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Archiv für Februar 28th, 2011

* Der irre Prophet

Erstellt von Uri Avnery am 28. Februar 2011

Uri Avnery auf seiner immer währenden Suche nach den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern. Wünschen wir ihm dass sich sein Traum eines Tages erfüllt. Heute wieder ein neuer Bericht aus Tel Aviv. IE

„ Warum strömen die Massen nicht auch hier auf den Platz und werfen Bibi raus?“ fragte mein Taxifahrer, als wir am Rabin-Platz vorbeifuhren. Der große Platz war, abgesehen von ein paar Müttern und ihren Kindern, die sich an der milden Wintersonne erfreuten, fast leer.

Die Massen werden nicht auf den Platz strömen, und Binyamin Netanyahu kann nur über die Wahlurne abgesetzt werden.

Wenn dies nicht geschieht, können die Israelis nur sich selbst die Schuld geben.

Wenn die israelische Linke nicht in der Lage ist, eine ernst zu nehmende politische Kraft zu schaffen, die Israel auf den Weg zu Frieden und zu sozialer Gerechtigkeit bringt, kann es nur sich selbst die Schuld geben.

Wir haben keinen blutdürstigen Diktator, den wir für verantwortlich halten können. Kein verrückter Tyrann wird seiner Luftwaffe den Befehl geben, uns zu bombardieren, wenn wir seine Absetzung fordern.

Eine Geschichte war hier einmal im Umlauf: Ariel Sharon – damals General in der Armee – versammelte das Offizierskorps und sagte zu ihm: „Kameraden, heute nacht werden wir einen Staatsstreich machen!“ alle versammelten Offiziere brachen in lautes Gelächter aus.

DEMOKRATIE ist wie Luft – man spürt sie nur, wenn sie nicht da ist. Nur eine Person, die am Ersticken ist, weiß, wie wichtig sie ist.

Der Taxifahrer, der so frei über das Hinauswerfen von Netanyahu sprach, fürchtete sich nicht, dass ich ein Agent der Geheimpolizei sein könnte und in den frühen Morgenstunden ein Klopfen an seiner Tür geben wird. Ich schreibe, was immer mir in den Sinn kommt und habe keine mich begleitenden Leibwächter. Und wenn wir uns entscheiden würden, uns auf dem Platz zu versammeln, würde uns keiner daran hindern, ja, die Polizei würde uns sogar beschützen.

(Ich spreche natürlich über Israel in seinen rechtmäßigen Grenzen. Nichts davon ist in den besetzten Gebieten gültig.)

Wir leben in einer Demokratie, atmen Demokratie, ohne dessen recht bewusst zu sein. Für uns ist es natürlich und selbstverständlich. Deshalb geben Leute bei allgemeinen Meinungsumfragen dumme Antworten, und aus den Umfragen werden dramatische Schlussfolgerungen gezogen, dass die Mehrheit der israelischen Bürger die Demokratie verachtet und bereit ist, sie aufzugeben. Die meisten der Befragten haben nie unter einem Regime gelebt, in dem eine Frau fürchten muss, dass ihr Mann nicht von der Arbeit nach Hause kommen wird, weil er über den obersten Führer einen Witz gemacht hatte, und dass ihr Sohn verschwinden könnte, weil er Graffiti an eine Wand gemalt hatte.

Die Knessetmitglieder, die bei demokratischen Wahlen gewählt wurden, verbringen ihre Zeit mit einem Spiel: wer kann die grauenhaftesten rassistischen Gesetzesvorlagen entwerfen? Sie ähneln Kindern, die Fliegen die Flügel ausreißen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Für all diejenigen habe ich einen Rat: seht, was in Libyen geschieht.

Während der ganzen Woche habe ich jeden Augenblick, den ich erübrigen konnte, Al-Jazeera gesehen.

Ein Wort über den Sender: ausgezeichnet.

Er braucht keinen Vergleich mit irgendeiner TV-Station scheuen, einschließlich der BBC und CNN. Ganz zu schweigen von unseren eigenen Stationen, die ein trübes Gebräu aus Propaganda, Information und Unterhaltung bieten.

Viel ist schon über die Rolle gesagt worden, die die sozialen Netzwerke bei den Ereignissen spielten, wie Facebook und Twitter, die jetzt die arabische Welt auf den Kopf stellen. Aber was den Einfluss betrifft, werden sie von Al-Jazeera übertrumpft. Während des letzten Jahrzehnts hat der Sender die arabische Welt verändert, dass sie nicht wieder zu erkennen ist. Während der letzten zwei Wochen hat er Wunder vollbracht.

Die Ereignisse in Tunesien, Ägypten, Libyen und in den anderen Ländern auf israelischen, amerikanischen oder deutschen Sendern zu sehen, ist wie ein Kuss durch ein Taschentuch. Diese Ereignisse auf Al-Jazeera zu sehen, ist, das Richtige zu fühlen.

Mein ganzes Leben als Erwachsener habe ich engagierten Journalismus befürwortet. Ich versuchte, Generationen von Journalisten zu lehren, nicht berichtende Roboter zu werden, sondern Menschen mit Gewissen, die ihre Mission darin sehen, die menschlichen Grundwerte zu bringen. Al-Jazeera tut genau dies – und wie!

Während dieser letzten Wochen waren viele Millionen Araber von diesem Fernsehsender abhängig, um herauszufinden, was in ihren eigenen Ländern, ja, in ihren Städten geschieht – was auf dem Habib Bourguiba-Boulevard in Tunis, was auf dem Tahrir-Platz in Kairo und in den Straßen von Bengasi und Tripoli geschieht.

Ich weiß, dass viele Israelis diese Worte als ketzerisch ansehen, und zwar wegen Al-Jazeeras unerschütterlicher Unterstützung der palästinensischen Sache. Der Sender wird hier als Erzfeind angesehen, nicht weniger als Osama Bin Laden oder Mahmoud Ahmadinejad. Aber man muss einfach seine Sendungen ansehen, um zu verstehen, was in der arabischen Welt, einschließlich der besetzten palästinensischen Gebiete, vor sich geht.

Wenn Al-Jazeera über einen Krieg oder eine Revolution in der arabischen Welt berichtet, dann berichtet er richtig. Nicht nur eine Stunde oder zwei, sondern 24 Stunden lang, rund um die Uhr. Die Bilder prägen sich einem ein, die Zeugenaussagen wecken Emotionen, der Einfluss auf den arabischen Betrachter ist fast hypnotisch.

MUAMMAR GHADDAFI wurde bei Al-Jazeera gezeigt, wie er wirklich ist. Ein irrer Größenwahnsinniger, der jede Verbindung zur Realität verloren hat. Nicht in kurzen Nachrichten-ausschnitten, sondern in stundenlangen Sendungen, in denen seine weitschweifigen Reden immer wieder gezeigt werden : mit Hinzufügungen von Dutzenden von Zeugnissen und Meinungen von Libyern aller Gesellschaftsgruppen – von den Luftwaffenoffizieren, die sich nach Malta abgesetzt haben, bis zu gewöhnlichen Bürgern, die in Tripolis bombardiert wurden.

Zu Beginn seiner Rede erinnert mich Gaddafi (tatsächlich wird sein Name Qasafi ausgesprochen, daher der Slogan Ya Qasafi, Ya Qasafi, oh Lügner) an Nicolas Ceaucescu und seine berühmte letzte Rede auf dem Balkon, die von den Massen unterbrochen wurde. Aber als die Rede weiterging, erinnerte mich Ghaddafi mehr noch an Adolf Hitler in seinen letzten Tagen, als er mit seinen übrig gebliebenen Generälen vor der Landkarte stand und Armeen bewegte, die gar nicht mehr existierten,, während die Rote Armee nur noch ein paar hundert Meter vor dem Bunker stand.

Wenn Ghaddafi keine Mordaktionen gegen sein eigenes Volk planen würde, könnte es nur grotesk oder traurig sein. So war es nur monströs.

Während er sprach, übernahmen Rebellen die Kontrolle der Städte, deren Namen noch im Gedächtnis der Israelis meiner Generation sind. Im 2. Weltkrieg waren diese Orte die Schauplätze der britischen, deutschen und italienischen Armeen, die sie eroberten und verloren – mal so, mal so. Wir folgten ängstlich diesen Bewegungen; denn eine britische Niederlage hätte die Wehrmacht in unser Land gebracht mit Adolf Eichmann im Gefolge. Namen wie Bengasi, Tobruk und Derna hallen noch in meinen Ohren nach – um so mehr, als mein Bruder dort als Soldat in einem britischen Kommando kämpfte, bevor er in die äthiopische Kampagne versetzt wurde, wo er sein Leben verlor.

Bevor GADDAFI seinen Verstand völlig verlor, sprach er einen Gedanken aus, der wahnsinnig klingt, der uns aber nachdenklich machen sollte.

Unter dem Einfluss des Sieges der gewaltfreien Massen in Ägypten und bevor ihn das Erdbeben auch erreichte, schlug er vor, die Massen palästinensischer Flüchtlinge auf Schiffe zu nehmen und sie an die Küste Israels zu senden.

Ich würde Binyamin Netanyahu raten, diese Möglichkeit sehr ernst zu nehmen. Was wird geschehen, wenn Massen von Palästinensern von der Erfahrung ihrer Brüder in einem halben Dutzend arabischer Länder lernen und beschließen, dass der „bewaffnete Kampf“ nirgendwo hinführt und dass sie stattdessen die Taktik einer gewaltfreien Massenaktion übernehmen sollten?

Was würde geschehen, wenn Hunderttausende Palästinenser eines Tages an die Trennungsmauer kommen und sie niederreißen würden? Was, wenn eine viertel Million palästinensischer Flüchtlinge im Libanon sich an unserer nördlichen Grenze versammeln würde? Was, wenn sich Massen am Manara-Platz in Ramallah und am Rathausplatz in Nablus sich versammelten und sich gegen israelische Truppen stellen? All das vor den laufenden Kameras von Al-Jazeera, begleitet von Facebook und Twitter – während die ganze Welt mit angehaltenem Atem zusieht?

Bis jetzt war die Antwort einfach: wenn notwendig, werden wir scharfe Munition, Kampfhubschrauber und Panzerkanonen benützen. Dann wird der Spuk beendet sein..

Aber jetzt hat auch die palästinensische Jugend gesehen, dass es möglich ist, scharfem Schießen zu trotzen, dass Ghaddafis Kampfflugzeuge dem Aufstand kein Ende gesetzt wird, dass der Perlenplatz in Bahrain sich nicht leert, wenn die Soldaten des Königs das Feuer eröffnen. Diese Lektion wird nicht vergessen werden.

Vielleicht wird dies nicht morgen geschehen oder übermorgen. Aber es wird gewiss geschehen – wenn wir nicht Frieden schließen, solange wir es noch können.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Wir bedanken uns bei
>Uri für die freundliche Überlassung seiner Schriften. Red.DL.

Quelle:
>Uri Avnery

Abgelegt unter Friedenspolitik, Internationales, Nah-Ost | 2 Kommentare »

* Bericht von der linken

Erstellt von Bernd Wittich am 28. Februar 2011

…Programmregionalkonferenz.

Programmregionalkonferenz mit einem Teilnehmer aus Rheinland-Pfalz?  Politische Selbstüberschätzung der Partei DIE LINKE in der Friedensfrage?

„Am Samstag, 12. Februar 2011, fand in Eisenach die Regionalkonferenz der DIE LINKE- Landesverbände Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland zur Programmdebatte statt. Für DIE LINKE. Rheinland-Pfalz nahm ich teil und habe die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst. Während und am Rande der Konferenz wurde deutlich, dass alle mit unserem erfolgreichen Einzug ins Mainzer Landesparlament rechnen, solidarische Grüße kamen u. a. von Bodo Ramelow, Stefan Liebich, Katja Kipping, Gabi Zimmer, Uli Wilken und Knut Korschewski sowie dem Sozialisten und Arbeitssoziologen Klaus Dörre. Ein weiteres Treffen der vier Landesverbände zur Programmdebatte soll vor dem Erfurter Bundesparteitag stattfinden.  … Antragsschluss für das Bundesprogramm ist Ende März. Die Ergebnisse der Debatten von Eisenach werden als Anträge formuliert und eingereicht. …
Harald W. Jürgensonn  13. Februar 2011“

Ist die Landespartei mit ihrer Mitgestaltungskraft am Parteiprogramm mit der Beteiligung von einer Person an ihrem vorläufigen Gipfelpunkt der Mitgliederbeteiligung angekommen?

Harald Jürgensonn nahm an der AG Frieden teil und teilt mit:

„… den Anspruch der LINKEN als einzige Friedenspartei untermauern. Diese Position wurde von allen geteilt…“

Ich habe es in den letzten Monaten oft gehört: „Markenkern“, „Alleinstellungsmerkmale“, „Identitätsmerkmale“ und dann werden der Antifaschismus und DIE LINKE als „DIE Friedenspartei“ genannt.

Ich halte dieses Selbstbild, antifaschistische und Friedenspartei zu sein für gut und für wünschenswert. Das die Praxis komplizierter ist, um diesen Ansprüch in unserem Binnen- und Außenwirken in jeder Situation angemessen gerecht zu werden, wissen wir hoffentlich auch.

Gesellschaftspolitisch und bündnsipolitisch halte ich das Selbstbild und den Anspruch „einzige Friedenspartei“ für grundfalsch.

Wenn diese Aussage zutreffend wäre, dann wäre der Kampf um den Frieden und den Antifaschismus über kurz oder lang verloren! Allein kann DIE LINKE weder die Demokratie bewahren, noch den Frieden. Dieses Selbstbild ist weder realpolitisch richtig, noch für politische Perspektiven und Alternativen eine hilfreiche Handlungsanleitung.

Mit dieser beliebten „Selbststilisierung“ wird gerade der Wesenskern von Antifa- und Friedenspolitik verfehlt, nämlich breit aufgestellt und tief in den Menschenrechten und im Humanismus begründet zu sein. DIE LINKE ist aber mit Blick auf die Verfechtung der Menschenrechte hoffentlich nicht die einzige politische Kraft in Deutschland.

PS: Harald Jürgensonn ist für seine Teilnahme zu danken, besser wäre es gewesen, er hätte trotz Wahlkampf eine kleine „Delegation“ von Interessenten zu den AG-Themenfeldern gewonnen.

Bernd Wittich                                                              Ludwigshafen, 28.02. 2011

Abgelegt unter L. Rheinland-Pfalz, L. Saarland, P. DIE LINKE | Keine Kommentare »

* “Bild” ist keine Macht

Erstellt von DL-Redaktion am 28. Februar 2011

“Wir Sind Helden” sind nun wirklich nicht als Band bekannt, die gerne Werbung macht. Schon gar nicht für Deutschlands Boulevard-Zeitung Nummer eins. Trotzdem klopfte die Werbeagentur Jung von Matt mit der Frage an, ob man nicht bei der aktuellen Werbekampagne für die BILD-Zeitung mitmachen möchte. An dieser Kampagne beteiligen sich unter anderen Promis wie Mario Barth, Franz Beckenbauer oder Phillip Lahm und äußern so ihre Meinung zum Blatt.

Die Antwort von Wir Sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes ist lesenswert. Darin bezeichnet sie die BILD-Zeitung als “gefährliches politisches Instrument” und “bösartiges Wesen”. Diese Briefe sind als “Offene Briefe” ins Netz gestellt worden. Das Antwortschreiben von Holofernes wurde in der Montags-Ausgabe der TAZ als ganzseitiger Werbeauftrag der Bild abgedruckt.

“Offene Briefe”

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind als Werbeagentur mit der aktuellen BILD-​Kampagne betraut, in der wir hochkarätigen Prominenten eine Bühne bieten, ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD mitzuteilen.

Derzeit planen wir die nächste Produktionsphase für Frühjahr 2011. Die neu zu produzierenden TV- und Kinospots sowie Plakat- und Anzeigenmotive sollen die bestehenden Motive von Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, Mario Barth u.v.m. ergänzen.

Für diese Fortführung der Kampagne möchten wir sehr gern “Wir sind Helden” gewinnen.

Das schöne an der Kampagne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spendet in Namen jedes Prominenten 10.0000,- Euro an einen von Ihnen zu bestimmenden Zweck.

Lassen Sie uns gern telefonieren und die Details besprechen. Zur Detailinformation senden wir Ihnen bereits heute anbei einige weiterführende Informationen.

Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.
Herzliche Grüße aus Hamburg,
Jung von Matt/Alster Werbeagentur GmbH

****************************************************

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild - Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever- Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild - Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild - Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,

Judith Holofernes

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Judith Holofernes über die “Bild”-Kampagne

“Die ‘Bild’ ist keine Supermacht”

Das Interview:

Das Medium ist die Botschaft, sagt Judith Holofernes. Sie hat es abgelehnt, für die “Bild”-Zeitung zu werben, und ihre Absage ins Netz gestellt. “Bild” bedankt sich mit einer ganzseitigen Anzeige.

taz: Da wir uns schon lange kennen, duze ich dich. Jetzt ist eure Band-Website zusammengebrochen. Liegt das daran, dass ihr so einen lahmen Server habt oder dass du einen Nerv getroffen hast?

Judith Holofernes: Also unser Server ist garantiert nicht der größte. Aber dass er zusammenbricht, hat mich dann doch überrascht. Und der von BildBlog.de ist auch angeschlagen.

Hast du den Brief schon mit der Absicht geschrieben, den dann auch in die Öffentlichkeit zu stellen, oder war der erst mal nur an die Damen und Herren von Jung von Matt gerichtet?

Das war schon so geschrieben als Antwort in die Öffentlichkeit, um meines eigenen Amüsements und Seelenheils willen. Ich hab über die Jahre so viel Blödheit an mich herangetragen bekommen, dass ich einfach ein ganz tiefes Bedürfnis hatte, nicht immer nur drüberzustehen, sondern auch mal zu reagieren.

Nun könnte man sich vorstellen, dass die Agentur für diese Werbekampagne öfter mal eine Absage kassiert - aber du machst mit deinem offenen Brief aus deiner Absage ja sozusagen eine Kampagne gegen Bild! Hast du eine Mission?

Es hatte in erster Linie was mit Herzenshygiene zu tun. Und ich habe ein starkes Bedürfnis, mich da abzugrenzen, drum wollte ich das öffentlich tun. Auf der anderen Seite habe ich mir schon auch gedacht, dass die Art, wie ich das getan habe, den ein oder anderen amüsieren könnte und vielleicht auch ein bisschen erhellen. Ich glaube, dass viele Leute verärgert und genervt waren von dieser Kampagne, aber gar nicht so genau benennen konnten, was das eigentlich ist, was sie daran so stört.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

IE

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* Wie geht es uns,

Erstellt von DL-Redaktion am 28. Februar 2011

…Herr Küppersbusch?

Heute über den Volks-Adel für jedermann und ein mundgeblasener Gelegenheitsdoktor.

taz: Herr Küppersbusch: Was war schlecht in der vergangenen Woche?

Friedrich Küppersbusch: Nicht mal der Spiegel hat die Bild-Zeitung so richtig lieb.

Bild erfindet nach Volks-Handy, Volks-Bibel und gesundem Volksempfang auch den Volks-Adel. Erste Titelträger gibts schon: “Post von Wagner” und “Recherche von Wegen.

Europa und die USA haben sich endlich zu Sanktionen gegen Libyen durchgerungen, kaufen aber weiterhin dessen Öl und spülen so Geld in die Staatskassen. Sind gute Sanktionen nur solche, die die europäischen Interessen nicht gefährden?

Ich bin keinen Meter weniger Auto gefahren wegen Gaddafi. Vielleicht haut Räuchermännchen Schmidt mal einen autofreien Sonntag aus Menschenrechtsgründen raus - das wäre klasse.

Verteidigungsminister zu Guttenberg hat zwar einen Doktortitel generös zurückgegeben, zurücktreten will er aber nicht, sondern vielmehr “Vorbild für Menschen in meiner Situation” sein. Meint der das ernst?

Nein, dann hätte er den Ministertitel zurückgegeben und um seinen Doktor gekämpft. Mit einer reumütig mundgeblasenen Doktorarbeit wäre er in wenigen Jahren wieder ministrabel und gar Prototyp eines “Wir haben verstanden”-Politikers. Seine tollen Umfragewerte aber sagen nur: Dass er lügt, war schon vorher eingepreist - es hat seine Fans nicht überrascht.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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