Erstellt von Veit-Ulrich H. am 19. Januar 2011
…ein Artikel von meinem Freund
Veit-Ulrich aus dem Schwabenland - /UP.
das ist nicht einfach mit den werten. werte haben viel auch mit rechten zu tun. und die wiederum mit pflichten. nur als objekt unserer anbetung sind werte nichts wert. erst wenn wir sie leben, werden sie lebendig. und schon deswegen muss dein wert nicht auch meiner sein.
als denn der versuch, wirre denk-läufte in geordnete bahnen zu lenken. weniger, um zu überzeugen und viel mehr, um andere meinungen oder anregungen zu fischen. angeregt durch die reaktionen auf „die halbe wahrheit“ im vorhergehenden beitrag.
werte. da gibt’s die materiellen und die ideellen werte. über die materiellen werte will ich eigentlich nicht reden. aber es gehört zum materiellen lebens-wert, dass der mensch über ausreichend wasser und brot verfügt. das trifft, wie wir satt-genährten wissen, auf tausend millionen menschen nicht zu. wenn ich mich g’wampert auf die zu wälze und ihnen aus verrauchter lunge etwas von ideellen werten huste, werden die mich vom hof jagen. erst kommt das fressen, dann kommt die moral.
aber wir können ja mal so tun, als gäbe es keine hungernden und dürstenden. dann begegnen wir ihnen, diesen ideellen werten. die bekanntesten und langlebigsten sind in der tat in den zehn geboten beschrieben. aber taugen sie tatsächlich so viel (und da meine ich jetzt ausdrücklich nicht die sache mit dem ehebruch)? du sollst nicht töten – solange du nicht in einer uniform steckst. auch zweieinhalbtausend jahre nach moses besuch beim chef ist massenmord im namen des herrn ein gefälliger wert. und beider-fronts werden sie von heiligen männern gesegnet, die tod-bringenden kanonen.
du sollst nicht stehlen. wenn du mir meinen leberkäs-wecken aus der vespertüte oder mein navigations-gerät aus der karre mopst, bist du ein böser bube. überfällst du gar mit einer täuschend echten wasserpistole eine bank, dann kriegst du, wenn’s ganz humorlos läuft vor gericht, mehr als ein kinder-schänder. aber was kriegen die maschmeyers und ackermanns, die nichts anderes tun als stehlen? einen doktortitel oder bundes-blembel nagelt ihnen der alte kumpel aus der politik an die hemdsbrust. und im zweifelsfall gibt’s noch ein paar milliarden frisches, für das der bürgers-knecht zur ader gelassen wird.
ganze staaten werden ausgesaugt. erklärt werden die raubzüge gegen hilflose menschen mit unserem wirtschaftssystem. und dieses system steht über dem wort, wonach der mensch nicht stehlen darf. von der geschichte, den nächsten zu lieben wie dich selbst, schweigen wir besser fein stille.
du sollst keinen anderen gott neben dem deinen kennen? ein wert? ich will gar nicht wissen, wieviele verbrechen unter berufung auf dieses gebot begangen wurden. wer einen gott besitzt, der mag sich dran erfreuen. aber er möge mir gestohlen bleiben damit. ich habe keinen und ich will auch keinen.
indes ich ahne: sie schenken uns grosszügig werte, die hohen priester. eben die religionsausübung zum beispiel. ein recht gar haben wir drauf. aber wenn wir wie weiland der superstar die zocker und angesehenen betrüger aus dem tempel jagen wollen, dann kommen sie uns plötzlich mit ganz anderen werten und rechten, die angesichts der komplexität der dinge allerdings nur für sie da oben gelten. der wert der religion für uns da unten reduziert sich damit in der tat auf den wert eines opiats.
meinung. das ist ein schön-grosser wert. das recht auf meinung, gerne auch der meinungs-freiheit gleichgesetzt, ist ein ehernes. aber da gibt’s auch die meinungs-pflicht. nein, nicht die, dir eine meinung zu machen. sondern die pflicht, von einer meinung abzulassen, wenn sie sich nicht in einklang bringen lässt mit den werten, die dir ein system und die herrschende kaste vorschreiben.
ich hol mal erschröcklich aus. den nazis begegnet unser system mit totschweigen und verboten, wo immer es geht. was wir weg-schweigen und in die tiefen verbotener internet-seiten verschieben, das gibt’s dann irgendwann gar nicht mehr. ich bin dagegen. nicht, weil mir die meinung irgendeines dahergelaufenen faschisten nur im geringsten wert besässe. aber mein informationsrecht ist mir was wert. weil ich wissen will, wo der feind sitzt, wie er tickt, welche werte er sich anmasst. nur dann lässt sich widerstand leisten. und widerstand ist ein wert, ein recht und gelegentlich auch eine pflicht.
wobei der widerstand gerne zum klein-leute-wert verteufelt wird. weiter oben im system geht es dann um werte, die sich vor und hinter dem komma ziffern lassen. stuttgart 21 und gorleben lassen schön grüssen. vielleicht war sogar die schlichtung in stuttgart kein wert an sich, sondern nur ein gerissenes manöver, widerstands- und demonstrationsrecht vorübergehend friedenspflichtig auszuhebeln. jedenfalls war mit geisslers wort zur lage der station die stadt so kalt und nass geworden, dass du selbst deinen grössten gegner nicht mehr zum demonstrieren schicken würdest. und weil wir in einer durch und durch visualisierten welt leben, sehen wir seither nichts mehr von des kopfbahnhofs wilden haufen. schon glaubt der mappus, er werde doch noch zum ministerpräsidenten gewählt. in der tat, die gefahr besteht und lässt sich nur verringern, wenn wir uns in die pflicht nehmen und unser wahlrecht ausüben. in der hoffnung, dass das einen wert hat.
die würde des menschen. ganz ohne ironie: der edelste, der schönste wert. aber ein wert, den du nicht erhälst, du musst ihn dir verdienen. wenn du dich des systems anpasst, wenn du an der richtigen stelle das maul hälst, wenn du funktionierst in einer apparatur, die nicht die deine ist, dann wird dir die würde zuteil. und nach 25 jahren im deutschen alpenverein bekommst du die ehrennadel in silber.
ja, das system steht über dem wert menschen-würde. funktionierst du als lakai der umstände, dann wird dich vielleicht sogar professor dr. chefarzt privat und persönlich am zipperlein behandeln. drei stockwerke tiefer schickt ein assistenzarzt einen patienten aus dem vier-bett-zimmer innerhalb nicht mal einer minute in den tod: „wir wollten sie eigentlich am herzen operieren. aber wir haben tumore jetzt nicht nur in der lunge sondern auch in der leber gefunden. da lohnt sich die operation nicht mehr. am besten, sie gehen jetzt nach hause.“ (das ist nicht ausgeburt meiner kranken phantasie. ich hab das so vom nachbar-bett aus erlebt.)
selbst die individuellen werte, die du anderen gar nicht überstülpen willst, sind fragwürdig. mein für mich grösster wert ist die musik. die läuft, noch ehe am morgen die erste zigarette glimmt und der erste kaffee dampft. ich kann mit musik unsinn schreiben und nebenher auf der glotze verfolgen, wie der kostelic die kombination in wengen gewinnt. ohne musik dagegen läuft gar nichts. noch nicht mal die karre vom parkplatz. aber anderswo auf dieser welt könnte ich für den gegenwert der musik-anlage ein kind ein ganzes heranwachsen lang ernähren und zur schule schicken.
versuch einer zusammenfassung: wir leben nicht in einer welt sondern in welten. es sind systeme, die diese welten am rennen halten. und damit das funktioniert, braucht’s pflichten, rechte und werte. damit lässt es sich menschen leiten, führen, unterdrücken. die qualität von pflicht, recht und wert ist unmittelbar abhängig von der qualität des systems. will sagen: wer ein system verändern will, muss neue werte schaffen oder zumindest die vorhandenen werte wiederbeleben. aber woher weiss ich, dass mein system und meine werte die richtigen sind? – und willst du nicht mein bruder sein, so schlag ich dir den schädel ein. kein schöner wert, aber einer, der den menschen auf seinem weg durch die geschichte schon tausendfach länger begleitet als die zehn gebote. und für den wir immer noch keinen besseren gefunden haben. nur an der effizienz des schädel-einschlagens hat sich nachhaltig viel getan.