscher Zeitung hat das Amt früh von fragwürdigen Vorgängen gewusst, aber nur schleppend versucht, sie aufzuklären. Das gehe aus internen E-Mails hervor.

Zeit-online

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Jetzt wird aus einen Glashaus mit Steinen geworfen ?

Angebliche Überwachung im Wahlkampf

4.) Trump will Rolle des FBI prüfen lassen

US-Präsident Donald Trump will eine Untersuchung einleiten, um herauszufinden, ob das FBI oder das Justizministerium sein Wahlkampfteam 2016 ausgespäht oder gar unterwandert haben. Das hat er über Twitter angekündigt. Das Justizministerium selbst solle demnach die Ermittlung übernehmen und ein Augenmerk darauf legen, ob die Obama-Regierung ein solches Vorgehen gefordert habe.

Spiegel-online

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Traue nie einer Uniform. Aber noch schlimmer sind die SchreibstubernsitzerInnen welche glauben eine anzuhaben, dabei  aber genau wissen dass sich ihr Wunsch nie erfüllen wird.

Verdeckter Polizeieinsatz bei G20

5.) Undercover im Schwarzen Block

Stimmt es, ist es ein Skandal: Sächsische Zivilpolizist*innen sollen undercover bei der G20-“Welcome to Hell“-Demonstration gewesen sein – vermummt im schwarzen Block. Die autonome Großdemonstration am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg war von der Polizei am Losgehen gehindert und auseinander geschlagen worden, weil Teilnehmer*innen der Demo vermummt gewesen waren.

TAZ

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Herrlich: So ziemlich alle politisch weiblichen Dumpfbacken auf einen Video in einer Parodi.

Neues Video von Carolin Kebekus

Kramp-Karrenbauer wird zu Anne Great Spice

Im neuen Video von Komikerin Carolin Kebekus („PussyTerror TV“, ARD) wird die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin und jetzige CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer zu „Anne Great Spice“. Kebekus parodiert „Wannabe“, einen Song der Spice Girls. Zu ihrer neuen Girlband gehört auch die CDU-Politikerin aus dem Saarland. Im Video kämpft sie als Anne Great Spice ums Kanzleramt und singt unter anderem: „Tschüss, Angela Merkel, war ne lange Zeit!“

Saarbrücker-Zeitung

You Tube

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Zu wenig Anerkennung:

7.) Heiliger Geist verlässt Dreifaltigkeit

Himmel (Archiv) – Ausgerechnet an Pfingsten! Der Heilige Geist hat heute bei einer Pressekonferenz seinen Rückzug aus der Dreifaltigkeit aus Gott Vater, Sohn und – bis dato – Heiliger Geist erklärt. Seine Entscheidung begründet er damit, dass er sich von den beiden anderen Mitgliedern schon seit Jahrtausenden immer mehr in den Hintergrund gedrängt fühle.

Der Postillon

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Hinweise und Anregungen nehmen wir gerne entgegen

Treu unserem Motto: Es gibt keine schlechte Presse, sondern nur unkritische Leser

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Grafikquelle:   DL / privat – Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0

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